Becker muss sich dann dafür entschuldigen, dass er nicht erreichbar war. Er darf keinen Kunden verlieren. Jede Woche berichtet er seinem Vorgesetzten, wie sich das Geschäft entwickelt. Stimmen die Zahlen nicht, bekommt er Druck, und sie stimmen nur noch selten. Im Zuge der Wirtschaftskrise war das Leasinggeschäft eingebrochen. Die Bank baute Stellen ab. Ihr Geschäft nahm ab, aber Beckers Belastung zu. Gemeinsam mit einem Kollegen ist er für mehr als tausend Leasingverträge zuständig, jeden Tag schreibt er fünf oder sechs Vertragsangebote. Ein Fehler kann Zehntausende, manchmal sogar Hunderttausende Euro kosten. Carsten Becker macht keine Fehler. Dafür sieht er seine Frau und seine zwei Kinder fast nicht mehr.
Als sein direkter Kollege in der Leasingabteilung für drei Wochen in den Urlaub fährt, muss Becker auch dessen Arbeit übernehmen. Das Pfeifen in seinem Kopf ist wieder da, er kann nicht mehr schlafen. Es gibt Leasingverträge aus dieser Zeit, die seine Unterschrift tragen, obwohl er schwören könnte, sie nie gesehen zu haben: »Ich bin nur noch wie ein Roboter ins Büro gegangen.«
Kurz darauf erleidet der Roboter seinen vierten Hörsturz, ärgert sich über die Unterstellung des Arztes, er sei überlastet, und holt sich schließlich doch eine Überweisung für den Psychotherapeuten.
Carsten Becker geht jetzt nicht mehr ins Büro. Für sechs Wochen ist er in einer Klinik auf dem Land und überlegt, wie er es anstellen soll, künftig gesund zu bleiben.
Man kann sich einen durch Arbeit verursachten psychischen Kollaps wie einen Infarkt vorstellen. Nur dass es nicht das Herz ist, das das geforderte Tempo nicht mehr hält, sondern die Seele. Ebenso wie die Herzleiden haben sich die psychischen Gebrechen zu modernen Volkskrankheiten entwickelt. »In beiden Fällen ist es falsch, nach der einen entscheidenden Ursache zu suchen«, sagt der Psychiater Hans-Peter Unger, Chefarzt der Asklepios Klinik in Hamburg-Harburg. »Es gibt jedoch Risikofaktoren, die eine Erkrankung wahrscheinlicher machen.«
Beim Herzinfarkt sind das: Rauchen, schlechte Ernährung, Bewegungsmangel. Auch beim Burn-out, dieser Erschöpfungsdepression, oder dem Nervenzusammenbruch erhöhen naheliegende Dinge die Gefahr: ein diktatorischer Chef zum Beispiel, intrigante Kollegen oder ein Hang zum Perfektionismus. Phänomene also, die es schon immer gab, die nie verschwinden werden.
Darüber hinaus aber spiegelt die steigende Zahl seelischer Erkrankungen auch Veränderungen in der Arbeitswelt wider, nicht nur in Deutschland, sondern rund um die Welt. »Auch in Frankreich, Amerika und Japan nehmen die psychischen Erkrankungen von Erwerbstätigen zu, genauso wie in den aufstrebenden Wirtschaftsnationen Brasilien und China«, sagt der Düsseldorfer Medizinsoziologe Johannes Siegrist.
So wie die Nadel eines Barometers auf steigenden Luftdruck anspricht, so scheint die Krankenstatistik auf den wachsenden Wettbewerbsdruck zu reagieren.
Kurz vor Weihnachten fährt Michael Kampmann* mit seiner Frau in den Skiurlaub. Ischgl in Tirol, endlich ein paar Tage frei. Kampmann, 60 Jahre alt, studierter Elektroingenieur, ist Vertriebsleiter bei einem norddeutschen Unternehmen für Gebäudetechnik. Ein schlanker, sportlicher Mann, der korrekt und verbindlich auftritt, der sagt, sein Chef soll sich auf ihn verlassen können. Egal, wie er gerade heißt.
Vor zehn Jahren wurde Kampmanns Firma von einem amerikanischen Konzern übernommen und umgebaut. Aus Abteilungen wurden Business Units, aus dem distanzierten Sie ein scheinbar freundschaftliches Du. Neue Manager bezogen ihre Büros, nur um wenig später anderen Führungskräften Platz zu machen, die ihrerseits nicht lange blieben. Der Vertriebsleiter Kampmann war es gewohnt, viel zu arbeiten, aber im Hin und Her der wechselnden Chefs verschwand auch der letzte Unterschied zwischen Werktag und Wochenende.
Eine neue Verkaufsstatistik, ein PowerPoint-Vortrag, ein paar Hundert E-Mails beantworten – früher hatte Kampmann die Arbeit im Büro gelassen, jetzt folgte ihm sein Büro überallhin. »Jeder hier hat eine Vodafone-Karte und einen Laptop, mit dem er auf alle Daten und Programme der Firma zugreifen kann«, sagt Kampmann.
Arbeiten, auch von zu Hause aus: Einst hieß das Telearbeit und galt als besonders menschenfreundlich. Heute zeigt sich, dass Handys und Kleincomputer wie Freizeitzerkleinerer wirken. Sie schaffen noch in den hintersten Ecken des Lebens neuen Platz für die Arbeit. Bis man ihr nicht mehr entkommt. Nicht einmal auf der Skipiste.
Kampmann ist gerade aus dem Lift gestiegen, als sein Handy klingelt. Sein Chef ist dran, es gehe um einen wichtigen Vertrag mit einem Kunden. Der müsse jetzt ausgehandelt werden. Sofort. Damit der Jahresabschluss besser aussieht.
Kampmann entschuldigt sich bei seiner Frau, fährt ins Tal, setzt sich an den Rechner und verbringt dort in den nächsten Tagen Stunde um Stunde. Den Laptop auf dem Schoß, das Handy am Ohr, verhandelt er von seinem Hotelzimmer in Ischgl aus mit einem Geschäftspartner, der, ein paar Hundert Kilometer entfernt, seinerseits im Urlaub in einem Hotelzimmer sitzt. Am 22. Dezember um zehn Uhr abends schließen sie nach weiteren Diskussionen mit Rechtsabteilungen und Vorgesetzten den Vertrag ab. »Das war mein Urlaub«, sagt Kampmann.
Und das ist seine Krankengeschichte: Tinnitus, Hörsturz, Schlafstörungen, Ruhelosigkeit, Burn-out, schließlich Depression. Wann er wieder arbeiten kann, ist unklar.
Auch Michael Kampmann ist jetzt in medizinischer Behandlung. Auch er ist zum Umsatzbringer in einer neuen deutschen Wachstumsbranche geworden: den Burn-out-Kliniken, Seelenhospitälern und Psychosanatorien, den Lazaretten der Arbeitswelt, die seit mehreren Jahren starken Zulauf verzeichnen.
In der Helios-Klinik Bad Grönenbach im Allgäu zum Beispiel gehören leidende Angestellte wie Michael Kampmann inzwischen zur Kernzielgruppe. Inmitten bayerischer Berge, zwischen Kühen und Kirchturm, reden sie hier mit Psychologen, malen Bilder, singen im Chor und versuchen fünf, sechs Wochen lang, die Arbeit aus ihren Köpfen zu vertreiben. »Die meisten, die zu uns kommen, sind hoch qualifiziert, sicher angestellt und materiell gut versorgt«, sagt Jochen von Wahlert, der Ärztliche Direktor. Sie sind Ingenieure, Banker, Ärzte, Manager, Anwälte. Erfolgreiche Leute, die sich auf einmal fragen, warum sie sich das angetan haben: den Druck, den Stress, das entmutigende Gefühl, zu rennen und sich doch keinem Ziel zu nähern. Ja, warum eigentlich? Auf den ersten Blick eine naive Frage. Natürlich kann der Vertriebsleiter Michael Kampmann nicht einfach in Streik treten, wenn sein Chef ihn anruft. Dennoch verbirgt sich hinter dem Einsatz vieler erschöpfter Dauerarbeiter, die irgendwann zusammenbrechen, ein interessantes Phänomen. Sie haben finanziell längst ausgesorgt. Sie besitzen Autos, Häuser, Grundstücke, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Ans Aufhören oder auch nur ans Kürzertreten denken sie trotzdem nicht. Weil es ihnen bei der Arbeit längst nicht mehr ums Geld geht.
Arbeitsgesellschaft. Diesen Begriff verwenden Soziologen, um Länder wie Deutschland in einem Wort zu beschreiben. Es sind Länder, in denen Berufsbezeichnungen auf Grabsteinen und in Todesanzeigen stehen und Menschen, die sich neu kennenlernen, als Erstes nach dem Beruf ihres Gegenübers fragen. Länder also, in denen Arbeit nicht nur Geld bringt, sondern vor allem Status, Ansehen, soziale Anerkennung. In denen Arbeit großes Glück verheißt – bevor sie mitunter ziemlich unglücklich macht.
Noch vor 30, 40 Jahren war das anders. Auch damals war der Beruf ein Ursprung von Erfüllung und Ansehen – aber nicht der einzige. Nach Feierabend saßen Millionen am Stammtisch, trafen ihre Kegelbrüder, Parteifreunde, Sportskameraden oder die Kollegen vom Kirchenvorstand.
Heute aber verlieren Parteien und Gewerkschaften ihre Mitglieder, Kirchen und Sportvereine schrumpfen. Die Quellen, aus denen Menschen Anerkennung schöpfen, trocknen aus. Nur eine wächst und sprudelt: die Arbeit. Nie zuvor gingen in Deutschland so viele Leute einer Erwerbstätigkeit nach wie heute. Wenn aber zum Beispiel eine Abteilungsleiterin nur noch an ihre Arbeit denkt, dann mag das, ökonomisch gesehen, ein karrierefördernder Wettbewerbsvorteil sein. Aus medizinischer Sicht ist es ein Risikofaktor. »Soziale Bindungen wirken wie Protektoren«, sagt der Arzt Jochen von Wahlert. »Die Familie, die Freunde, die Gemeinschaft in einer Kirche, all das erhöht den Schutz vor seelischer Erkrankung.«
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