Nach fünf Minuten kam Evelyn Warner herein. Eine große, schlanke Frau mit blonden Locken. Sie hatte ebenfalls wie ich grüne Augen. Sie trug meistens ein cremefarbenes Oberteil und einen beigefarbenen Rock. So auch an diesem Termin.
„Jake, lange nichts mehr von dir gehört. Als unsere Therapie vor drei Monaten endete, dachte ich eigentlich, du hättest das Trauma überwunden. Aber anscheinend ist dem nicht so. Du hast am Telefon von einem Traum erzählt und von dem Anwalt, zu welchem du gleich hingehen möchtest,
Dr. Snider, nicht wahr? Aber der Reihe nach.
Erzähle mir bitte von Anfang an, was genau geschehen ist.“
Ich berichtete ihr von dem Brief des Erbverwalters und meinem Traum in der darauffolgenden Nacht. Dr. Warner blätterte kurz in ihren Notizen.
„Damals hattest du mir erzählt, dass Miss Kaminsky euch umbringen wollte. Du hattest die Beschreibung unnatürliche Kraft benutzt, mit der sie euch attackierte. Nun hast du in dem Traum eine Variante erlebt, die hätte ebenfalls eintreffen können.“
„Aber das liegt über zwei Jahre zurück“ wandte ich ein.
„Dein Unterbewusstsein vergisst nie, Jake.“
Ich seufzte.
„Der Brief von Dr. Snider hat irgendetwas in dir ausgelöst – eine panische Angst, dass sich alles wiederholen könnte. Aber du weißt, dass dies nicht der Fall sein wird, oder?“
Ich nickte.
„Was wäre das schlimmste, was dir bei dem Termin geschehen könnte? Was wäre dein worst case?“
Nach kurzer Überlegung sagte ich: „Das der Anwalt mir verkündet, dass Omega zurückgekehrt ist.“
Evelyn Warner notierte sich etwas.
„Richtig. Doch die Anführerin des Ordens ist tot. Bereits seit über zwei Jahren, wie du sagtest. Also ist eine Rückkehr des Ordens so gut wie ausgeschlossen. Und warum sollte ein Anwalt sich um solche Belange kümmern?“
„Ich habe mir noch mal den Brief von Leander durchgelesen. Dort stand, Noah und ich hätten die weiße Magie unserer Eltern geerbt.“
Die Therapeutin rückte sich eine Strähne zurecht. „Das wusste er oder vermutet er das nur?“
„Ich weiß es nicht, aus dem Brief geht das nicht hervor.“
„Nun gehen wir mal in eine andere Richtung. Was bewegt der Tod von Mr. Carl in dir?“
„Nichts, glaube ich jedenfalls. Er ist mitschuldig an dem Tod unserer Eltern. Ich empfinde keine Trauer oder so.“
„Gut. Erzähle mir von deinem aktuellen Beziehungsstand.“
Ich berichtete ihr von den Problemen mit Jacob. Geduldig hörte sie mir zu.
„Das wirft deinen Traum in ein anderes Licht. Du hattest geträumt, Noah würde ermordet werden, also, dass er aus deinem Leben verschwindet. Deine Eifersucht auf die Aushilfe – Jacob – hat diesen Traum vermutlich ausgelöst und nicht der Brief des Anwaltes.“
„Also denken Sie nicht, dass es wieder von vorne los geht?“
„Nein, Jake. Du hast einfach Angst davor, deinen Mann zu verlieren. Ich habe ja Noah während deiner Therapie kennengelernt. Meiner Einschätzung nach ist er nicht der Typ der fremdgeht.“
Das beruhigte mich etwas, schließlich sah eine Therapeutin das Wesen hinter einer Person.
Nach einigen beruhigenden Atemübungen verabschiedete ich mich bei ihr. Ich fühlte mich nun stark genug für den Termin mit Dr. Snider.
Noah holte mich am Empfang ab.
„Hat dir der Termin weitergeholfen?“ erkundigte sich Angie, welche ungefähr in unserem Alter sein musste.
Sie hatte dunkelbraunes Haar und trug eine Bob – Frisur.
„Ich denke schon. Jedenfalls bin ich nicht mehr so angespannt“ antwortete ich.
„Das ist schön. Auf Wiedersehen ihr beiden.“
„Bye, Angie“ verabschiedete sich Noah.
„Freut mich, dass es dir besser geht“ sagte mein Mann, nachdem wir in seinen Jeep eingestiegen waren. „Lass´ uns noch etwas zu Mittag essen, bevor wir zum Anwalt fahren.“
Ich willigte ein.
Zehn Minuten vor dem Termin erreichten wir die Kanzlei des Anwaltes. Dr. Galvin Snider, ein dürrer Mann mit ergrautem Haar und Endfünfziger, empfing uns persönlich.
„Schön, dass Sie gekommen sind, Jake. Möchten Sie und Ihre Begleitung ein Glas Wasser?“
Wir verneinten die höfliche Geste.
„Dr. Snider, warum sind wir hier?“ sprach Noah meine Frage direkt aus.
„Nun ja, ich bin – wie Sie wissen – der Erbverwalter von Leander Carl. Er verstarb vor zwei Wochen nach schwerer Krankheit. Ein ruhiger Geselle... Er gab mir einen Brief für Sie, Jake. Er wollte unbedingt, dass Sie ihn lesen, während ich anwesend bin, um eventuelle Fragen nach Leander´s Tod beantworten zu können.“
Seinem Aktenkoffer entnahm Galvin Snider einen Brief und legte ihn vor mir auf den Tisch. Ich betrachtete ihn. Die Rückseite war versiegelt.
„Sicherheit ist uns wichtig“ bemerkte der Anwalt meinen Blick.
Ich sah zu Noah, dieser lächelte und nickte mir entgegen. Langsam öffnete ich den Brief und las ihn.
„Lieber Jake,
schade, dass wir uns in diesem Leben nicht mehr sehen werden. Es tut mir unglaublich leid, was ich dir und deinen Freunden angetan habe. Mir geht es immer schlechter, die medizinische Versorgung im Gefängnis ist nicht die beste.
Ich will dich warnen. Ihr seit in großer Gefahr!
Meine Karten verrieten mir, dass Omega kurz vor der Wiederauferstehung steht. Sie werden euch das Leben zur Hölle machen. Bitte hütet euch! Ihr dürft zudem niemandem vertrauen. Ich hoffe, dass Noah meinen Rat vor zwei Jahren befolgt hat, dann seit ihr nämlich auf die kommende Schlacht vorbereitet. Die Karten sagen ganz klar, dass sie alles von euch abverlangen wird.
Jake, vertraue mir dieses eine Mal. Es ist das letzte Mal, dass ich dir schreiben kann.
Bitte vertraue auf meine Worte. Du weißt, dass die Karten nie lügen.
Lebt wohl.
Gezeichnet C.“
Innerlich verwirrt gab ich den Brief meinem Mann.
Seine Augen weiteten sich, während er die Zeilen las.
„Ich soll wieder die Karten legen? Niemals.“
Ich konnte ihn nur zu gut verstehen. Schließlich wollten wir mit Magie nichts mehr zu tun haben.
„Es war seine ausdrückliche Bitte. Tun Sie es, wenigstens einmal“ bat Dr. Snider.
„Lass´ uns gehen, Jake. Wir sind hier fertig.“
Gemeinsam standen wir auf, ließen den Brief auf dem Tisch des Anwaltes liegen und stiegen in den Wagen.
„Was denkst du darüber?“ fragte ich meinen Mann.
Er überlegte kurz. „Nichts, Jake. Wir haben mit der Sache abgeschlossen.“
Ich bohrte nicht weiter, dachte aber noch eine Weile über den Brief nach.
Während Noah duschte, ging ich ins Arbeitszimmer. Ich öffnete die Kiste vergangener Zeiten. Mein Blick fiel wieder auf die Tarotkarten. Ich wollte sie herausnehmen, erinnerte mich aber an das, was Noah mir einmal sagte.
Die Karten dürfen nur von ihrem Besitzer angefasst werden.
Vor meinen Augen tauchte abermals Miss Kaminsky´s Haus auf. Während Noah und sie kämpften, sammelte ich die Karten des Omega – Ordens auf, um eine Verbindung zu ihr und Mrs. Combe zu beweisen, bei welcher wir mit Linda die gleichen Karten entdeckt hatten.
Ich hatte sie angefasst.
Die Karten des Omega – Ordens.
Das Böse steckt in den Karten, kam es mir in den Sinn.
Ich habe die weiße Magie in mir, ertönte meine innere Stimme.
Nein, du hast schwarze Magie in dir!
Die fremde Stimme überdeckte meine eigene.
„Ich habe nichts mit Magie zu tun“ sagte ich laut, um mich zu beruhigen.
Da irrst du dich aber gewaltig, ertönte es schallend.
Kapitel 7: Die innere Stimme
Ich lief zum Telefon und wählte die Nummer von Evelyn Warner.
„Hallo?“ Angie nahm meinen Anruf entgegen.
„Ich bin´s, Jake. Ich muss dringend Dr. Warner sprechen. Kann ich kommen?“
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