Sie muss lächeln. Früher, als sie jung war, hatte sie viele männliche Kollegen, die meisten in Jeans, tolle Typen waren dabei, von den 68ern geprägt, Individualisten, gierig auf Freiheit und Unabhängigkeit.
Wo sind die geblieben? Ja, wie im Song Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben? Mädchen pflückten sie geschwind... und die Bürokratie hat sie aufgefressen.
Veronika lässt diese Gedanken fallen. In facebook heutzutage legt man seine Worte nicht mehr auf die Goldwaage, die Zeiten, wo Goethe jedes Wort fein säuberlich setzte, die Texte noch im Rhythmus der Versform erschienen, sind vorbei. Ja, auch das war griechisch-römische Kultur. Wie Homer seine Verse in der Ilias und der Odyssee formulierte: Nenne mir Muse den Mann, den weitgereisten ... Odysseus war gemeint. Der segelte auch durchs Mittelmeer, wie dieser Christian.
Schluss jetzt, sie zwingt sich zur Konzentration auf ihre Unterrichtsvorbereitung.
3.
Schon wieder diese schwarzhaarige Frau. Schreibt, dass sie Streuner gut findet und
… du führst ein wundervolles Leben.
Er fühlt sich geschmeichelt. Ja, so findet er facebook gut, darum macht er sich die Arbeit, Texte und Fotos ins Netz zu stellen. Hier zu Hause geht das schnell, dsl-mäßig. Auch so ein neumodisches, dummes Wort, denkt er. Eigentlich ungenau formuliert.
In Spanien und auf Sardinien hatte er sich in die jeweiligen wlan-Netze eingeloggt. Entweder waren sie ungesichert, dann kam er über seine Spezialantenne in die Netze von Restaurants und Marinas, oder sie waren passwortgesichert, dann trank er im Restaurant mit dem stärksten Netz ein Bier, holte sein Smartphone aus der Tasche und erbat das Codewort. Von Bord seiner Nirwana aus ging er dann mit dem Laptop ins Netz. Doch die Verbindungen waren zum Teil erbärmlich langsam gewesen, das Hochladen der Fotos eine Geduldsprobe.
Ob er wirklich so ein wundervolles Leben führte, wie sie es sich vorstellte, weiß er selbst nicht.
Nach seiner Scheidung und dem Ende seines Arbeitslebens hatte er sich zwar einen alten Traum erfüllt, doch das Singledasein und das Einhandsegeln ist nicht immer nur ein Vergnügen. Manchmal lag er tagelang einsam in irgendeiner Bucht, die ihn vor den nördlichen Winden und der daraus resultierenden Welle schützte und hatte mit niemanden Kontakt. Da kam ihm das Arbeiten an seinen Reiseberichten gerade recht.
Christian bearbeitete ein doppeltes Reiseberichtsprogramm. Für facebook schrieb er kurze, prägnante Texte über seine Reise, über Städte, Landschaften, historische und kulturelle Epochen, über amüsante oder aufregende persönliche Erlebnisse,
über bemerkenswerte Veranstaltungen, die er besuchte. Solche Schilderungen, oder waren es Reportagen mit Fotos, stellte er bei facebook ins Netz. Irgendeiner seiner vielen Freunde, die ja eigentlich nur Bekannte sind und auch das nicht immer, reagierte schon mit > gefällt mir < oder auch einem kleinen Kommentar. Das erzeugt das Feeling, nicht allein zu, vernetzt zu sein, wie man heute sagt.
Er hatte seine Seite auch für alle facebook-Nutzer freigegeben, so dass alle ihn anklicken und seine Seite öffnen, sich seine Fotos ansehen und seine Texte lesen konnten.
Persönliches hatte er eigentlich nicht angegeben, nur sein Geburtsdatum und den Begriff Single . Für alle Fälle.
Für sich selbst bearbeitete Christian noch ein anderes Programm > Fotostory for windows <. Dieses Programm veränderte seine Fotoreihen mit digitalen Zoom- und Schwenkeffekten zu videoähnlichen Berichten, die er dann mit gesprochenen Kommentaren versah und zum Schluss mit der passenden Musik unterlegte.
Video wird generiert , sagte zum Schluss das Programm und ein rund einstündiger Videofilm war auf der Festplatte. Eine Erinnerung für alle Zeiten und ein von ihm immer wieder gern gezeigtes Arbeitsergebnis.
Ja, er kommunizierte gerne mit Menschen. Menschen waren seine Leidenschaft. Wichtig, hatte einmal ein Bekannter zu ihm gesagt, sind die vier großen M's. „Man muss Menschen mögen!“
Und man muss Antworten geben.
Auch Veronika sollte ihre Antwort bekommen.
Christian schreibt ihr einen netten Brief -eigentlich das falsche Wort, aber es ist doch ein Brief, eine in Worte gefasste Mitteilung an Menschen- ,erzählt von seinem Reiseziel, der Umrundung des Mittelmeeres, dass er im nächsten Jahr über Elba und Italiens Westküste nach Süden segeln will, durch die Straße von Messina ins Ionische Meer und dann nach Norden durch die Straße von Otranto in die Adria.
Überwintern wolle er dann in Kroatien, schreibt er Veronika.
Kroatien, da denkt er an Tauchurlaube mit seinem Schlauchboot. An tolle Sommerwochen auch noch mit seiner Familie. An die verträumten Buchten, die vielen FKK-Strände, die er dort in den 80er Jahren zum ersten Mal kennengelernt hatte. An fanatische FKK'ler, er muss heute noch lachen, wenn er daran denkt, wie die abends, wenn die Sonne untergegangen war, ein T-Shirt überzogen, später dann darüber einen Pullover, wenn es sein musste auch noch einen Parka , aber niemals eine Hose.
Ihm hatte dieses Nacktbaden und Nacktsonnen schon gefallen, als bekennender Saunagänger hatte er da auch keine Probleme, aber wenn er ein T-Shirt anzog, dann auch eine Badehose, und wenn Pullover, dann auch eine Jeans.
Das alles schreibt er dieser unbekannten Frau natürlich nicht, nur, dass er Kroatien toll finde und dann noch nette Grüße an sie und dass er sich freue, dass sie an seinem Leben solchen Anteil nähme.
4.
Veronika kommt wieder einmal spät aus der Schule.
Mein Gott, denkt sie, was waren das noch für Zeiten, als um zehn nach eins der Unterricht endete. Natürlich hatte man dann kein frei, aber der Druck war weg. Erst mal was essen, dann eine Kanne Kaffee, auch schon mal ein Mittagsschläfchen. Irgendwann am Tage die notwendige Schreibtischarbeit. Stunden für den nächsten Tag vorbereiten, Unterrichtseinheiten projektieren, Klassenarbeiten und Tests korrigieren und benoten. So zwischen zwei und drei Stunden, also ungefähr zwölf Schreibtischstunden pro Unterrichtswoche. Das konnte man, wenn es eng wurde, auch alles an einem Arbeitssonntag erledigen. Aber das war hart und der Qualität diente es auch nicht.
Aber mal einen ganzen Mittag nichts tun, zu Freundinnen fahren, in die Sauna gehen, nach Kleinklottenburg ins Städtchen oder nach Köln in die Großstadt, das konnte man sich als Lehrer schon mal erlauben.
Heute hat sie dreimal pro Woche Unterricht bis viertel vor vier. Wenn sie dann um halb fünf zu Hause ist, ist sie so platt wie jeder Arbeitnehmer nach acht Arbeitsstunden.
Ja, ich bin ein Arbeitnehmer, eine Angestellte beim Staat, offiziell Landesbeamtin, aber ein freier Lehrer wie vor 30 Jahren bin ich nicht mehr, denkt sie.
Die Bezahlung ist nicht schlecht, aber Karriere, wie man das heute sogar bei den Kassiererinnen bei Aldi nennt?
Sie wurde 1982 als Realschullehrerin mit A 13 eingestellt und aller Voraussicht nach wird sie mit derselben Gehaltsstufe in rund zehn Jahren in Pension gehen. Eine tolle Karriere!
Sie verscheucht diese negativen Gedanken. Quatsch! Sie ist gesund und ihr geht es gut.
Sie hat etliche Männer in ihrem Leben kennen gelernt, mit dreien war sie über längere Zeiträume liiert.
Mit dem ersten dieser drei, Erwin, war sie sogar zusammen gezogen. Heirat war für beide kein Thema, schwanger wurde sie nicht, obwohl sie nachlässig verhüteten. Der
Zauber des Anfangs, den Hermann Hesse zitiert, hatte sich verflogen, sie hatten sich nach vier Jahren wieder getrennt.
Später waren noch Dieter und Maik ihre Lebensabschnittspartner geworden, doch ihre Wohnung hatte sie nie mehr aufgegeben, wenn sie auch manchmal wochenlang verwaist war.
Seit 2002 lebt sie als Single, braucht ab und zu einen Flirt, auch mal einen One-Night-Stand.
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