»Wir spielen › Ich habe noch nie ‹«, erklärte Moira, als Irving den Tisch erreichte und den einzigen verfügbaren Platz direkt gegenüber von Andrew nahm.
»Ja, okay …«, murmelte er. Doch zugleich wurde seine Stimmung direkt noch schlechter. Er hasste diese Trinkspiele und dieses besonders.
»Ich habe noch nie …«, setzte Moira an und sah jeden in der Runde nacheinander an, wobei ein freches Grinsen ihre glänzenden Lippen umspielte. »… einen Dreier mitgemacht.«
Auch Irving blickte sich am überfüllten Tisch um und fragte sich, ob einer von ihnen darauf anbeißen und zugeben würde, dass er so etwas bereits getan hatte. Von Mortimer wusste er, dass er es faustdick hinter den Ohren hatte und ging davon aus, dass zumindest er darauf bejahend reagieren und einen Schluck von seinem Glas nehmen würde – und wenn nicht, zumindest erklärte, es bereits getan zu haben. Doch zu seinem grenzenlosen Erstaunen hielt sich Mortimer diesmal zurück.
Es entstand eine längere Pause …
… und dann war es plötzlich Moira, die ihr Glas anhob und mit einem breiten Grinsen einen langsamen Schluck nahm.
»Moira!«, rief Serena überrascht aus. »Wann ist das gewesen?«
»Letztes Jahr«, griente sie. »Während ich in Australien unterwegs war.«
»Zwei Jungs oder ein Typ und ein Mädchen?«, mischte sich Mortimer direkt ein und schaute sie, neugierig auf ihre Antwort, mit einem frechen Grinsen an.
»Wenn du darüber mehr wissen willst, dann versuch‘ es doch herauszufinden«, neckte sie ihn zurück und lachte.
Augenblick entwickelte Irving ein Kopfkino, das ihn nicht loslassen wollte: Moira, die sich zwischen zwei muskulösen Typen befand, stöhnte und heftig nach Luft schnappte.
»Okay! … Jetzt bin ich dran!«, verkündete Andrew lachend.
Irving begann sich sofort unwohl zu fühlen, als sich dessen dunklen Augen auf ihn richteten.
»Ich habe noch nie …«, setzte Andrew an, ohne seinen Blick von ihm zu lassen, »Sex gehabt!«
Fick dich, Andrew! , dachte er und spürte, wie ihm schlecht wurde. Wenn ich es nicht zugebe und so tue, als würde ich ruhig einen Schluck von meinem Bier nehmen, wird er zweifellos Einzelheiten wissen wollen, und ich muss ihm irgendeine halbwegs glaubhafte dumme Lüge erzählen … Aber wenn ich mein Bier unberührt lasse, wird jeder am Tisch definitiv wissen, dass ich noch eine Jungfrau bin.
Als alle in der Runde ihre Blicke auf ihn richten, spürte er die aufsteigende Hitze an seinen Wangen. Er wollte etwas erwidern, doch da sprang ihm bereits Moira hilfreich zu Seite und rettete ihn.
»Ach, komm‘ schon!«, lachte sie. »Das ist eine so langweilige Frage, Andrew … Das Spiel ist eh Scheiße … Ich habe da was Besseres!«
»Was denn?«, fragte er und hob, sichtlich genervt, weil er sich eine Antwort von Irving erwartet hatte, eine Augenbraue.
»Ihr wisst ja, nächste Woche ist Halloween und ich mache eine Fete, nicht wahr?«, erwiderte sie. »Wie wär’s, wenn wir eine Runde Flaschendrehen spielen, bei der es darum geht, dass immer je zwei von uns die Kostüme für die Party für den jeweils anderen aussuchen?«
Kaum hatte sie das vorgeschlagen, brachen alle in ein aufgeregtes Lachen aus, während sich Irving direkt etwas entspannte – denn das von Moira vorgeschlagene Spiel schien um einiges harmloser zu sein als das aktuelle.
»Ich mache gleich mal den Anfang«, bestimmte sie forsch. Dabei nahm sie sich eine der leeren Bierflaschen vom Tisch, legte sie bäuchlings und drehte sie schwungvoll.
Gebannt starrten alle die Flasche an und warteten ab, auf wen sie am Ende zeigen würde, während Moira ihr noch einmal etwas Schwung versetzte.
»Hey, das ist nicht fair! Du manipulierst ja!«, lachte Mortimer.
Moira zuckte grinsend die Achseln, drehte die Flasche direkt noch einmal herzhaft und hörte erst auf, als der Flaschenhals auf Irving zeigte. Kichernd klatschte sie vor Aufregung in die Hände und strahlte ihn mit ihren funkelnden blauen Augen an. »Oh, mein Gott! Ich weiß schon ganz genau, welches Kostüm ich für dich auswählen werde, Irving!«
»Wie bitte?!«, entfuhr es ihm, in der stillen Hoffnung, dass das Kostüm nicht zu peinlich ausfallen würde. »Was?!«
»Was? … Das wirst du nächste Woche herausfinden«, neckte sie ihn.
Als die anderen mit dem Flaschendrehen anfingen, um sich ihre Partner auszusuchen, verspürte Irving eine seltsame Erregung. Normalerweise hasste er derartige Kostüm- oder Motto-Partys, weil er sich gern möglichst unauffällig verhielt. Aber dieses Mal fühlte es sich für ihn irgendwie anders an. Das lag daran, dass es ihn begeisterte, für Moiras Kostüm verantwortlich zu sein – sie zu verkleiden. Aber obendrein freute er sich darauf, mehr Zeit mit ihr zu verbringen – auch wenn es vielleicht nicht allzu lang war, so doch zumindest einmal ohne die Gruppe …

Kapitel 2
I
n dieser Nacht fiel es Irving schwer zur Ruhe zu kommen. Die Vorstellung, Moira ganz nach seiner Laune anzuziehen, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er lag sogar mit seinem Laptop im Bett und suchte online nach allen möglichen kreativen Ideen. Dabei wechselte seine Wahl von einem › Zombie Schoolgirl ‹ über › Batgirl ‹ zu einer › Verrückten Hutmacherin ‹ und wieder zurück.
Der Gedanke daran, dass Moira noch viel besser in all den Kostümen der hübschen Models aussehen würde, erregte ihn.
Immerhin hatte sie eine Killerfigur, und er wusste, dass er etwas wahrhaftig Ungewöhnliches finden musste, um ihr das zu zeigen. Nach einer Weile hatte er das Gefühl, das richtige für sie ausgewählt zu haben: einen verführerischen, erotischen › Batgirl ‹-Overall mit Cape, Maske und Overknee-Stiefeln. Es kostete ihn zwar eine Menge, aber er hatte keine Zeit mehr, um noch nach etwas anderem zu suchen, wenn das Kostüm rechtzeitig zur Party eintreffen sollte. Deshalb war ihm der Preis ausnahmsweise einmal völlig egal. Er konnte es einfach nicht abwarten, ihren perfekten Hintern und ihre süßen Brüste zu sehen und wie sie durch den hautengen schwarzen Stoff des Catsuits zur Geltung kamen.
Aber er wollte auch keinen Fehlkauf riskieren. Also beschloss er bis zum Morgen mit der Bestellung zu warten und sie mit einer SMS zuvor um Angabe ihrer Konfektionsgröße zu bitten.
Als er seinen Laptop endlich zuklappte und sich schlafen legte, begannen sich seine Gedanken um das Thema Mädchen- versus Jungenkleidung zu drehen. Es ist schon verrückt, wie unterschiedlich sie ist , ging es ihm durch den Kopf. Die Mädchen scheinen den ganzen Spaß zu haben, ihre süßen Körper in aufregende, erotische, knappe Outfits zu zeigen und sich zur Schau zu stellen, während wir nur darauf hoffen können, nicht allzu albern auszusehen.
Das letzte, was ihm noch in den Sinn kam, ehe er sich in Morpheus‘ Arme fallen ließ, war die Frage, was Moira sich wohl für ihn ausdenken würde. Sie kam ihm so zielstrebig und sicher vor, als sie ihn in seinem Kopfkino über den Tisch hinweg mit ihrem hübschen Gesicht anlächelte und verkündete: »Oh, mein Gott, ich weiß genau, welches Kostüm ich für dich auswählen werde, Irving!« Was, zum Teufel, könnte es sein …?

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