Sie gingen weiter. Vor ihnen tauchte ein zerborstenes Deckenfenster auf, dann das Innere der Bibliothek. Weiter unten flackerte Licht – ein kleines Feuer. Bob beugte sich vor. Ihm bot sich der wohl verblüffendste Anblick seit Ausbruch des Sturms, ja, seines ganzen Lebens. Auf dem Marmorboden des Stockwerks unter ihnen kauerten ungefähr zwanzig Kinder. Bei ihnen stand eine junge Frau. Sie waren alle total verschmutzt. Mit Büchern hatten sie ein Feuer entfacht, auf dem sie etwas kochten.
»Hey!«, rief Bob.
Schlagartig erstarb das Stimmengewirr. Alle Gesichter starrten nach oben. »Daddy!«, schrie eine piepsige Stimme. Mit einem Mal liefen alle Kinder auf die Leiter zu, die ihre Höhle mit der Außenwelt verband.
»Kinder!«, bellte die junge Frau. »Zurück!«
Sie blieben abrupt stehen. Dieses Mädchen hatte ihnen doch tatsächlich Gehorsam wie bei der Armee beigebracht.
»In Reih und Glied aufstellen!«, befahl sie. »Und zurück in den Lesesaal!«
»Im Lesesaal ist es doch so kalt, Schwester«, wimmerte ein Kind.
»Kein Widerspruch!«
Inzwischen war Bob unten angekommen. Die junge Frau näherte sich ihm zögernd. Ihre Augen wirkten in dem düsteren Licht riesig, ihr Gesicht war eingefallen, um ihre linke Hand hatte sie Lumpen gewickelt.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie.
»Wir können Ihnen helfen«, erwiderte Bob sanft und zog sie behutsam an sich.
Sie brach in Tränen aus.
Als die Kinder sahen, dass ihre Lehrerin sich umarmen ließ, kamen sie langsam auf ihn zu. Es waren insgesamt 19, die ganze vierte Klasse der Saints Peter and Paul Elementary School in Far Rockaway. Sie hatten eine Klassenfahrt nach Manhattan unternommen, um etwas über Bibliotheken zu erfahren. Als der Schneesturm immer heftiger wurde und der Bus einfach nicht kam, hatte sie in der Schule angerufen. Man hatte sie aufgefordert zu warten; der Fahrer hätte gemeldet, er sei noch unterwegs.
Der Bus kam nicht mehr. Die Bibliothek leerte sich, bald waren sie dort ganz allein. Die Telefone fielen aus. Der Strom fiel aus. So ging sie mit den Kindern ins Restaurant auf der anderen Straßenseite und wartete dort. Dann funktionierte auch die Gasheizung nicht mehr. Als es zu kalt geworden war, hatte sie beschlossen, mit den Kindern in die Bibliothek zurückzukehren, wo sie wenigstens mit den Büchern heizen konnten.
Die junge Frau war Schwester Rita O’Connor und gehörte dem Orden Sisters of Divine Providence an. Seit Beginn des Sturms hatte keines ihrer Kinder seine Eltern erreichen können. Sie waren erschöpft und verängstigt, hatten Heimweh und froren entsetzlich. Eines der Kinder hatte eine Lungenentzündung, zwei hatten Frostbeulen, die Hand der Schwester war erfroren und, wie sie befürchtete, brandig.
Bill untersuchte sie sogleich. Nun, eine Gangrän war es nicht, aber schlimm sah es trotzdem aus.
Danach gaben sie ihre Entdeckung ans Basislager durch. Allem Anschein waren in New York doch nicht alle tot. Die anderen Teams meldeten ebenfalls, dass sie hier und dort Schlupflöcher gefunden hatten.
Die Einsatzzentrale in Quantico bestimmte, dass die Flüchtlinge, die als »überlebensfähig, aber auf medizinische Hilfe angewiesen« eingestuft wurden, zur Sheep Meadow transportiert werden sollten. Dort würde eine C-130 im Anschluss an einen ähnlichen Einsatz in Washington noch vor sechs Uhr eine Palette mit Zelten und drei Tagesrationen Lebensmitteln für 50 Personen abwerfen. Morgen sollten für die Arktis geeignete Schneeanzüge abgeworfen werden.
Für Schwester Rita und die vierte Klasse der Saints Peter and Paul endete so der letzte Schulausflug. Weinend ging sie neben Bob her. Die Hoffnung auf Hilfe hatte sie bereits aufgegeben. Was geschehen war, hatte sie noch nicht begriffen. Sie hatte die ganze Zeit geglaubt, der Blizzard sei auf New York beschränkt gewesen. Als sie erfuhr, wie viele Teile der Welt ebenfalls davon betroffen waren, blieb sie lange stumm.
Die Kinder verhielten sich außerordentlich diszipliniert. Alle halfen sich gegenseitig und auch Schwester Rita so gut sie konnten.
Bei ihrer Rückkehr ins Lager senkte sich Dunkelheit über die Stadt. Weil Manhattan ohne Licht war, konnte man alle Sterne sehen. Der Mond war eine Scheibe aus reinstem Silber, als er sich anschickte, der Sonne in den noch orangefarben leuchtenden Westen zu folgen.
Mary hatte ein Zelt aufgebaut, ein Wasserkessel dampfte, und die Luft roch nach Essen. Wiener Würstchen, dachte Bob. Die Kinder konnten es nach dem langen Hungern kaum noch erwarten. Endlich gab es wieder etwas Warmes.
Als sie das einzige bereitgestellte Zelt betraten, gab es eine Überraschung. Es war bereits mit 30 Leuten gefüllt und drohte aus allen Nähten zu platzen. Die Luft darin war so schlecht, dass Bob Brechreiz davon bekam. Irgendwie schaffte er es, ihn zu unterdrücken.
Es waren Leute aus allen Gesellschaftsschichten – Einheimische oder Besucher wie Rita und ihre Klasse, die vom Sturm Überrascht worden waren, Menschen, die in der U-Bahn Zuflucht gefunden hatten oder in irgendwelchen Gebäuden, wo es zufällig etwas Verheizbares oder irgendwelche Vorräte gegeben hatte.
Die meisten waren am Verhungern. Alle hatten Frostbeulen und Probleme mit dem Atmen. Einige würden bald sterben.
Doch jeder Einzelne strahlte etwas aus, das Bob nur aus Büchern kannte, aber noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte: die Würde und die Entschlossenheit eines Menschen, der etwas Schreckliches überlebt hat. Selbst die Kinder zeigten eine sanfte, beharrliche Stärke und Einfühlungsvermögen für all die anderen um sie herum.
An ihnen erkannte Bob, was tatsächlich in einem Menschen steckt – etwas, das es ihm ermöglicht, schreckliche Ereignisse zu überleben. Es war das Gleiche, das Schwester Rita die Kraft gegeben hatte, 19 Kinder auf einer Reise durch die Hölle am Leben zu erhalten, und das in den anderen sämtliche Reserven mobilisiert hatte. Die verkrümmten Rücken, die fahlen Gesichter, die weit geöffneten Augen – in jedem Einzelnen von ihnen konnte er einen unbändigen Lebenswillen erkennen.
Über ihnen gab es plötzlich ein Donnern, ein Flugzeugmotor, der nun gedrosselt wurde. Alle drängten ins Freie hinaus.
Die Nacht hatte eine brutale Kälte gebracht. Das Thermometer zeigte inzwischen minus 68 Grad an. Bei solchen Temperaturen hielten sich keine Schadstoffe mehr in der Luft. Die Sterne schienen regelrecht zu singen, so hell und klar standen sie am Himmel. Und es waren so viele.
Plötzlich fing Michael an laut zu rufen und zu gestikulieren. In den Hochhäusern rings um den Central Park wurden jetzt hinter allen möglichen Fenstern auf einmal Kerzen angezündet. Leute hatten das Flugzeug gehört. Sie hatten die Zelte und die Lichter gesehen und gaben ein Lebenszeichen.
Es waren so viele Kerzen, dass man meinen konnte, die Sterne wären heruntergestiegen. Kein Laut war zu hören, aber die Botschaft der Kerzen konnte jeder verstehen.
Wir sind da, sagten sie, und wir sind viele, mehr als ihr für möglich gehalten hättet, viel mehr.
Wir sind immer noch da.
Mit ihrem Geschick als Redakteurin hat Anne Strieber wesentlich zum Gelingen dieses Buches beigetragen. Ihre Fachkenntnisse, ihre skeptischen, prüfenden Fragen waren in der langen Zeit der Recherche und des Schreibens eine ungemein wertvolle Hilfe. Danken möchten wir außerdem Werner Reifling von Paperchase Press, der von Anfang an von unserem Projekt überzeugt war und uns ermutigt hat, es weiterzuverfolgen; unserer Agentin Sandra Martin, die es mit ihrem Weitblick über die engen Grenzen unserer Vorstellungskraft hinaustrug; und schließlich Mitchell Ivers, unserem Herausgeber bei Pocket Books, dessen Begeisterungsfähigkeit und Glaube an die Bedeutung unserer Botschaft uns immer wieder angespornt haben.