»Ein Mißgeschick«, sagte Arnie, und dabei hielt er sie auf den Boden gedrückt und atmete ihr ins Gesicht.
Am unteren Rand des Ofens erschienen Augen; etwas lugte zu ihnen herein, während sie sich gemeinsam in der Dunkelheit bewegten - sah ihnen zu. Es hatte Leim, Schere und Zeitschrift zur Seite gelegt, alles fallen gelassen, um ihnen zuzusehen und sich daran zu erfreuen und jeden einzelnen Stoß, mit dem sie sich gegeneinander rammten, auszukosten.
»Hau ab!« keuchte sie. Aber es haute nicht ab. »Weiter«, sagte sie dann, und es lachte sie an. Es lachte und lachte, während sie und das Gewicht auf ihr weitermachten. Sie konnten einfach nicht aufhören.
Kwatsch mich weiter, sagte sie. Kwatsch kwatsch kwatsch mich, steck deinen Kwatsch in mich rein, in meinen Kwatsch, du Kwatscher. Kwatsch kwatsch, ich liebe Kwatsch! Hör nicht auf. Kwatsch, kwatsch kwatsch kwatsch, kwatsch!
*
Als Jack Bohlen mit dem Hubschrauber der Yee Company den Landeplatz der Public School direkt unter sich anflog, schaute er kurz zu Manfred und fragte sich, was dem Jungen wohl durch den Kopf ging. In Gedanken versunken starrte Manfred Steiner reglos nach draußen, sein Gesicht zu einer Grimasse verzogen, die Jack abstieß und von der er schleunigst den Blick abwandte.
Wieso hatte er sich überhaupt auf den Jungen eingelassen? fragte er sich. Doreen hatte recht; er steckte bis zum Hals mit drin, und seine eigene unterschwellige Veranlagung zur Schizophrenie wurde durch die Gegenwart des Jungen an seiner Seite wieder zum Leben erweckt. Aber er wußte nicht, wie er aus der Sache herauskommen sollte; irgendwie war es dafür zu spät, als wäre die Zeit kollabiert und hätte ihn hier für alle Ewigkeit in einer Symbiose mit diesem unglückseligen, stummen Geschöpf vereint, das nichts weiter tat, als wieder und wieder seine private Welt zu durchstöbern und zu überprüfen.
Er hatte sich Manfreds Weltsicht in mancher Hinsicht zu eigen gemacht, und offenbar führte das dazu, daß seine eigene kaum merklich zerfiel.
Heute abend, dachte er. Bis heute abend muß ich noch durchhalten: Irgendwie muß ich es schaffen, bis ich mich mit Arnie Kott treffe. Dann kann ich alles zum Teufel schicken und in mein eigenes Reich, meine eigene Welt zurückkehren; dann brauche ich Manfred Steiner nicht mehr zu sehen.
Arnie, um Himmels willen, rette mich, dachte er.
»Da wären wir«, sagte er, als der Hubschrauber mit einem Ruck auf dem Dachlandeplatz aufsetzte. Er stellte den Motor ab.
Sofort schob sich Manfred zur Tür, ganz versessen darauf, auszusteigen.
Der Laden hier interessiert dich also, dachte Jack. Möchte wissen, warum. Er richtete sich auf und entriegelte die Hubschraubertür; Manfred hopste hinaus aufs Dach und sauste zur Rampe, fast so, als wüßte er den Weg auswendig.
Als Jack aus dem Schiff stieg, verschwand der Junge gerade aus seinem Blickfeld. Ganz allein war er die Rampe hinuntergeeilt und in die Schule geflitzt.
Doreen Anderton und Arnie Kott, sagte sich Jack. Die beiden Menschen, die mir am meisten bedeuten, die Freunde, zu denen ich den engsten Kontakt habe, die mir im Leben am vertrautesten sind. Und doch ist es dem Jungen gelungen, sich zwischen uns zu drängen; er hat meine Bindungen dort aufgebrochen, wo sie am stärksten sind.
Was bleibt mir noch? fragte er sich. Wenn ich erst von ihnen getrennt bin, folgt der Rest - mein Sohn, meine Frau, mein Vater, Mr. Yee - fast automatisch, zwangsläufig.
Ich weiß, was auf mich zukommt, wenn ich mich weiter Schritt für Schritt an diesen total psychotischen Jungen verliere. Jetzt begreife ich, was eine Psychose ist: hochgradige Wahrnehmungsstörung von Objekten der Außenwelt, besonders den Objekten, die wirklich zählen: warmherzigen Menschen. Und was tritt an ihre Stelle? Entsetzliche Befangenheit - im endlosen Auf und Ab des Selbst. Veränderungen im Innern, die sich nur auf das Innenleben auswirken. Eine Spaltung in zwei Welten, Innenwelt und Außenwelt, so daß keine der beiden die andere mehr zur Kenntnis nimmt. Beide bestehen weiter, gehen aber getrennte Wege.
Es ist ein Innehalten der Zeit. Das Ende der Erfahrung und alles Neuen. Wenn eine Person psychotisch wird, erlebt sie nie wieder etwas.
Und ich, wurde ihm klar, stehe auf der Kippe. Vielleicht war es ja schon immer so; es steckte von Anfang an in mir drin. Aber mit diesem Jungen als Führer habe ich einen langen Weg zurückgelegt. Oder vielmehr, durch ihn bin ich einen langen Weg gegangen.
Ein geronnenes Selbst, starr und unermeßlich, das alles andere auslöscht und das ganze Feld beherrscht. Die geringste Veränderung wird mit größtem Interesse geprüft. In diesem Stadium befand Manfred sich jetzt; er hatte sich schon immer darin befunden. Im letzten Stadium der Schizophrenie.
»Manfred, warte«, rief er und folgte dem Jungen langsam die Rampe hinab ins Gebäude der Public School.
*
Silvia Bohlen saß in June Henessys Küche, trank Kaffee und legte ihr die allerneuesten Probleme dar.
»Das Schreckliche an ihnen ist«, sagte sie und meinte damit Erna Steiner und die Steiner-Kinder, »daß sie, sagen wir's freiweg, vulgär sind. Man sollte ja nicht darüber sprechen, aber ich hatte gezwungenermaßen so oft mit ihnen zu tun, daß ich's einfach nicht länger hinnehmen kann; jeden Tag erhalte ich Kostproben davon.«
June Henessy, in weißen Shorts und mit knappem Oberteil, schlenderte barfuß im Haus hierhin und dorthin und begoß aus einer Glaskaraffe die verschiedenen Zimmerpflanzen. »Das ist wirklich ein seltsamer Junge. Er ist der schlimmste von allen, stimmt's?«
Fröstelnd sagte Silvia: »Und er ist den ganzen Tag bei uns. Jack arbeitet mit ihm, weißt du, er will aus ihm ein Mitglied der menschlichen Rasse machen. Ich finde ja, sie sollten solche Mißgeburten und Schwachköpfe einfach ausmerzen; auf lange Sicht ist es doch mörderisch, sie am Leben zu erhalten; das ist ihnen und uns gegenüber falsche Barmherzigkeit. Der Junge muß sein Leben lang gepflegt werden; er wird nie aus der Anstalt herauskommen.«
June kehrte mit der leeren Karaffe in die Küche zurück und sagte: »Ich muß dir unbedingt erzählen, was Tony gestern gemacht hat.« Tony war ihr derzeitiger Liebhaber; die Affäre dauerte jetzt schon sechs Monate, und sie hielt die anderen Damen, besonders Silvia, auf dem laufenden. »Wir waren neulich im Genf II essen, einem französischen Restaurant, das er kennt; wir hatten Escargots bestellt - du weißt schon, Schnecken. Die werden im Gehäuse serviert, und man puhlt sie mit einer gräßlich aussehenden Gabel heraus, die Zinken hat -einen Meter lang. Natürlich ist das alles Schwarzmarktessen; wußtest du das? Daß es Restaurants gibt, die nur Delikatessen vom Schwarzmarkt servieren? Ich nicht, bis Tony mich dorthin mitgenommen hat. Den Namen darf ich dir natürlich nicht sagen.«
»Schnecken«, sagte Silvia voller Abscheu und stellte sich die vielen herrlichen Gerichte vor, die sie bestellt hätte, wenn sie einen Liebhaber hätte, der mit ihr essen gegangen wäre.
Wie es wohl wäre, eine Affäre zu haben? Schwierig, aber sicher lohnend, wenn sie es vor ihrem Mann verheimlichen konnte. Das Problem war natürlich David. Und nun arbeitete Jack auch noch die meiste Zeit des Tages zu Hause, und außerdem war ihr Schwiegervater zu Besuch. Und sie könnte ihn, ihren Liebhaber, nie zu sich nach Hause einladen, wegen Erna Steiner von nebenan; die große, aufgedunsene Matrone würde sehen, verstehen und aus preußischem Pflichtgefühl heraus wahrscheinlich sofort Jack informieren. Aber gehörte ein gewisses Risiko nicht dazu? Gab das der Sache nicht erst die richtige -Würze?
»Was würde dein Mann tun, wenn er es herausfände?« fragte sie June. »Dich in Stücke reißen? Jack täte das.«
June sagte: »Mike hat selbst schon einige Liebschaften gehabt, seit wir verheiratet sind. Er wäre stinksauer, und vielleicht würde er mir ein blaues Auge verpassen und auf eine Woche oder so mit einer seiner Freundinnen abhauen und mir natürlich die Kinder aufbürden. Aber er würde drüber hinwegkommen.«
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