»Da wir nun schon einmal ein Rendezvous miteinander haben, sollten wir da nicht besser zum Du übergehen? Ich heiße Halver. Meine Freunde nennen mich Hal.«
»Warum diese Scharade … Hal?«
»Aus einer Reihe von Gründen. Erstens wissen die Lunarier über Avalon Bescheid. Es war nicht zu verhindern, aber es wirft einige schwerwiegende politische Probleme auf. Wenn jemand von Constance Forbins Leuten mit Sandoval Kontakt aufnimmt, könnten die Lunarier dahinterkommen und ihre Schlüsse daraus ziehen. In diesem Fall lägen sie damit ganz richtig.
Zweitens habe ich die Aufgabe deshalb übernommen, weil wir Erzrivalen sind. Er ist ein arroganter Bastard, und wenn sich jemand anders an ihn wenden würde, könnte es leicht sein, dass er ihm die kalte Schulter zeigt. Du kannst dich darauf verlassen, mich wird er nicht abblitzen lassen. Du bist meine Rückversicherung. Sandoval hat einen gewissen Ruf als Frauenheld. Er wird gerne bereit sein, sich anzuhören, was auch immer ihm eine hübsche Señorita erzählen mag. Er wird nicht unbedingt einverstanden sein, aber er wird dir zuhören.«
»Nun, jedenfalls danke für das Kompliment, Hal!«
»De nada.«
Es dauerte noch zehn Minuten, bis sie das Sandstein-Reihenhaus erreicht hatten, in dem die Party stattfand. Smith nahm Barbaras Arm und geleitete sie nach innen. Sie betraten einen Lift und wurden zum obersten Stockwerk befördert. Der Partylärm schlug ihnen entgegen, sobald sich die Aufzugtüren geöffnet hatten. Smith zuckte merklich zusammen, als sie in die Vorhalle hinaustraten, wo ihnen eine dichtgedrängte Menge von Nachtschwärmern den Weg versperrte. Sie bahnten sich einen Weg durch das Menschengewirr, wobei sie darauf achteten, niemanden anzurempeln und keine Drinks zu verschütten. Nachdem sie ein paar davon nur knapp verfehlt hatten, erreichten sie die offene Tür des Penthouses hoch über Manhattan.
»Wen seh ich denn da? Halver! Also, Sie hätte ich ja als Allerletzten auf einer meiner Partys erwartet!«
Er lächelte und streckte eine Hand aus. »Hallo, Elspeth. Danke für die Einladung.«
»Ist mir ein Vergnügen!«, säuselte die Gastgeberin. »Und wer ist das?«
»Darf ich Ihnen Miss Barbara Martinez vorstellen? Barbara, Elspeth Edwards, die gesuchteste Gastgeberin auf zwei Kontinenten.«
»Hallo, Barbara«, sagte Elspeth, indem sie sich vorbeugte und ihren Gast auf die Wange küsste. »Wie haben Sie es bloß geschafft, diesen Einsiedler hierherzubringen? Ich lade ihn schon seit Jahren zu meinen Partys ein.«
»Eine Frage der Überredungskunst«, antwortete Barbara.
»Das kann ich mir vorstellen. Halver, haben Sie abgenommen?«
»Ein wenig«, sagte er grinsend. »Mein Arzt hat mich auf eine Spezialdiät gesetzt.«
»Sie sehen auch gut aus. Kennen Sie unseren Ehrengast?«
»Sandoval?«, fragte er. »Wir sind uns bisher noch nicht begegnet. Aber natürlich kenne ich ihn.«
»Klar, Sie sind doch beide in derselben Branche, nicht wahr?«
»Kann man so sagen. Seine Gesellschaft ist dabei, einen Asteroiden in eine Erdumlaufbahn zu bringen, um dem Felsen Konkurrenz zu machen.«
»Rieche ich da nicht den Braten? Sie sind nicht zufällig hier, um Carlos zu treffen?«
»Warum sollte ich?«
»Spielen Sie doch nicht den Spröden. Ich glaube, jemand, der wüsste, dass Sie beide heute Abend hier sind, hätte morgen auf dem Aktienmarkt gute Chancen. Das heißt, wenn er einen Hinweis bekäme, in welche Richtung es mit den Kursen geht.«
Er zuckte mit den Achseln. »Wenn ich den Aktienmarkt verstehen würde, brauchte ich nicht so viel Zeit an meinem Schreibtisch zu verbringen.«
»Wie steht es mit Ihnen, Barbara? Haben Sie ein wenig Mitleid mit einer alten Frau?«
»Wenn Sie etwas herausbringen, Elspeth, dann hoffe ich, dass Sie es mir verraten.«
»Ich sehe schon, dass ich hier nicht weiterkomme. Geht los und amüsiert euch, ihr beiden. Rechts findet ihr die Bar, die Toiletten sind geradeaus durch die Diele. Sandoval ist im Salon, wenn es Sie auch kaum interessieren dürfte.«
Smith nahm Barbaras Arm und führte sie zur Bar. Sie bestellten Drinks und beobachteten, wie der Barkeeper ihre Bestellungen tatsächlich von Hand mixte, auf die altmodische Art. Während sie warteten, wandte Smith seine Aufmerksamkeit einer kleinen Gruppe von Leuten zu, die in der Nähe standen. Ein Mann tat sich dadurch hervor, dass er lautstark verkündete, was seiner Meinung nach mit dem Kometen getan werden sollte. Seit Wochen schon gab es auf Cocktailpartys kaum ein anderes Gesprächsthema.
»Ich finde«, rief der rotgesichtige Mann, »es ist schon ein starkes Stück, dass die Techniker ein Komma übersehen haben, als sie die Sprengung versucht haben. Das Letzte, was wir wollen, ist, diesen verdammten Meteor zu bewegen.«
»Wissen Sie mehr als wir?«, fragte ein anderer Mann. »Oder haben Sie etwa noch nichts davon gehört, dass er mit der Erde zusammenstoßen wird?«
Der rotgesichtige Mann antwortete mit einem verächtlichen Schnauben. »Ich habe mit einer Reihe von Wissenschaftlern gesprochen, die mir gesagt haben, dass es physikalisch unmöglich ist. Schließlich hat ja auch der Halley’sche Komet nie die Erde getroffen, und bedenken Sie doch, wie oft er schon wiedergekommen ist!«
Barbara wollte etwas dazu sagen, doch Smiths Hand auf ihrem Arm hielt sie zurück. Sie entspannte sich und hörte weiter zu.
»Aber warum sollte man uns belügen?«, fragte eine der Frauen in der Nähe des Sprechers.
»Ja, warum wohl? Wer steckt dahinter?«
»Der Systemrat natürlich.«
»Sie sagen es. Wer hat ihn denn zum Erretter der Welt gemacht? Diese Masche ist so alt wie die Politik. Zuerst versetzt man die Leute wegen irgendwas in Panik, dann erscheint in letzter Minute ein weißer Ritter, der die Rettung bringt. Anschließend kann der weiße Ritter tun und lassen, was immer er möchte.«
»Es können nicht alle Wissenschaftler Betrüger sein«, beharrte die Frau.
»Ich bezweifle, dass es mehr als eine Hand voll sind«, erwiderte der Mann. »Mehr sind gar nicht nötig. Gucken Wissenschaftler eigentlich nicht mehr durch ihre Teleskope? Zum Teufel, nein! Sie bekommen ihre Daten vorgekaut aus dem Observatoriumscomputer. Dort liegt die Kontrolle. Genau das haben eine Reihe von Leuten vor meinem Komitee bezeugt.«
Durch diese Bemerkung auf die richtige Spur gebracht, erkannte Barbara endlich den Sprecher. Er war einer der prominenteren nordamerikanischen Abgeordneten, ein Mann mit einem Hang dazu, sein Gesicht vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Plötzlich war sie froh, dass Smith sie davor bewahrt hatte, in die Kontroverse hineingezogen zu werden.
»Aber was soll’s«, fuhr der Mann fort. »Gehen wir mal davon aus, dass es mit dieser Angelegenheit durchaus seine Richtigkeit hat. Dann wollen wir trotzdem nicht, dass alle Welt an diesem verdammten Kometen herumpfuscht.«
»Warum nicht?«
»Weil der verfluchte Eisbrocken – wenn die Wissenschaftler Recht behalten – kommenden Juli in den Indischen Ozean fallen wird. Bis zum Indischen Ozean ist es weit. Sie wollen doch wohl nicht im Ernst behaupten, dass ein Eisklumpen, der auf der anderen Seite der Erde runterplumpst, Nordamerika irgendetwas anhaben kann, oder? Oh, wir werden vielleicht ein paar kalte Winter und eine Zeit lang bedeckten Himmel haben, aber es ist doch nicht so, als ob er aus Eisen wäre.
Aber was ist, wenn die Eierköpfe ihn aus der Umlaufbahn zu schubsen versuchen? Dann wird er irgendwo anders als bei Indien runterkommen. Ich bleibe dabei, dass er uns überhaupt nicht treffen wird, aber falls doch, wäre es dann nicht eher das Problem der Inder als unseres?«
Der Barkeeper stellte ihre Drinks auf die Theke. Smith reichte einen von ihnen Barbara und bugsierte sie in den nächsten Raum. Als sie außer Hörweite von den Debattierenden waren, flüsterte sie: »Das meint er doch bestimmt nicht im Ernst!«
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