»Der Geheimdienst hat weitere Nachforschungen angestellt. Offenbar haben wir Agenten im Hauptsitz von SierraCorp. Sie melden, dass Smith drei Tage vor seinem Treffen mit der Koordinatorin eine codierte Nachricht erhalten hat. Die Nachricht stammte von Bord dieses Schiffes.«
»Thomas?«
Malvan nickte.
»Das ist unmöglich. Er hätte mir doch etwas davon gesagt.«
»Sie wollen sagen, dass er das nicht getan hat?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nicht ein Wort.«
»Der Premierminister möchte, dass wir herausfinden, was vor sich geht.«
Amber hatte ihren Kopf auf Thorpes Brust gelegt. Sie wurde ein wenig von einem elastischen Schlafgurt behindert. Auch wenn die Poeten bei diesem Thema ins Schwärmen gerieten, hatte die Liebe in der Schwerelosigkeit doch ihre unbequemen Seiten, von denen die Tendenz des Paares, bei unbedachten Bewegungen auseinanderzuschweben, nicht die geringste war. Im Laufe der Jahre waren eine Reihe von Vorrichtungen entwickelt worden, um bei diesem Problem Abhilfe zu schaffen. Der Schlafgurt war eine der besten.
»Woran denkst du?«, fragte Amber nach langem Schweigen. Sie erschauerte, als Thorpes Finger ihre Rückenkuhle hinunterfuhr.
»Ich habe daran gedacht, dass wir heiraten sollten. Zeit, dass wir mit dem Kapitän sprechen.«
»Finde ich auch.«
Nachdem sie mit der Ablenkung von Donnerschlag gescheitert waren, hatte fast eine Woche lang keiner von ihnen die Heirat mehr erwähnt. Dann hatten sie nur noch beiläufig darüber gesprochen. Die ganze letzte Woche über hatte Amber überhaupt nichts mehr gesagt, weil sie gespürt hatte, dass Tom etwas bedrückte. Nach ihrem Gespräch mit Malvan wusste sie, dass sie sich nicht getäuscht hatte.
»Wie wär’s mit morgen?«
»Dass wir mit dem Kapitän sprechen?«
»Teufel, nein! Wir führen die Zeremonie durch.«
Sie hob den Kopf und starrte ihn an. »Meinst du das im Ernst?«
»Warum nicht? Wir knüpfen das Band nach dem Mittagessen in der Messe.«
»Wir sollten erst mit Kapitän Olafson sprechen. Vielleicht hat sie schon etwas anderes vor.«
Thorpe lachte. Sie hatte ihn schon allzu lange nicht mehr lachen gehört. »Ich habe gewisse Zweifel, dass ihr Terminkalender für die nächsten zehn Wochen besonders voll ist.«
»Wir sollten sie aber trotzdem vorher fragen.«
»Gut. Wir reden gleich am Morgen mit ihr.«
»Einverstanden.« Amber zögerte, dann sagte sie: »Thomas?«
»Hm?«
»Verheimlichst du mir irgendwas?«
So wie sie sich in seine Arme gekuschelt hatte, glaubte Amber plötzlich zu spüren, wie sich sein Körper versteifte.
»Was meinst du damit?«
»John Malvan sagt, auf der Erde gehen seltsame Dinge vor. Er wollte wissen, ob ich irgendetwas darüber weiß.«
»Was für Dinge?«
Amber berichtete, was ihr Malvan über die neue Arbeitsgruppe auf Newton und die Gerüchte über den Abflug der Goliath und der Gargantua von Donnerschlag gesagt hatte. »Malvan glaubt, dass du hinter all dem steckst«, schloss sie.
»Wie, zum Teufel, soll ich denn damit zu tun haben?«, fragte Thorpe. »Ich bin immer noch eine halbe Milliarde Kilometer vom Ort des Geschehens weg.«
»Er glaubt, du hättest eine Nachricht geschickt, die alles in Gang gebracht hat. Wir haben nachgesehen, und im Logbuch des Funkers steht nichts davon, aber das will natürlich nicht viel heißen.«
»Warum glaubt er das?«
Sie berichtete ihm von den lunarischen Agenten im Hauptsitz der Sierra Corporation.
»Das werde ich dem Boss weitergeben müssen.«
»Wechsle nicht das Thema. Hast du eine solche Nachricht geschickt?«
Thorpe seufzte und setzte sich auf, worauf sie ihre Füße gegen das Schott stemmen musste, um nicht wegzutreiben. Sie griff nach dem Schlafgurt und drehte sich neben ihm in eine sitzende Position.
»Hast du?«, drängte sie.
Thorpe nickte langsam. »Angeklagt und für schuldig befunden, Euer Ehren.«
»Was hast du denn bloß gesagt, um sie in eine solche Aufregung zu versetzen?«
»Ich habe herausgefunden, wie man den Kometen aufhalten kann.«
Sie schnappte heftig nach Luft und zog die Hände an ihre Brust. »Das ist ja wundervoll! Wie fangen wir es an?«
Thorpe erzählte ihr von seinem langen Arbeitstag und wie er zuletzt darauf gekommen war, Avalon in die Flugbahn des Kometen zu lenken, um diesen abzubremsen.
Sie sah ihn an wie eine Lehrerin ihren ein wenig zurückgebliebenen Schüler. Es war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte.
»Was stimmt denn nicht?«
»Mein armer Liebling, weißt du denn nicht, dass wir das längst erwogen haben? Nicht mit Avalon natürlich, aber wir haben die Möglichkeit, einen kleineren Himmelskörper auf Donnerschlag aufprallen zu lassen, ziemlich gründlich durchdacht. In der Nähe seiner Flugbahn befindet sich nichts, was groß genug wäre. Wie groß ist dieser Avalon eigentlich?«
Thorpe sagte es ihr.
Sie dachte einen Moment lang konzentriert nach, dann schüttelte sie den Kopf. »Es klappt nicht! Nicht annähernd genug Masse.«
Er zögerte eine lange Weile, unfähig dazu, ihrem Blick zu begegnen. »Genau genommen«, sagte er schließlich, »schließt mein Plan zwei Kollisionen ein. Der Zusammenstoß mit Avalon bereitet lediglich den zweiten Aufprall vor.«
»Erzähl mir nicht, du hast zwei Asteroiden entdeckt, die du dem Kometen in den Weg werfen kannst!«
»Nein, keine zwei Asteroiden.«
»Was dann?«
»Weißt du noch, wie wir herausgefunden haben, dass Donnerschlag die Erde treffen würde?«
»Eher würde ich meine erste Liebesnacht vergessen«, erwiderte sie. »Ich werde immer noch rot, wenn ich daran denke, welchen Narren ich aus mir gemacht habe. Zuerst erzähle ich dir, dass ein Zusammenstoß so unmöglich ist wie ein Schneeball in der Hölle, und dann rechne ich aus, dass er direkt auf die Erde knallen wird.«
»Zuerst nicht«, erinnerte er sie. »Deine erste Berechnung ergab, dass der Kern nah herankommen, die Erde aber verfehlen würde.«
»Das war, weil ich ein unvollständiges Gravitationsmodell benutzt hatte. In dem, das ich hatte, fehlte …« Entsetzen trat in Ambers Gesicht, als ihr Verstand ihren Mund überholte. »Nein, es muss eine andere Möglichkeit geben!«
»Ich wünschte, es gäbe eine«, sagte Thorpe, die angestaute Erregung in einem Schwall herauslassend. »Avalon wird Donnerschlag nicht genügend verlangsamen, um die Erde aus der Schussbahn zu bringen. Aber es wird Luna ermöglichen, azwischenzutreten. Wenn Donnerschlag mit Avalon kollidiert, wird er achtzig Tage später auf dem Mond einschlagen. Luna wird ihn abrupt aufhalten …«
»Und vernichtet werden!«
30
Der Kopernikus-Krater beherrschte die Panoramawand im Konferenzraum des Premierministers. Das Bild, vom niedrigen Orbit aus schiefem Winkel aufgenommen, gab die terrassenförmigen Wände des Kraters und die gewaltigen Bergspitzen in der Mitte in scharfem Relief wieder. Dem Süden zu markierte eine dünne Linie den Verlauf der mondumspannenden Einschienenbahn. Rund um die Bergspitzen herum, am Ende einer der Spurschienen der Einschienenbahn, waren mehrere winzige Kuppeln verstreut. Die Kuppeln gaben die Lage der Eisminen an, die Kopernikus für die Ökonomie der Republik so wichtig gemacht hatten.
Rund um den Konferenztisch saßen ein Dutzend der einflussreichsten Männer und Frauen Lunas. Auch wenn viele von ihnen der Nationalpartei angehörten, handelte es sich doch keineswegs um eine Versammlung der Nationalisten. Pierre Robles, John Hobarts Vorgänger im Amt des Premierministers, war als Vertreter der Konservativen anwesend, ebenso die Führer der beiden kleineren Parteien. Vervollständigt wurde die Versammlung durch Niels Grayson vom Farside-Observatorium und Albert Portero von der Universität.
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