Sie erreichten das Landefeld, zehn Minuten nachdem sie den Großen Verteiler verlassen hatten. Thorpe ließ Byrant und Allison Nalley Wache stehen, während der Rest die Anzüge anlegte. Dann wartete er mit Barnard zusammen im Korridor, während die beiden Techniker in ihre Anzüge schlüpften. Die ganze Prozedur dauerte eine Viertelstunde, während der es zu keinen Zwischenfällen kam. Sobald sie alle ihre Anzüge angelegt hatten, machten sie die Oberflächenschleuse ausfindig und begaben sich nacheinander ins Vakuum hinaus.
Das Landefeld erinnerte Thorpe an den Schrottplatz, wenn man davon absah, dass die in mehreren Reihen säuberlich geordneten Schiffe neu waren. Es waren allesamt MoonJumper – echte Raumfahrzeuge gehörten nicht dazu – von der Größe einsitziger Modelle bis zu achtsitzigen Bussen. Der Mangel an größeren Maschinen war ein weiterer Hinweis auf die Gründlichkeit, mit der die Mondregierung die leistungsfähigeren Hüpfer in Orbitalfähren umgebaut hatte.
Eine rasche Überprüfung der nächsten Hüpfer ergab, dass jeder über volle Brennstofftanks und für mehrere Flüge ausreichende Antimaterieladungen verfügte. Sie wählten eine der größeren Maschinen aus, und Byrant machte sich daran, die Sperrmechanismen des Armaturenbretts zu umgehen. Thorpe beobachtete ihn bei der Arbeit; als das Licht in der Kabine anging, blickte der junge Techniker auf und grinste.
»Das habe ich in meiner vergeudeten Jugend gelernt«, erklärte er.
»Erinnern Sie mich daran, dass ich Ihrem Bewährungshelfer ein Anerkennungsschreiben schicke.«
»Fertig zum Start«, sagte Byrant und schlüpfte auf den Pilotensitz. »Holen wir sie an Bord.«
Thorpe befahl alle in den Hüpfer. Er und Amber nahmen das dritte Paar Sitze und schnallten sich an. Als Thorpe durch die Kugelkabine des Hüpfers zur Schleuse hinübersah, entdeckte er zu seiner Überraschung drei Köpfe, die sich vor dem Licht abhoben, das durch das Schleusenfenster strömte. Wer immer sie waren, sie schienen zufrieden damit, hinauszusehen und ihre Nasen gegen das Panzerglas zu drücken.
Der Hüpfer hob ab und flog, stark krängend, Richtung Osten davon. Wie bei jedem ballistischen Flug zwischen zwei festen Punkten arbeiteten die Triebwerke nur einige Sekunden, bevor sie wieder verstummten; dann stiegen sie antriebslos weiter auf. Es dauerte zwanzig Minuten, bis sie den Scheitelpunkt ihrer Bahn erreicht hatten, dann begann der Abstieg. Der Hüpfer fiel bis einen halben Kilometer über dem Mare Tranquillitatis, bis seine Triebwerke wieder ansprangen.
Sie setzten einhundert Meter vom beschädigten Frachter entfernt auf, der seinerseits nah der Südkante von dem geodätischen Gerüst des Denkmals lag. Nachdem sie die Sicherheit der Anzüge eilig überprüft hatten, stiegen sie aus und gingen zu dem Schiff hinüber, das ihre Rettung sein sollte.
Der Frachter war die Neaptide , stellte Thorpe fest, als er die Außenleiter hochkletterte. Er betrat die Notschleuse auf halber Höhe der voluminösen Kugel und wartete, bis ihn Amber und Barnard erreicht hatten, ehe er den Schalter betätigte. Der auptschleusenmechanismus war ausgefallen, deshalb schaltete er auf den Notstromkreis um. Der Schaden an den Schleusenkontrollen kümmerte ihn wenig. Sie würden sich sogar mit größeren Schäden im Innern abfinden, solange die Triebwerke einsatzfähig waren. Thorpe interessierte allein, ob das Schiff abheben konnte und genug Treibstoff enthielt, um es bis in den Orbit zu schaffen. Es wieder zu landen war nicht das Problem.
Als sich die Schleuse mit Luft gefüllt hatte und die Innentür aufschwang, blickten sie auf ein Schlachtfeld. Es sah aus, als habe eine Massenschlägerei stattgefunden. Als Thorpe seinen Helm abgenommen hatte, nahm er in der abgestandenen Luft den Geruch nach verbrannter Isolation sowie andere, weniger leicht identifizierbare Gerüche wahr. Sie kletterten die Leiter zum Kontrollraum hinauf. Der Schaden dort war erheblich. Jedes Instrument schien zertrümmert zu sein. Glasscherben bedeckten das stählerne Deck und knirschten unter ihren Füßen. An einigen Stellen des Decks und auf den Schotten waren dunkle Flecken zu sehen, von denen Thorpe vermutete, dass es sich dabei um Blut handelte.
»Was für ein Durcheinander«, sagte Amber neben ihm.
»Hier ist nichts mehr zu retten«, sagte er mit einem Blick auf die Verwüstung. »Kein Wunder, dass das Schiff total abgeschrieben wurde. Als die Leute nicht die Kontrolle übernehmen konnten, müssen sie hier ihren Frustrationen Luft gemacht haben.«
»Heißt das, dass wir es nicht brauchen können?«
Er zuckte mit den Achseln. »Wir könnten es vom Maschinenraum aus fliegen, falls er noch intakt ist. Du weißt ja, dass wir nur den Orbit erreichen müssen.«
»Dann sehen wir uns mal die Triebwerke an.«
Sie lagen vier Decks tiefer und waren über eine lange Leiter zu erreichen, die sich über die ganze Länge des Schiffs erstreckte. Auch hier entdeckten sie Hinweise darauf, dass ein verzweifelter Kampf um die Kontrolle über das Schiff stattgefunden hatte, ein Kampf, bei dem es nur Verlierer gegeben hatte. Wie auch immer, die Schäden in den Durchgängen waren nicht annähernd so groß wie im Kontrollraum.
Der Maschinenraum war unbehelligt geblieben. Seine glänzenden Armaturen sahen so sauber aus, als wären sie eben geputzt worden. Der Schiffsingenieur, erkannte Thorpe, musste den Tumult gehört und sich vor dem Eintreffen des Mobs eingeschlossen haben.
Thorpe sprang die letzten drei Meter auf das Deck hinunter und untersuchte die Triebwerkskontrollen. Die Instrumente einzuschalten war die Arbeit weniger Sekunden. Er brauchte jedoch nur eine einzige Sekunde, um festzustellen, dass all ihre Mühe umsonst gewesen war.
»Scheiße!«
»Was ist los?«
»Die Abschirmung ist abgeschaltet. Wir haben keine Antimaterie mehr an Bord. Nicht mal ein Mikrogramm.«
»Vielleicht können wir irgendwo welche bekommen.«
»Wo?«, fragte er. »Außerdem, wenn sie die Ringkernspule abgeschaltet haben, kannst du darauf wetten, dass sie auch die Reaktionsmassetanks entleert haben.«
Er schaltete rasch die Anzeigen ein, die den Treibstoffvorrat des Schiffes anzeigten, und war nicht überrascht, als die Anzeige für die Reaktionsmasse auf null stehenblieb. Die Tanks waren so trocken wie die Mondebene ringsum. Zweifellos hatte längst irgendein anderes Schiff den Treibstoff und die Reaktionsmasse der Neaptide für die Evakuierung gebraucht.
»Das wär’s dann. Kehren wir nach Luna City zurück.«
»Vielleicht können wir irgendwo neue Reaktionsmasse bekommen, Thomas.«
»Ja, schon«, sagte er. »Doch selbst wenn es uns gelänge, bräuchten wir einen Tanker, um sie hierher zu schaffen. Wenn wir einen Tanker hätten, könnten wir natürlich gleich damit in den Orbit fliegen und diesen Kahn hier vergessen.«
Es war eine iedergeschlagene Gruppe, die in den Hüpfer kletterte und sich Richtung Westen auf den Weg nach Luna City machte. Ihr Kurs über Grund war der gleiche wie beim Hinflug, auch wenn sich ihr Ziel geändert hatte. Nachdem er die Gesichter im Schleusenfenster gesehen hatte, hatte Thorpe vorgeschlagen, nicht wieder zu dem Landefeld zurückzukehren. Stattdessen würden sie in der Nähe des Schrottplatzes aufsetzen und über sicheres Gebiet in ihr Hotel zurückkehren.
Während der Hüpfer seiner niedrigen ballistischen Flugbahn Richtung Luna City folgte, blickte Thorpe auf die größte Mare-Landschaft Lunas hinunter. Die Vorstellung fiel ihm schwer, dass dieses unveränderliche Naturwunder bald so zerschmettert werden würde, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen sein würde. Wieder hatte er einen morbiden Einfall. Wenn sie es nicht rechtzeitig schaffen sollten zu fliehen, dann würde es sich wohl lohnen, mit einem MoonJumper aufzusteigen, kurz bevor Donnerschlag auf Farside einschlug. Auf diese Weise würden sie ein paar Sekunden lang die Zerstörung des Mondes mitansehen können, ehe sie das Inferno erreichte und verschlang. Er verdrängte den Gedanken gewaltsam. Aus solchen Gedanken entstand Defätismus, und dafür war es noch viel zu früh.
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