»Also gut«, sagte Amber. »Wir bauen das Zelt auf und bringen die schlimmsten Fälle in den Schatten. Du gehst vor und siehst, ob du Hilfe holen kannst. Zumindest kannst du ein paar von Verns Leihanzügen mit zurückbringen. Sie sind alt und schmutzig, aber sie haben bessere Klimaaggregate als diese hier.«
Thorpe grinste im Innern seines Helms. »Da hätte ich selbst draufkommen müssen. Ich werde wohl allmählich müde.«
»Wir sind alle müde«, erwiderte Amber. »Wen willst du mitnehmen?«
»Niemanden. Wenn sie ohnmächtig werden, machen sie mich nur langsamer. Alleine schaffe ich’s schneller.«
»Nimm wenigstens einen Wagen und eine der Sauerstoffflaschen mit, für den Fall, dass es bei dir eng wird.«
»Ohne komme ich doppelt so schnell voran. Bis später.«
Er wünschte, er hätte ihr einen Kuss geben können, begnügte sich stattdessen aber mit einer zärtlichen Umarmung. Dann wandte er sich ab und machte sich auf den Weg zum Turm der Einschienenbahn. Er bewegte sich mit raumgreifenden Sprüngen vorwärts, sich der Gefahr des Stürzens bewusst, doch viel zu sehr in Angst, dass es zu spät sein könnte, wenn er sein Tempo verlangsamte.
Einmal, auf der Highschool, hatte er an einem Marathon teilgenommen. Er hatte dabei gemeint zu sterben. Die gegenwärtigen Strapazen riefen ihm dieses frühere Erlebnis ins Gedächtnis zurück. Während er über das lunare Ödland vorwärtssprang, begannen seine Muskeln von Ermüdungsgiften zu schmerzen, und er schnappte keuchend nach Luft. Der Herzschlag pochte donnernd in seinen Schläfen. Die Luft, die der Anzug auf seinen Nacken blies, erschien ihm nicht länger als kühl. Während er weitertrabte, begann die Temperatur in seinem Anzug anzusteigen. Er sehnte sich nach dem tiefen Frost der Eisebenen Donnerschlags zurück.
Noch einen Kilometer vom Ziel entfernt, entdeckte er im Augenwinkel einen schwachen Lichtschimmer. Als er in diese Richtung blickte, sah er die zwölf Kabinen der Einschienenbahn lautlos die gegenüberliegende Böschung der Senke hinunterfahren. Die Kette der Bierdosen verlangsamte und fuhr in die Station ein. Er wartete nicht länger, um mehr zu beobachten, sondern verdoppelte seine Anstrengungen und stürmte mit Riesensätzen über die felsige Landschaft. Sein Kopf wurde mit jeder Minute, die verstrich, leichter, und ihm wurde klar, dass seine Kräfte nicht mehr lange reichen würden.
Endlich gelangte Thorpe auf die Kuppe einer kleinen Erhebung und sah hundert Meter vor sich die Bahn auf ihrer einzigen dünnen Schiene liegen. Er konnte das flexible Druckrohr erkennen, das an der vorderen Luftschleuse der Bahn befestigt war, und eine Anzahl von Gestalten in Raumanzügen, die davor herumliefen.
Er rief einmal, dann fühlte er seine Beine unter sich nachgeben. Den Aufprall spürte er nicht, als er zu Boden stürzte. Stattdessen nahm er als Nächstes wahr, dass sich jemand über ihn beugte und durch sein Visier spähte.
»Mr. Thorpe, nicht wahr?«, fragte Vern Hadley, der Eigentümer der kleinen Siedlung.
Thorpe nickte.
»Wo sind die anderen?«
»Fünf Kilometer weiter draußen. Sie mussten vor der Hitze Zuflucht suchen. Ich bin gekommen, um bessere Anzüge für sie zu holen.«
Hadleys Antwort war unerwartet. Er lachte.
Das Dröhnen in Thorpes Kopf wollte nicht aufhören. »Was ist denn so lustig?«
»Tut mir leid«, antwortete der raubeinige Unternehmer aus dem Niemandsland. »Ich hätte es Ihnen früher sagen sollen. Die Bahn hat Anweisung von Luna City, auf Ihre Gruppe zu warten. Sie haben auch einen kleinen Traktor mitgebracht. Wir wollten gerade aufbrechen und Sie suchen.«
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NACHRICHTENMELDUNG:
UNIVERSAL FAX, LUNA CITY, REPUBLIK LUNA – 7. Juli 2087
(Zur Verbreitung in AUSL, CHN, NORAM, SOAM, VREU, LUNA, XTERR)
DIE EVAKUIERUNG DES MONDES GEHT HEUTE IN IHRE ZWANZIGSTE WOCHE. DAS UNTERNEHMEN, IN DESSEN VERLAUF BISLANG 9,7 MILLIONEN MENSCHEN UMGESIEDELT WURDEN, SOLLTE URSPRÜNGLICH BIS ZUM ERSTEN JULI ABGESCHLOSSEN SEIN. AUS DEM LUNAPARLA-MENT VERLAUTET, DIE VERZÖGERUNG SEI AUF EINE ANFÄNGLICHE KNAPPHEIT AN FÄHRSCHIF-FEN SOWIE EIN GEWISSES DURCHEINANDER ZU BEGINN DER EVAKUIERUNGSMASSNAHMEN ZURÜCKZUFÜHREN, EHE DIESE VERBESSERT WORDEN SEIEN. BETRIEBSPANNEN UND EINIGE GE-WALTTÄTIGE VORFÄLLE WURDEN EBENFALLS ALS ERANTWORTLICHE FAKTOREN GENANNT. TROTZ DER FRÜHEREN PROBLEME SCHÄTZT DIE REGIERUNG, DASS SICH DER LETZTE UM-SIEDLER SPÄTESTENS SECHSUNDNEUNZIG STUNDEN VOR DEM EINTREFFEN DES KOMETEN AUF DEM WEG ZUR ERDE BEFINDEN WIRD.
NACH OFFIZIELLEN SCHÄTZUNGEN BEFINDEN SICH NOCH ANNÄHERND 300.000 PERSONEN AUF LUNA. DARIN EINGESCHLOSSEN SIND PERSONEN, DIE IHRE EVAKUIERUNG BISLANG AB-LEHNTEN, VON DENEN JEDOCH ERWARTET WIRD, DASS SIE ES SICH NOCH ANDERS ÜBERLEGEN WERDEN. AUF DIE FRAGE, OB DIE ZAHL DER FÄHRSCHIFFE FÜR DIE BEFÖRDERUNG VON 60.000 PERSONEN PRO TAG AUSREICHE, VERSICHERTE DER REGIERUNGSSPRECHER UNSEREM REPORTER, ES GÄBE »MEHR ALS GENUG SCHIFFE, SELBST WENN UNSERE AKTUELLEN AUSLASTUNGSBERECHNUNGEN ZU OPTIMISTISCH SEIN SOLLTEN«.
BEI ANDERER GELEGENHEIT WURDE DER VERTRETER DES PREMIERMINISTERS HOBART ZU DER ANHALTEND STRENGEN ZENSUR VON NACHRICHTENMELDUNGEN SOWIE DER ÜBERWACHUNG SÄMTLICHER KOMMUNIKATIONS-KANÄLE ZWISCHEN ERDE UND LUNA BEFRAGT. ER ERKLÄRTE, DASS DERLEI MASSNAHMEN NOTWENDIG SEIEN UND DASS »ANDERNFALLS DIE DINGE DURCH WILDE GERÜCHTE AUSSER KONTROLLE GERATEN KÖNNTEN, DIE DIE EVAKUIERUNG WOMÖGLICH BEHINDERN WÜRDEN. DENKEN SIE DARAN«, SAGTE DER SPRECHER DES WEITEREN, »DASS IN LUNA CITY IMMER NOCH MENSCHEN AUS DEM HINTER-LAND EINTREFFEN. DA SIE DIE SITUATION NICHT AUS ERSTER HAND KENNEN, MÖCHTEN WIR VERHINDERN, DASS SIE DIE ÜBERZOGENE RHETORIK EINES REPORTERS IN ANGST UND SCHRECKEN VERSETZT.« UM BESTÄTIGUNG GEBETEN, DASS DIES DER GRUND FÜR DIE ZEN-SURMASSNAHMEN SEI, VERWEIGERTE DER PREMIERMINISTER EINEN KOMMENTAR.
- ENDE -
Für die Fahrt nach Luna City benötigten sie, in den überfüllten Abteilen der Einschienenbahn zusammengepfercht, drei Tage. Zu dem Zeitpunkt, als sie sich der Hauptstadt näherten, drängten sich mehr als dreihundert Menschen in zwölf Wagen. Tom Thorpe und Amber Hastings waren auf die untere Etage der dritten Kabine in der Reihe verbannt worden. Die meiste Zeit über saßen sie mit dem Rücken gegen die Knie anderer Passagiere gepresst. Im Wagen war es heiß und beengt, und es roch nach zu vielen ungewaschenen Körpern. Er erinnerte Thorpe an den Sturmbunker der Admiral Farragut , als sie die Strahlungsgürtel des Jupiter durchflogen hatten. Trotz aller Unzulänglichkeiten war es im Wagen immer noch unendlich viel bequemer, als im Raumanzug über die Wüsten von Farside zu wandern.
Der Zug fuhr spät nach Mitternacht in den Bahnhof von Luna City ein. Als die erschöpften Passagiere, ihre Anzüge über eine Schulter geworfen, ausstiegen, sahen sie sich einem Polizeikordon gegenüber, der sie begleiten sollte. Jeder Polizist hielt eine Straßenkampfwaffe in der Hand. Die Gewehre überzeugten Thorpe davon, dass die Berichte über öffentliche Unruhen zutreffend gewesen waren. Wie die legendären Londoner Bobbys auch, hatte die Polizei von Luna City noch nie Feuerwaffen gebraucht, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Dass sie jetzt welche benötigte, sprach Bände.
Thorpe und Amber gingen die unterirdische Plattform entlang bis dorthin, wo Niels Grayson und die anderen Astronomen beieinanderstanden. Die Gruppe war in Hadley’s Crossroads getrennt worden, und ihre Mitglieder hatten sich die drei Tage über nicht gesehen.
»Also, was machen wir jetzt?«, fragte Amber ihren Vorgesetzten.
»Ich nehme an, dass wir uns registrieren lassen müssen«, antwortete Grayson. »Am besten legen wir unsere Anzüge hier auf einen Haufen, gehen dann zur nächsten Ebene hoch und erkundigen uns, wo wir was tun müssen.«
Auf der nächsten Ebene war eine Menschenmenge, die eher noch zahlreicher war als diejenige, die Thorpe bei seiner Ankunft beobachtet hatte. Die Menge war auch von einer anderen usammensetzung. An Stelle der großen Zahl von Familien, die letztes Mal dominiert hatten, waren es jetzt mehr Einzelpersonen, von denen viele offenbar der lunaren Unterschicht angehörten.
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