Alle intelligenten Fleischfresser hatten diesen Spieltrieb. Durch ihn lernten sie etwas über die Welt, über das Verhalten der Tiere und schärften zugleich die Reflexe. Für ihre Zeit waren Ornithen wirklich sehr intelligente Fleischfresser gewesen.
Und vor nicht mehr als zwanzigtausend Jahren hatte einer von ihnen sich ein neues Spiel ausgedacht. Er hatte einen Stock vom Boden aufgehoben und damit nach Eiern gestochert.
In der nächsten Generation waren aus den Stöcken Haken geworden, um die Embryos aus den Eiern herauszuziehen, und angespitzte Stäbe, um sie aufzuspießen.
Und in der übernächsten Generation wurden die neuen Waffen dann in einem größeren Spiel eingesetzt: bei halbwüchsigen, bis zu fünf oder sechs Jahre alten Diplos, die sich noch keiner Herde angeschlossen hatten, aber schon eine Fleischausbeute darstellten, die hunderten Embryonen entsprach. Inzwischen hatte man auch eine rudimentäre Sprache entwickelt, mit der die im Verbund agierenden Jäger sich verständigten.
Dann folgte eine Art Wettrüsten. In diesem Zeitalter der riesigen Beutetiere zahlten die besseren Werkzeuge, die differenziertere Kommunikation und die komplexen Strukturen der Ornithen sich schnell in Form einer größeren und besseren Fleischausbeute aus. Das Gehirn der Ornithen wurde schnell größer und versetzte sie in die Lage, noch bessere Werkzeuge zu fertigen, die Gesellschaft noch besser zu organisieren und die Sprache noch weiter auszudifferenzieren – wodurch zugleich der Bedarf an Fleisch stieg, um die großen, energieintensiven Gehirne zu versorgen, was wiederum bessere Werkzeuge erforderte. Es war ein Teufelskreis, der sich viel später in der langen Geschichte der Erde wiederholen sollte.
Die Ornithen waren den Herden ihrer Beutetiere gefolgt, die den Superkontinent auf den breiten Wanderwegen ihrer Vorfahren kreuz und quer durchzogen, und hatten sich dabei über ganz Pangäa ausgebreitet.
Doch nun änderten die Verhältnisse sich. Pangäa brach auseinander; sein Rückgrat wurde mürbe. Grabenbrüche, riesige, mit Asche und Lava gefüllte Tröge brachen auf. Ein großes, kreuzförmiges Meer entstand: Schließlich würde der Atlantik den amerikanischen Doppelkontinent von Afrika und Eurasien trennen, während das mächtige äquatoriale Tethys-Meer Europa und Sibirien von Afrika, Indien und Austral-Asien trennte. So wurde Pangäa gevierteilt.
Es war eine Zeit ebenso schneller wie dramatischer Klimaänderungen. Durch die Drift der kontinentalen Bruch-Platten entstanden neue Gebirge, die die Regenwolken zurückhielten. Die Wälder starben ab, und riesige Wüstengebiete entstanden. Die großen Sauropoden-Herden wurden über viele Generationen hinweg dezimiert, weil ihre Territorien immer kleiner wurden und die Vegetation sich nicht rechtzeitig von ihrem Kahlfraß zu erholen vermochte.
Dennoch hätten die Sauropoden vielleicht noch viel länger überlebt und sogar den Zenit der Dinosaurier-Evolution, die Kreidezeit erlebt, wären da nicht die Ornithen gewesen.
Ja, wären da nicht die Ornithen gewesen.
Obwohl Lauscher sich neue Gefährten suchte und stolze Würfe gesunder und wilder Junger aufzog, vergaß sie nie das Schicksal, das ihren ersten Gefährten, Stego, ereilt hatte. Lauscher wagte es aber nicht, die Matriarchin anzugreifen. Jeder wusste, dass die Herde nur dann eine Überlebenschance hatte, wenn das starke alte Weibchen möglichst lang lebte. Es hatte sich bisher auch keine neue Matriarchin gefunden, die ihren Platz einzunehmen vermocht hätte.
Trotzdem ließ Lauscher ihren Plan reifen.
Es dauerte ein Jahrzehnt. In diesem Zeitraum wurde der Bestand der Diplo-Herde um die Hälfte reduziert. Auch die über den Superkontinent verstreuten Allosaurier stürzten in eine tiefe Krise, weil ihre Beutetiere rar wurden.
Nach einer besonders entbehrungsreichen und trockenen Zeit stellte Lauscher fest, dass die Alte hinkte. Vielleicht litt sie nun auch in den Hüften an Arthritis, von der Hals und Schwanz schon länger befallen waren.
Die Zeit war gekommen.
Und dann roch und schmeckte Lauscher etwas im Ostwind, das sie schon seit langer Zeit nicht mehr wahrgenommen hatte. Es war Salz. Und sie wurde sich bewusst, dass das Schicksal der Matriarchin nicht mehr wichtig war.
Schließlich gelang es ihr, die Jäger hinter sich zu vereinen.
Die große Diplo-Kuh war nun hundertzwanzig Jahre alt. Ihre Haut trug die Spuren unzähliger Räuber-Attacken, und viele der knochigen Stacheln auf dem Rücken waren abgebrochen. Aber sie wuchs noch immer und brachte es inzwischen auf erstaunliche zweiunddreißig Tonnen. Nachdem die Knochen aber für so lange Zeit ein solches Gewicht hatten stützen müssen, waren sie nun mürbe und hatten die Matriarchin zur Invalidin gemacht.
An dem Tag, als die Kräfte sie schließlich verließen, dauerte es nur ein paar Minuten, bis sie von der stetig dahintrottenden Herde getrennt wurde.
Die Ornithen warteten. Sie hatten schon seit Tagen gewartet. Sie reagierten sofort.
Drei Männer – alle Söhne von Lauscher – führten den Angriff. Sie umrundeten die Matriarchin und ließen die Peitschen aus gegerbtem Leder knallen, wobei sie den Überschallknall der Diplo-Schwänze imitierten.
Ein paar Tiere aus der Diplo-Herde schauten trübe zurück. Sie erkannten die Matriarchin und die winzigen Räuber. Nicht einmal in diesem Moment wollten die kleinen Diplo-Gehirne von der Millionen Jahre alten Programmierung abrücken, dass diese dürren Fleischfresser keine Bedrohung darstellten. Die Diplos wandten sich ab und widmeten sich wieder dem großen Fressen.
Die Matriarchin sah die kleinen Gestalten, die vor ihr herumhampelten. Sie grollte gereizt, und die Steine im Magen rumpelten. Sie versuchte den Kopf zu heben und den Schwanz zum Tragen zu bringen, doch zu viele Gelenke waren schon in schmerzhafter Bewegungsunfähigkeit erstarrt.
Nun griff die zweite Welle der Jäger an. Sie war mit Speeren mit vergifteten Spitzen bewaffnet und setzten die klauenbewehrten Hände und Füße ein. Sie attackierten die Matriarchin auf die gleiche Art, wie die Allosaurier es auch getan hatten -Angriff und Rückzug.
Jedoch hatte die Matriarchin nicht umsonst über hundert Jahre überlebt. Sie ignorierte den heißen Schmerz, der von den Nadelstichen in der Flanke ausstrahlte und richtete sich mit letzter Kraft auf den Hinterbeinen auf. Wie ein einstürzendes Gebäude dräute sie über der Horde der Fleischfresser und schlug sie in die Flucht. Sie schlug so hart auf dem Boden auf, dass sie ein kleines Erdbeben verursachte und beim Aufprall der Vorderfüße Schmerzwellen durch jedes größere Gelenk im Körper liefen.
Wenn sie nun geflohen wäre, wenn sie der Herde gefolgt wäre, hätte sie möglicherweise überlebt und vielleicht sogar die Verwundungen durch die Speere auskuriert. Aber nach dieser letzten gewaltigen Anstrengung war sie erschöpft. Und es war ihr auch nicht vergönnt, sich zu erholen. Wieder griffen die Jäger an und attackierten sie mit Speeren, Klauen und Zähnen.
Und dann kam Lauscher.
Lauscher hatte sich ausgezogen und sogar die Peitsche von der Hüfte abgewickelt. Sie stürzte sich auf die zitternde Flanke des Diplos, die wie ein Berg vor ihr aufragte. Die Haut war zäh und widersetzte sich sogar ihren scharfen Klauen. Sie war kreuz und quer von Furchen durchzogen, den Narben alter Wunden, in denen rote und grüne Parasiten blühten. Der Gestank nach verwestem Fleisch war kaum auszuhalten. Aber sie machte weiter, stieß die Klauen in den Körper und erklomm ihn, bis sie die Stacheln erreicht hatte, die aus dem Rücken der Matriarchin ragten. Dann biss Lauscher dem Diplo in den Rücken und zerrte an den Hornplatten unter der Haut.
Vielleicht erinnerte der Diplo sich in einem dunklen Winkel des Bewusstseins an den Tag, als er das Leben dieses kleinen Ornithen zerstört hatte. Nun spürte sie die neuen Schmerzen am Rücken und versuchte den Kopf zu drehen – wenn sie den Störenfried schon nicht zu beseitigen vermochte, wollte sie ihn wenigstens sehen. Aber es gelang ihr nicht.
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