»Einen Ort, wo es dunkel ist«, meinte die Hexe flüsternd.
»Einen Ort, wo es feucht ist«, fügte Tante Hortensia hinzu und entfernte die eingetrocknete Haut von ihrem Stumpf.
»Eulen, Fledermäuse und Ratten müßte es dort geben«, forderte Winifred, die Tiere liebte.
»Und ganz viele Gewitter«, wünschte sich George. »Und Geister, mit denen ich spielen kann.« Das war Humphreys Beitrag.
»Was ihr braucht, ist ein Geisterasyl«, erwiderte Rick.
»Was ist ein Asyl?« wollte Humphrey wissen. »Das ist ein Ort, wo man sicher ist, wo keiner einem etwas tun kann. Wenn früher jemand von Soldaten oder von irgend jemandem verfolgt wurde, ging er in eine Kirche, das war dann sein Asyl, und niemand durfte ihm dort etwas tun.«
»Eine Kirche würde ich nicht mögen.« Winifreds Stimme klang nervös. »Geister sind so gut wie nie in Kirchen.«
»Ich weiß. Ich will nur etwas erklären. Es gibt Vogelschutzgebiete für Papageientaucher und Kormorane. Da können sie Nester bauen und brüten, und niemand darf auf sie schießen oder ihre Eier sammeln. Und dasselbe gibt es für Indianer in Amerika.«
»Aber Indianer legen keine Eier«, wandte Humphrey ein.
Rick seufzte. »Was ich sagen wollte, ist, daß sie Schutzgebiete haben, Asyle. Bei den Indianern nennt man es Reservationen. Dort können sie so leben, wie sie immer gelebt haben, und niemand stört sie. So etwas braucht ihr. Ein Asyl für Geister.«
»Ein Asyl für Geister«, wiederholten sie einstimmig und nickten dazu. Was Rick sagte, klang vernünftig. Es war eine tolle Idee. Besonders schön war die Vorstellung, daß sie nach einem Ort suchten, wo alle Geister glücklich sein würden, nicht nur sie.
»Ich wollte, es könnte hier sein«, meinte Humphrey. Ihm gefiel die Vorstellung überhaupt nicht, Rick wieder verlassen zu müssen.
Plötzlich ertönte ein Schrei aus dem nächsten Bett. Er kam von Peter, dem Neuen. Er war aufgewacht und sah direkt in das große Untertassenauge vom Schack. »Schlaf weiter«, sagte Rick. »Du träumst.«
Allerdings war ihm klar, daß es nicht leicht sein würde, allen Jungen im Schlafsaal zu erzählen, daß sie denselben Traum gehabt hätten. Und bald würde es hell sein, und dann kam die Hausmutter. Natürlich konnte er den Geistern sagen, daß sie verschwinden sollten. Aber Freunden zu sagen, daß sie sich verziehen sollten - so etwas tut man einfach nicht.
»Heute ist Sonntag«, sagte er schließlich. »Ich nehme euch mit rüber in die Turnhalle, die wird heute nicht gebraucht. Und dann rede ich mit einer Freundin, die sehr klug ist, und wir machen einen Plan.«
»Einverstanden, lieber Junge«, erwiderte der Schwebende Kilt. »Gibt es in eurer Turnhalle einen Barren? Und ein Pferd?«
»Ja, all so was.«
»Gut.« Der Schwebende Kilt folgte Rick in die Turnhalle. Er wollte nicht prahlen, aber in seinem Leben war er ein sehr guter Sportler gewesen. Beim Baum stamm werfen, beim Hurling und anderen schottischen Sportarten hatte der Schwebende Kilt immer hervorragend abgeschnitten.
Die Freundin, mit der Rick über die Gespenster sprechen wollte, war die Tochter der Schulköchin. Barbara war rundlich und hatte dickes, langes, kastanienbraunes Haar, freundliche braune Augen, wie gut gefütterte Milchkühe sie haben, und rosig-braune Haut. Außerdem hatte sie Grübchen. Alles, was sie tat, tat sie langsam. Sie regte sich nie auf,und wenn sie nicht interessierte, was andere sagten, schlief sie einfach ein.
Obwohl Schloß Norton eine Schule für Jungen war, ließen die Crawlers Barbara mit den Internatsschülern den Unterricht besuchen. Das lag nicht etwa dran, daß die Crawlers nette Leute wären, sie waren sogar außerordentlich unangenehm. Es lag daran, daß Barbaras Mutter sehr gut kochte, und sie wollten sie nicht verlieren. Barbara schien nie für den Unterricht zu arbeiten. Sie schien auch nie zuzuhören, wenn die Lehrer etwas sagten. Aber wenn man sie etwas fragte, wußte sie die Antwort sofort. Wenn eine Arbeit geschrieben wurde, war sie nicht nur die Beste, sie war auch immer als erste fertig. Bei Mathearbeiten gab sie ihre Arbeit eine halbe Stunde früher als die anderen ab und hatte alle Aufgaben richtig gelöst.
Rick fand Barbara in der Küche, wo sie ihrer Mutter beim Puddingkochen half. Als sie sah, daß Rick etwas bedrückte, ließ sie den Pudding jedoch sein, und sie gingen zu einem alten Weidenbaum, der in der Nähe der hinteren Internatspforte stand.
Rick brauchte nicht lange, um ihr seine Geschichte zu erzählen. Barbara verzog weder das Gesicht, noch sagte sie, er habe nur geträumt. Sie sah überrascht aus. »Geister«, sagte sie. »Wer hätte das gedacht!«
»Du verstehst also, wir müssen einen Ort finden, wo sie hingehen können«, sagte Rick. »Aber wo finden wir den?«
Barbara pflückte sich einen langen Grashalm und kaute daran. »Westminster.«
»Was?«
»Fahr nach London. Zum Parlamentsgebäude in Westminster. Dort sitzt die Regierung. Bei so einer Sache muß man ganz an die Spitze gehen. Zum Premierminister.«
»Du meinst, ich soll einen Brief schreiben?« »Nein. Fahr hin. Mit ihnen zusammen. Laß sie unsichtbar bleiben, bis ihr dort seid. Dann verlangst du, den Abgeordneten aus deinem Wahlkreis zu sehen. Alle dürfen das. Das ist ein Gesetz. Er soll dich zum Premierminister bringen. Dann zeigst du ihnen die Geister. Sonst wird dir niemand glauben.«
»Meine Güte!« Rick war überwältigt.
»Du kannst natürlich versuchen, die Leute hier dazu zu kriegen, daß sie etwas in der Sache tun, aber keiner hat das Geld dafür. So ein Gespensterasyl würde Tausende kosten. Nur die Regierung kann sich das leisten.«
»Von hier bis London sind es über zweihundert Meilen. Den Geistern macht das nichts aus. Sie haben ihre Gespensterkutsche, außerdem können sie schweben. Aber was ist mit mir? Ich kann nicht so weit laufen.«
Barbara legte ihre Stirn in freundliche Falten. »Du mußt den Weg in mehreren Abschnitten zurücklegen. Von hier bis Grange-on-Trant kannst du mit Onkel Teds Milchwagen fahren. Das sind dreißig Meilen. Dann nimmst du den Bus nach Lonsdale. Landbusse sind billig. Durch das Saughbeckmoor kannst du wandern oder vielleicht per Anhalter fahren, und das letzte Stück fährst du dann mit dem Zug. Ich habe ein bißchen Geld gespart.«
»Ich auch. Das würde ich schaffen.«
»Soll ich mitkommen? Kein Problem, wenn du willst.« Barbara pflückte zwei weitere Halme und fing wieder an zu kauen.
Rick nahm den Halm, den sie ihm gab, und überlegte. Es wäre schön, Barbara dabei zu haben. Irgendwie beruhigend. Doch dann schüttelte er den Kopf. »Ich glaube, es ist besser, du bleibst hier und hältst mir den Rücken frei. Du könntest versuchen, den Schlüssel vom Schulbüro zu kriegen und zwischen sieben und acht am Abend da zu sein. Dann kann ich dich anrufen, wenn etwas schiefgeht oder ich nicht weiter weiß. « »Recht hast du. Meinst du, ich könnte sie sehen, bevor ihr euch auf den Weg macht? Würde ich sehr gerne.«
»Klar«, sagte Rick und ging vor ihr her zur Turnhalle.
Die Geister amüsierten sich großartig. Der Schwebende Kilt hing am Barren und vollführte eine sehr schwierige Übung. Tante Hortensia hatte das Trampolin entdeckt und sprang auf und nieder, wobei ihr Nachthemd sich über ihrem Halsstumpf bauschte. Ihre Füße mit der dicken Hornhaut zuckten vor Vergnügen. George stand auf seinem Schädel.
»Sieh mich an, Rick!« rief Humphrey der Schreckliche und fiel prompt vom Seil.
»Meine Güte«, sagte Barbara mit weit aufgerissenen Augen. »Das finde ich wirklich toll. Wonach riecht es hier so widerlich?«
Der Hexe gefiel, was Barbara gesagt hatte. Sie hörte mit ihren Liegestützen auf und kam näher, um mit ihr zu reden.
»Es ist nasse Walleber«, sagte sie. »Ein Lieblingsduft meines Mannes. Ich benutzte ihn, als wir uns kennenlernten.«
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