»Das sind keine richtigen Berge«, stellte der Schwebende Kilt fest. »Das sind große Kohlehaufen. Wir sind auf einem Tagebau gelandet, wo Kohle gefördert wird. «
»Meine Güte«, sagte die Hexe, die sich etwas Romantischeres gewünscht hätte. »Aber ich kann wenigstens mal die Beine ausstrecken.«
»Ich will keinen Kohlenstaub auf meinem Stumpf haben«, grummelte Tante Hortensia. Aber auch sie stieg ab, hielt ihr Nachthemd hoch und platschte mit ihren riesigen gelben Füßen durch die Pfützen.
Humphrey war es noch schlecht von der Reise, und die Kette mit der Kugel, die ihn die Hexe auf langen Fahrten immer tragen ließ, damit sein Knöchel kräftiger wurde, hatte ihn wundgerieben. Um auf andere Gedanken zu kommen, kletterte er in die Kabine des Baggers und machte Geräusche, die er für Geräusche eines Baggers hielt.
Nach einer Weile stellte er fest, daß die Baggergeräusche sich verändert hatten. Ein leises Winseln war zu hören. Es klang, als ob es von einem Tier stammte. Nachdem Humphrey sich vergewissert hatte, daß nicht er es war, der diese Laute von sich gab, glitt er vom Fahrersitz und fing an, zwischen den Kohlehaufen zu suchen. Er kam den Lauten näher, und dann verlor er sie wieder. Nachdem er um ein Baugerüst gebogen war, erblickte er plötzlich etwas, das ihm den Atem nahm.
Es war ein Schack. Schacks sind Gespensterhunde und heutzutage sehr selten. Humphrey hatte oft von ihnen gehört, aber noch nie einen gesehen.
»Komm doch her, lieber Schack. Komm! Du bist ein guter Hund. Guter Hund«, sagte Humphrey und schnippte mit den Fingern.
Zuerst rührte sich der Schack nicht. Ein Auge glühte düster, und aus seinem Hals kam ein tiefes Knurren. Er klang, als ob Steine über einen Abhang rollten.
»Hab keine Angst. Ich bin Humphrey. Humphrey der Schreckliche. Komm her, Schackie!«
Das Knurren hörte auf. Der Schack kam näher. »Ach, du Armer! Dir geht es aber gar nicht gut.« Humphrey hatte recht. Der Schack war in einem er bärmlichen Zustand. Seine Schwänze waren so schlapp wie zu weich gekochte Spaghetti. Sein Riesenauge war fest geschlossen, und sein Fell war stumpf und schmutzverklebt.
Als ob er begriffen hätte, daß Humphrey der Schreckliche ihm helfen wollte, kam der Schack jetzt näher. Beim Gehen machte er merkwürdig platschende Geräusche. Zwei seiner Schwänze wedelten, der dritte war noch etwas schüchtern.
»Was hast du denn da, Humphrey«, schrie die Hexe, die herumflog und mit ihren schielenden Augen die Kohlehaufen absuchte.
»Stell dir vor, Mutter, es ist ein Schack. Ein echter Plattfuß, weißt du? Und es geht ihm gar nicht gut. Ich glaube, das war mal wildes, schönes Land, und er hat hier gespukt. Wenn die Leute ihn sahen, haben sie bestimmt schreckliche Angst gehabt. Jetzt muß er hier auf dieser ätzenden Kohlegrube spuken, und er bekommt Kohlenstaub in die Lunge und den Gestank von den Baggern und all dem Zeug. Können wir ihn nicht mitnehmen?«
»Ja, bitte, Mutter«, riefen George und Winifred, die inzwischen auch herangeschwebt waren.
»Ihr seid wohl verrückt, meine Lieben. Wir haben nicht einmal selbst eine Unterkunft. Was sollen wir mit streunenden Hunden anfangen?«
»Bestimmt können wir ihn gut brauchen«, meinte Humphrey mit flehender Stimme.
»Brauchen!« Die Hexe entließ eine Wolke Schweinebohnengestank. »Was kann er denn? Sei nicht albern, Humphrey. Kommt Kinder, zurück in die Kutsche!«
Als Humphrey den Schack ansah, der vertrauensvoll zu ihm aufblickte, wurde sein Plasma schwer wie Blei. Traurig stieg er in die Kutsche, als plötzlich ein Schrei von Tante Hortensias Halsstumpf ertönte. »Kopf«, jammerte der Stumpf. »Weg! Weg!«
Alle stiegen unlustig wieder aus. Der Schwebende Kilt murmelte etwas Schottisches. Keinem war danach, im Dunkeln nach einem alten Kopf zu suchen.
Und dann hatte Humphrey den Einfall. »Schack«, rief er. »Komm her, Schackie!«
Das schwarze Ungeheuer kam herangesprungen und sah Humphrey hoffnungsvoll an.
»Hast du ein Taschentuch, Tante Hortensia?«
Tante Hortensia nickte mit ihrem Hals und zog etwas aus der Tasche ihrer langen Unterhosen. »Hier.« Humphrey nahm es und hielt es dem Hund vor die Nase. »Such, Schackie. Na los, such!«
Es entstand eine Pause. Der Gespensterhund schnüffelte an dem Stück Leinwand. Dann senkte er den Kopf, die drei Schwänze standen in die Luft, und mit einem Geräusch wie von einer unterirdischen Pumpstation verschwand er.
Humphrey wartete ungeduldig, bis das rote Blinken des Schackauges die Dunkelheit durchbrach. Sie hörten den Schack zufrieden knurren und scharren. Einen Augenblick später war er zur Kutsche zurückgetrabt. In seiner Schnauze trug er das mit Schmutz bedeckte, aber glücklich lächelnde Haupt von Tante Hortensia.
»Das ist ein sehr kluges und nützliches Tier«, sagte der Kopf. »Ich war in einen Tümpel gerollt, und wahrscheinlich hätte mich keiner gefunden.«
»Siehst du, Mutter«, sagte Humphrey. »Siehst du!« Wie alle guten Mütter wußte die Hexe, wann sie sich geschlagen geben mußte. »Also gut«, sagte sie seufzend. »Aber paß auf, daß er seine widerlichen Pfoten unten läßt.«
Sie fuhren endlose Meilen, und immer noch kam kein leeres Schloß oder eine Klosterruine oder ein bröckeliger Turm in Sicht, wo eine müde Gespensterfamilie hätte Rast machen können. Erst kurz vor Tagesanbruch, als der Himmel allmählich grau wurde, senkte der Schwebende Kilt den Kopf und sagte: »Da unten, was ist da unten?«
Sie krochen an die Fenster und sahen hinaus. Tief unter sich erblickten sie in einem großen Park die Umrisse eines riesigen Gebäudes. Es hatte vier Türme, einen Burghof in der Mitte, Zinnen ...
»Ein Schloß!« rief Humphrey. »Können wir da wohnen?«
»Wir werden mal runtergehen und nachsehen«, gab der Schwebende Kilt zur Antwort.
Die Pferde waren müde und freuten sich, daß sie Höhe verlieren konnten. Als sie das Gebäude umrundeten, wurden alle etwas fröhlicher. Efeu wuchs auf den Mauern, einige Fenster waren vergittert, eine schwarze Krähe erhob sich mit wütendem Krächzen, als sie näher kamen.
»Das sieht wirklich nicht schlecht aus«, meinte die Hexe. »Seht mal, da hängen zwei stinkende Schlangen zum Fenster raus.« Glücklich lächelnd sog sie den Duft ein. »Laßt uns da mal reinfahren.«
Tante Hortensia hatte ihre Fehler, aber mit Pferden konnte sie umgehen. Geschickt wendete sie, und die Kutsche fuhr an den stinkenden, gestreiften Schlangen vorbei, die über das Fensterbrett hingen, und in das Fenster hinein. Allerdings handelte es sich nicht um stinkende Schlangen, sondern um die Fußballsocken von einem Jungen namens Maurice Crawler. Die Gespenster waren direkt in den Jungenschlafsaal der Internatsschule Schloß Norton gefahren.
Rick wachte meistens als erster im Schlafsaal auf. An diesem Morgen war er besonders früh wach geworden, denn er hatte am Abend vorher sehr lange nachgedacht, und die Gedanken hatten ihn bis in den Schlaf verfolgt. Rick war ein ernster Junge mit einem schmalen Gesicht, großen, dunklen Augen und abstehenden Ohren. Die Ohren standen ab, weil seine Mutter es nicht über sich gebracht hatte, sie Rick als Baby mit Heftpflaster anzukleben, wie der Arzt es ihr gesagt hatte.
Rick dachte über den Zustand der Welt nach. Die Welt, so kam es ihm vor, befand sich auf keinem guten Weg. In der Antarktis waren die Pinguine mit Öl verklebt und konnten nicht einmal watscheln. Die Blauwale hatte man beinahe ausgerottet. Seit Jahren hatte man eine bestimmte Rhinozerosart nicht mehr gesehen, und ein Kannibalenstamm im Amazonasgebiet, den Rick als Erwachsener aufsuchen wollte, war nach Rio de Janeiro in eine Wohnsiedlung verfrachtet worden. Rick fürchtete, alle interessanten Tiere und Pflanzen und Menschen würden verschwunden sein, bis er erwachsen war. Dann gab es vermutlich nur noch riesige Wohnblocks, langweilige Läden und Autobahnen. Der Gedanke erschreckte ihn.
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