1 ...8 9 10 12 13 14 ...40 »Evidemment! Sie sind mal wieder unfähig, mir meine Frage zu beantworten. Beschreiben Sie mir die Dame.« »Na schön, sie ist groß und hübsch; braunes Haar mit einem herrlich rötlichen Schimmer...«
»Sie haben immer eine Schwäche für Rotbraun gehabt«, murmelte Poirot. »Aber fahren Sie fort.« »Blaue Augen und einen sehr schönen Teint und... ja, das ist alles, glaube ich«, sagte ich ziemlich lahm. »Und ihr Mann?«
»Oh, der ist soweit ein ganz netter Kerl - nichts Besonderes.« »Dunkel oder blond?«
»Das weiß ich nicht - so ein Mittelding, und ein ganz normales Gesicht.« Poirot nickte.
»Ja, natürlich, es gibt Hunderte von Durchschnittsmännern -aber jedenfalls entwickeln Sie viel mehr Phantasie bei der Beschreibung von Frauen. Wissen Sie etwas über diese Leute? Kennt Parker sie gut?«
»Sie sind bis jetzt nur flüchtig bekannt, glaube ich. Aber hören Sie, Sie werden doch nicht denken... « Poirot hob die Hand. »Tout doucement, mon ami. Wer hat denn gesagt, daß ich überhaupt denke? Alles, was ich sage, ist: Es ist eine merkwürdige Geschichte. Und ich finde keine Erklärung; wie ist denn der Name der Dame, eh. Hastings?«
»Ihr Name ist Stella«, sagte ich, »aber ich sehe nicht ein ... Poirot unterbrach mich mit einem blödsinnigen Gekicher. Irgend etwas schien ihn zu amüsieren. »Und Stella heißt ein Stern, nicht wahr? Famos!« »Aber nun hören Sie mal...« »Und Sterne schimmern! Voila! Beruhigen Sie sich, Hastings. Und spielen Sie nicht schon wieder die beleidigte Leberwurst. Kommen Sie, wir wollen zu den Montague Mansions gehen und dort ein bißchen schnüffeln.«
Ich ging ziemlich widerwillig mit. Die Mansions waren schöne Gebäude in tadellosem Zustand. Ein uniformierter Portier sonnte sich auf der Schwelle. »Verzeihen Sie, können Sie mir sagen, ob Mr. und Mrs. Robinson hier wohnen?« wandte sich Poirot an ihn. Der Portier war ein wortkarger Mann und anscheinend schlechter Laune. Er sah uns kaum an und brummte: »Nummer vier, zweiter Stock.«
»Danke Ihnen sehr. Können Sie mir sagen, wie lange sie schon hier wohnen?« »Sechs Monate.«
Mir blieb vor Staunen der Mund offen. »Unmöglich«, rief ich. »Sie müssen sich irren.«
»Sechs Monate.« »Sind Sie sicher? Die Dame, die Ich meine, ist groß und hat rotbraune Haare und ... «
»Die ist es«, sagte der Portier. »Eingezogen an Michaelis. Genau vor sechs Monaten.«
Er verlor jedes Interesse an uns und zog sich in die Halle zurück. Ich folgte Poirot nach draußen. »Eh bien, Hastings?« fragte mich mein Freund verschmitzt. »Sind Sie jetzt immer noch so sicher, daß die reizende Dame die Wahrheit spricht?« Ich gab keine Antwort. Poirot war schon in der Brompton Road, ehe ich ihn fragte, was er jetzt vorhabe.
»Wir gehen zu dem Häusermakler, Hastings. Ich habe den großen Wunsch, eine Etage in Montague Mansions zu mieten. Wenn ich mich nicht irre, werden dort verschiedene interessante Dinge passieren.«
Wir hatten mit unserer Nachfrage unerwartet Erfolg. Nummer acht im vierten
Stock sollte für zehn Guineas die Woche mö bliert vermietet werden. Poirot schloß sofort für einen Monat ab. Draußen auf der Straße beruhigte er mich. »Aber es ist doch schließlich mein Geld! Warum soll ich mir nicht einen Spaß erlauben?
Übrigens, Hastings, haben Sie einen Revolver?«
»Ja - irgendwo«, antwortete ich etwas gereizt. »Denken Sie etwa ...«
»Daß Sie ihn brauchen werden? Schon möglich. Die Idee reizt Sie, wie ich sehe.
Das Romantische gefällt Ihnen doch immer gut.«
Am nächsten Tag installierten wir uns in unserem neuen Heim. Die Wohnung war gut eingerichtet. Sie hatte dieselbe Lage in dem Gebäude wie die der Robinsons, nur lag sie zwei Stockwerke höher. Der Tag nach unserem Einzug war ein Sonntag. Am Nachmittag ließ Poirot die Wohnungstür angelehnt und rief mich hastig, als von unten ein Türschlagen zu hören war. »Sehen Sie doch mal über das Treppengeländer. Sind es Ihre Freunde? Passen Sie auf, daß man Sie nicht bemerkt.«
Ich streckte meinen Kopf über das Geländer. »Sie sind's«, bestätigte ich flüsternd. »Gut. Warten wir noch ein wenig.« Nach ungefähr einer halben Stunde kam eine junge Frau in schicker und farbenfroher Kleidung heraus. Mit einem Seufzer der Erleichterung ging Poirot auf Zehenspitzen in die Etage zurück.
»C'est ca.. Nach dem Herrn und der Gnädigen das Mädchen. Jetzt müßte die Wohnung eigentlich leer sein.« »Was tun wir denn jetzt?« fragte ich unsicher. Poirot war schnell in den Abstellraum gegangen und zog an dem Seil des Kohlenaufzugs.
»Wir lassen uns wie die Kohlenkästen hinunter«, erklärte er freundlich. »Wir werden ganz ungestört sein. Das Sonntagskonzert - der Sonntagsnachmittagsspaziergang und schließlich der Sonntagsschlaf nach dem Sonntagsmittag3ssen in England - le rosbif-, all das wird die Aufmerksamkeit von Hercule Poirots Unternehmungen ablenken. Kommen Sie, mein Freund.« Er stieg in den hölzernen Aufzug. Ich folgte ihm eilig. »Brechen wir in die Wohnung ein?« fragte ich zweifelnd. »Nicht gerade heute«, lautete Poirots wenig tröstliche Antwort.
Am Seil hängend glitten wir langsam nach unten, bis wir den zweiten Stock erreichten. Poirot äußerte sich entzückt, als er bemerkte, daß dort die Tür in den Abstellraum offen war. »Sehen Sie? Diese Türen werden am Tag nicht abgeschlossen, und dabei konnte jedermann, so wie wir, hinauf- oder hinuntersteigen. Bei Nacht schließt man sie vielleicht zu - ja - zwar auch nicht immer -, aber jedenfalls wollen wir dagegen Vorkehrungen treffen.«
Während er sprach, hatte er einige Werkzeuge aus seiner Tasche genommen und machte sich emsig an die Arbeit; sein Plan war, den Riegel so zu manipulieren, daß er vom Kohlenlift aus zurückgezogen werden konnte. Diese Operation dauerte nur drei Minuten. Dann steckte Poirot die Werkzeuge wieder ein, und wir stiegen hinauf in unsere Wohnung.
Den ganzen Montag war Poirot aus. Als er am Abend wiederkam, warf er sich mit einem Seufzer der Erleichterung in seinen Stuhl.
»Hastings, soll ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen? Eine Geschichte ganz nach Ihrem Geschmack, die Sie an Ihren Lieblingsfilm erinnern wird?« »Los damit«, lachte ich. »Ich nehme ja an, daß es sich um eine wahre Geschichte und keines Ihrer Phantasiegebilde handelt.« »Wahrer könnte Sie kaum sein. Inspektor Japp von Scotland Yard bürgt dafür, und durch seine freundliche Vermittlung kam sie mir zu Ohren. Hören Sie, Hastings! Vor etwas mehr als sechs Monaten wurden einige wichtige Marinepläne aus einer amerikanischen Dienststelle gestohlen. Sie waren einer Reihe ausländischer Regierungen wichtig -zum Beispiel der japanischen. Der Verdacht fiel auf einen jungen Mann namens Luigi Valdarno, ein Italiener von Geburt, der in der betreffenden Dienststelle einen unbedeutenden Posten innehatte; er verschwand zur gleichen Zeit wie die Pläne. Ob nun Luigi Valdarno der Dieb war oder nicht, jedenfalls wurde er zwei Tage später im Osten von New York erschossen aufgefunden. Die Pläne hatte er nicht bei sich. Nun war Luigi Valdarno in der letzten Zeit öfters mit einer Miss Elsa Hardt gesehen worden, einer jungen Konzertsängerin, die zusammen mit ihrem Bruder in Washington lebte. Über das Vorleben der Miss Elsa Hardt war nichts bekannt, aber auch sie verschwand plötzlich, ungefähr zu demselben Zeitpunkt, als Valdarno tot aufgefunden wurde. Es gibt Gründe, anzunehmen, daß sie in Wirklichkeit eine gerissene internationale Spionin war, die unter verschiedenen Decknamen gefährliche Aufgaben gelöst hatte. Sie wurde von der amerikanischen Abwehr gesucht, die außerdem einige unbedeutende japanische Herren, die in Washington lebten, beobachtete. Bei der Abwehr vermutete man, daß sich Elsa Hardt nach Verwischung ihrer Spuren diesen Herren nahem würde. Vor vierzehn Tagen nun reiste einer der Japaner plötzlich nach London. Daraus kann man den Schluß ziehen, daß auch Elsa Hardt in England ist.« Poirot machte eine Pause, und dann fügte er sanft hinzu: »Die offizielle Beschreibung von Elsa Hardt lautet: Größe: einssiebzig, Augen: blau, Haare: rotbraun, schöner Teint, gerade Nase, keine besonderen Merkmale.« »Mrs. Robinson!« japste ich.
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