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In den Fällen, die ich bis jetzt aufgezeichnet habe, fingen Poirots Untersuchungen -ob es nun Mord oder Raub war - immer an einem bestimmten Punkt an und entwickelten sich logisch bis zur erfolgreichen Endlösung. Der Fall, über den ich jetzt berichten will, war ganz ungewöhnlich. Zuerst erregten anscheinend triviale Ereignisse Poirots Aufmerksamkeit, später folgten recht düstere Begebenheiten. Ich hatte den Abend mit einem alten Freund, Gerald Parker, verbracht. Es war ungefähr ein halbes Dutzend Leute da, und das Gespräch kam, wie es früher oder später immer geschah, wenn Parker dabei war, auf die Wohnungsnot in London. Häuser und Wohnungen waren Parkers spezielles Hobby. Seit Kriegsende zog er ständig um. Er hatte zumindest sechs bis acht verschiedene Etagen oder kleine Häuser bewohnt. Kaum war er irgendwo eingerichtet, stieß er unerwartet auf eine neue Wohnung und zog mit Sack und Pack wieder um. Seine Umzüge endeten meist mit einem kleinen pekuniären Gewinn, denn er war ein guter Geschäftsmann; aber letztlich war es pure Liebe zu seinem Hobby, die ihn dazu veranlaßte. Eine Weile hörten wir Parker respektvoll zu. Schließlich war er der Experte auf diesem Gebiet. Dann trugen auch andere zu diesem Thema bei, und schließlich sprach alles durcheinander. Zuletzt behielt Mrs. Robinson das Wort, eine kleine, reizende Person, die in Begleitung ihres Mannes da war. Ich hatte sie an diesem Abend zum erstenmal gesehen, da die Robinsons erst kurze Zeit mit Parker bekannt waren. »Was Wohnungen anbelangt«, sagte sie, »haben Sie von unserm Glück gehört, Mr. Parker? Wir haben endlich eine Wohnung! In Montague Mansions.« »Großartig«, sagte Parker, »ich habe ja immer gesagt, es gibt genug Wohnungen - aber zu welchem Preis!« »Ja, aber unsere ist nicht teuer, sie ist sogar spottbillig. Achtzig Pfund im Jahr!«
»Was... aber, Montague Mansions. Das gehört doch zu Knightsbridge, nicht wahr? Ein großes, hübsches Gebäude. Oder gibt es außerhalb noch etwas mit ähnlichem Namen?« »Nein, es ist das Haus im Knightsbridgeviertel. Das ist ja gerade das Herrliche daran!«
»Herrlich ist wirklich das richtige Wort dafür - es ist ein wahres Wunder. Aber ein Haken wird wohl dran sein? Müssen Sie eine hohe Mietvorauszahlung leisten?« »Keine Vorauszahlung!«
»Keine Voraus... Oh, Donnerwetter!« rief Parker. »Lediglich die Einrichtung müssen wir kaufen«, fuhr Mrs. Robinson fort.
»Ah!« Parker blühte auf. »Ich wußte doch, daß die Sache irgendeinen Pferdefuß hat!«
»Aber nein! Die ganze Einrichtung kostet fünfzig Pfund. Und sie ist bezaubernd!« »Ich geb's auf«, sagte Parker. »Die jetzigen Mieter müssen völlig verrückt sein oder - Angehörige der Heilsarmee.« Mrs. Robinson sah ein bißchen beunruhigt aus. Eine kleine Falte erschien zwischen ihren hübschen Brauen. »Sonderbar, nicht wahr? Sie glauben doch nicht etwa, daß... daß ... es dort spukt?«
»Ich habe noch nie von einer Wohnung gehört, in der es spukt«, erklärte Parker entschieden. »Nein -?« Mrs. Robinson schien gar nicht überzeugt zu sein. »Aber es waren da doch einige Dinge, die mir ziemlich sonderbar vorkamen.«
»Was zum Beispiel?« wollte ich wissen. »Ah!« sagte Parker. »Die Aufmerksamkeit unseres Kriminalexperten ist erwacht! Erzählen Sie ihm alles, Mrs. Robinson! Hastings entwirrt die mysteriösesten Fälle.« Ich lachte etwas verlegen, aber doch etwas von der Rolle, die man mir zuschob, geschmeichelt. »Oh, nicht richtig sonderbar, Mr. Hastings! Wir versuchten es bei der Maklerfirma Stosser & Paul - wir waren vorher nie dortgewesen, weil sie nur die teuersten Mayfair-Wohnungen anboten, aber wir dachten, schließlich könne es ja nicht schaden. Doch alles, was sie uns anboten, kostete vier- oder fünfhundert Pfund im Jahr oder es wurde eine große Vorauszahlung verlangt, und dann - gerade als wir gehen wollten - erwähnten sie so nebenbei, sie hätten auch eine Wohnung zu achtzig Pfund, aber sie bezweifelten, ob es noch einen Sinn habe, hinzugehen. Wir erkundigten uns nach dem Grund des Zweifelns, und sie sagten uns, die Wohnung stünde schon eine ganze Weile in ihren Büchern, und sie hätten schon so viele Leute hingeschickt, so daß die Wohnung eigentlich längst vermietet sein müßte. Schließlich sehen sich viele Leute eine Wohnung an, nehmen sie und vergessen mitzuteilen, daß es geklappt hat.«
Mrs. Robinson machte eine offensichtlich schon seit langem benötigte Atempause und fuhr dann fort:
»Wir bedankten uns und sagten, wir wollten unser Glück versuchen und bäten sicherheitshalber um eine Zuweisung - nur für den Fall. So fuhren wir mit einem Taxi direkt hin. Die Wohnung Nummer vier lag im zweiten Stock, und als wir auf den Lift warteten, kam gerade Elsie Ferguson - sie ist eine meiner Freundinnen, Captain Hastings, und auch ewig auf der Wohnungssuche - eilig die Treppe herunter. >Einmal bin ich früher dran als du, meine Liebe<, sagte sie. >Aber es hat nichts geholfen. Sie ist schon vermietete Damit schien unser Traum zu Ende. Aber John sagte, wenn wir schon da seien, wollten wir uns selbst überzeugen. Die Wohnung sei doch so billig, wir könnten es uns leisten, ein bißchen mehr zu bieten. Und wenn wir vielleicht eine Vorauszahlung anbieten würden ... Es ist natürlich sehr häßlich, so etwas zu tun, und ich schäme mich auch, es Ihnen zu erzählen - aber Sie wissen nicht, was es heißt, dringend eine Wohnung zu benötigen.«
Ich versicherte Mrs. Robinson, daß ich mir darüber klar sei, daß der Kampf um eine Wohnung die niedrigsten Seiten der menschlichen Natur zum Vorschein brächte.
»Daher gingen wir eben hinauf, und - ob Sie es glauben oder nicht - die Wohnung war gar nicht vermietet. Ein Mädchen rührte uns hinein, wir lernten die Besitzerin kennen, und es wurde alles gleich abgemacht. Sofortiges Einzugsrecht und fünfzig Pfund für die Möbel. Wir unterzeichneten den Vertrag am nächsten Tag, und schon morgen ziehen wir ein!« Mrs. Robinson hielt triumphierend inne. »Und wie war das nun mit Mrs. Ferguson?« fragte Parker. »Wie kam sie zu ihrer Behauptung?« »Wahrscheinlich, lieber Parker«, sagte ich leichthin, »ging sie in die falsche Wohnung.«
»Oh, Captain Hastings, wie klug von Ihnen!« rief Mrs. Robinson.
Ich bedauerte, daß Poirot das nicht hören konnte, denn manchmal habe ich das Gefühl, daß er meine Fähigkeiten unterschätzt. Ganz beiläufig erzählte ich Poirot am anderen Morgen die Geschichte. Sie schien ihn zu interessieren, und er quetschte mich über die Mieten in den verschiedenen Gegenden Londons aus. »Komische Geschichte«, sagte er schließlich nachdenklich. »Entschuldigen Sie mich, Hastings, ich gehe ein wenig an die Luft.«
Als er ungefähr eine Stunde später zurückkam, glänzten seine Augen. Er legte seinen Stock auf den Tisch und bürstete seinen Hut mit Sorgfalt, ehe er zu sprechen anfing. »Ich bin froh, mein Freund, daß wir im Augenblick keinen anderen Fall zu bearbeiten haben. So können wir uns ganz auf die aktuellen Untersuchungen konzentrieren.« »Was für aktuelle Untersuchungen?« »Über die bemerkenswert billige Wohnung Ihrer Freunde Robinson.«
»Poirot, das ist doch nicht Ihr Ernst?« »Mein voller Ernst. Überlegen Sie mal, mein Freund. Die Wohnung müßte eigentlich dreihundertfünfzig Pfund kosten. Ich habe das gerade bei einem Häusermakler festgestellt. Trotzdem wird diese Wohnung für achtzig Pfund vermietet! Warum, frage ich mich.«
»Vielleicht ist doch etwas nicht in Ordnung. Vielleicht spukt es doch, wie Mrs. Robinson andeutete.« Poirot schüttelte unbefriedigt den Kopf. »Äußerst merkwürdig, daß Mrs. Robinsons Freundin sagte, die Wohnung sei schon vermietet, und dann, als die Robinsons selbst hinaufgehen, stellt sich heraus - es stimmt gar nicht!« »Wahrscheinlich ist die andere Dame einfach in eine falsche Wohnung gegangen. Das ist die einzige Erklärung.« »Vielleicht haben Sie recht, Hastings. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß eine Menge anderer Bewerber dort hingeschickt worden sind, um sie anzusehen, und doch, trotz der auffallenden Preiswürdigkeit, war die Wohnung noch zu haben, als Mrs. Robinson hinkam.« »Das deutet eben doch darauf hin, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist.« »Ist denn Mrs. Robinson gar nichts aufgefallen? Sehr sonderbar jedenfalls. Kam sie Ihnen wie eine wahrheitsliebende Frau vor, Hastings?« »Sie ist ein reizendes Geschöpf!«
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