Eine spöttische Prophezeiung vom Faschingsabend war einge-troffen: Hans Castorp hatte eine schlechte Fieberlinie gehabt, in steiler Zacke, die er mit einem Gefühl von Festlichkeit einge-zeichnet, war seine Kurve damals emporgestiegen und, nach ei-nigem Absinken, als Hochplateau fortgelaufen, das sich, nur leicht gewellt, dauernd über der Ebene des bisher Gewohnten hielt. Es war eine Übertemperatur, deren Höhe und Hartnäckig-keit nach des Hofrats Aussage zu dem lokalen Befund in kei-nem rechten Verhältnis stand. "Sind eben doch vergifteter, als man Ihnen zutrauen sollte, Freundchen", sagte er. "Na, greifen wir mal zu den Injektionen! Das wird Ihnen anschlagen. In drei, vier Monaten sind Sie wie der Fisch im Wasser, wenn es nach dem Unterfertigten geht." So kam es, daß Hans Castorp nun zweimal die Woche, am Mittwoch und Sonnabend gleich nach der Morgenmotion, sich im "Labor" drunten einzufinden hatte, um seine Einspritzung entgegenzunehmen.
Beide Ärzte verabfolgten dies Heilmittel, bald dieser, bald jener, aber der Hofrat tat es als Virtuos, mit einem Schwung, indem er beim Einstich zugleich abdrückte. Übrigens kümmerte er sich nicht um die Stelle, wohin er stach, so daß der Schmerz zuweilen des Teufels war und der Punkt noch lange brennend verhärtet blieb. Ferner wirkte die Injektion stark angreifend auf den Gesamtorganismus, erschütterte das Nervensystem wie eine Gewaltleistung sportlicher Art, und das zeugte für die ihr inne-wohnende Kraft, die sich auch darin bekundete, daß sie unmit-telbar, für den Augenblick, die Temperatur sogar erhöhte: so hatte der Hofrat es vorausgesagt, und so geschah es denn auch, gesetzmäßig und ohne daß es an der vorausgesagten Erschei-nung etwas zu beanstanden gab. Die Prozedur war rasch abgetan, war man nur erst einmal an der Reihe; im Handumdrehen hatte man sein Gegengift unter der Haut, sei es des Schenkels oder Armes. Ein paarmal aber, wenn der Hofrat sich eben auf-gelegt und vom Tabak nicht getrübt zeigte, kam es anläßlich der Injektion doch zu einem kleinen Gespräch mit ihm, das Hans Castorp etwa wie folgt zu lenken wußte:
"Ich denke noch immer gern an unsere gemütliche Kaffeestunde damals bei Ihnen, Herr Hofrat, voriges Jahr im Herbst, wie sich das zufällig so machte. Gerade noch gestern, oder ist es schon etwas länger her, habe ich meinen Vetter daran erin-nert …"
"Gaffky sieben", sagte der Hofrat. "Letztes Ergebnis. Der Junge will und will sich nun mal nicht entgiften. Und dabei hat er mich noch nie so getirrt und geplagt wie neuerdings, daß er weg will und einen Schleppsäbel haben, der Kindskopf Zetert mir über seine fünf Vierteljährchen vor, als ob es Äonen wären, die er sich um die Ohren geschlagen. Weg will er, so oder so, – sagt er es zu Ihnen auch? Sie sollten ihm mal ins Gewissen re-den, von Ihnen aus, und das mit Nachdruck! Das Mannsbild geht Ihnen in die Binsen, wenn es vorzeitig Ihren gemütvollen Nebel schluckt, da oben rechts. So ein Eisenfresser braucht nicht viel Hirnschmalz zu haben, aber Sie als der Gesetztere, der Zivi-list, der Mann bürgerlicher Bildung, Sie sollten ihm den Kopf zurechtsetzen, bevor er Dummheiten macht."
"Tu' ich, Herr Hofrat", antwortete Hans Castorp, ohne die Führung fahren zu lassen. "Tu' ich öfters, wenn er so aufmuckt, und denke ja auch, er wird Räson annehmen. Aber die Beispie-le, die man vor Augen hat, sind ja nicht immer die besten, das ist das Schädliche. Immer kommen Abreisen vor, – Abreisen ins Flachland, eigenmächtig und ohne wahre Befugnis, aber es ist eine Festivität, als ob es eine echte Abreise wäre, und hat was Verführerisches für schwächere Charaktere. Zum Beispiel neu-lich … wer ist denn neulich noch abgereist? Eine Dame, vom Guten Russentisch, Madame Chauchat. Nach Daghestan, wie er-zählt wurde. Nun, Daghestan, ich kenne das Klima nicht, es ist am Ende weniger ungünstig als oben am Wasser. Aber Flachland ist es doch in unserem Sinn, wenn es vielleicht auch gebir-gig ist, geographisch genommen, ich bin da nicht so beschlagen. Wie will man denn da nun leben, unausgeheilt, wo die Grund-begriffe fehlen und niemand von unserer Ordnung hier oben weiß und wie es zu halten ist mit Liegen und Messen? Übrigens will sie ja ohnedies wiederkommen, hat sie mir gelegentlich mitgeteilt, – wie kamen wir überhaupt auf sie? – Ja, damals tra-fen wir Sie im Garten, Herr Hofrat, wenn Sie sich erinnern, das heißt Sie trafen uns, denn wir saßen auf einer Bank, ich weiß noch auf welcher, genau könnt' ich sie Ihnen bezeichnen, auf der wir saßen und rauchten. Will sagen, ich rauchte, denn mein Vetter raucht ja unbegreiflicherweise nicht. Und Sie rauchten auch gerade, und wir offerierten uns gegenseitig noch unsere Marken, wie mir eben wieder einfällt, – Ihre Brasil hat mir aus-gezeichnet geschmeckt, aber man muß damit umgehen wie mit jungen Pferden, glaub ich, sonst stößt einem was zu, wie Ihnen damals nach den beiden kleinen Importen, als Sie mit wogendem Busen abtanzen wollten, – da es gut gegangen ist, kann man ja lachen. Von Maria Mancini hab ich mir übrigens neulich wieder ein paar hundert Stück aus Bremen verschrieben, ich hänge doch sehr an dem Erzeugnis, es ist mir nach jeder Rich-tung sympathisch. Nur allerdings, die Verteuerung durch Zoll und Porto ist ziemlich empfindlich, und wenn Sie mir nächstens noch was Beträchtliches zulegen, Herr Hofrat, so bin ich im-stande und bekehre mich schließlich zu einem hiesigen Kraut, – man sieht in den Fenstern ganz schöne Sachen. Und dann durf-ten wir Ihre Bilder sehen, ich weiß es wie heute, und hatte den größten Genuß davon, – geradezu perplex war ich, was Sie mit der Ölfarbe riskieren, ich würd' es mich nie unterstehen. Da sa-hen wir ja auch Frau Chauchats Porträt mit seiner erstrangig ge-malten Haut, – ich darf wohl sagen, ich war begeistert. Damals kannte ich das Modell noch nicht, nur vom Ansehen, dem Na-men nach. Seitdem, ganz kurz vor ihrer diesmaligen Abreise, habe ich sie ja noch persönlich kennengelernt."
"Was Sie sagen!" erwiderte der Hofrat, – ebenso, wenn die Rückbeziehung erlaubt ist, wie er erwidert hatte, als Hans Castorp ihm vor seiner ersten Untersuchung mitgeteilt, daß er übrigens auch etwas Fieber habe. Und weiter sagte er nichts.
"Doch, ja, das habe ich", bestätigte Hans Castorp. "Erfahrungsgemäß ist es gar nicht so leicht, hier oben Bekanntschaften zu machen, aber mit Frau Chauchat und mir hat es sich in letzter Stunde doch noch getroffen und arrangiert, gesprächsweise sind wir uns …" Hans Castorp zog die Luft durch die Zähne ein. Er hatte die Spritze empfangen. "Fff!" machte er rückwärts. "Das war sicher ein hochwichtiger Nerv, den Sie da zufällig getroffen haben, Herr Hofrat. Oh, ja, ja, es schmerzt höllenmäßig. Danke, etwas Massage verbessert die Sache … Gesprächsweise sind wir uns näher gekommen."
"So! – Na?" machte der Hofrat. Er fragte kopfnickend, mit jemandes Miene, der eine sehr lobende Antwort erwartet und in die Frage zugleich die Bestätigung des zu erwartenden Lobes aus eigener Erfahrung legt.
"Ich nehme an, daß es mit meinem Französisch etwas geha-pert hat", wich Hans Castorp aus. "Woher soll ich's am Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt einem ja man-ches an, und so ging es denn mit der Verständigung doch ganz leidlich."
"Glaub' ich. Na?" wiederholte der Hofrat seine Aufforderung. Von sich aus fügte er hinzu: "Niedlich, was?"
Hans Castorp, den Hemdkragen knüpfend, stand mit ge-spreizten Beinen und Ellbogen, das Gesicht zur Decke gewandt.
"Es ist am Ende nichts Neues", sagte er. "An einem Badeort leben zwei Personen oder auch Familien wochenlang unter demselben Dach, in Distanz. Eines Tages machen sie Bekanntschaft, finden aufrichtiges Gefallen aneinander, und zugleich stellt sich heraus, daß der eine Teil im Begriffe ist, abzureisen. So ein Bedauern kommt häufig vor, kann ich mir denken. Und da möchte man nun doch wenigstens Fühlung wahren im Leben, voneinander hören, das heißt per Post. Aber Frau Chau-chat…"
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