In Irland, wo Shane lebte, war es gleich schon Mitternacht. Es blieb ihr also nicht mehr viel Zeit, mit ihm zu sprechen, bevor er ins Bett ging. Dann würde sie eine Ewigkeit von acht Stunden ohne ihn ertragen müssen, weil er dann schlief. Keine Nachrichten, keine spöttischen SMS oder witzige Kommentare. Diese acht Stunden waren schier unerträglich, so sehr sehnte sie sich nach ihm.
„Rufst du ihn jeden Morgen an?“, fragte Bryn erstaunt.
Keira entging der verächtliche Unterton in der Stimme ihrer Schwester nicht. Sie war überzeugte Single-Frau mit ständig wechselnden Verabredungen. Das machte sie misstrauisch allen Menschen gegenüber, die behaupteten, sie hätten die wahre Liebe gefunden.
„Jap. Da schnarchst du meistens noch, daher ist dir das bisher nicht aufgefallen.“
„Ich finde das irgendwie ungesund. Du bist jetzt schon viel zu abhängig von ihm.“
Keira rollte mit den Augen und stand auf. Bryn war eine absolute Besserwisserin und gleichzeitig ein wahrlich schlechtes Vorbild. Wenn sie es doch nur sehen könnte, was sie und Shane verband, dann würde sie das nicht mehr so vorschnell verurteilen.
Keira nahm ihr Handy mit ins Bad, denn nur da war sie ungestört. Bryns Wohnung war ansonsten sehr hellhörig. Sie wählte Shanes Nummer. Sofort war ihr Körper von Erregung erfüllt, während sie dem Freizeichen lauschte und sich darauf freute, Shanes wunderbare Stimme wieder zu hören. Sie konnte es kaum erwarten, ihm alles zu erzählen, was sie für seinen Besuch geplant hatte. New Yorks Sehenswürdigkeiten, von der Fressmeile über Spaziergänge am Fluss entlang, die Museen, die Parks und jede Menge Kunstgalerien. Sie hatte einen sehr engen Zeitplan erstellt und sie wusste, dass Shane sich darauf freute, sich alles von ihr zeigen zu lassen.
Endlich nahm Shane am anderen Ende ab. Aber anstatt seine übliche fröhliche Stimme zu hören, klang er irgendwie angespannt. Normalerweise begrüßte er sie mit irgendeinem albernen Spitznamen, aber heute nannte er sie einfach bei ihrem Namen.
„Keira, hey“, sagte er müde, als habe er einen furchtbar schlechten Tag gehabt.
Keiras Hochgefühl fiel umgehend in sich zusammen. Im Hintergrund hörte sie Geräusche, Gespräche, klingelnde Telefone.
„Was ist passiert?“, fragte sie und spürte Panik in sich aufkommen. „Wo bist du?“
„Im Krankenhaus.“
„Oh mein Gott! Warum?“ Keiras Herz raste, sie malte sich sofort die schlimmsten Szenarien aus. „Bist du verletzt? Oder krank?“
„Nein, es geht nicht um mich“, sagte Shane. „Mir geht es gut. Es ist mein Vater.“
Keira erinnerte sich gut an Calum Lawder. Er war einer der nettesten, süßesten Menschen, die sie je die Ehre hatte kennengelernt zu haben. Der Gedanke, dass es ihm schlecht gehen könnte, war niederschmetternd.
„Geht es ihm gut? Was ist denn mit ihm?“
Shane seufzte schwer. „Jetzt geht es ihm wieder besser. Er ist operiert worden.“
Keira lief es eiskalt den Rücken herunter. „Operiert?“
„Ich bin schon den ganzen Tag in der Notaufnahme. Er hatte einen Herzinfarkt. Sie mussten ihm einen Stent setzen. Es ist ein Wunder, dass er noch lebt. Wenn nicht zufällig heute Morgen ein Herzchirurg hier gewesen wäre, dann hätte er es nicht mehr geschafft.“
„Oh, Shane, das tut mir ja so leid.“ Keira spürte einen Kloß im Hals. Sie wünschte, sie könnte durch das Telefon hindurch greifen und Shane in den Arm nehmen, um ihn zu trösten. „Wie geht es deiner Mutter und deinen Schwestern?“
„Uns geht es allen gut. Wir stehen alle noch unter Schock, um ehrlich zu sein. Vor allem Hannah.“
Keira dachte an Shanes kleine Schwester, das 16-jährige Mädchen mit den goldenen Haaren. Sie hatte sich besonders gut mit ihr verstanden. „Armes Kind“, sagte sie. Auf einmal erschien es ihr ein unpassender Zeitpunkt, um über seine Reise nach New York zu reden. Alles, was sie sich an aufregenden Dingen vorgenommen hatten, war jetzt nicht wichtig, angesichts dessen, was Shane gerade durchmachte. „Wie geht es Calum denn jetzt?“
„Er ist wach und albert herum. Aber ich sehe doch, dass er nur so tut, als sei alles halb so schlimm, damit wir uns keine Sorgen machen.“
„Es tut mir so leid, Liebling. Ich wäre so gern bei dir, um dir beizustehen. Aber ich hebe mir all die Umarmungen für nächste Woche auf, wenn du herkommst.“
Am anderen Ende der Leitung schwieg Shane. Keira konnte nichts hören außer die klingelnden Telefone des Krankenhauses, das Piepen von Maschinen und von fern das Heulen von Sirenen, eben die übliche Geräuschkulisse eines Krankenhauses.
„Klingt ziemlich chaotisch im Hintergrund“, sagte sie, als Shane weiterhin schwieg.
„Keira“, fiel er ihr schließlich ins Wort.
Die Art, wie er ihren Namen sagte, gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie hatte die vage Vorahnung, dass Shane keine guten Neuigkeiten haben würde.
„Was?“, fragte sie und klang schon vorauseilend unglücklich.
„Ich werde die Reise absagen“, meinte Shane.
Keira konnte hören, dass ihn das auch ziemlich mitnahm.
„Wirklich?“ Ihre eigene Stimme war voller Schmerz.
„Es tut mir leid. Aber ich muss jetzt hier sein. Für meine Mutter und die Mädchen. Sie sind alle ganz aufgelöst. Ich käme mir wie ein Schuft vor, wenn ich nach New York abrausche und sie damit allein lasse.“
„Aber es ist noch eine Woche bis dahin“, widersprach Keira. „Vielleicht hat sich die Lage bis dahin entspannt? Calum wird wieder auf die Beine kommen. Und solange wärst du ja nicht weg. Nur eine Woche. Es ist ja nicht so, als würdest du einen ganzen Monat hier verbringen. Ein paar Tage werden sie sicher ohne dich zurechtkommen. Ich meine, sie kommen ja auch ohne dich aus, wenn du beim jährlichen Festival der Liebe in Lisdoonvarna arbeitest.“
Sie konnte nicht aufhören zu reden und klang schon ziemlich verzweifelt. Aber sie hatte sich so darauf gefreut, Shane wiederzusehen. Sie wollte ihm ihre Welt zeigen, so wie er ihr seine gezeigt hatte. Das Warten fiel ihr schwer, die Trennung war hart. Ganz abgesehen von den teuren Flugtickets, die sie gekauft hatte, den Veranstaltungen, die sie im Voraus gebucht hatte, die man zwar absagen konnte, aber das Geld nicht zurückbekam. Sie hätte den Bonus, den Elliot ihr gezahlt hatte, besser in eine neue Wohnung investiert, anstatt sich auf Bryns Couch den Rücken zu ruinieren. Konnte sie es sich überhaupt leisten, die Reise umzubuchen? Shane hatte nicht viel Geld und konnte nichts dazu beisteuern.
„Mein Vater wäre fast gestorben, Keira“, sagte Shane ganz direkt. „Das ist nicht dasselbe, wie ein Monat weg von zu Hause wegen des Festivals.“
„Das weiß ich doch“, gab sie schnell nach. „Ich wollte mich nicht selbstsüchtig anhören. Du fehlst mir einfach so sehr.“
„Du fehlst mir auch“, antwortete Shane und seufzte schwer.
Keira fühlte sich hundeelend. Aber sie wollte sich nicht so runterziehen lassen, denn es war ja nicht einmal ihr Angehöriger da in der Notaufnahme. Sie entschied sich, munterer zu erscheinen als sie sich fühlte.
„Ich schätze, da ist dann nichts zu machen“, sagte sie ruhig. „Lass uns lieber einen neuen Termin überlegen, damit die Tickets nicht komplett verfallen. Dann kann ich wenigstens wieder anfangen, die Tage zu zählen.“ Sie kicherte und bemühte sich, so zu tun, als wäre alles halb so schlimm.
Wieder antwortete Shane nicht. Keira hörte nur eine Krankenschwester, die irgendjemanden zu Dialyse geleitete.
„Shane?“ Sie hatte genug von der andauernden Stille.
Endlich antwortete er.
„Ich glaube nicht, dass ich einen neuen Termin ausmachen kann“, sagte er.
„Wegen deines Vaters? Shane, es wird ihm bald wieder besser gehen. Dann kümmert er sich wieder um die Farm. Ich wette, spätestens im November ist alles wieder wie vorher. Oder wir können auch bis Dezember warten, wenn dir das lieber ist. Das gibt ihm reichlich Zeit, sich gut zu erholen.“
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