Sie nickte, als sich die Männer verbeugten. Neugierig setzte sie sich und sah zu ihrem Cousin.
„Jolie, Mr. Norton ist hier im Auftrag des Duke of Yardley.“
‚Was hat das mit mir zu tun ?‘, fragte sie sich, aber hielt den Mund. Trotzdem beschleunigte sich ihr Puls. Sie hatte von Yardley gehört, dem Duke, dem man nachsagte, er sei kalt und ein Einsiedler, aber sie hatte ihn noch nicht persönlich getroffen.
„Ich lasse Sie erklären, Mr. Norton, wenn Sie so freundlich wären“, sagte ihr Cousin.
„Ihre Ladyschaft, ich fasse mich kurz. Seine Gnaden hat beschlossen zu heiraten und hat Sie ausgewählt.“
Eine unkontrollierbare Welle der Verärgerung fegte über sie hinweg. Schickte der Duke seinen Heiratsantrag über seinen Anwalt ohne die geringste Vorstellung? Wie konnte er es wagen! War er der Meinung, dass er über den allgemeinen Höflichkeiten thronte? Zugegeben, es war in gewisser Weise schmeichelhaft, aber sie würde niemals jemanden heiraten, der so arrogant, so ... so ... Ihr fiel noch nicht einmal ein passendes Wort für eine derartige Dreistigkeit ein! Hatte er sich mit ihrem Vater darauf geeinigt, dass er ihr einen Antrag machen könne? Nein, das würde ihr Vater nie tun. Sie saß still, versuchte ihr Temperament unter Kontrolle zu bekommen und dachte über eine würdevolle Antwort nach. Alles, was aus ihrem Mund kam, war: „Ich verstehe.“
Der Anwalt musste ihr Schweigen als freudigen Schock interpretiert haben, denn er fuhr fort: „Er macht Ihnen ein ausgesprochen großzügiges Angebot, mylady .“
Er gab ihr ein Blatt Papier, auf dem das Angebot festgehalten war. Sie konnte es kaum verhindern, dass ihre Hand mit dem Papier zitterte.
„Sie werden in hohem Stil angesiedelt werden, mit Ihrem eigenen Haus und Anwesen und mehreren tausend Pfund pro Jahr. Und es ist nicht von der Bereitstellung eines Erben abhängig“, sagte der Anwalt, als ob sie sich geschmeichelt fühlen sollte.
Jolie spürte den Blick ihres Cousins auf sich. Sie sah ihn fragend an und konnte an seinem Gesichtsausdruck ablesen, dass er so geschockt war wie sie selbst. Wie würde ihr Vater damit umgehen? Sie vermutete, dass Easton der Meinung war, dass die Entscheidung bei ihr läge. Jolie musste tief Luft holen, damit sie den Überbringer der Nachricht nicht erwürgte. Sie stand auf und winkte die Männer wieder auf ihre Stühle, während sie zum Fenster ging, ihre Gedanken in Aufruhr.
Nach ein paar Minuten drehte sie sich um und fragte: „Sir, würden Sie so gut sein und Seine Gnaden darüber informieren, dass ich eher in der Hölle schmoren als seinen Antrag annehmen würde.“
Sie riss die Vereinbarung in zwei Teile und warf sie in Nortons Schoß.
„Gentlemen“, sagte sie, und verließ das Zimmer.
Jolie ging vom Arbeitszimmer hinaus in den Garten. Das tägliche Füttern der Vögel bereitete ihr große Freude. Sogar wenn sie in der Stadt war, nahm sie sich dafür Zeit. Sie ergriff eine Handvoll Krumen und setzte sich auf eine Bank. Die Vögel begannen zu picken, sobald sie ihnen das Futter auf den Weg warf.
Ihr Cousin Easton folgte ihr nach draußen und lehnte sich an eine Balustrade in der Nähe.
„Vergib mir, falls ich unhöflich war. Habe ich überreagiert?“, fragte Jolie ihren Cousin, ohne aufzublicken.
Easton haderte einen Moment mit der Antwort.
„Nein. Wenn er um Erlaubnis gefragt hätte, um dir seine Aufwartung zu machen, vielleicht. Aber einen Heiratsantrag durch einen Anwalt überbringen zu lassen ist sehr antiquiert und zeugt von schlechtem Geschmack, auch wenn er ein Duke ist.“
Jolie räusperte sich zufrieden. Sie hatte sich wegen ihrer dramatischen Ablehnung vor den beiden Anwälten geschämt. Das hatte sie nicht gut gehandhabt.
„Die Sache ist, ich kenne Yardley seit Eton und ich bin erstaunt“, bemerkte Easton.
„Du kennst diesen einsiedlerischen Duke?“ Jolie sah ihren Cousin an, ohne die Bewunderung in ihrer Stimme zu verbergen.
Easton lächelte. „Sogar sehr gut.“
Jolie war trotzdem beeindruckt. „Stimmt es denn, was man über ihn sagt? Ich muss gestehen, ich weiß nur wenig über ihn, nur das eine oder andere, was ich gehört habe, von einer Scheidung und einem Duell. Ich war ziemlich jung damals und Maman wollte mir nicht alles erzählen. In der Stadt wird er kaum erwähnt außer als der einsiedlerische Duke.“
„Wie oft sind Gerüchte zutreffend?“, antwortete Easton mit einer Gegenfrage.
„Etwas davon entspricht sehr oft der Wahrheit“, entgegnete sie.
„Er ist geschieden, aber seine Frau starb. Es ist nicht alles so, wie die Gesellschaft es dargestellt hat.“
„Habe ich einen Fehler gemacht?“ Jolies Laune sank.
„Nein. Würdest du in einer solchen Beziehung glücklich sein?“ Er hielt seine Hände hoch. „Trotz deiner Proteste?“
Jolie dachte einen Moment nach, bevor sie antwortete. „Nein, vermutlich nicht. Aber ich habe auch nie gedacht, dass ich aus Liebe heiraten würde.“
Easton lachte in sich hinein. „Von allen drei Schwestern bist du diejenige, die ich am meisten für eine Liebesheirat geeignet finde. Wenn du dir nur selbst zusehen könntest, wie du mit Tieren umgehst und dabei dein sanftes Herz sehen, dann würdest du vielleicht anders darüber denken.“
„Gut möglich“, sagte sie zweifelnd. „Ich war immer davon ausgegangen, einmal eine gute Ehe zu führen und meinen Ehemann zu respektieren. Ich denke, das reicht mir.“
„Würdest du Yardley nicht als passenden Partner in Erwägung ziehen?“, fragte Easton mit erhobenen Augenbrauen. „Es würde schwierig sein, eine noch bessere Position in der Gesellschaft zu erhalten.“
„Du überraschst mich, Cousin. Gerade dir sind Status und Gesellschaft unwichtig. Ich habe den Mann noch nicht einmal getroffen.“
„Durchaus zutreffend. Allerdings, dein Vater ist nicht hier und ich versuche mein Bestes, weise Ratschläge zu erteilen.“
Sie lachte. „Du hast recht. Meine Schwestern würden nicht glauben, dass ich einen Duke abgelehnt habe.“
„Man hat dich verspottet und ich glaube, du weißt, dass du ein Minimum an Respekt verdienst. Selbst der Titel einer Duchess wäre es nicht wert, sich selbst zu erniedrigen.“
„Danke, Easton“, sagte Jolie leise, dankbar, dass ihr Cousin sie unterstützte.
„Du solltest dir dennoch alle Möglichkeiten offenhalten. Wenn Yardley eine Frau braucht, wird er über kurz oder lang in Erscheinung treten. Wenn er dich will, dann sorge dafür, dass er dich anständig fragt.“
„Er hat vermutlich seinen Anwalt schon zu der nächsten, glücklichen Lady auf der Liste geschickt.“
„Vielleicht hat er das. Aber ich denke, du solltest dich darauf vorbereiten, ihn zu treffen. Vielleicht änderst du dann deine Meinung.“
„Niemals.“
Jolie entschuldigte sich, da sie ihre Reitsachen ausziehen wollte. Easton sah auf den Kanal in der Ferne und überlegte, wie er mit dieser unerwarteten Entwicklung umgehen sollte. Und auch, ob er sich auf der Seite seiner Cousine oder der seines Freundes einbringen sollte. Solange ihre Eltern in Schottland weilten, war er für Jolie verantwortlich.
„Bedrückt dich etwas, Liebling?“, fragte Lady Easton, die von ihren engen Freunden Elly genannt wurde, als sie sich zu ihrem Ehemann gesellte und sich auf die Balustrade stützte.
Easton lächelte sie an und beugte sich zu ihr, um sie auf den Kopf zu küssen. „Ich überlege, ob ich Jolie sagen soll, dass Yardley zu Besuch kommen wird oder nicht.“
„Weil er ein Duke ist?“, fragte Elly mit schelmischem Gesichtsausdruck. Sie wusste von Jolies angeblichem Wunsch, eine Duchess zu werden.
„Ja und nein.“ Easton erzählte Elly, auf welche Art und Weise Yardley einen Heiratsantrag über seinen Anwalt geschickt hatte.
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