Meine Angst ließ nach und ich gestand, dass ich im ersten Jahr Englische Literatur studierte. Gegenstand dieses Semesters war die Erzählprosa. «Und wie ist das, einen Roman zu studieren?», fragte er und sah mich mit seinen braunen Augen neugierig an. «Inspirierend», sagte ich. «Es ist sehr inspirierend, von den Figuren in diesen Geschichten zu lernen, wie man sein eigenes Leben lebt.»
Er war überrascht, dass ich in dem Flügel des Wohnheims wohnte, der Medizinstudenten vorbehalten ist. Ich sagte ihm, dass mein Onkel in den Siebzigern Bürgermeister von Aleppo war und noch immer großen Einfluss hatte. Er hatte mir dieses Zimmer besorgt, damit ich mich ungestört auf die Prüfungen vorbereiten konnte. Ich schwieg und sah ihn an, mein Gesicht glühte noch immer. Er sagte: «Ich bin Ali aus Tartus.»
Nach seinem Familiennamen zu urteilen gehörte er vielleicht zu einem mächtigen Alawiten-Clan; später erzählte er mir, sein Vater habe eine hohe Stellung in der Regierung. Kinder aus solchen Familien wuchsen ohne Einschränkungen auf, sie konnten zelten, auf Partys gehen und sogar verreisen. Die Mädchen kommandierten beim Friseur die Angestellten herum und drohten, sie dem Besitzer zu melden, wenn sie ihnen die Fingernägel nicht makellos polierten. Die flegelhaften Jungs lernten früh vom Egoismus ihrer Väter und behandelten die Lehrer mit geradezu unglaublicher Arroganz. Auf dem Spielplatz verschütteten sie Saft und ließen Muffins zu Boden fallen, ohne den Dreck selbst wegzumachen. In der Mittelstufe hatte ich einen frechen Mitschüler, dessen Vater Kommandant der Militärpolizei in der Bergregion war, aus der auch Ali stammte. Überall im Land versuchte jeder, von seiner beruflichen Position zu profitieren, genau wie mein Onkel, der mich im besten Teil des Studentenwohnheims unterbrachte.
Ali unterbrach meine Gedanken und bot mir ein heißes Getränk an, Mate. Ich nickte, weil ich ihm mit allen Mitteln gefallen wollte, bedauerte es aber sofort. Der erdige Geruch stieg mir in die Nase, doch er konnte die Erinnerung an meinen Widerwillen gegen den bitteren Nachgeschmack nicht verdrängen, den ich das einzige Mal, das ich Mate getrunken hatte, empfunden hatte. «Ich glaube, es geht mir besser», sagte ich und rieb mir den Bauch. «Du wolltest gerade verreisen, stimmt’s? Ich will nicht, dass du zu spät zum Zug kommst.» Ich nahm mein Hemd vom Bett und spürte seine Hand auf meiner Schulter. «Ich mag dich und möchte dich als Zimmergenossen», sagte er und kam näher heran. «Sonst quartieren sie hier noch irgend so ein Arschloch ein.» Er zeigte auf das freie Bett. «Das ist für dich, aber beeil dich, es bleibt nicht ewig frei.» Bevor ich antworten konnte, nahm er die Schlüssel aus der Tasche. «Sprich mit dem Hausmeister und bring deine Sachen herüber; ich möchte, dass du hier bist, wenn ich morgen Abend zurückkomme», sagte er und nahm meine Hand in seine, die noch immer feucht war. «Und jetzt geh ich duschen.»
«Bleib doch heute Abend noch hier. Das Erziehungsministerium hat für eine Woche alle Prüfungen ausgesetzt; du musst also nicht ins Wohnheim, Habibi *!» Meine Schwester stand hinter mir. «Ich bin sicher, die Muhabarat *sind unterwegs und kontrollieren, wie die Menschen auf die Nachrichten reagieren und ob sich jemand verdächtig benimmt.» Ich zog den Schlüssel aus der Tasche. «Ich habe die Schlüssel für unser Zimmer; mein Mitbewohner kommt heute Abend zurück.» Sie wirkte nicht sehr überzeugt. «Ich verstehe dich nicht.»
Schließlich konnte ich nicht anders und lief eilig davon. Im Bus war jeder schweigend mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ich schloss die Augen und versuchte, alles andere auszublenden. Das alte Radio übertrug Lesungen aus dem Koran, um den großen Verlust für das Land zu betonen. Die Suren wurden alle fünf Minuten vom monotonen Geräusch der Türen unterbrochen, wenn Passagiere ein- oder ausstiegen.
«Universität!» Der Busfahrer rief den Namen der Haltestelle. Ich stieg aus und folgte einem anderen Studenten.
Mein Schritt wurde schneller, nachdem ich das Tor zur Universität passiert hatte. Niemand war zu sehen. Der Platz, der sonst voller Lachen und lauter Gespräche ist, war verlassen. Ich hatte nur einen Wunsch, anzukommen und die Tür zu öffnen, den Duft zu riechen, der noch immer den Raum erfüllte. Ich war ganz in Gedanken vertieft und achtete auf nichts um mich her. Hier war ein stiller Ort, weit weg vom Spektakel der Trauer, die das ganze Land erfasst hatte.
Ich stellte die Tasche auf den Boden. Sein Bett war nicht gemacht; das Matepulver im Glas war getrocknet und ein markanter Geruch entströmte der Teekanne. Auf der Kommode lagen Medikamentenschachteln und der Sessel war übersät mit Papieren. Ich wischte den Tisch ab und räumte die Medikamente und CDs zur Seite. Dann nahm ich meine Sachen aus der Tasche, eine lange und zwei kurze Hosen, mein blaues Hemd und ein paar Unterhosen. Ich hängte alles in den Schrank neben meinem Bett. Die zwei Bücher, die ich gekauft hatte, einen englischen Roman und einen Band Theaterstücke, stellte ich auf den Tisch neben seine dermatologischen Fachbücher. Er hatte einen CD-Player und eine CD von Mustafa Yuzbaschi. Ich hatte noch nie von dem Sänger gehört, also nahm ich die CD und las die Titel der Songs: Ich sehne mich nach deinen dunklen Augen, Weshalb hat dein Herz mich verlassen? und Erlöse mich , eins von Alis Lieblingsliedern, wie ich später erfahren sollte. Ich wollte die CD gerade abspielen, als mich der Gedanke durchfuhr: «Heute ist al-Assads Trauertag, es ist verboten, Musik zu hören oder Filme zu schauen.» Ich hielt die CD in der Hand, fragte mich, was für eine Art von Musik sie wohl enthielt und stellte mir vor, wie Ali sie sich anhörte.
Es mag zwei Uhr morgens gewesen sein; ich saß auf dem Sessel und hatte die Fenster weit geöffnet. Eine ungewöhnliche Stille erfüllte die Nacht, aber aus irgendeinem Grund spürte ich, dass sich am Morgen alles ändern würde. Eine Zeit der Ungewissheit würde anbrechen, in der Hafiz’ allgegenwärtiges Gesicht nicht mehr an den Wänden der Unterrichtsräume von Schulen, Colleges und Universitäten überall im Land hängen würde. Doch wie würde es weitergehen, jetzt, wo er fort war? Der Staat war es schon so lange gewohnt, unter seiner Knute zu stehen, dass man sich nichts anderes mehr vorstellen konnte. Ich zog mich aus und legte mich auf Alis Bett, stellte mir vor, wie er meine Hand hielt. Ich rief die Erinnerung wach, wie er mich berührt hatte und ein Stromschlag von Kopf bis Fuß durch mich hindurchgefahren war. Schließlich gewann die Müdigkeit die Oberhand und ich fiel in tiefen Schlaf.
Fahrgeräusche weckten mich. Das Sonnenlicht füllte bereits den Raum. Ich drehte mich um, um nach der Uhr zu greifen. Mein Rücken war nass vom Schweiß, meine Brust, die Arme und das Laken waren so nass, als ob ich die ganze Nacht Sex gehabt hätte. Ich zog die Shorts an und öffnete die Tür. Einige Studenten, die die Nacht hier verbracht hatten, gingen mit ihren Taschen schnell den Flur entlang. Auf dem Weg zum Waschraum ging ich an ihnen vorbei. Der Waschraum war leer, aber ich hörte die Stimmen der Studenten, die draußen für den Bus Schlange standen. «Woher stammst du?» Ich drehte mich um. Ein mittelalter Typ, klein und stämmig, war aus dem Nichts aufgetaucht. Er betrachtete mich verstohlen aus einer Ecke des Waschraums. An seinem verwuschelten Haar sah man, dass er gerade erst aufgewacht war. Seine Brille rutschte ihm fast von der großen Nase. «Ich komme aus Deir ez-Zor», erwiderte ich. Er stellte sich als Doktor Omar vor. «Sieht so aus, als gingen die meisten der alawitischen Studenten zurück in ihre Dörfer in den Bergen.» Er grinste. «Sie sind traurig, dass ihr unsterblicher Held gestorben ist, und haben Angst vor dem, was jetzt passieren könnte. Es ist sicherer, die Stadt erst einmal zu verlassen, meinst du nicht auch?» Wegen seines starken Akzents nahm ich an, dass er aus der Provinz Idlib stammte. Was er sagte, klang verdächtig nach Muhabarat , deshalb schlich ich mich davon, ohne zu antworten.
Читать дальше