„Und zu wem gehören Sie?”, erklang plötzlich eine tiefe Stimme hinter Charlotte. Sie drehte sich um und fand einen silberhaarigen Mann in einem dunklen Anzug vor sich. Sie konnte ihn nicht zuordnen, denn fast jeder ältere Mann hier war silberhaarig und in einem dunklen Anzug gekleidet.
„Zu den Kralls“, erklärte Charlotte ihm. „Charlotte Krall, Nichte des Alpha Jared Krall.“
„Josiah Beran“, antwortete der Mann und streckte ihr seine Hand hin. Sie schüttelte sie und bemerkte dabei, dass sein Griff überraschend schwach für seine Größe war. Der Mann war fast 2m groß und sah sehr gesund aus, aber seine Hand zitterte, als er sie losließ.
„Beran … Oh, Sie und Ihre Partnerin haben die erste Kennlernparty veranstaltet! Abby sagte, es war sehr schön”, sagte Charlotte.
„Sie waren nicht da”, sagte Josiah. Eine Feststellung keine Frage. Als wenn er sich dann an sie erinnert hätte. Die feinen Haare an Charlottes Nacken sträubten sich, als wenn sie sich fragte, ob Josiah vielleicht tatsächlich mit ihr flirtete . In dem Moment dämmten sich die Lichter in der großen Halle und ließen die Versammlung noch privater erscheinen.
Über ihnen bemalten Scheinwerfer die Gold- und cremefarbende Wand mit lebendigen, malvenfarbenen Schatten und die sieben-Mann-Band begann, „Jump, Jive and Wail“ zu spielen.
Charlotte schaute Josiah Beran an und räusperte sich und sprach laut, damit sie die Band und die Gespräche der anderen Berserker übertönte.
„Hm, nein … Mein Vater ist kein Alpha. Ich bin hier, um meine Cousine Abby zu unterstützen, Jared und Lindsays Tochter”, sagte Charlotte und nickte zu ihrer Cousine. Josiah drehte sich um und schaute Abby lange an, ehe er die Schultern zuckte und seine Aufmerksamkeit wieder Charlotte zuwandte. Charlotte war überrascht, denn für die meisten Männer war Abby zu schön und einnehmend, um so einfach übersehen zu werden.
„Komm mit”, sagte er und streckte seine Hände aus und griff Charlotte an der Taille. Charlotte zögerte zuerst, gründlich von seinem schroffen, fordernden Auftritt abgeschreckt, aber sie dachte, es wäre unhöflich, ihm körperlich zu widerstehen. Sie ließ sich also von ihm mitziehen, ihre Augen wurden groß, als sie erkannte, dass er zur Tanzfläche ging.
Sicherlich würde dieser ältere Alpha nicht wirklich versuchen mit ihr zu tanzen? Charlottes Puls schlug schneller und sie wurde rot vor Unbehagen. Vielleicht hatte Josiah Abby zu Gunsten Charlottes abgelehnt, weil er gespürt hatte, dass sie sanfter war und ein einfacheres Ziel war für … naja was immer er auch vor hatte?
Josiah hielt an einer Seite der Tanzfläche an und starrte einen jüngeren Mann an, der alleine herumstand und die Tanzfläche beobachtete. Ein Blick zwischen ihnen ließ Charlotte sicher sein, dass sie verwandt waren; das dunkle gute Aussehen und die hellen blauen Augen sahen Josiahs zu ähnlich, um nicht blutsverwandt zu sein.
„Das ist Charlotte“, sagte Josiah zu dem Mann und sie tauschten einen Blick aus.
„Charlotte, das ist mein Sohn Finn.“
Finn erhob sich von seinem Sitz, 2 m groß, dunkel und unglaublich gutaussehend. Er trug einen schicken schwarzen Anzug und eine Krawatte mit einem frischen, weißen Hemd, alles perfekt maßgeschneidert für seinen schlanken, muskulösen Körper. Sein dunkles mahagonifarbenes Haar war kurz geschnitten, aber modern, sein Gesicht war unter dunklen Augenbrauen steinig, und er war tief gebräunt.
Charlotte öffnet ihren Mund, aber Finn streckte einfach seine Hand aus.
„Nett dich kennenzulernen, Charlotte. Möchtest du gerne tanzen?“, fragte er.
Charlottes Mund klappte auf, als Josiah hinter ihr trat und ihr einen leichten aber unmissverständlichen Schubs gab, und sie gegen Finn stolperte. Finn erwischte sie mit Leichtigkeit, ein verschmitztes Lächeln erhellte sein Gesicht, als sich seine Hände um ihre Unterarme schlossen. Charlotte zitterte bei seiner Berührung, ein bestimmtes Feuer- und Eis Gefühl breitete sich auf ihrer Haut aus.
Charlotte schaute zu Finn hoch ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen.
„Das ist kein gutes Zeichen zum Tanzen oder?“, witzelte sie.
„Darüber würde ich mir nicht zu viele Sorgen machen“, antwortete er und seine Augen blitzten vor Übermut. Sie bemerkte, dass es sich um die schönsten Grüntöne handelte, eine ozeanische Färbung, die ein dünnes, leuchtend gelbes Band um seine Iris legte.
Die Band spielte eine mittelschnelle Melodie, die Charlotte erkannte, etwas Leichtes für sie, zum Anfangen. Finn führte sie mit geübter Leichtigkeit auf die Tanzfläche, er legte eine große Hand auf ihre Hüfte und eine weitere auf ihre Schulter. Charlotte machte dasselbe, Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch.
Finn warf ihr ein breites Lächeln zu, während er sie durch die Tanzschritte führte, einen einfachen Box Schritt. Der Ausdruck auf seinem Gesicht und die ehrliche Fröhlichkeit in seinen Augen, machte es Charlotte leicht, sich zu entspannen und sich selbst zu genießen. Es kam nicht oft vor, dass sie mit jemanden so gutaussehenden zu tun hatte wie Finn Beran und wenn das passierte, war es selten ein angenehmes Erlebnis. Männer wie Finn liefen nicht überall auf den Bürgersteigen von St. Louis herum und diejenigen, die Charlotte traf, waren normalerweise viel zu eingebildet für ihren Geschmack. Bis jetzt hatte Finn sich als rechte Überraschung erwiesen.
„Du bist wirklich gut darin!”, sagte Charlotte und grinste Finn an.
„Meine Mutter hat uns allen beigebracht zu tanzen“, sagte er und ein Grübchen erschien auf seiner Wange.
„Deinen Brüdern und Schwestern?“
„Brüder. Alle sechs.”
„Sechs von dir! Gott!”, rief Charlotte aus. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es sechs Finns gab, die in der Welt herumliefen, Herzen brachen und Probleme machten.
„Oh ja. Sie hat es uns allen in der siebten Klasse beigebracht, das hat ihr ein paar Jahre Pause zwischen den Unterrichtsstunden gebracht”, sagte sie. „Sie hat uns allen gesagt, dass es uns helfen würde, Freundinnen zu finden, das war der einzige Weg, damit jeder von uns mitmachte.“
„War das so? Hat es geholfen, meinte ich“, sagte Charlotte.
„Nicht in der Mittelschule, das nicht. Zumindest nicht für mich.“
Charlotte warf ihm einen nachdenklichen Blick zu, und dachte, dass er wahrscheinlich in der siebten Klasse ziemlich beliebt gewesen war. Sie tanzten und redeten für fast eine halbe Stunde und hielten die Themen leicht und neutral. Charlotte bemerkte, dass sie das Gespräch führte, so wie Finn sie beim Tanzen geführt hatte; er war sehr süß und schneidig, aber ein wenig reservierter, als es ihr normalerweise bei einem Mann gefiel. Er schaute auch weiterhin über ihre Schulter in eine entfernte Ecke des Raumes, Charlotte hatte den klaren Eindruck, dass er nach jemanden suchte und sie konnte nicht anders, als anzunehmen, dass es irgendeine Frau war, die er entdeckt hatte. Soweit sie wusste, hatte Finn bereits eine Freundin.
Nach ein paar Minuten seufzte Charlotte und trat zurück.
„Ich werde mal zur Toilette gehen und dann gehe ich zur Bar. Vielleicht können wir später noch einmal tanzen?“, fragte sie.
„Klar“, antwortete Finn und drückte ihre Hand leicht, ehe er sie losließ. Er war wirklich mit jedem Zentimeter ein echter Gentleman und wenn sie jemals seine Mutter treffen würde, würde sie ihr ein Kompliment aussprechen, weil sie ihren Sohn so erzogen hatte. Vielleicht war Finn einen Versuch wert.
Charlotte nahm ein paar Stufen in Richtung Badezimmer und schaute zurück, nur um Finn zu sehen, der in die entfernte Ecke ging, an die Stelle, die er so sehr überwacht hatte, als sie getanzt hatten. Sie schüttelte ihren Kopf und seufzte und ging zur Damentoilette, um sich frisch zu machen.
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