„Faith, nett dich kennenzulernen!”, antwortete Gavins Mutter sofort. Sie stand auf und streckte ihre Hand aus, die Faith nahm.
„Bist du vom Krall Clan?“, fragte Gavins Vater und nahm Faith unter seinen scharfen Blick.
„Nein. Mein Vater ist Aros Messic“, erwiderte Faith.
So wie die Augenbrauen seines Vaters hochschossen, konnte Gavin sehen, dass es noch eine Geschichte dahinter gab, aber er sagte nichts.
„Nett dich kennenzulernen”, sagte Josiah.
„Setz dich, setz dich!“, sagte Tante Lindsay und zeigte auf zwei leere Plätze am Ende eines Picknicktisches.
Gavin setzte sich neben seinen Vater und ließ Faith den Platz gegenüber, neben seiner Mutter.
„Also Faith was machst du?“, fragte Gavins Mutter.
„Ich bin Vorschullehrerin“, sagte Faith und warf Genny ein warmes Lächeln zu.
„Oh, wie nett!“, strahlte Genny und schaute Gavin an. Gavin ließ einen Seufzer los; seine Mutter war die ewige Kupplerin.
„Gavin ist Sozialarbeiter”, sagte Tante Lindsay zu Faith.
Faith warf Gavin einen Blick zu, Interesse lag in ihrem Blick.
„Also hilfst du Menschen als Lebensunterhalt, hm?“, fragte Faith.
„Ich versuche es zumindest“, antwortete er mit einem Schulterzucken.
„Also arbeitet ihr beide mit Kindern“, sagte Genny zufrieden.
Gavin nickte und begann zu essen, probierte den gegrillten Fisch und den Kartoffelsalat.
„Faith ist eine ziemliche Geschichtenerzählerin“, erzählte Gavin seiner Familie. „Ich habe sie gestern getroffen, weil sie eine sehr lustige Geschichte erzählt hat über … was war das noch mal eine Ziege?“
Faith lachte.
„Ein Pony, denke ich”, sagte sie. „Meine Mutter hat mir immer Geschichten über ein Pony erzählt, das alles essen wollte, was es sah, und es scheint immer noch so beliebt wie früher.“
„Wo kommst du her, Faith?“, fragte Genny.
„Centralia, auf der andere Seite des Flusses in Illinois“, antwortete sie. „Weniger als eine Dreiviertelstunde von hier.“
„Hast du eine große Familie?“, fragte Lindsay.
„Leute, lasst sie essen, Gott“, unterbrach Gavin.
„Nein, nein, das ist in Ordnung“, sagte Faith und ihre Augen blitzten. „Ich habe vierzehn Brüder und Schwestern.“
„Guter Gott!“, bellte Josiah. „Da hast du aber ganz schön viel Sippe.“
„Es ist nie einsam”, stimmte Faith zu.
„Hast du schon was von dem Schokoladenkuchen probiert?“, fragte Lindsay und beobachtete das Stück auf ihrem Teller. „Das ist deutsche Schokolade, unglaublich.“
„Äh … hmm, habe ich nicht”, sagte Faith und ihre Augen fielen auf ihren Teller. Sie spielte mit ihrer Gabel, schob ein paar Stücke Obst hin und her, aber aß eigentlich nichts.
„Kein Schokoladenfan?“, fragte Lindsay.
„Wir haben eine strenge Diät in unserer Familie“, erzählte Faith und hob die Schultern. Ihr Blick ging suchend hoch und als Gavin hochsah, sah er Faiths Bruder Jared, der den Tisch wie ein Habicht beobachtete. Er sah sehr unzufrieden aus, trotz der Tatsache, dass Faith kaum weniger gut begleitet sein konnte.
„Naja ich hatte ein wenig gegrillten Fisch, den du hast, und er ist sehr lecker“, sprang Genny ein. „Sehr gut gemacht.“
Faith lächelte, ein einfaches Grübchen blitzte auf ihrer Wange. Sie nahm einen Bissen von dem Fisch und nickte zustimmend.
„Ich bin nur froh, dass ich hier durchgefüttert werde“, sagte Gavin. „Mein Geheimnis ist, dass ich ein guter Koch bin, aber ich bin faul. Ich esse viel öfter auswärts, als ich zugebe.“
„Ich liebe es, zu kochen, besonders zu backen“, sagte Faith. „Ich backe viel Brot. Ich weiß, dass Kohlenhydrate schrecklich sind, aber ich kann nicht anders.“
„Kohlenhydrate sind Schmarrn”, sagte Genny. „Du solltest essen, was dich glücklich macht. Ich vergewissere mich einfach, dass ich jeden Tag einen schönen Spaziergang mache und das hält mich in Kampfform.”
Faith sah nachdenklich aus.
„Ich gehe nicht so oft hinaus, wie ich gerne wollte”, gab sie zu. „Es gibt immer etwas zu tun zu Hause, irgendeinen Streit, den man schlichten muss. Ich bin das älteste Mädchen, ich bin immer gefordert.“
Alle lachten.
„Das kann ich mir vorstellen“, erwiderte Genny.
„Faith schaust du beim Wrestling und beim Rennen morgen zu? Vielleicht kannst du mit uns kommen und zusehen“, schlug Lindsay vor und warf Gavin einen durchtriebenen Blick zu. Es schien, dass seine Tante genau so gerne verkuppelte, wie seine Mutter.
„Das würde ich gerne, aber … ich muss meinen Vater fragen“, sagte Faith und legte ihre Gabel nieder.
Gavin bemerkte den düsteren Blick auf dem Gesicht seines Vaters und machte sich innerlich eine Notiz, ihn später dazu zu befragen.
„Vielleicht kann Vater ihn fragen”, bot Gavin an und nickte in Richtung seines Vaters.
„Nein, ich meine … ich glaube nicht, dass das nötig ist“, sagte Faith und sah ein wenig erschrocken bei dem Gedanken aus. „Ich spreche mit ihm.“
„Das solltest du wirklich. Du kannst zwei von Gavins Brüdern treffen, Cameron und Wyatt. Sie sind wirklich unterhaltsam“, kicherte Tante Lindsay.
Gavin warf ihr einen schnellen Blick zu. Eine süße, unschuldige Blondine wie Faith wäre viel zu verlockend für seine boshaften Brüder. Sie würde auf keinen Fall Teil ihrer schwachsinnigen Wette werden.
Über die Grünfläche sah Gavin Faiths Bruder, der sie mit einer ungeduldigen Geste rief. Gavin machte ein finsteres Gesicht und versuchte zu verstehen, wie ein Mann so viel Macht über die gesamte Familie haben konnte.
„Ich gehe besser. Wir sehen uns vielleicht morgen?“, fragte Faith Gavin.
„Das ist ein Date“, sagte er. Faith wurde rot und lachte, das Grübchen erschien wieder. Sie verabschiedete sich von seiner Familie und ging dann zu ihrem Bruder und schon bald verschwanden sie aus dem Pavillon.
„Okay. Was ist los?”, fragte Gavin und wandte sich seinem Vater zu.
Josiah wandte sich auf seinem Stuhl, während er Faith und ein paar ihrer Geschwister beobachtete, die den Pavillon verließen. Er sah einen Moment nachdenklich aus, dann schnitt er eine Grimasse.
„Aros Messic ist kein guter Alpha“, seufzte Josiah. „Das wenige, was ich von ihm weiß, kommt hauptsächlich durch die jährlichen Treffen des Alpharats und das war nicht angenehm. Er ist so geradlinig, dass er mich wie einen Liberalen aussehen lässt und er ist fanatisch in seinem Glauben.“
„Ich traue mich fast nicht zu fragen, was für ein Glauben das ist“, seufzte Gavin. „Faith schien ziemliche Angst vor ihm zu haben. Ihr Bruder auch.“
„Einer von Aros Söhnen ist seine rechte Hand. Jamie oder Jim …“, sagte Josiah.
„Jared, glaube ich“, half Gavin.
„Ja, genau. Naja sie halten es lieber mit den alten Manieren. Und mit alt meine ich, dass sie immer noch Odin und Freyr und Thor verehren. Ich kenne nicht alle Einzelheiten, aber ich weiß, dass Aros die Modernität als teuflisch betrachtet und seine Kinder und seinen Clan auch dementsprechend erzieht. Er stimmt dafür, wieder zu den alten Zeiten zurückzukehren, vor der Industrialisierung.“
Gavin zog die Luft ein, seine Stirn runzelte sich.
„Du meinst … Er ist nicht nur anti-Computer, sondern auch total altmodisch?“ fragte Lindsay und gab damit genau Gavins eigene Gedanken wieder.
„Seine ganze Familie lebt ohne Strom. Sie bewirtschaften Land und züchten Vieh und essen nur, was sie selbst herstellen. Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass der Clan hier ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine Frau auf dieser Veranstaltung ihr Leben aufgibt, um im ländlichen Illinois zu leben, ohne irgend so etwas wie ein Telefon“, sagte Josiah.
„Warum sollte jemand das tun, das kann ich mir nicht vorstellen“, fügte Genny hinzu. „Und es ist nicht so, als ob Aros viel Erfolg hat, Beweise zu erbringen, dass seine Art zu leben die Beste ist. Der ganze Clan ist ärmer als Dreck. Ich habe Gerüchte gehört, dass seine erste Frau einmal im Feld gebären musste.“
Читать дальше