Was passiert bis Mitte des Jahrhunderts?
Um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie weit die unbekannte Zukunft des Jahres 2050 entfernt ist, werfen wir einen Blick zurück in die Vergangenheit. Die 1970er-Jahre sind zeitlich von unserem heutigen Alltag etwa ebenso weit entfernt wie das Jahr 2050. Damals fuhren junge, moderne Menschen gern Käfer oder Ente. Die Haare trugen sie vorzugsweise lang oder dauergewellt, die Hosenaufschläge weit, die Röcke lang und geblümt oder supermini. Man bangte um die Besatzung der Mondrakete Apollo 13 und erfuhr, dass der unschickliche Frauenfußball nach langem Verbot wieder offiziell erlaubt war. Farbfernseher in den Wohnzimmern waren ebenso rar wie Geschirrspüler in den Küchen. Die Röhrenfernseher boten drei Schwarz-Weiß-Programme und nach Sendeschluss das Testbild. Kinder liebten den Fernsehhund Lassie, Erwachsene folgten gespannt den ersten Folgen des Tatorts oder den Worten kettenrauchender Fernsehmoderatoren.
Otto Normalverbraucher telefonierte meist im Hausflur mit einem grauen Wählscheibentelefon. Außer Haus hieß es: „Fasse dich kurz!“ Diese Mahnung prangte in vielen Telefonzellen, denn bei zwei Groschen (20 Pfennigen oder rund 10 Cent) für ein unbegrenztes Ortsgespräch bildeten sich vor den gelben Häuschen schon mal Warteschlangen. Heute selbstverständliche und weit verbreitete Helfer wie Handys, Heimcomputer oder das Internet blieben noch für weitere Jahrzehnte Spezialisten vorbehalten oder Spock und Captain Kirk aus der damals anlaufenden Science-Fiction-Serie Raumschiff Enterprise . Fast Food gab es höchstens in München, wo eine US-amerikanische Hamburger-Kette gerade ihre erste deutsche Filiale eröffnete. Deshalb griffen die meisten zum Butterbrot. Doch schon türmten sich die ersten Tiefkühlpizzen in den Supermarkttruhen …
In der Gegenwart fragen wir uns nun, wie es zukünftig sein wird. Werden wir Alltagsaufgaben anders bewältigen als heute, vielleicht schneller und komfortabler? Welche technischen Neuerungen werden uns dabei unterstützen? Unsere Grundbedürfnisse werden sich nicht wesentlich verändern, unabhängig davon, wie bequem oder aufwendig es sein wird, sie zu erfüllen: Auch in Zukunft benötigen wir ausreichend Nahrung, Energie, sauberes Wasser und klare Luft zum Leben. Wir werden sicher weiter großen Wert legen auf angenehme Wohn- und Arbeitsbedingungen, auf Mobilität, Kommunikation, ein anregendes kulturelles und ein funktionierendes gesellschaftliches Umfeld. Diese Lebensbedingungen werden sich im Jahre 2050 rund neun Milliarden Menschen wünschen – zwei Milliarden mehr als heute.
Heutige Trends lassen erahnen, wie sich die technischen Möglichkeiten weiterentwickeln könnten. Alltagstechnik wird künftig wahrscheinlich noch kompakter, leistungsfähiger, vielseitiger sein. Schon in den kommenden Jahren werden Informations-, Kommunikations- und Energietechnologien stärker miteinander verschmelzen. Diese Kombination bietet die Chance, uns energiebewusster zu verhalten. Fortschritte in der Bio- und Nanotechnologie oder in der Entwicklung von künstlicher Intelligenz können neue Materialen, bessere Herstellungsverfahren, neue Produkteigenschaften und individuellere Anwendungen hervorbringen.
Die Zukunft ist offen. Nicht nur Forscher, Politiker und Großunternehmer gestalten sie mit, sondern jeder und jede von uns – Sie, wir und bis 2050 auch Ihre und unsere Kinder und Enkel. Auf den folgenden Seiten finden Sie Zukunftserzählungen zum Nachdenken und ausführliches Hintergrundwissen zum Mitreden. Ein weiteres Kapitel widmet sich der Frage, was zu tun wäre, um künftig mehr Energiebildung zu vermitteln und so gesellschaftlich eine energiebewusstere Lebensweise zu fördern.
Willkommen in einer funktionierenden, aber keineswegs selbstverständlichen Zukunft! Wir würden uns freuen, wenn Sie sich bei Keno, Frauke, Joost, Hanna, Jan und Martin Janssen wohlfühlen. Und wir hoffen, dass unser Bild von einer möglichen Zukunft nach einer erfolgreichen Energiewende Ihnen Lust macht, den Weg dorthin aktiv mitzugestalten.
Viel Freude bei der Lektüre wünschen Ihnen
Carsten Agert, Christoph Böhringer, Werner Brinker, Gert Brunekreeft, Jörg Buddenberg, Kirstin Hengelage, Jörg Hermsmeier, Sebastian Jurczyk, Hans Kaminski, Stephan Rammler und Ulrich Wagner
Wenn ich meinem Urururururururururenkel etwas raten könnte – ich würde ihm sagen, dass er nach Grönland ziehen soll. Denn wenn sich die gängigen Klimamodelle bewahrheiten, wird es sich an kaum einem anderen Fleck auf der Welt so unbeschwert leben lassen.
In den vergangenen 100 Jahren hat sich die Weltbevölkerung vervierfacht. Wir haben erstaunliche Fortschritte in allen Lebensbereichen gemacht. Doch der gewonnene Wohlstand hat seinen Preis: Mit dem Wirtschaftswachstum wurde das ökologische Gleichgewicht derart durcheinandergebracht, dass es nur noch darum gehen kann, die Folgen des Klimawandels einzugrenzen – völlig abzuwenden sind sie ohnehin nicht mehr.
Next Energy ist ein Denkanstoß: Um dem Klimawandel wirksam etwas entgegenzusetzen, müssen gemeinsame Lösungen gefunden werden. Die Frage lautet: Ist der Zwang zum ewigen Wachstum wirklich alternativlos? Feststeht: Die Welt wird 2050 anders funktionieren. Sie werden Familie Janssen kennenlernen, die, wie viele andere auch, ökologisch denkt und handelt. Ihre Welt ist im Hinblick auf Energie und Verkehr besser als unsere heutige, und sie ist keine Utopie.
Dieses Buch macht Mut – ohne Idealismus vorauszusetzen. Die Lebenserwartung meines Urururururururururenkels wird um 23 Jahre höher sein als meine. Er lebt in einer Gesellschaft, die im Einklang mit der Umwelt ist. Die Frage ist nur, wie hart der Weg dorthin sein wird. Noch haben wir die Wahl. Dieses Buch hilft dabei, dass jeder Einzelne die richtigen Entscheidungen trifft.
Thorsten Giersch
Mitglied der Chefredaktion Handelsblatt Online
1. KAPITEL
Wie leben wir morgen?
Wir sind Familie Janssen – Personen und Orte der Zukunftserzählung
In den folgenden Kapiteln begleiten wir Familie Janssen durch den Spätsommer 2050. Vier Generationen betrachten die Situation im Jahre 2050 aus ihrer eigenen, durch ihre persönlichen Lebens- und Alltagserfahrungen geprägten Perspektive. Freunde und Bekannte runden mit ihren Ansichten das Bild vom Leben zur Jahrhundertmitte ab.
Das regionale und gesellschaftliche Umfeld
Die Zukunftserzählung ist im Nordwesten Deutschlands angesiedelt. Urbane Lebensräume wie die Großstadt Hamburg ziehen unverändert viele Menschen an. Hier lebt Keno mit seinen Eltern Frauke und Joost. In der ostfriesischen Region um die mittelgroße Stadt Leer, wo Kenos Großeltern und sein Urgroßvater zu Hause sind, geht es beschaulicher zu. Die Küstenregion Niedersachsens hat es geschafft, dem demografischen Wandel in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts etwas entgegenzusetzen: Mit ihrer langen Tradition in der Windenergienutzung hat die Region von der Energiewende profitiert und seit den 2010er-Jahren neue Industrien ansiedeln können. Die starke Windindustrie und die maritime Wirtschaft haben sich als Zugpferde für weitere Branchen erwiesen. Die reizvolle Landschaft bietet hohe Lebensqualität, und attraktive touristische Angebote ziehen Naherholungssuchende an.
Zentrale Figur ist Keno Janssen(geb. 2039), ein Hamburger Stadtkind, das mit den Vorzügen moderner Informationstechnik, intelligenter Gebäude und einer effizient organisierten Mobilität aufgewachsen ist. Vieles, was er von seinen Großeltern Hanna und Jan oder seinem Urgroßvater Martin über die Zeit um die Jahrtausendwende hört, erscheint ihm wahrlich vorsintflutlich, wie auf Papier gedruckte Schulbücher.
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