I. KINDERERZIEHUNG Teil I
Zitat Sri Aurobindo Man sollte den Kindern helfen, zu geraden, offenen, aufrechten und ehrenwerten Menschen zu werden, die bereit sind, in die göttliche Natur hineinzuwachsen. — Sri Aurobindo * * *
1. Das Kind – Eine Seele, zum Wachsen bestimmt Kapitel 1 Das Kind – Eine Seele, zum Wachsen bestimmt Worte Sri Aurobindos Im alten patriarchalischen System war das Kind lebendiges Eigentum des Vaters. Es war seine Schöpfung, sein Erzeugnis, die Reproduktion seiner selbst. Eher als Gott, oder das universale Leben anstelle Gottes, war es der Vater, der als Urheber der Existenz des Kindes galt; und der Schöpfer hat alle Rechte über seine Schöpfung, der Produzent über seine Produkte. Er besaß das Recht, aus ihm zu machen, was er wollte, und nicht das, was das Wesen des Kindes im Inneren wirklich war. Er konnte es entsprechend den elterlichen Vorstellungen ausbilden und formen und modellieren und brauchte es nicht entsprechend den tiefsten Erfordernissen seiner eigenen Natur großzuziehen. Er konnte es an den väterlichen oder den vom Vater gewählten Beruf binden, und brauchte nicht jenen für das Kind zu wählen, auf welchen dessen Natur und Befähigung hinwiesen. Er konnte ihm für alle kritischen Wendepunkte seines Lebens, selbst nachdem es Reife erlangt hatte, eine feste Richtung vorgeben. In der Erziehung wurde das Kind nicht als eine Seele betrachtet, die zum Wachsen bestimmt ist, sondern als grobes psychologisches Material, das vom Lehrer in eine feste Form zu bringen war. Wir sind zu einem anderen Konzept des Kindes gelangt und betrachten es als Seele mit einem eigenen Wesen, einer eigenen Natur und eigenen Fähigkeiten, dem wir helfen müssen, diese zu entdecken, sich selbst zu finden, zu ihrer Reife zu gelangen, in eine Fülle physischer und vitaler Energie und in die äußerste Weite, Tiefe und Höhe seines emotionalen, intellektuellen und spirituellen Wesens hineinzuwachsen. * * *
2. Vorgeburtliche Erziehung 3. Ein Kind zu erziehen, heißt sich selbst zu erziehen 4. Ein Körper, der Schönheit zum Ausdruck bringen kann 5. Der Lehrer – ein lebendiges Beispiel 6. Die richtige Lehrmethode 7. Das schönste Geschenk, das man einem Kind machen kann 8. Freie Entwicklung 9. Kleine Kinder sind wunderbar! 10. Mehr und immer mehr lernen 11. Nie schimpfen 12. Die innere Wahrheit entdecken 13. Wenn Kinder unbedingt etwas haben wollen 14. Wenn Kinder mit Schwertern und Pistolen spielen 15. Einige Erinnerungen 16. Das bist du II. DAS IDEALE KIND Zitat 1. Was ein Kind nie vergessen sollte 2. Ein ideales Kind 3. Sportsgeist 4. Ein guter Sportler 5. An die Kinder des Ashrams 6. Gebet der Schüler ANHANG QuellenangabenGuide Cover Inhalt Start
Teil I
Sri Aurobindo
Man sollte den Kindern helfen, zu geraden, offenen, aufrechten und ehrenwerten Menschen zu werden, die bereit sind, in die göttliche Natur hineinzuwachsen. — Sri Aurobindo
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Kapitel 1
Das Kind – Eine Seele, zum Wachsen bestimmt
Worte Sri Aurobindos
Im alten patriarchalischen System war das Kind lebendiges Eigentum des Vaters. Es war seine Schöpfung, sein Erzeugnis, die Reproduktion seiner selbst. Eher als Gott, oder das universale Leben anstelle Gottes, war es der Vater, der als Urheber der Existenz des Kindes galt; und der Schöpfer hat alle Rechte über seine Schöpfung, der Produzent über seine Produkte. Er besaß das Recht, aus ihm zu machen, was er wollte, und nicht das, was das Wesen des Kindes im Inneren wirklich war. Er konnte es entsprechend den elterlichen Vorstellungen ausbilden und formen und modellieren und brauchte es nicht entsprechend den tiefsten Erfordernissen seiner eigenen Natur großzuziehen. Er konnte es an den väterlichen oder den vom Vater gewählten Beruf binden, und brauchte nicht jenen für das Kind zu wählen, auf welchen dessen Natur und Befähigung hinwiesen. Er konnte ihm für alle kritischen Wendepunkte seines Lebens, selbst nachdem es Reife erlangt hatte, eine feste Richtung vorgeben. In der Erziehung wurde das Kind nicht als eine Seele betrachtet, die zum Wachsen bestimmt ist, sondern als grobes psychologisches Material, das vom Lehrer in eine feste Form zu bringen war. Wir sind zu einem anderen Konzept des Kindes gelangt und betrachten es als Seele mit einem eigenen Wesen, einer eigenen Natur und eigenen Fähigkeiten, dem wir helfen müssen, diese zu entdecken, sich selbst zu finden, zu ihrer Reife zu gelangen, in eine Fülle physischer und vitaler Energie und in die äußerste Weite, Tiefe und Höhe seines emotionalen, intellektuellen und spirituellen Wesens hineinzuwachsen.
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Kapitel 2
Vorgeburtliche Erziehung
Worte der Mutter
Zu den Frauen Japans über Kinder zu sprechen, das heißt wohl, ein Thema zu behandeln, das ihnen das liebste und heiligste ist. In keinem anderen Land der Welt haben Kinder einen so wichtigen, so zentralen Rang eingenommen. Sie stehen hier im Mittelpunkt aufmerksamer Zuwendung. Auf ihnen ruhen – zu Recht – die Hoffnungen für die Zukunft. Sie sind das lebendige Versprechen wachsenden Wohlstandes für das Land. So ist die wichtigste Aufgabe, die den Frauen in Japan zufällt, Kindern Geburt zu schenken. Mutterschaft wird als die Hauptrolle der Frau angesehen. Doch dies ist nur solange wahr, wie wir verstehen, was mit dem Wort Mutterschaft gemeint ist. Denn Kinder zur Welt zu bringen, wie Kaninchen es mit ihren Jungen tun – instinktiv, unwissend, mechanisch, das kann man sicher nicht Mutterschaft nennen! Wahre Mutterschaft beginnt mit der bewussten Schöpfung eines Wesens, mit dem bewusst gewollten Formen einer Seele, die kommt, um einen neuen Körper zu entwickeln und zu gebrauchen. Die wahre Domäne der Frau ist das Spirituelle. Wir vergessen das nur allzu oft.
Ein Kind zu tragen und seinen Körper fast unbewusst heranzubilden, genügt nicht. Wirklich beginnt das Werk erst, wenn wir kraft des Denkens und Willens einen Charakter konzipieren und schaffen, der fähig ist, ein Ideal zu verkörpern.
Und wir sollten nicht sagen, dass wir nicht die Kraft haben, dies zu verwirklichen. Zahllose Beispiele dieser sehr wirksamen Kraft könnten als Beweis angeführt werden.
Die Einwirkung der physischen Umwelt wurde bereits vor langer Zeit begriffen und studiert. Die alten Griechen bildeten schrittweise die außergewöhnlich harmonische Rasse heran, die sie waren, indem sie ihre Frauen mit Kunst und Schönheit umgaben.
Es gibt zahlreiche individuelle Beispiele für diese Tatsache. Nicht selten findet man eine Frau, die während der Schwangerschaft ständig ein schönes Bild oder eine Figur betrachtete und bewunderte, und dann ein Kind zur Welt brachte, das diesem Bild oder dieser Figur perfekt glich. Ich habe persönlich solche Fälle gesehen. Ich erinnere mich sehr deutlich an zwei kleine Mädchen; es waren Zwillinge, und sie waren bildschön. Doch am erstaunlichsten war, wie wenig sie ihren Eltern glichen. Sie erinnerten mich an ein bekanntes Bild des englischen Malers Reynolds. Einmal erwähnte ich dies gegenüber ihrer Mutter, die gleich ausrief: „Ja, ist das nicht wahr? Es wird sicher für Sie von Interesse sein zu erfahren, dass ich, während ich diese Kinder erwartete, über meinem Bett eine sehr gute Reproduktion eines Bildes von Reynolds hatte. Bevor ich einschlief, und sobald ich aufwachte, galt mein letzter und mein erster Blick diesem Bild; und innerlich hoffte ich, dass meine Kinder Gesichter hätten wie auf diesem Bild. Sie sehen, es ist mir recht gut gelungen!“ Sicher konnte sie stolz auf ihren Erfolg sein, und ihr Beispiel ist von großem Nutzen für andere Frauen.
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