Wie jeden Morgen ging ich die betonierte Straße, die mit leuchtenden Pöllersternen verziert war, entlang. Es war dunkel und die künstlichen Pöllersterne leuchteten. Ich dachte über meine Zukunft nach. Wie würde ich aussehen? So wie jetzt? Braune, gelockte Haare? Graugrüne Augen? Während ich so nachdachte, rissen mich drei vorbeifahrende Elektroautos aus meinen Gedanken. Im letzten Auto, einer Limousine, saßen ein Mädchen und ein Junge. Das Auto fuhr ganz langsam. Der Junge hatte wahnsinnig schöne graublaue Augen, die mir im Bruchteil einer Sekunde aufgefallen waren. Das Mädchen schlürfte an einem Drink und hatte quietschrosa Lippen. Das blonde Haar war zu einem hohen Dutt gebunden, sodass es aussah wie ein Model. Ich sah es wie hypnotisiert an. Als das Mädchen meinen Blick bemerkte, beugte es sich zu seinem Bodyguard vor und beredete irgendetwas mit ihm. Dabei schaute es die ganze Zeit zu mir. Ich wollte gerade den Blick von ihm lösen, als der Wagen plötzlich vor mir anhielt und die automatische Limousinentür aufging. Der kräftig gebaute Bodyguard kam auf mich zugelaufen, ich schluckte. Er trug ein langes, schwarzes Hemd, darüber hing ein roter Mantel. Seine schwarzen Lederschuhe waren auf Hochglanz poliert.
Mit seinen braunen Augen sah er zwar nett aus, aber er sagte mit einer rauen Stimme, die mir etwas Angst einjagte: »Mrs. Potell möchte, dass du sie nicht mehr anstarrst wie ein hypnotisierter Esel!«
Ich war geschockt. Wie konnte dieser Bodyguard so etwas sagen? Oder hat es ihm dieses hochnäsige Mädchen befohlen? Um ehrlich zu sein, war es mir gleich, ich war einfach nur stinkwütend!
»Ich warte auf eine Antwort, kleines Fräulein!«, sagte der Bodyguard mit seiner angsteinflößenden Stimme. »Heute noch, wenn ich bitten darf!«
»Ähmm, ich – ich … also …« Vor lauter Verzweiflung wusste ich nicht, was ich sagen sollte, stattdessen rannte ich davon. Ich hatte Tränen in den Augen und durch den künstlichen Wind, der in der Stadt wehte und von Klaskermühlen erzeugt wurde, waren meine Haare zerzaust. Ein kurzer Blick über die Schulter sagte mir, dass ich die Limousine weit hinter mir gelassen hatte.
Trotzdem rannte ich weiter, vorbei an drei weiteren Klaskermühlen. Sie waren aus einem Stoff gebaut, der sich SSSHPGLAS328 (SuperSuperSuperHaltbaresPanzerGlas328) nannte, und hatten eine Art Fächer an den durchsichtigen Flügeln. Obwohl ich rannte, war mir kalt. Es war der 1. September und der erste Schultag des neuen Schuljahres der achten Klasse. Warum war mir kalt? Warum im Sommer? Auf einmal begann sich alles zu drehen. Ich spürte meine Beine nicht mehr. Sternchen funkelten in meinem Kopf, ich fiel. Nach einem heftigen Schlag auf den Kopf nahm ich nichts mehr wahr. Nichts.
»Levina? Levina? Levina, wach auf! Du bist in einem Krankenhaus, in Sicherheit! Los, wach auf!«
Adana Lychatz
Batsch. Nach einer leichten Ohrfeige schnellte ich kerzengerade in die Höhe und riss die Augen auf. Ich schaute mich um. Nach einer Minute hatte ich realisiert, wo ich war. Ich saß in einem Bett des Peter-Werner-Krankenhauses. Mein Bett stand in einem runden Raum, in dem Plakate von dem Inneren des Menschen an der orangefarbenen Wand hingen. Dann sah ich einen Jungen auf meinem Bett sitzen, ich blickte in seine graublauen Augen. Ich erschrak. Wenn das der Junge war, der … der … Ja! Eindeutig! Es war der Junge, der zusammen mit dem Mädchen und dem eingebildeten Bodyguard in der Limousine gesessen hatte. Aber warum hatte er mich gerettet? Plötzlich hatte ich einen Kloß im Hals. Wussten meine Eltern davon? War das Mädchen auch hier? Gleichzeitig quälte mich aber auch eine andere Frage: Wie hieß dieser gut aussehende Junge mit seinem braunen, gegelten Haar?
»Wie heißt du?«, fragte ich. Der Kloß in meinem Hals ließ meine Stimme gedämpft klingen.
»Daron.«
»Und, und … warum hast du mich gerettet? Ich meine, du … du warst doch in dieser Limousine mit die… dieser Mrs. Potell und dem Bodyguard, der so eingebildet ist, und …«
»Jerome ist nicht eingebildet! Chelsea hat es ihm befohlen und er muss ihr gehorchen!«
»Und was hast du mit ihr zu tun?« Ich wusste, dass diese Frage sehr merkwürdig klang.
Doch zu meiner Überraschung lächelte er und antwortete: »Sie ist meine Cousine. Ich wohne für längere Zeit bei den Potells, weil meine Eltern auf Reisen sind. In Amerika. Sie haben sowieso nie Zeit für mich.«
Das erste Mal in dem Gespräch zwischen Daron und mir blickte ich auf meine Decke, die mit einer nicht sichtbaren Heizung ausgestattet war. Hauptsache weg von diesen graublauen Augen, dachte ich mir. Fühlte ich etwa Eifersucht? Hatte ich etwa Angst gehabt, dass Daron und dieses hochnäsige Mädchen zusammen sein könnten? Ich wusste es nicht. Ich konnte meine Gefühle plötzlich nicht mehr eindeutig auseinanderhalten.
»Ähmm … Danke, dass du mich gerettet hast«, sagte ich und blickte wieder in seine Augen.
»Gern. Die Krankenschwester wollte übrigens gleich noch mal vorbeikommen. Und wenn was ist: Hier ist meine Lisslerh-Nummer.«
Ich schaute ihn mit offenem Mund an.
»Ähh … ja!«, nuschelte er und lief rot an. Ich wusste sofort, dass er nicht der Angebertyp war.
»Du hast einen Lisslerh? Sind das nicht diese kleinen Dinger in Tierform, mit denen man telefonieren kann? Und die die jeweiligen Geräusche des Tieres machen? Die keiner abhören kann? Das ist ja cool!«, sagte ich und kleinlaut fügte ich hinzu: »Ich habe gerade mal ein CarlowMagnusC5. Und selbst das ist schon zwölf Jahre alt.«
»Echt? Ich interessiere mich für die Vergangenheit. Darf ich mal sehen?«
»Ja klar!« Ich kramte in meiner Tasche, die neben mir auf dem Nachttisch lag.
»Aber … wo ist denn mein Handy? Es ist weg!«
»Vielleicht hast du es irgendwo …«
In dem Moment klopfte es an der Plastiktür, die wie die Wand aus roten Backsteinen aussah, und eine junge Frau mit lila gefärbtem Haar kam herein. In der rechten Hand trug sie eine Zeitung.
»Guten Tag, Levina. Geht es dir besser?«
»Ja, so ziemlich.«
»Das ist gut, denn ich habe eine nicht so schöne Nachricht für dich. Der Chefarzt hat gesagt, ich solle sie dir erst überbringen, wenn es dir besser geht. Es wird ein ziemlicher Schock für dich sein, deshalb frage ich dich jetzt, ob du bereit bist, die Nachricht zu hören.«
»Ich glaube, ich bin bereit«, sagte ich mit zittriger Stimme.
»Keiner meiner Kollegen und keine der Kolleginnen wollte dir diese Nachricht überbringen.«
Ich überlegte, was das für eine Nachricht sein könnte. Sie ist so schlimm, dass sie mir keiner sagen will, also kann ich schon mal ausschließen, dass sie mein Handy kaputt gefunden haben.
»Also … Morgen kommen drei Leute von der KuJSO«, begann sie, doch ich unterbrach sie.
»Der KuJSO? Ist das nicht die KinderundJugendSchutzOrganisation? Warum kommen sie?«
»Weil … weil es … weil … Hier! Lies den Zeitungsartikel!« Sie streckte mir die Hand mit dem Artikel entgegen. Mit zittrigen Händen nahm ich ihn und las.
Zwei Personen bei Autounfall gestorben
Pürlehausen. Bei einem schweren Autounfall auf der Bröllstraße bei Pürlehausen ist ein Auto gegen die Leitplanke geprallt. Der Fahrer und die Beifahrerin sind noch an der Unfallstelle verstorben. Der Unfall ereignete sich nach Angaben der Polizei am Donnerstag, den 31. August um 21:15 Uhr. Uwe P. (Fahrer) und seine Frau Andrea P. (Beifahrerin) waren auf der Bröllstraße in Richtung Zuckleer unterwegs. Das Auto mit deutschem Kennzeichen kam auf gerader Strecke durch Schwanken auf die Gegenfahrbahn, berichteten Augenzeugen. Danach fuhr es mit hoher Geschwindigkeit gegen die Leitplanke. Bei dem Fahrer wurden nach dem Unfall 2,6 Promille Alkohol im Blut festgestellt. (Text: Angelina Flosters)
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