Innerhalb weniger Wochen verschwand der Fußball. Weltweit wurde der Spielbetrieb der Ligen eingestellt. Bei der Rückkehr nach einigen Monate wurde hinter verschlossenen Toren gespielt. Allerdings gab es mehrere bemerkenswerte Ausnahmen. Belarus machte weiter, als wäre nichts geschehen. In Bulgarien kehrten die Ultras zu den Spielen zurück. Im Juni ließ Serbien beim Pokal-Halbfinale zwischen Roter Stern und Partizan 16.000 Zuschauer zu, allerdings wurden auch dort die Fans wieder ausgeschlossen, als die Infektionszahlen durch die Decke schossen. Doch der überwiegende Teil der Stadien blieb leer. Ein verbreiteter, ursprünglich dem legendären Celtics-Coach Jock Stein zugeschriebener Spruch unter Ultras und sonstigen organisierten Fangruppierungen lautet: »Ohne die Fans ist der Fußball nichts.« Diese Weisheit wurde nun einer ultimativen Prüfung unterzogen. Mehr als das: Das Ganze war eine existenzielle Krise. Stimmt es? Ist der Fußball ohne Fans tatsächlich nichts? Und falls der Sport auch ohne sie überleben sollte, würde dann bei einer Rückkehr der Fans in die Stadien die gesamte Subkultur strengen Regeln unterworfen, die sie schließlich zum Verschwinden bringen würden, wie es in den 1990er-Jahren in England geschehen ist?
Doch zunächst standen dringlichere Probleme an. Die Ultra-Kultur reicht weit über die Stadien hinaus und engagiert sich seit Langem in Krisenzeiten in den Gemeinden vor Ort. In Deutschland wurden die Ultra-Gruppen besonders aktiv. Laut dem Journalisten Felix Tamsut, der in seiner Twitter-Timeline (@ftamsut) die Ultra-Aktionen in der Corona-Krise zusammentrug, sammelte bei Borussia Dortmund The Unity (ebenso wie die Desperados und Jubos) Lebensmittel und verteilte sie an Bedürftige der Stadt. Bei Hansa Rostock organisierten die Suptras (ein Kofferwort aus »Supporters« und »Ultras«) eine Blutspendeaktion. Die Ultras Frankfurt sammelten Geld für die örtliche Tafel. Die Weekend Brothers beim VfL Wolfsburg gründeten eine eigene Tafel. Darüber hinaus gab es Solidaritätsaktionen für andere curve , etwa durch die Ultras Nürnberg, die knapp 16.000 Euro an die Curva Nord Brescia im europäischen Corona-Hotspot Lombardei spendeten. Die womöglich beeindruckendste Aktion starteten die Ultras von Brescias Erzrivalen Atalanta aus Bergamo, die halfen, ein Feldlazarett für die unzähligen Infizierten der Stadt zu errichten. In Kroatien, Marokko, Spanien, Frankreich, Israel und anderen Ländern gab es zahllose weitere Aktionen. Und die Liste wird bis heute länger.
Als der Fußball nach drei Monaten ohne Fans zurückkehrte, erschienen die Spiele derart leblos, dass Zuschauergeräusche eingespielt wurden, um die von den Ultras geschaffene Atmosphäre zu imitieren. Manche Vereine füllten die Tribünen mit Pappfiguren der Anhänger. Die Fernsehsender erkannten, dass ihr Produkt nunmehr weniger wert war, und so machten sie überall in Europa Abstriche an ihren TV-Deals mit den Ligen. Corona tötete nicht etwa die Fankultur, sondern demonstrierte die Bedeutung der Ultras für das Spiel und die lokale Gemeinschaft.
Doch selbstverständlich gab es auch weniger selbstlose Tendenzen. Die organisierte Kampfszene machte auch in der Krise anscheinend unverändert weiter. So fand etwa im August ein berühmt-berüchtigt gewordenes nächtliches Match 100 gegen 120 zwischen den Firms von Darmstadt 98 und Eintracht Frankfurt statt (zwei Minuten, 30 Sekunden, Sieg für Frankfurt).
Corona wird nicht so bald verschwinden. Bisher hat die globale Pandemie vor allem gezeigt, wie wichtig die organisierte Fankultur ist. Doch so kann es nicht auf ewig weitergehen. Die Bewegung muss wiederbelebt werden durch die Erfahrung, der sie ihre Lebenskraft verdankt: das kollektive Erlebnis, seine Mannschaft 90 Minuten im Stadion spielen zu sehen. Wie sieht also die Zukunft der Ultras aus? Wie die übrige Gesellschaft werden sie sich an die Situation anpassen müssen. Doch die Szene hat sich als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Sie weiß, um ihr eigenes Überleben zu kämpfen.
James Montague Istanbul, September 2020
»Ich bin dir nicht böse wegen dem, was du über mich geschrieben hast. Du musstest dich auf andere Geschichten verlassen, und ich weiß nicht, ob überhaupt irgendjemand irgendetwas Gutes über mich für wahr halten würde.«
Billy the Kid
Zuerst kam das Feuer, dann brach die Hölle los. Dichte, ätzende Rauchschwaden verschlangen uns, bissen in den Augen und brannten mit ihrem unverkennbaren metallischen Aroma auf der Zunge. Einige Momente lang sah man kaum die eigene Hand vor Augen, zugleich hallten ohrenbetäubende Schlachtrufe durch den Dunst. Tausende Fans brannten rote Bengalos ab, warfen Rauchbomben und hüpften im Gleichtakt auf und ab. Die Nordtribüne des Poljud-Stadions, Heimat der Torcida-Ultras bei Hajduk Split, bebte. Zu unseren Füßen trennte ein schmaler Spalt zwei mächtige Tribünenteile, und die Betonstufen schwangen wie bei einem Erdbeben.
Langsam zog die Dunstwolke von der Nordtribüne hinab auf das Spielfeld. Junge, mit Sturmhauben maskierte Männer enterten den Metallzaun und warfen ihre Bengalos Richtung Rasen. Die Fackeln zeichneten einen verblassenden Bogen an den dämmrigen Abendhimmel, um sodann am Rand des Spielfelds zu landen, auf dem das heißblütigste Derby des kroatischen Fußballs, das Ewige Duell zwischen Hajduk Split und Dinamo Zagreb, bereits in vollem Gange war. Mehrere Bengalos loderten auf den Sitzen der Nordtribüne weiter und entzündeten ein Feuer, ohne dass Panik ausgebrochen wäre. Die Menge wich lediglich ein paar Meter zurück, ohne die um sich greifenden Flammen und die schmelzenden Sitze weiter zu beachten. Ein Löschwagen jagte um den Platz, und zwei Feuerwehrleute kletterten mit einem Schlauch auf die Tribüne, um die Gefahr zu beseitigen.
Dem Schiedsrichter blieb nichts anderes übrig, als die Partie zu unterbrechen. Das Spiel war ohnehin nur Nebensache, und das nicht nur, weil Dinamo den Titel in der Saison 2018/19 bereits so gut wie in der Tasche hatte. Das Team hatte zehn der vorangegangenen elf Meisterschaften gewonnen, dagegen lag Hajduks letzter Titelgewinn bereits knapp 15 Jahre zurück. Nein, im Mittelpunkt standen allein die Show und die Botschaft. Die 1950 gegründete Torcida ist die älteste Fanorganisation Europas. Ihr Einfluss ist immens. Indessen die Spieler noch darauf warteten, dass der künstliche Nebel sich verzog, reckten die Mitglieder der Torcida auf der Nordtribüne und die Fans auf der Osttribüne einander den rechten Arm zum wechselweisen Gruß entgegen, begleitet von Gesängen zur Melodie des Triumphmarsches aus Verdis Oper Aida . Ganz vorn standen die Capos mit dem Gesicht zur Nordtribüne und dem Rücken zum Spielfeld, das Megafon in Händen, und dirigierten die Tausende Stimmen, die überwiegend wüste Schmähparolen auf die Rivalen aus der Hauptstadt schmetterten.
»Tötet, tötet, tötet die Purgera «, beleidigten die Torcidas die Gäste mit dem dalmatinischen Slang-Begriff für die Zagreber.
Dinamo, und Zagreb allgemein, wurde für die Torcida aus einer ganzen Reihe komplizierter historischer Gründe zum Erzrivalen. Zur Zeit des ehemaligen Jugoslawiens hatte die Rivalität einen weit verbreiteten, doch mehr oder weniger harmlosen Grund, nämlich den Neid und das Gefühl der Benachteiligung der Menschen fern der Hauptstadt ihrer Teilrepublik. Doch nach dem 1995 zu Ende gegangenen kroatischen Unabhängigkeitskrieg und der Auflösung Jugoslawiens avancierten Dinamo und Hajduk zu den beiden größten Mannschaften der neugegründeten unabhängigen Liga. Partien gegen die alten Belgrader Feinde – Roter Stern und Partizan – standen nicht länger auf dem Spielplan. Also gingen die beiden Lager aufeinander los.
Der kleine, nur wenige Hundert Mann starke schwarze Block der Dinamo-Ultras von den Bad Blue Boys war in einen abgelegenen Teil des Poljud-Stadions weit oben auf der Westtribüne verbannt worden, durch leere Sitzreihen weiträumig vom Rest der Arena isoliert. Die Show gehörte der Torcida. Fahnen wurden von den oberen Sitzreihen nach unten durchgereicht, und auf den Sitzen lagen kleine Plastikbögen in Rot oder Blau bereit für eine weit im Voraus geplante Zettel-Choreo. Niemand wusste, was sie zeigen würde, doch allein durch seine Anwesenheit erklärte man sich stillschweigend mit jeder Botschaft einverstanden. Ein riesiges Banner aus Kunststoff wurde von unten nach oben entrollt, und binnen weniger Augenblicke wurde es darunter heiß und stickig. Jedem Einzelnen war in diesem kollektiven Theaterstück eine Rolle zugedacht. Doch erst nach dem Spiel sah ich auf einer Fotografie, was die Choreografie eigentlich zeigte: das überlebensgroße Bild eines Fans mit nach vorn gereckten Armen, in den Händen einen Schal in Rot und Blauviolett, den Farben der Torcida. Darunter zog sich über die gesamte Breite der Nordtribüne ein einziges Wort in riesigen weißen Buchstaben: »ULTRAS«.
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