In Übereinstimmung mit diesen verwinkelten Gedankenkonstruktionen, auf die selbst die Meldung, dass inzwischen auch die Vereinigten Staaten auf Seiten Großbritanniens und der Sowjetunion in den Krieg eingetreten waren, keinen großen Einfluss zu haben schien, riefen Tito und seine Genossen am 21. Dezember 1941, an Stalins Geburtstag, im Dorf Rudo die Erste proletarische Brigade (später Division) ins Leben, die die offensive Speerspitze der Befreiungs- und Sozialbewegung bilden sollte. Als Reaktion auf den Umstand, dass mehrere Partisaneneinheiten zu den Tschetniks übergelaufen waren oder sich in die Wälder geflüchtet hatten, um in der Nähe ihrer Dörfer zu bleiben, beschlossen sie, einen militärischen Kernverband aufzustellen, auf den sie sich würden stützen können, »weil wir die herrlichen Arbeitertruppen Serbiens hatten «. – »Ich erinnere mich«, sagte Kardelj, »dass wir, als wir im Sandžak auf dem Zlatar waren, eine Art Parade abhielten, als Vorbereitung darauf, dass wir Brigaden aufstellen würden. […] Es herrschte ein fürchterlicher Schneesturm und außerordentlicher Frost, und die Menschen marschierten halb nackt und barfüßig und übermüdet von den schrecklichen Märschen in Kolonnen und sangen mit unglaublichem Feuer.« 183Diese Leute seien, so Tito, »in Wirklichkeit die bewaffneten Streitkräfte der Partei«. 184
In die Erste proletarische Brigade wurden keine Bauern aufgenommen, sondern mehrheitlich Mitglieder der Partei und des SKOJ, denn sie sollte die Keimzelle einer regulären Revolutionsarmee bilden und sich von den Partisaneneinheiten unterscheiden. 185Nach Meinung Edvard Kardeljs hatte diese Entscheidung großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Widerstandsbewegung. »Das Auftreten der Ersten proletarischen Brigade veränderte die politische und militärische Situation in Bosnien wesentlich und machte es möglich, die negativen politischen Folgen des Falls der Republik von Užice relativ rasch durch neue Erfolge zu kompensieren. Die langfristige Wirkung lag darin, dass der Aufstand den ersten Kern einer Revolutionsarmee bekommen hatte, die in den folgenden Monaten und Jahren immer mehr die Fähigkeit gewann, Operationen größeren Ausmaßes in ganz Jugoslawien zu organisieren und – in der Schlussphase des Krieges – so große frontale Operationen gegen den Feind durchzuführen, wie sie für den Zweiten Weltkrieg kennzeichnend waren.« 186
An die Spitze der Brigade, zu der 1 200 Kämpfer gehörten, wurde Koča Popović gestellt, ein Veteran aus dem spanischen Bürgerkrieg, der sie zu einer gut organisierten Stoßeinheit formte. Zusammen mit der Zweiten proletarischen Brigade, die wenige Monate später ins Leben gerufen wurde, stellte sie den Kern der revolutionären Kräfte in Bosnien und Herzegowina, in dem Gebiet also, in dem in den nächsten zwei Jahren das Gros der Tito-Armee agieren sollte.
Über den Korpsgeist der Armee sagte ihr Oberkommandierender bei der Einsetzungsfeier der Zweiten proletarischen Brigade am 1. März 1942: »Wir werden auch auf den eigenen Vater schießen – wenn er sich gegen das Volk stellt.« 187Weil derartige Dinge tatsächlich vorgekommen waren, erinnerte sich Tito in späteren Jahren ungern an einige Vorkommnisse während der Revolution. Trotzdem konnte er seine Bewunderung für Menschen nicht verhehlen, die die Stärke hatten, solche Opfer zu erbringen: »Ja, das heißt Partei ergreifen.« 188Gleichzeitig muss aber auch gesagt werden, dass er selbst an keinen Gräueltaten beteiligt war. »Das, was kompromittiert«, meinte Ranković nicht ohne Vorwurf, »Todesurteile, das Niederbrennen von Dörfern, all das, was schmutzig und schlecht ist, hat er nicht unterschrieben, sondern anderen überlassen. Immer war er sich seiner historischen Rolle bewusst. Er handelte so, dass er der Sieger war, dass er recht hatte, dass er gerecht und großmütig war …« 189
In dem Dorf Ivanćići berief Tito am 8. Januar 1942 eine Parteiversammlung ein, auf der beschlossen wurde, durch Verschärfung des Klassenkampfes der Revolution neuen Schwung zu geben. In einem Dokument, das vermutlich als Diskussionsgrundlage gelten sollte, hieß es, dass die KPJ ihre Taktik ändern werde: »Die Politik unserer Partei war klar und darauf konzentriert, das ganze Volk im Kampf gegen den Okkupator zu vereinen, ungeachtet der nationalen, religiösen und politischen Zugehörigkeit. Aber unsere Gegner, die großserbische Bourgeoisie und ihre Vertreter, haben die Frage der zukünftigen Ordnung [des Staates] gestellt und sind sogar so weit gegangen, dass sie sich zum Zwecke der Sicherung und Erhaltung der alten Ordnung im Kampf gegen uns mit dem Okkupator zusammengetan haben. Sie haben uns den Klassenkampf aufgezwungen, wir nehmen diesen Kampf an …« 190
Nach der Flucht aus Serbien quartierte sich das Oberkommando am 25. Januar in Ostbosnien ein, in der muslimischen Kleinstadt Foča auf NDH-Territorium, wo es trotz ständiger Angriffe der deutschen Luftwaffe drei Monate blieb. Bei der Ankunft in der Stadt konnte sich Tito mit eigenen Augen davon überzeugen, was für ein Jugoslawien Mihailović vorschwebte: In der Drina schwammen Leichname von Muslimen, die von den Tschetniks hingemordet worden waren. 191Die Tatsache, dass bei den Gräueltaten die Ustascha mit den Tschetniks wetteiferten, war Wasser auf die Mühlen der Widerstandsbewegung, die sich in der neuen Umgebung bald erholte, trotz des schrecklichen Frosts und quälenden Hungers: Sie aßen fast nur Haferbrot, vermischt mit Spalten wilder Birnen, im besten Fall tranken sie »Pferdetee« – gekochte Pferdebrühe ohne Salz und Gewürze. 192Tito verlor in dieser Zeit zwar viel an Gewicht, war aber dennoch privilegiert. Er hatte nämlich eine eigene Kuh, sodass er immer genügend Milch bekam, und hatte auch seinen eigenen Koch. 193Was aber noch nicht bedeutete, dass er nicht auch die Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten des Partisanenlebens mit den anderen teilte. Josip Kopinič, der zu dieser Zeit aus Zagreb dazugestoßen war, erzählt, dass sie sich einmal wegen der Kälte eine Decke geteilt hätten. »Hast du Läuse?« habe Tito ihn gefragt. Vazduh habe geantwortet, dass er noch keine habe. Darauf Tito lachend: »Keine Angst, hier kriegst du sie, ich habe sie auch.« 194
Mit Kopiničs Hilfe war es um den 7. Februar 1942 möglich, von Goražde aus eine direkte Radioverbindung des Obersten Stabes mit Moskau herzustellen, um die sich der Leiter des Chiffrierdienstes kümmerte, der Kernphysiker Pavle Savić, ehemals Assistent von Marie Curie, »ein überdurchschnittlich intelligenter Mann«. 195Unter Ausnutzung der neuen Kommunikationsmöglichkeit, mit der er sich aus der Abhängigkeit vom Zagreber Zentrum lösen konnte, sandte Tito Ende Februar 1942 zum 24. Jahrestag der Roten Armee einen begeisterten Glückwunsch, der in der Zeitschrift Kommunističeskij Internacional , aber auch in den Soviet War News , dem Bulletin der sowjetischen Botschaft in London, veröffentlicht wurde. Sein Name tauchte auf diese Weise zum ersten Mal im Westen erwähnt. 196Man musste aber bis zum Sommer warten, bis die linksgerichteten Zeitungen in Großbritannien und den USA endlich Telegramme aus Moskau bekamen, die Titos Meldungen über Schlachten der Partisanen gegen die Okkupatoren zitierten und die Kommuniqués der jugoslawischen Regierung in London der Lüge überführten, die mit denselben Schlachten renommierten, nur dass sie sie den »Tschetnik-Guerillatruppen unter General Draža Mihailović« zuschrieben. 197
Weil sich das Kriegsglück mit dem Stillstand der Offensive der Wehrmacht vor Moskau zugunsten der Russen gewendet hatte, begann sich Stalin für die Partisanen Jugoslawiens zu interessieren, auch deshalb, weil die britische Regierung darauf beharrte, Tito zur Kooperation mit Mihailović zu bewegen. »Es scheint«, sagte er ironisch, »dass die jugoslawischen Partisanen ziemlich schlagkräftig sind, wenn uns die Engländer um Hilfe bitten.« Und als auch die königliche Exilregierung die gleiche Forderung erhob, fügte er hinzu: »Ihnen allein gelingt es nicht, sich mit der Partisanenbewegung in der Heimat zu einigen, und so wollen sie sie mit unserer Hilfe Mihailović unterwerfen und sie später ersticken. All das ist mit heißer Nadel gestrickt. Es handelt sich um eine gerissene, aber kindische Falle! Schade, dass wir fürs Erste mit den Partisanen nur sympathisieren, ihnen aber keine konkrete Hilfe bieten können.« 198
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