Die Gewinne wurden geteilt. So sammelten sie in vielen kleinen Schritten ein Vermögen an, das allerdings mehr als verloren ging, als die Finanzkrise alles überlagerte. Rudolph war so unvorsichtig zu glauben, dass seine Insidergeschäfte von der sich abzeichneten Finanzkrise nur bedingt beeinträchtigt werden könnten. Da irrte er sich. Seine vorsichtige Vorgehensweise nicht direkt die Aktien der Unternehmen zu kaufen, über die er Insiderinformationen gesammelt hatte, reduzierte die erwartete Marge eines Insidergeschäftes im Vergleich zur direkten Anlage. So wies er Vitus an, mit sehr hohen Beträgen zu spekulieren. Die unerwartete Pleite von Lehman Brothers, die er eigentlich als too big to fail eingeordnet hatte, zerstörte alle Gewinne und führten zu hohen Verlusten.
Das Taxi hatte nach einer Viertelstunde sein Ziel erreicht und hielt direkt vor dem Haupteingang, was den Hotelpagen dazu veranlasste, die Beifahrertür aufzureißen, um den Gast willkommen zu heißen. Da er noch mit dem Bezahlvorgang beschäftigt war, blitzte er ärgerlich den uniformierten Hotelbediensteten an, der sich verschreckt zurückzog als er noch einem ärgerlichen Wegwinken ausgesetzt wurde.
Er bezahlte mit großzügigem Trinkgeld, stieg langsam aus und begab sich kopfschüttelnd auf den Weg zu seiner Suite. Im Fahrstuhl rechnete er nach, dass ungefähr ein Jahr und drei Monate vergangen waren seit er Vitus das erste Mal gesehen hatte. Viermal hatten sie sich inzwischen getroffen immer in Madrid. Mittlerweile waren sie per Du. Heute wollten sie wieder zusammenkommen, um die Konsequenzen der schwierigen Lage in Ruhe zu besprechen.
Für ihn stand fest, so leicht würde er sich nicht unterkriegen lassen. Es würde ihm eine Lösung einfallen. Er wollte jede Option prüfen und Skrupel, das schwor er sich, würde er keine haben. Schon seit längerem überlegte er, wie ihm das zweite Ich dafür von Nutzen sein konnte. Aber etwas Konkretes war ihm noch nicht eingefallen.
In seinem Hotelzimmer angekommen, setzte er sich auf den großflächigen Balkon seiner Suite und holte den schmalen Band Also sprach Zarathustra von Nietzsche hervor und vertiefte sich in dessen Sprachgewalt und Inhalt. Zwei kurze Passagen setzten in seinem Hirn etwas frei: Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden? und Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!
Er konnte das zweite Ich mit einer mörderischen Idee verbinden, deren Ausführung seine und Vitus‘ finanzielle Probleme lösen würde, da war er sich sicher. Er schmunzelte. Sie würden Phantasie und gute Nerven brauchen. Nietzsche war ein anregender Philosoph, auch wenn man ihn nur oberflächlich verstand, verhalf er dem Leser zu einem ideologischen Überbau, wenn er dies für seine Lebensphilosophie brauchte. Das musste Rudolph zugeben. Er nutzte die verbleibende Zeit, um nachzudenken bis ihn der Zimmerservice störte. Das junge Mädchen musste mehrmals klingeln und fuhr nun scheppernd den Servierwagen herein, der von einem silbernen durch die Kühlung nass schimmernden Eiskübel gekrönt war, den eine Flasche Dom Perignon und ein feiner Burgunder Mersault-Chardonnays adelte. Daneben stand noch eine Flasche Yamazaki Single Malt, als Konzession für seinen Gast. Er gab ihr so großzügig Trinkgeld, dass sie verlegen und mit einem verschämten Lächeln rückwärts durch die noch offene Tür verschwand.
Sein Hoteltelefon klingelte. „Sehr geehrter Herr Dr. Rudolph, ein Herr Mausgrau will Ihnen die Aufwartung machen.“, informierte ihn die Rezeptionistin.
„Schicken Sie den Komiker hoch.“
Kurz danach klopfte es. Rudolph schaute durch den Spion und wurde von einer überdimensionierten Sonnenbrille und zwei Zahnreihen erschreckt. Letztere hatten ein breites Lächeln zum Vorschein gebracht. Er öffnete die Tür. Sie umarmten sich innig und klopften sich gegenseitig ab. Zufrieden stellte er fest, wie schnell Vitus sein Lieblingsgetränk erkannte, das schon auf ihn wartete, während er die Champagnerflasche öffnete.
„Böse Zeiten. Lange werden wir uns das nicht mehr leisten können. Ich schon jetzt nicht mehr. Man hat mich freigestellt. Ein Vorgang, den ich überflüssig gewordenen Mitarbeiter meiner Mandanten hervorragend vermitteln konnte.“, seufzte sein Besucher und nahm die Sonnenbrille ab.
Rudolph bemerkte, wie seine Augen für einen kurzen Moment müde ins Leere blickten.
„Wenn es einen selbst erwischt, bleibt nur Wut. Ich habe lukrative Aufträge ohne Ende für meine Firma akquiriert und durchgeführt. Bin durch alle Zeitzonen geflogen und habe sieben Tage die Woche hart gearbeitet.“
Rudolph dachte, jetzt tut er sich aber gewaltig selbst leid. Er jammert zu viel. Hoffentlich hört das bald auf.
„Was ungeheuerlich ist, die unfähigen Vorstandmitglieder meiner Consultingfirma, und ich meine wirklich alle, füllen ihre Portmonees noch dicker. Sie haben doch wirklich die Höhe ihrer eigenen Bonifikationen davon abhängig gemacht, wie schnell und preiswert sie die eigenen Mitarbeiter loswerden können. Oh, entschuldigte ich wollte freistellen sagen. Also mich!“
„Ich dachte, dass das euer Geschäftsmodell ist. Warum beschwerst du dich? Jammer nicht!“
„Die Krise ist einfach zu früh gekommen. Ich hatte keine Chance, meine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Sie waren einfach noch nicht fett genug. Unsere grandiosen Insidergeschäfte haben sogar Verluste gebracht. Das Schicksal meinte es einfach nicht gut mit mir.“
„Noch einmal, lamentier nicht! Was hältst du davon, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen? Erzwinge dein Glück, indem du ein wenig nachhilfst. Mir geht es genauso dreckig wie dir. Ich bin zwar nicht freigestellt, aber kaltgestellt. Eine Freistellung käme meinen Vorstand zu teuer. Und sie lassen mich hängen, was den Vorwurf der Falschberatung von Klienten angeht. Ich habe drei Klagen von großen Kommunen am Hals, die zwar gegen meine Firma gerichtet sind, aber meine Firma wird alles tun, dass der Dreck nur an mir hängen bleibt.“, sagte Rudolph ungehalten.
Stille machte sich breit. Rudolph fixierte seinen jungen Freund intensiv.
„Ich werde mich wehren. Aber nicht auf dem Feld der Finanzwelt. Dort ist der Gegner zu mächtig und meine Position zu schwach. Zumindest momentan. Und du solltest es auch so halten und nicht in Selbstmitleid baden. Ganz am Anfang unserer Bekanntschaft hast du mir versichert, dass du für deine hart erarbeiteten Privilegien auch über Leichen gehen würdest.“
Vitus unterbrach ihn genervt. „Wovon redest du eigentlich? Ist dir der Champagner nicht bekommen?“
„Ich rede davon, dass uns alle Mittel recht sein müssen, um uns gegen die verdrießlichen Umstände zu wehren, wenn sie uns Übel wollen. Und dies bis zur letzten Konsequenz. Nietzsche und Darwin lassen grüßen.“
„Ja, bis zur letzten Konsequenz mit Darwins Hilfe! Falls auch diesmal meine Lose der Weihnachtslotterie Nieten sind. Was ich aber nicht erwarte. Diesmal lande ich den großen Knaller.“
Vitus schien das alles eher verzweifelt ironisch zu nehmen. Das gefiel ihm nicht.
An der Tür klopfte es wieder. „Zimmerservice, Ihr Dinner.“
Vitus setzte sich die Sonnenbrille auf und lächelte die junge Frau an. Diesmal bestach der Servierwagen mit zwei silberfarbenen Kuppeln, die zwei Teller bedeckten.
„Was bringen wir denn da?“
„Wild gefangener Wolfsbarsch in Salzkruste gebacken und Kanarische Kartoffel.“
„Auch die Runzelkartoffeln mit feiner Salzkruste, wie clever abgestimmt und gleichzeitig bescheiden.“
„Spar dir deinen Sarkasmus.“
Das Zimmermädchen lächelte verlegen und fragte, ob die Herren noch Wünsche hätten. Sie schüttelten den Kopf und bedankten sich höflich. Vitus gab ihr ein großzügiges Trinkgeld.
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