Das Glück war ihm nicht so hold. Als er die Tür aufschloss, hörte er im Bad das Wasser rauschen. Auch Marisol hatte ihn gehört und streckte die Tür raus, um ihm einen guten Morgen zu wünschen.
„Hast du zufällig noch eine Zahnbürste da?“
„Ich benutze die Elektrische. Da sind noch neue Aufsätze da, wenn es dich nicht stört, nimm ruhig den Griff, ansonsten muss es per Hand gehen.“
„Wenn es dir nichts ausmacht, nehme ich gerne den Griff dazu.“
„Mir macht es nichts aus, sonst hätte ich es ja nicht angeboten.“
Er kramte im Spiegelschrank und legte ihr einen Aufsatz heraus.
„Ich hab Wecken geholt. Was magst du morgens? Eher süß oder herzhaft?“
„Beides gerne. Ich nehme, was da ist.“
Während Mari sich im Bad frisch machte, deckte Nando den Tisch. Er hatte zum Glück gut eingekauft und richtete Käse, Schinken und Salami auf einem Teller an. Die Marmelade hatte er aus einem Hofladen in Kirchzarten. Sie erinnerte ihn im Geschmack an die Marmelade, die seine Mutter immer gekocht hatte und schmeckte mehr nach Frucht, als nach Zucker. Honig von einem Imker aus Ehrenkirchen, hatte er ebenfalls noch da. Weil er nicht wusste, ob sein Gast morgens Kaffee oder Tee bevorzugte, hatte er auch den Wasserkochen angestellt.
„Ich fühle mich wie neugeboren. Himmel war ich gestern Abend müde. Das lag sicher auch an dem leckeren Wein. Und hier sieht es schon wieder so toll aus. Wahnsinn!“
„Setz dich, was magst du trinken? Tee oder Kaffee?“
Mari schaute auf die Hightech Kaffeemaschine und fragte: „Kann die auch Cappuccino?“
Nando nickte und drückte aufs entsprechende Knöpfchen. Als sie sich am Küchentisch gegenüber saßen, wünschte er einen guten Appetit und griff ebenfalls beherzt zu.
„Was hast du heute vor?“, erkundigte er sich bei Marisol.
„Waschsalon. Ich hab noch keine Waschmaschine und die mit den Münzen bei uns im Haus laufen nach Gutdünken. Ehe ich wieder klatschnasse Wäsche aus einer ziemlich ungepflegten Maschine hole, die nach dem halben Programm einfach ausgeht, nehme ich lieber meine Klamotten und fahre in den Waschsalon.“
„Ohje. Da lobe ich mir die Waschmaschine im eigenen Bad. Schon allein die Wartezeit.“
„Ach, ich lese dann. Ab und zu stricke ich auch was. Ich hab das gelernt, als ich auf einer Frühchenstation gearbeitet hab. Die sind so winzig, da kriegst du kaum was an Klamotten zu kaufen. Und die Eltern sind völlig überfordert mit der Situation. Das abrupte viel zu frühe Ende der Schwangerschaft und die Sorge um den Winzling. Die sind so dankbar, dass die Station Kleidung stellt. Wirklich Zeit hatten wir dort nicht. Aber die älteren Schwestern haben alle gestrickt und es mir beigebracht. Und jetzt stricke ich, so wie ich Zeit und Lust habe und schicke es dorthin oder gebe es auf den Frühchenstationen in den Kliniken ab, wo ich gerade arbeite.“
„Das ist ja toll. Und sicher ein guter Zeitvertreib im Waschsalon.“
„Das Praktische an der Angelegenheit ist, dass ich nie auf eine spezielle Größe achten muss. Irgendeinem Kind passt es immer. Und die Winzigkeit macht keine Umstände, wenn ich das Strickzeug mitnehme. Wiegt nicht viel und nimmt wenig Platz weg. Das will ja auch bedacht sein, wenn man schon mit Dreckwäsche unterwegs ist.“
„Hast du kein Auto?“
„Ich hab zwar einen Führerschein, aber bisher war ich immer in Universitätsstädten. Da konnte ich alles mit dem Fahrrad oder mit den Öffis machen. Daher brauchte ich kein Auto und vor allem, ich hab kaum Fahrpraxis.“
„Du weißt, dass wir hier in Freiburg auch tolle Carsharing-Angebote haben? Das nutze ich zum Beispiel, wenn ich mal Mammuteinkäufe machen muss.“
„Ja. Aber die Uniklinik unterstützt die Aktion Jobrad. Ich hab mich da für ein E-Bike entschieden. Damit bin ich mir zumindest in der Bedienung sicher und die Strecken, die ich fahre, kann ich damit gut bewältigen. Und wenn ich doch mal etwas Größeres transportieren muss, dann nehme ich mir einen Leihwagen. Aber meistens fahre ich mit der Straßenbahn.“
Marisol bot an, die Küche aufzuräumen und beim Putzen zu helfen. Immerhin hat ihr Besuch ein ziemliches Chaos verursacht und sie hatten am Vorabend nichts mehr aufgeräumt. Doch Nando wollte davon nichts wissen.
„Du bist Gast!“
„Ja, aber ich hab die Gastfreundschaft nun ja auch über Gebühr strapaziert.“
„Ach was. Ich bin froh, wenn ich noch bissel was zu tun hab. Sonst langweile ich mich noch.“
„Langeweile kenne ich gar nicht! Obwohl ich auch das Nichtstun manchmal sehr genießen kann.“
Sie verabschiedeten sich und gingen beide mit einem guten Gefühl an ihre Vorhaben für den Tag.
Waschsalon und Gedankenschleuder
Mit einem großen Rucksack voller Wäsche und Strickzeug, machte sich Marisol auf den Weg in den Waschsalon. Sie hatte nur schnell geduscht und sich umgezogen. Die Kleidung vom Vortag und das Handtuch nahm sie gleich mit. Fürs Strickzeug hatte sie sich entschieden, weil sie beim Stricken besser nachdenken konnte, als beim Lesen. Und sie musste nachdenken. Über sich und Nando. Es war zweifellos total schön, jemanden in Freiburg zu kennen, der nicht mit der Arbeit zu tun hatte. Doch ihre Erfahrungen mit jungen Männern, die sie noch dazu außerordentlich nett und anziehend fand, waren Anlass, nicht mehr ausschließlich auf ihr Bauchgefühl zu hören. Denn ihr Bauch sprach entweder eine Sprache, die sie nicht sonderlich gut verstand oder sie war schlichtweg beziehungsunfähig.
Marisol hatte Glück, der Waschsalon war ziemlich leer. Sie befüllte zwei Geräte und setzte sich auf eine Bank. Beim Maschenaufnehmen musste sie sich noch ein wenig konzentrieren. Nach der zweiten Reihe konnte sie dann, ohne nachzudenken, die Maschen einfach stricken und reflektierte ihre letzte Beziehung. Mit Stefan war sie fast zwei Jahre zusammen gewesen. Davon waren elf Monate die Hölle gewesen. Anfangs zeigte er sich liebevoll, nahm Rücksicht und schien ein geselliger Typ zu sein. Doch nach kurzer Zeit entpuppte er sich als ziemlich eifersüchtig. Es machte Marisol dann keinen Spaß mehr, noch irgendwohin zu gehen. Ging sie allein, war er misstrauisch und es kam zum Streit. Waren sie zusammen unterwegs, kontrollierte er sie und ging jeden Mann, der sie ansprach an, er solle seine schmierigen Finger von ihr lassen.
Als sie sich trennen wollte, akzeptierte er das einfach nicht. Er stalkte sie, lauerte ihr auf, wo immer es ging. Sie hatte damals im vorklinischen Studium noch mehr Vorlesungen besuchen müssen und sich freiwillig für die Arbeit in einer pathologischen Abteilung gemeldet. Sie war im Studium noch nicht so weit, dass sie sezieren oder Laborarbeit machen durfte. Aber sie verdiente etwas Geld mit Helfertätigkeiten und knüpfte Kontakte. Außerdem erklärten ihr die Mitarbeiter dort gern, wenn sie etwas wissen wollte, was sie für ein besseres Verständnis der Theorie sehr wichtig fand.
Fast hätte sie wegen Stefan eine wichtige Prüfung verhauen, die sie ein ganzes Semester gekostet hätte. Als sie bestanden hatte und es ans praxisorientierte Studieren ging, bewarb sie sich sofort weg aus Bielefeld und sagte niemandem, wo sie hinging. Sie wechselte dann auch alle E-Mailadressen und löschte sämtliche Accounts in den sozialen Medien. Noch lief sie nicht Gefahr, auf einer Klinikseite namentlich genannt zu werden. Und Marisol hoffte, dass Stefan das Interesse an ihr irgendwann verloren hatte.
Das war jetzt nun schon wirklich lange her. Sie war bisher der Meinung, dass sie sich erst einmal aufs Studium konzentrieren sollte. Eine Beziehung war da hinderlich. Stefan hatte das eindrücklich bewiesen. Erst das dritte Staatsexamen, dann vielleicht mal wieder was fürs Herz. Bisher war das auch ok. Aber nun war ihr Nando begegnet. Sie hatten sich zwar erst ein paar Mal getroffen, aber was, wenn da mehr draus werden könnte? Sie fand ihn süß, unterhielt sich gern mit ihm. Gerade seine Schüchternheit ließ sie auch hoffen, dass er sich nicht als ein zweiter Stefan entpuppen würde. Ein Problem sah sie nur darin, dass es kein Zurück mehr geben würde, wenn sie sich auf mehr als zusammen Essen einließe. Nando wäre dann auch als Freund verloren, wenn es nicht gut ging. Selbst wenn eine Trennung ohne Rosenkrieg stattfinden würde. Ach eigentlich war das doch verrückt, sie waren noch gar nicht zusammen und sie machte sich schon über eine Zeit nach der Trennung Gedanken. Das wäre sicher ein weiterer Beleg für ihre Beziehungsunfähigkeit.
Читать дальше