Für Marisol hieß es Feierabend. Sie dachte sich, dass sie sich am besten von innen kühlte und setzte sich in ein Eiscafé auf dem Rathausplatz. Sie liebte es, hier zu sitzen und die Leute zu beobachten. Mit den paar Semestern Psychologie, die sie studiert hatte, konnte sie der Haltung entnehmen, wie die Menschen sich fühlten, die an ihr vorbei kamen. Also nicht im Detail, aber in etwa. Und wenn Jemand eilig über den Platz hastete, fragte sie sich, warum er wohl zu spät dran sei oder wo er so dringend hinmüsse.
Der gestrige Abend war lang und sie war froh, dass sie gestern keinen Alkohol getrunken hatte. Dann wäre sie heute sicher noch schlechter aus dem Bett gekommen. Als ihr Eiscafé kam, bezahlte sie gleich. So gerne sie sonst hier saß, aber heute konnte sie nicht lange hierbleiben, das sagte ihr der schmerzende Rücken.
Gerade als sie sich zurücklehnte und kurz die Sonne genießen wollte, nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Nando steuerte direkt auf ihren Tisch zu und fragte, ob er Platz nehmen dürfe. Mari war hin und her gerissen zwischen der Freude über das Wiedersehen und dem Wunsch, sich bäuchlings auf eine Wiese zu legen, um den Rücken zu entlasten.
„Wie geht es dir? Merkst du noch was von deinem Sturz?“ Nando klang ehrlich besorgt.
„Mehr als gestern, wenn ich ehrlich sein soll. Mir tut alles weh, als wenn ich in einem Zementmischer herumgewirbelt wurde.“
„Interessant, dass du weißt, wie sich das anfühlt.“
„Ja, mein Bruder hat das mal mit mir gemacht. Und wirklich, es fühlte sich hinterher so an, wie jetzt.“
„Du könntest versuchen, das Mädchen ausfindig zu machen.“
Mari winkte ab. „Ehrlich, ich kann doch einer Zehnjährigen nicht zur Last legen, dass ich nicht aufpasse.“
„Nun, ganz so war es ja nicht. Und die Frage ist ja auch die, ob ein Kind die Gefahr einschätzen kann, die von dem Hund ausgeht.“
„Der Hund war ungefährlich. Die Gefahr sind die Bächle. Erst blaue Flecken und dann vielleicht bald verheiratet.“ Mari lachte und Nando stimmte ein.
„Das ist vielleicht nicht von der Hand zu weisen. In der Familie Belz war es schon immer so, dass einer der Ehepartner aus Freiburg war und der oder die andere aus einem Bächle geangelt wurde.“
„Ok, und wer ist die Familie Belz?“
„Meine Familie, seit 3 Generationen können wir bestätigen, dass die Legende wahr ist. Und keine der Ehen wurde geschieden. Darauf sind meine Eltern besonders stolz. Die Ur- und -großeltern leben leider nicht mehr.“
Nando schlürfte den Rest seiner Eisschokolade geräuschvoll aus dem Glas. „Wollen wir an die Dreisam gehen? Dort können wir ein Stück laufen oder uns ins Gras legen.“
„Gute Idee!“ Marisol war dankbar für den Vorschlag, denn sie wribbelte schon eine Weile unruhig auf dem Stuhl herum.
„Ich hab gestern so viel von mir erzählt. Was machst du so?“ Marisol war froh, dass sie sich heute wieder getroffen hatten. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie am gestrigen Abend so wenig Fragen an Nando gestellt und so viel von sich gesprochen hatte.
„Von Beruf bin ich Projektmanager in einer Softwarefirma hier in Freiburg. Ist ein tolles Team, gutes Klima. Sehr engagiert für soziale Projekte und sportlich aktiv. Wir laufen den Freiburg Marathon und andere Läufe in der Gegend mit. Dafür trainieren wir auch zusammen. Ansonsten bin ich einfach gern zu Hause. Koche, Lese und in dieser Jahreszeit verbringe ich die Abende total gern auf meinem Balkon.“
„Das klingt gut. Ich gehe nach der Arbeit meist kurz in die Stadt. Zu den jüngeren Pflegern hab ich einen ganz guten Draht, aber sonst kenne ich hier noch nicht viele Leute. Zum Glück hab ich eine eigene Wohnung gefunden. Ziemlich zentral in Zähringen. Wenn ich auf meinem Balkon sitze, zieht mir allerdings der Duft vom Dönerladen in die Nase und es ist ziemlich laut, bis die Restaurants schließen jedenfalls.“
„Meine Wohnung ist von meinen Eltern übernommen. Also die, in der ich auch aufgewachsen bin. Einzelkind!“
„Und deine Eltern? Sind die schon im Altenheim?“
„Nein. Im Gegenteil. Sie sind am anderen Ende der Welt. In Südafrika.“ Nando erzählte etwas von seiner Familie und wie es kam, dass er so jung eine riesige Wohnung in einer der bevorzugtesten Wohngegenden Freiburgs hatte. Mietfrei natürlich. Marisol konnte gönnen, sie war begeistert, was seine Eltern machten und gratulierte ihm zu seinem Wohnglück.
Sie waren inzwischen ziemlich weit gelaufen und es gab größere Abstände an den Ufern der Dreisam, die nicht von Sonnenanbetern belegt waren. Marisol spürte die Müdigkeit und hatte ziemlichen Durst. So ein Eiscafé ist halt nur im ersten Moment erfrischend. Später klebt und pappt er im Mund und verursacht mehr Durst als er gelöscht hatte. Nando schien es mit seiner Eisschokolade ähnlich zu gehen. Er bot an, dass Mari sich einen Platz suchte und ausruhte. An der nächsten Fahrradbrücke würde er hochlaufen und an dem Kiosk etwas zu trinken holen. Marisol war dankbar und streckte sich bäuchlings ins Gras. Ihre Tasche umschlang sie mit beiden Armen und bettete ihren Kopf darauf. Kurz drauf, war sie bereits weggedämmert.
Nando sah von weitem, dass Mari schlief und kam langsam näher. Er setzte sich leise ins Gras und ließ Blick und Gedanken schweifen. Es fühlte sich gut an, mit Mari hier zu sein. Bislang war Nando nicht der Aufreißertyp gewesen. Die Beziehungen, die er hatte, waren ziemlich anstrengend und nur von kurzer Dauer. Er war selbst überrascht, wie sehr er das Beisammensein mit Marisol genoss. Aber er wollte nicht euphorisch werden. Sie trafen sich schließlich erst zum zweiten Mal und das rein zufällig.
Mari wachte nach knapp fünfzehn Minuten auf und fühlte sich, als wenn sie Stunden geruht hätte. Powernapping by nature. Das war Gold wert, wie sie fand. Nando hielt ihr eine große Flasche Wasser hin, die so gut gekühlt war, dass die Wassertropfen außen langsam herunterrannen. Gierig trank Mari einen großen Schluck und hielt ihrem Retter in der Not die Flasche hin. Nando zeigte auf eine eigene Flasche und grinste.
Sie blieben noch ein wenig im Gras liegen und plauderten.
Marisol hatte ganz schön lange überlegt, was sie Nando mitbringen konnte. Sie war zum Essen bei ihm zu Hause eingeladen und war gespannt auf seine Wohnung und auf seine Kochkünste. Er hatte nicht verraten, was es gab und darauf bestanden, dass sie weder ein Dessert noch Getränke mitbrachte. Auf der HNO Station auf der Mari arbeitete, war der letzte Schrei dieses Sommers, eine selbstkühlende Matte, auf die man sich setzen oder legen konnte. Im Ikea wurde sie fündig und kaufte zwei. Nando hatte mehr als einmal darüber gejammert, dass seine Wohnung im Sommer einfach zu warm war. Vermutlich wusste er nicht, dass es so etwas gab. Sonst hätte er das doch bestimmt erwähnt. Eine der neu erstandenen Kühlmatten verpackte sie hübsch, die andere legte sie in die Badewanne und wusch sie erst einmal gründlich. Dann machte sie sich gut gelaunt auf den Weg.
Schon unten im Hausflur roch es köstlich nach Knoblauch. Nun gab es genug Menschen, die Knoblauchgerüche nicht unbedingt bejubelten, aber Mari liebte Knoblauch. Eigentlich hatten ihre Patienten ziemliches Glück, dass sie oft nicht so gut riechen konnten, wenn sie bei ihr auf der Hals-Nasen-Ohren Station lagen. Sie roch wahrscheinlich jeden Tag nach Knobi.
Dachgeschoss, hatte Nando gesagt. Die Treppen nach ganz oben waren doch ganz schön anstrengend bei dieser Hitze und je höher sie stieg, desto hitziger wurde es im muffigen Treppenhaus.
Nando stand in einer wunderschönen alten Holztür und lächelte sie an. Mari gab noch einmal alles, um halbwegs würdevoll die letzten Stufen zu erklimmen. Am liebsten würde sie das Mitbringsel selbst auspacken und sich drauflegen. Doch die Blöße wollte sie sich natürlich nicht geben. Sie überreichte ihr Geschenk und taumelte in den Flur.
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