»Ich kann den kurzen Weg zum Wissen wählen - und zum Frieden«, antwortete er leise. »Ich kann sterben, und ich will sterben - ja, noch heute Nacht.«
Ich blickte ihn wütend an, denn seine Worte erfüllten mich mit Angst.
»Leo, du bist ein Feigling!«, sagte ich. »Kannst du nicht deinen Schmerz genauso ertragen wie... wie andere?«
»Du meinst, wie du, Horace«, sagte er mit einem bitteren Lachen, »denn auch auf dir ruht der Fluch - und mit weniger Grund. Du bist stärker als ich, und zäher; vielleicht weil du länger gelebt hast. Nein, ich kann es nicht länger ertragen. Ich will sterben.«
»Es ist ein Verbrechen«, sagte ich, »die größte Beleidigung gegenüber den Mächten, die dich geschaffen haben, das Leben wie einen abgenutzten, wertlosen Gegenstand fortzuwerfen, ein Verbrechen, das eine Strafe nach sich zieht, die schlimmer ist, als du sie dir vorzustellen vermagst; vielleicht sogar die Strafe ewiger Trennung.«
»Begeht ein Mann, der in der Folterkammer gequält wird, ein Verbrechen, wenn er ein Messer ergreift und sich umbringt? Vielleicht; aber sicher ist das eine Sünde, die vergeben werden kann - wenn zerfetztes Fleisch und zerrissene Nerven nach Erlösung schreien. Ich bin so ein Mann, Horace, und ich werde das Messer benutzen und das Risiko der Verdammnis auf mich nehmen. Sie ist tot, und im Tode werde ich ihr zumindest nahe sein.«
»Wer sagt, dass sie tot ist, Leo? Vielleicht ist Ayesha noch am Leben.«
»Nein. Wenn sie lebte, hätte sie mir irgendein Zeichen gegeben. Mein Entschluss steht fest, also spare dir deine Worte; wenn wir unbedingt reden müssen, so wollen wir wenigstens das Thema wechseln.«
Ich sprach weiter beschwörend auf ihn ein, obwohl ich kaum hoffte, ihn umstimmen zu können, denn ich sah, dass meine seit langem gehegte Befürchtung eingetroffen war: Leo war verrückt geworden! Schock und Trauer hatten seinen Verstand zerstört. Wenn dem nicht so wäre, würde er, der auf seine Weise ein sehr religiöser Mensch war und in diesen Fragen eine sehr strikte Auffassung hatte, wie ich wusste, niemals auch nur dem Gedanken an einen Selbstmord Raum geben.
»Leo«, sagte ich, »bist du so herzlos, dass du mich allein zurücklassen könntest? Vergiltst du mir so all die Liebe und Sorge für dich? Willst du mich in den Tod treiben? Wenn du das tust, besudelst du deine Hände mit meinem Blut.«
»Mit deinem Blut? Warum mit deinem Blut, Horace?«
»Weil der Weg in den Tod breit genug ist, dass zwei ihn gehen können. Wir haben lange Jahre miteinander gelebt und gemeinsam vieles erlitten. Ich bin sicher, dass wir nicht für lange getrennt sein werden.«
Damit hatte ich ihn in die Enge getrieben, und jetzt bekam er Angst um mich.
»Wenn du dich tötest, werde ich auch sterben«, antwortete ich nur auf seine Einwände. »Dein Tod wäre auch mein Ende.«
Nun gab Leo nach. »Also gut!«, rief er plötzlich. »Ich verspreche dir, dass es nicht heute Nacht geschehen wird. Wir wollen dem Leben eine zweite Chance geben.«
»Danke«, sagte ich. Doch die Angst schnürte mir noch immer die Kehle zu, als ich an diesem Abend zu Bett ging. Denn ich war sicher, dass sein Todes wünsch, nachdem er einmal von ihm Besitz ergriffen hatte, wachsen und wachsen würde, bis er eines Tages übermächtig geworden war, und dann... dann würde auch ich, der ich nicht allein leben konnte, welken und sterben. In meiner Verzweiflung schickte ich meine Seele der entgegen, die von uns gegangen war.
»Ayesha!«, rief ich. »Wenn du irgendwelche Macht hast, wenn es dir irgendwie möglich ist, gib uns ein Zeichen, dass du noch lebst; rette deinen Geliebten vor der Sünde und mich vor dem Tod an gebrochenem Herzen. Habe Mitleid mit seiner Trauer und gib ihm Hoffnung, denn ohne Hoffnung kann Leo nicht leben, und ohne ihn kann ich nicht leben.«
Völlig erschöpft schlief ich ein.
Leos Stimme riss mich aus dem unruhigen Schlaf.
»Horace«, sagte er leise und erregt aus dem Dunkel, »Horace, mein Freund, mein Vater, höre mich an!«
Ich war sofort hellwach, denn der Ton seiner Stimme verriet mir, dass etwas geschehen war, das unser beider Schicksal bestimmen würde.
»Lass mich zuerst eine Kerze anzünden«, sagte ich.
»Lass doch die Kerze, Horace! Mir ist es lieber, im Dunkeln mit dir zu sprechen. Ich bin eingeschlafen und habe den lebhaftesten Traum gehabt, den ich je geträumt habe. Ich stand unter dem Himmelsgewölbe, und es war schwarz, schwarz, schwarz; nicht ein einziger Stern schien, und ich wurde von einem unerträglichen Gefühl der Verlassenheit ergriffen. Doch plötzlich sah ich, weit oben an dem schwarzen Gewölbe, viele hundert Meilen entfernt, ein winziges Licht und glaubte, dass ein Planet aufgetaucht sei, um mir Gesellschaft zu leisten. Das Licht kam langsam näher, wie ein herabschwebendes, brennendes Papier. Tiefer und tiefer und tiefer sank es, bis es direkt über mir stand, und ich erkannte, dass es wie eine Feuerzunge aussah. In der Flöhe meines Kopfes verharrte diese Feuerzunge, und ich sah, dass sich unter ihr eine Frauengestalt befand, auf deren Stirn dieses Fanal brannte. Die Flamme wurde heller, und jetzt erkannte ich die Frauengestalt.
Horace, es war Ayesha! Ihre Augen, ihr wunderschönes Gesicht, ihr dunkles Haar! Und sie blickte mich mit einem traurigen, vorwurfsvollen Ausdruck an, als ob sie mir sagen wollte, so kam es mir vor, wie konntest du an mir zweifeln?
Ich wollte ihr etwas sagen, doch meine Lippen waren wie zugeschnürt. Ich versuchte auf sie zuzutreten, sie zu umarmen, doch mein Körper war wie gelähmt. Zwischen uns war eine Barriere. Sie hob eine Hand und winkte mir, als ob sie mich aufforderte, ihr zu folgen.
Dann glitt sie fort, und, Horace, meine Seele schien sich aus meinem Körper zu lösen und hinter ihr herzuschweben. Wir flogen ostwärts, über Länder und Meere und... ich kannte den Weg. An einem Punkt verhielt sie, und ich blickte hinab. Unter mir lagen im hellen Schein des Mondes die Ruinen der Schlösser von Kôr.
Weiter über die Marschen, und kurz darauf standen wir auf dem Kopf des Äthiopiers, und um uns versammelt waren die Araber, unsere Gefährten, die in der See ertrunken waren. Job befand sich unter ihnen, und er lächelte mich traurig an und schüttelte den Kopf, als ob er uns gerne begleiten würde, es ihm aber unmöglich wäre.
Wieder über einen Ozean und sandige Wüsten, erneut über ein Meer, bis die Küste Indiens unter uns auftauchte. Dann nach Norden, immer weiter nach Norden, über Dschungel und Steppen, bis vor uns ein von ewigem Schnee bedecktes Gebirge auftauchte. Wir zogen auch über das Gebirge hinweg und schwebten ein paar Sekunden lang über einem Gebäude, das am Rand eines kleinen Plateaus stand. Es war ein Kloster, denn ich sah alte Mönche, die auf der Terrasse beteten. Ich werde es wiedererkennen; es ist in der Form eines Halbmondes gebaut, und vor dem Kloster erhebt sich die gigantische, halb verfallene Statue eines Gottes, der ewig über die Unendlichkeit der Wüste blickt. Ich weiß - wieso, kann ich dir nicht erklären -, dass wir uns jenseits der Grenzen Tibets in einem unentdeckten Land befanden. Das Kloster stand auf einem Plateau am Rand einer gewaltigen Bergkette, und jenseits der Wüste erhob sich ein weiteres Gebirgsmassiv, Hunderte von schneebedeckten Gipfeln.
In der Nähe des Klosters erhob sich ein einzelner, steiler Berg, der höher war, als alle anderen. Wir standen auf seinem schneebedeckten Gipfel und warteten, bis plötzlich ein greller Lichtstrahl über die Berge und die Wüste zuckte, wie ein Signal über das Meer. Wir glitten an dem Lichtstrahl hinab - über die Wüste und die Gebirgskette hinweg und über die weite Ebene hinter den Bergen, auf der ich mehrere Dörfer entdeckte, und eine Stadt, die auf einem Hügel erbaut worden war, bis wir auf dem Gipfel eines hoch aufragenden Berges landeten. Ich sah, dass der Gipfel die Form eines Ringes hatte, wie das Lebenssymbol der Ägypter - das Crux-ansata - und auf einem mehrere hundert Fuß hohen, pfeilerförmigen Lavafelsen getragen wurde. Ich sah auch, dass der Feuerschein, der durch diesen Ring fiel, aus dem Krater eines Vulkans kam, der hinter diesem Berg lag. Wir befanden uns auf dem höchsten Punkt des Ringes und ruhten uns ein wenig aus, bis Ayeshas Hand nach unten deutete. Dann lächelte sie und verschwand. Und ich erwachte.
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