1 ...6 7 8 10 11 12 ...17 Servatzky machte grosse Augen.
“Ich weiß nicht,” sagte er. Dabei schielte er nach links, wo die Frau in den Satinhosen sich jetzt hörbar auf ihren Stöckelschuhen in Richtung Fahrstühle bewegte, einen silberglänzenden Rollkoffer hinter sich her ziehend. Vielleicht war es seine mecklenburgische Herkunft - Ulf Servatzky kam urspruenglich aus Schwerin – aber er besaß nicht die Härte und Rücksichtslosigkeit seiner damaligen MfS-Kollegen aus Sachsen, Brandenburg und Berlin. Dies bewegte seine Vorgesetzten in der Normannenstrasse bisweilen dazu, ihn vorzugsweise für Aufgaben heranzuziehen, bei denen der Schein der Harmlosigkeit sehr wichtig war. Einem Typen wie Rehbein hingegen sah man den Stasi-Mann schon von Weitem an.
“Vielleicht wäre dies eine gute Story für den ‚Spiegel‘, und wir streichen ein saftiges Honorar ein.” Ihm gefiel seine Idee, und er sah seinen Kumpel selbstzufrieden an.
“Ach was, Ulf ! Überleg doch mal. Dies ist die Gelegenheit unseres Lebens. Ich denke an das ganz große Geld. Millionen ! Wir könnten ein für alle Male ausgesorgt haben und brauchten uns nicht bei jeder Jobbewerbung anhören müssen, was für Arschlöcher wir waren. Wir, die Buhmänner der Nation. Und Kutschinski wird zahlen, glaub’ mir”. Rehbeins Gesicht drückte grimmige Entschlossenheit aus - wie einst in der Normannenstrasse beim Verhör eines Bürgers, der sich ‘Spiegel’ und ‘Stern’ aus dem Westen hatte schicken lassen.
Es war halb drei morgens. Saidi beschloss, für heute Schluss zu machen. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Er schaltete das “OFF”- Licht an und fuhr in Richtung Queensboro Bridge.
Es waren zwar immer noch Leute auf den Straßen in der ‘Stadt, die niemals schläft’, aber der Verkehr war deutlich ruhiger geworden. Fast nur noch Taxis und Limousinen und all diejenigen, die wegen des starken Tagesverkehrs nachts arbeiten müssen: Die Müllwagen, diverse Lieferantenfahrzeuge, Strassenbauarbeiter und die Reparaturkolonnen und Kabelleger der verschiedenen Telefon- und Elektrizitätsgesellschaften.
Aufpassen musste er auf die Asiaten, die rund um die Uhr auf ihren altersschwachen Fahrrädern, ohne Licht und ohne Ampeln und Einbahnstraßen zu beachten, Sushi oder Tsaos To Fu an Nachtschwärmer auslieferten. Manchmal konnte man sie nur im letzten Moment sehen, wenn sie für einen Moment von einem der Wasserdampf speienden dicken Rohre über den Kanalisationsschächten, die sich zum Teil mitten auf der Straße befanden, verdeckt wurden.
Er würde in 20 Minuten zu Hause sein. Meistens hatte Elvira etwas vom Abendessen für ihn bereitgestellt, das er sich nur aufwärmen musste. Heute hatte er aber noch am Abend downtown im Punjabi Grocery & Deli einen Curryreis zu sich genommen und war daher nicht besonders hungrig. Eigentlich mochte Saidi diese Imbisstreffen der New Yorker Taxifahrer nicht besonders. Mit den Indern, Pakistani und Bangladeschi, die sich überwiegend dort trafen, war er nie richtig warm geworden. Lieber unterhielt er sich mit den Kollegen europäischer oder lateinamerikanischer Herkunft.
Elvira schlief. Mit ihren langen schwarzen Haaren, dem dunklen Teint und den leicht geöffneten vollen Lippen bot sie ein schönes, reizvolles Bild. Häufig, wenn er von der Spätschicht kam, weckte er sie mit leichten Küssen auf Stirn und Wangen, wobei eine Hand ihren prallen Busen sanft berührte. Sie stöhnte dann schläfrig, aber lächelte. Es dauerte nicht lange und sie hatten Sex, mindestens eine Stunde lang. Elvira stammte aus Puerto Rico und hatte ein heißes Temperament. Beide liebten Sex. Und wunderbarerweise fuhren sie auch nach 14 Jahren Ehe immer noch aufeinander ab. Danach konnten sie dann gut schlafen.
Heute war ihm jedoch nicht nach Zärtlichkeiten zumute. Er duschte und schlüpfte unter die Bettdecke, bemüht, seine Frau nicht aufzuwecken. Er lag lange wach und dachte nach. Trotz der geschlossenen Jalousien drang Licht von der gegenüberliegenden Parkgarage und von der Leuchtreklame an der Häuserwand daneben gelb und rot ins Schlafzimmer.
Er war noch sehr jung gewesen, damals in Maputo. Mosambik befand sich im Bürgerkrieg. Die Hälfte der Bevölkerung lebte in Armut. Da war es für ihn, seine Eltern und Schwester fast wie ein Geschenk des Himmels, als er den Job als Arbeiter und Fahrer bei der Botschaft der DDR bekam. Die Leute von der Botschaft hatten ihn stundenlang interviewt, ihm tausend Fragen gestellt nach seiner Familie, seinen Lebensgewohnheiten, seinen Freunden, seinen Vorlieben und seinen Abneigungen. Irgendwie hatten sein smartes Reagieren auf die Fragen und vielleicht nicht zuletzt sein gutes Aussehen – sein Vater war Portugiese, seine Mutter kam aus Tanzania – wohl dazu beigetragen, dass er den Job erhielt.
Man gab ihm zwei kurzärmelige weiße Hemden, eine graue leichte Baumwollhose sowie ein Paar dunkelbraune Halbschuhe aus recht hartem Leder, die eher für eine Wanderung im Thüringer Wald als für den Gebrauch in Südostafrika geeignet waren. Wenn er zur Arbeit ging, tauschte er diese Ausstattung gegen seine Sandalen, die abgetragene adidas-Trainingshose und ein ausgeblichenes grünes Polohemd.
Meistens chauffierte er den Wirtschaftsattachee Kutschinski, einen hochgewachsenen, kräftigen Mann mit einem kantigen Gesicht. Ein Gesicht, das Furcht einflößte. Eine ziemlich große Narbe unterhalb seines linken Ohres unterstrich diesen Eindruck. Er erinnerte ein wenig an einen der stereotypen deutschen Nazi-Offiziere, wie sie in der recht stupiden amerikanischen TV-Serie Hogan’s Heros vorkamen.
Sie fuhren einen brandneuen, dunkelblauen Volvo. Kutschinski traf sich regelmäßig mit Regierungsangestellten, manchmal in verschiedenen Verwaltungsgebäuden, manchmal aber auch in Hotelhallen oder kleinen Restaurants am Stadtrand. Dann kamen auch andere dazu. Die sahen allerdings nicht so aus, als würden sie für die Regierung arbeiten.
Kutschinski wurde immer von einem jüngeren, blassen Typen aus der Botschaft begleitet. Der hieß Hans-Jürgen. Er sagte nicht viel. Es war augenscheinlich, dass seine Aufgabe darin bestand, auf den Wirtschaftsattachee aufzupassen.
Es war etwa Ende Oktober 1986, kurz nachdem Präsident Samora Machel, zu dem die DDR-Mission gute Beziehungen hatte, bei einem Flugzeugabsturz seiner Tupolev 134 in den Lebombobergen zusammen mit einer Reihe anderer Regierungsmitglieder ums Leben gekommen war.
Kutschinski und seine Kollegen schienen seit dem verändert; oft schlechtgelaunt und gereizt. Leute aus der DDR kamen nach Maputo und der Botschafter war für zwei Wochen weg. Zur Berichterstattung in Ostberlin, hieß es.
“Wie lange bist Du jetzt schon bei uns”, fragte Kutschinski eines Tages, als der ihn gerade an dem Restaurant Costa de Sol etwas außerhalb der Stadt an der Baia de Maputo absetzen wollte. Seine Treffen mit diversen einheimischen Männern waren häufiger geworden. Seinen Begleiter hatten sie kurz vorher an einer Strandbar abgesetzt.
“Mehr als ein Jahr”, antwortete Saidi.
“Es sieht so aus, als ob du hier bald keinen Job mehr haben wirst. Die Zeiten haben sich geändert. Es sei denn, ich mache mich stark für dich. Ich könnte dir möglicherweise sogar einen Job bei uns in der DDR verschaffen, Du könntest dort eine Ausbildung erhalten.”
Saidi war so perplex, dass er zunächst gar nichts sagen konnte. Aber er war smart.
“Warum würden sie dies tun”, fragte er nach einer Weile.
“Hör’ mal zu, du bist doch ein schlauer Junge. Ich treffe hier eine Menge Leute und manche davon regelmäßig. Ich habe gute Gründe dafür, dass die Leute in der Botschaft und auch andere nicht erfahren, wen ich wie oft treffe. Mit Ausnahme der offiziellen Besuche im Handelsministerium . Verstanden ? Hans-Jürgen zählt nicht. Der hat kapiert. Auch meine gelegentlichen Abstecher zur Africa Bar und zu Dolce Vita gehen Niemanden etwas an. Du hältst also deinen Schnabel, und ich sorge für deine Zukunft. Klar ?”
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