Die ersten Ausflüge in die Fremde unternahm ich mit meinem zwei Jahre älteren Bruder: Mit seinen fünf Jahren schnürte Dieter gern - wenn es mal wieder Ärger im Kindergarten gab - ein Ränzel mit Brot und Wasser. Dann nahm er mich an die Hand: „Komm, wir hauen ab!“
Das Kopfsteinpflaster war für meine kleinen Füße recht holprig. Nach einer Ewigkeit erreichten wir das letzte Haus vor dem Ortsausgangsschild Selm . Opas Freude war riesig: Es gab Schokolade und Milch. Die Schwester meines Opas hatte in jungen Jahren in Kiautschou Diplomatenkinder erzogen. Fasziniert lauschte ich ihren Tagebuchberichten. Mit jeder Zeile stieg meine Sehnsucht nach einem Land, in dem die Menschen immer nur lächeln und Rikschas fahren.
Bei einem Besuch vermittelte mir die Tante die Weisheit: ‚ Jede große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt !’ Logisch, dass ich die Frage beantwortet haben wollte: ‚Wie sieht es hinter dem Ortsausgangsschild aus?’ Ich tastete mich vor bis zum Jakobsbrunnen . Die nächste Expedition führte mich in die Bauernschaft Westerfelde . Irgendwann erreichte ich das sechs Kilometer entfernte Ortsschild Südkirchen . Der Weg in die große Welt war geschafft!
Neulich bin ich den Weg zum Ortsausgang noch einmal gegangen. Nach 10 Minuten war ich am Ziel. Das zeigt mir, auch die Ewigkeit relativiert sich mit den Jahren.
Die Birne malte ich! Karikaturist Bubec zeichnete den Rest.
Einmal im Jahr besuchte uns Onkel Willy aus Bonn. Bei Bier und Korn weihte er die Gäste der Dorfkneipen in die Geheimnisse der Politik ein. Nach dem fünften Schnaps ließ er sich gern mit ‚Herr Bundeskanzler‘ ansprechen. Alle waren überzeugt: Kilians haben beste Beziehungen zu hohen Regierungskreisen. Die Schulkameraden der dritten Klasse frotzelten: „Bei den Kontakten gehst du sicher in die Politik.“ Diplomatisch wich ich aus: „Das werde ich mir überlegen …“
In den Ferien kam die Gelegenheit, meine Ambitionen zu überprüfen. Onkel Willy hatte versprochen, mir seine Wirkungsstätte - den Bundestag - zu zeigen. Er empfing mich im dunkelblauen Livree. Die Goldknöpfe am Jackett und der Bundesadler strahlten in der Herbstsonne. So hatte ich mir den Bundeskanzler vorgestellt!
Auf der Gästetribüne lauschte ich der Rede eines keifenden Herrn. Mit einer hektischen Bewegung kippte der das Wasserglas um. Nun kam der Auftritt des Onkels: Selbstlos wischte er mit einem Tuch über das Sprecherpult, tauschte das Wasserglas und trat nichtssagend wieder ab.
Meine Entscheidung war gefallen: Der Bundeskanzler soll dem Volke dienen! Er soll nicht Wasserträger für Idioten sein. Der Blick auf die Wasserpfütze am Boden genügte: Politik ist ein dreckiges Geschäft – das ist nicht mein Ding.
Nach den Ferien versuchte mein Vater diese Ansicht zu korrigieren: „Onkel Willy arbeitet im Bundestag als Saaldiener und trägt keinerlei politische Verantwortung.“ Okay – das war möglich. Warum soll der Bundeskanzler Uniform tragen? Meine grundsätzliche Einstellung zur Politik konnte mein Vater aber nicht ändern.
Meine erste große Liebe hieß Else . Sie arbeitete in unserer Dorfmetzgerei. Schnell erkannte ich, dass sie mit den Wurststücken nur meine Zuneigung erkaufen wollte. Kurz darauf verliebte ich mich in meine Lehrerin. Nachdem sie mir die erste schlechte Schulnote verpasst hatte, war auch Schluss mit Fräulein Wüstenberg ! Zudem boten auf dem Schulhof Annelie , Heike … bis Yvonne weitaus größere Reize.
Platonisch wurde es mit sechzehn Jahren: Beim Schüleraustausch spielte Ann die tragende Rolle im Theaterstück ‚ From Cave to Cavern ‘. In der Umkleide huschte die Engländerin nahezu unverhüllt an mir vorbei. Wochenlang erwartete ich eine Antwort auf die sinnlichen Botschaften, die ich ihr über den Kanal schickte.
Beim Gegenbesuch erzählte mir Anns beste Freundin, die Jungschauspielerin sei mit den Eltern nach Kanada gereist. Dianas dunkles Haar gefiel mir ohnehin besser als Anns blonde Strähnen. So zog ich mit Di durch Londons Discos… Drei Wochen später erreichte mich ein Brief aus Montreal. Beim Öffnen fiel eine blonde Strähne aus dem Kuvert. Unter Tränen las ich die Zeilen: „ Dear Klaus, I’m so sorry …“ Nun wusste ich, warum Goethes junger Werther leiden musste.
Die weiteren ‚Liebes-Beziehungen‘ würden den Rahmen sprengen: So schwärmte ich für Brigitte Bardot und Raquel Welch . Leider erwiderten die Stars meine Sehnsüchte nie. Irgendwann war Schluss mit Träumerei: Während der Semesterferien lernte ich meine Frau Maggie in Paris kennen. Nach nunmehr 40 Ehejahren gestehe ich ihr täglich: ‚Du bist und bleibst die größte Liebe meines Lebens!‘
Die Storys über mein Studium gehören in einen Horror-Roman. Sie sollen sich aber amüsieren und so berichte ich über die Tätigkeiten, mit denen ich das Studium finanzierte: Nachtschicht im Blechwalzwerk bei Hoesch , Messegrafiker in Düsseldorf und Statist in Ritterrüstung bei der Eröffnung eines Restaurants in Hohensyburg .
Den lukrativsten Job bot die DSG . Nachmittags begann der Dienst auf dem Gelände der Deutschen Schlafwagen-Gesellschaft . Abends verließ der Zug den Dortmunder Hauptbahnhof mit Ziel Innsbruck oder Interlaken. Vor Ort gab‘s Zeit zum Ausruhen in billigen Unterkünften. Abends ging‘s nach Dortmund zurück.
Nach drei Lernfahrten war ich ‚Liegewagen-Schaffner‘. Neben dem korrekten Sitz der Uniform und Formalitäten unterrichteten uns die Profis: Wie erhält man das meiste Trinkgeld? Wo werden die Schmuggel-Zigaretten am besten versteckt? Wie verhalte ich mich bei Orgien von Kegelclubs?
Ich schwöre: Weder Schmuggel noch Orgien habe ich je bei den Fahrten praktiziert. Doch die Trinkgeldtipps waren bares Geld wert! Nach Beendigung des Jobs blieb mir nur die Verwechselung des Fremdenheims mit dem benachbarten Bordell in Erinnerung. – Die Puffmutter lachte schallend, für wie wenig Geld ich bei ihr schlafen wollte.
Stopp – ich will ehrlich sein!!! Während der Zeit geschah auch mein größter Alptraum! Abends hatte mich ein Student gebeten, ihn rechtzeitig zu wecken - am nächsten Morgen stände für ihn das mündliche Examen an der Universität in Köln an. Meine Nacht als Zugbegleiter war anstrengend. Hinter Koblenz setzte ich mich einen Moment und nickte ein. Die Lautsprecherdurchsage „Wir erreichen in Kürze den Hauptbahnhof Köln“, riss mich jäh aus dem Schlaf.
Ich sprintete ins nächste Coupé. „Raus aus dem Bett, ich habe Sie bereits zweimal geweckt“, schrie ich den Studenten an. Er grabschte Kleidung, hastete aus dem Abteil. Der Zug fuhr ab. ‚Gott sei Dank‘, jubelte ich. Dann sah ich den Studenten neben dem Zug laufen, er klopfte an die Scheibe: „Meine Prüfungsunterlagen liegen unter dem Kopfkissen!“ Ein Griff und die Papiere flogen zum Fenster hinaus.
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