Ich hatte mehr als eine Stimme unterscheiden können, konnte die Sprecher aber nicht sehen, was an dem Winkel lag, in dem ich saß. Und den Kopf zu drehen war zuviel Aufwand. Ich öffnete die Augen und sah, daß das Terrain flach war und von den ersten Flammen des Morgenrotes überflutet wurde.
Alle Geschehnisse des vergangenen Tages tauchten wieder aus der Versenkung auf, wo alle Erinnerungen sich befinden, wenn man gerade keine Verwendung für sie hat. Das, in Verbindung mit der Lehre, die ich aus ihnen gezogen hatte, war dafür verantwortlich, daß ich den Kopf erst gar nicht wenden wollte, um die Sprecher anzusehen.
Zudem war es nicht schlecht, einfach nur so dazuliegen. Wenn ich lange genug so liegenblieb, dann konnte ich vielleicht entkommen und an einem ganz anderen Ort wieder aufwachen.
„Hören Sie“, sagte eine fremde Stimme. „Möchten Sie gerne ein Brot mit Erdnußbutter?“
Bruchstücke meiner Illusionen brachen um mich herum zusammen. Stöhnend gewann ich wieder eine neue Perspektive des Bodens sowie der langen Schatten, die auf ihm lagen.
Wegen des seltsamen Schattens, den ich wahrgenommen hatte, war ich nicht besonders überrascht, als ich aufblickte und ein ungefähr einmeterachtzig großes Känguruh sah, das neben dem Wombat stand. Es betrachtete mich durch eine dunkle Sonnenbrille, während es mit einer Pfote in einen Beutel mit Broten griff.
„Erdnußbutter ist reich an Proteinen“, sagte es.
So dahängend, etwa zwanzig- oder dreißigtausend Meilen darüber, war ich in perfekter Position, um das Schauspiel genießen zu können, wenn Kalifornien vom Kontinent losbrechen und über den Pazifik davontrudeln würde, um jenseits des Horizontes zu verschwinden. Unglücklicherweise geschah dies aber nicht. Statt dessen kippte die ganze Welt unter mir weg, als das Raumschiff beschleunigte.
Wie auch immer, bei dem Tempo, mit dem die Ereignisse abliefen, schien es wahrscheinlich, daß der San-Andreas-Graben wesentlich bessere Möglichkeiten bot, das gewünschte Spektakel mitzuerleben und gleichzeitig einen Donelly der fernen Zukunft mit Material für ein Buch über die Besonderheiten dieser vorsintflutlichen Welt zu versorgen. Wenn man nichts Besseres zu tun hat, kann man immer noch hoffen.
Als ich, durch die Luke, neben der ich lag, endlich ausruhend und nur halb den Stimmen von Charv und Ragma lauschend, die einen hitzigen Wortwechsel ausfochten, hinausblickte, sah ich die Erde und dann das sternenübersäte Himmelszelt dahinter, gewaltig in seinen unfaßlichen Dimensionen, und ein erhabenes Gefühl überkam mich, zweifelsohne zusammengesetzt aus der Genesung von all meinen Verletzungen, einer fast metaphysischen Befriedigung meiner akrophilen Neigungen und schließlich einer generellen Müdigkeit, die sich langsam durch meinen ganzen Körper auszubreiten schien wie ein leiser, sanfter Schneefall. Ich war bisher noch niemals in einer solchen Höhe gewesen, wo die Entfernungen unschätzbar waren, man kaum eine Perspektive erkennen konnte und man sich mit der andauernden Gegenwart von Raum, Raum und nochmals Raum konfrontiert sah.
Die Schönheit aller grundlegenden Dinge, Dinge, wie sie waren, und Dinge, wie sie sein konnten, wurde mir plötzlich bewußt, ich erinnerte mich an einige Zeilen, die ich vor langer Zeit hingekritzelt hatte und mit denen ich Mathe als Hauptfach abgewählt hatte, anstatt einen Abschluß zu machen:
Lobaschewsky allein sah die Schönheit bar,
Sich windend hier, sich windend dort, sich windend immerdar.
Ihre parallelen Lippen sind wartend bereit,
Mit unkallipygianischer Manier
Und weniger als hundertachzig Grad die Schenkel entzweit,
Liegt ihr herrliches Dreieck vor dir bereit.
Von ihrer Körpersymmetrie war Riemann wenig berührt,
Die Geometrie hat ihn mehr interessiert.
Schön ist die Ellipse, das kann man verstehen
Doch, Bescheidenheit, hebe dich fort!
Endlich will ich die Schönheit hüllenlos sehen,
Genug von dem mathematischen Wort.
Die Welt ist rund, darauf kann man vertrauen,
Die Gerade ist nichtig, die Kurve ist richtig.
Wird ein letzter Wunsch mir erfüllt, ist das Sterben unwichtig,
Laßt mich einmal nur durch Lobaschewskys Augen noch schauen.
Ich fühlte mich schläfrig. Ich hatte in periodischen Abständen das Bewußtsein verloren und wiedererlangt, daher hatte ich keine Ahnung, wieviel Zeit verstrichen war. Meine Uhr war stehengeblieben, also auch keine Hilfe mehr. Ich widersetzte mich dem Wunsch, aufzustehen und nachzusehen, zum einen, um mir den ästhetischen Genuß des Anblickes zu erhalten, zum anderen, um dem herrschenden Zwist zu entgehen.
Ich war mir nicht sicher, ob meine Retter von meinem Wachsein wußten, da ich das Gesicht abgewandt hatte; ich war eingebettet in eine Art Hängematte aus weichem, anschmiegsamen Gewebe. Aber selbst wenn sie es wußten, gab ihnen ihre Unterhaltungsmöglichkeit in einer mir unbekannten Sprache wohl ganz von selbst ein Gefühl des Ungestörtseins. Schon vor geraumer Zeit war mir aufgefallen, daß die Sache, die sie wahrscheinlich am meisten überrascht hätte, mich selbst noch wesentlich mehr überraschte. Es handelte sich um meine Entdeckung, ihre Sprache verstehen zu können, wenn ich mich nur ein wenig darauf konzentrierte.
Dieses Phänomen läßt sich nur sehr schwer mit einfachen Worten erklären, aber ich will es trotzdem einmal versuchen: Wenn ich ihren Worten aufmerksam lauschte, dann schwammen sie buchstäblich von mir weg wie individuelle Fische in einem nach Tausenden zählenden Schwärm. Wenn ich nun einfach nur die Wasseroberfläche im Auge behielt, dann konnte ich den sich verändernden Linien folgen, die Strudel ausmachen und die Spritzer erkennen. Und genauso konnte ich verstehen, was sie sagten. Aber warum das so war, davon hatte ich keine Ahnung.
Nach einer Weile interessierte es mich auch nicht mehr, denn ihre Dialoge kreisten immer um dieselben Themen. Da war es schon wesentlich lohnender, die verkürzte Zykloide, die der Mount Chimborasso verursachte, zu betrachten, wenn man sich irgendwo über dem Südpol befand und diesen Teil der Oberfläche überschauen konnte, der sich, gemäß dem Orbit des eigenen Körpers, unter einem wegbewegte.
Plötzlich machte ich mir Sorgen wegen meiner Gedankengänge. Wo hatte denn beispielsweise der letzte seinen Ursprung genommen? Ich fühlte mich herrlich, aber ging dieses Gefühl wirklich von mir aus? Hatte irgendein Ventil den Zugang zu meinem Unterbewußtsein geöffnet und so den Fluß der Libido entfesselt, der nun gewaltige Sandbänke verschiedenster Gefühle von den Ufern meiner Erinnerung losriß, um sie zu den saftigen Wiesen meines Geistes zu transportieren, wo sich normalerweise mein ganzes bewußtes Denken abspielt? Oder konnte es sich um ein telepathisches Phänomen handeln ich selbst in einer psychisch schutzlosen Position und zwei völlig fremde Bewußtseinsinhalte als einzige Kommunikationspartner im Umkreis von Tausenden von Meilen? War einer von ihnen ein Logophiler, der mich mit Absicht seine Worte verstehen ließ?
Aber es schien nicht so zu sein. Ich war mir sicher, daß beispielsweise mein Verständnis der Sprache kein telepathisches Phänomen war. Ihre Sprache kam langsam in einen immer besseren Fokus – mittlerweile verstand ich einzelne Worte und Phrasen, nicht mehr nur Abstraktionen ihres Sinnes. Auf irgendeine Weise beherrschte ich ihre Sprache, dabei war kein Gedankenlesen im Spiel.
Was dann?
Mit keinem geringen Schuldgefühl packte ich mein geistiges Wohlbefinden, transportierte es auf Armeslänge von meinem Körper weg, und dann stieß ich mit aller Kraft zu. „Denke, verdammt noch mal!“ befahl ich meinem Kortex. „Genug gefaulenzt. Keine Zeit mehr für geistige Ferien. Bewegung!“
Zurückkehren, zurückkehren, zu … dem Durst, der Kälte, den Schmerzen, dem Morgen … Ja. Australien. Dort war ich … Der Wombat hatte das Känguruh – dessen Name, wie ich später erfuhr, Charv lautete – davon überzeugt, daß mir Wasser im Augenblick mehr helfen würde als ein Erdnußbutterbrot. Charv anerkannte das überlegene Wissen des Wombats in Fragen der menschlichen Physiologie und holte eine Flasche aus seinem Beutel. Der Wombat – dessen Name, wie ich ebenfalls bald herausfand, Ragma lautete – zog seine Pfoten ab – oder besser, seine pfotenähnlichen Handschuhe –, wobei er winzige, sechsgliedrige Händchen mit entgegengesetzten Daumen enthüllte, und danach flößte er mir die Flüssigkeit in kleinen Dosen ein. Während sie das taten, schnappte ich auf, daß sie außerirdische Detektive waren, die sich als einheimische Fauna getarnt hatten. Der Grund dafür wurde mir nicht ganz klar.
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