Es krachte hinter ihr.
Das Dach aus festgestampfter Erde stürzte ein, und ein Hagel aus Schmutz ging auf Purga und ihre Jungen nieder. Der Bau wurde mit Kometenlicht geflutet, das sie nach den paar Sekunden der Dunkelheit blendete. Es war, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Eine große Hand fuhr aus dem Himmel in den Bau herab. Die Jungen krümmten sich quiekend, und dann wurde eins mit einer blutigen Klaue aufgespießt. Im nächsten Moment hatte es sein Leben ausgehaucht. Das nackte, leblose Stück Fleisch wurde nach oben aus dem Bau herausgehoben und verschwand aus Purgas Leben.
Purga zischte traurig und rannte zum Eingang des Baus, nur weg von der Klaue. Sie spürte, dass das andere Junge unbeholfen hinter ihr her tapste. Aber das schlaue Troodon hatte das vorausgesehen. Es schob die Klaue in den Eingang und riss die Erdwände ein. Reptilienfinger schlossen sich und pressten das Leben aus dem zweiten Jungen. Der Schädel und die winzigen Knochen splitterten, und die Organe wurden zerquetscht.
Purga, deren Welt in wenigen Sekunden zusammengebrochen war, zog sich vom zerstörten Eingang und dem eingestürzten Dach in den tiefsten Winkel des Baus zurück. Doch diese Klauenhand brach wieder wie eine Maschine durchs Dach, brachte es zum Einsturz und ließ immer mehr milchiges Kometenlicht herein.
Purga verspürte den unwiderstehlichen Drang, sich in den Schutz der Dunkelheit zu flüchten, einen neuen Bau und eine neue Zuflucht zu suchen – sie wollte überall sein, nur nicht hier. Außerdem hatte sie Hunger; für ein Geschöpf mit einem so schnellen Stoffwechsel wie Purga war es schon lang her, seit sie sich am Dotter der Eier von Verletzlichem Zahn gelabt hatte.
Plötzlich verließen sie die Kräfte.
Sie kauerte sich an der Rückwand des zerstörten Baus zusammen und schlug die Pfoten vors Gesicht, als ob sie das Fell von Milben befreien wollte. Von dem Moment an, als sie in diese Welt aus großen Zähnen und Klauen geboren wurde, die ohne Vorwarnung aus dem Himmel hernieder fuhren, hatte sie mit Instinkt und Beweglichkeit ums Überleben gekämpft. Doch nun waren ihre Jungen tot. Die angeborenen Imperative lösten sich auf, und etwas wie Verzweiflung ergriff von ihr Besitz.
Und während Purga in der Ruine ihres Baus zitterte, zitterte eine ganze Welt mit ihr.
Wenn sie aufgab, würde sie keine lebenden Nachkommen zurücklassen: Der molekulare Fluss der Vererbung würde hier für immer versiegen. Natürlich würden andere ihrer Art sich fortpflanzen, und andere Linien würden wachsen und sich in die weit entfernte Zukunft hinein entwickeln – aber nicht Purgas Linie, nicht ihre Gene.
Auch nicht Joan Useb.
Das waren die Wechselfälle des Lebens.
Die große Klauenhand fuhr erneut herab und verfehlte Purga nur um ein paar Zentimeter. Dann rammte Verletzlicher Zahn ungestüm den Kopf in den Bau. Purga schrak vor einer Wand schnappender Zähne zurück.
Als der Dinosaurier kreischend näher kam, roch Purga Fleisch und zerschmetterte Knochen und einen süßlichen Duft nach Milch. Der heiße Atem des Ungeheuers roch nach Purgas Babys.
Wutentbrannt stürzte Purga sich auf den Gegner.
Die Zähne schnappten wie ein riesiges Schneidwerk um Purga. Purga wich den blitzenden Hauern flink aus und grub ihrerseits die Zähne in den Mundwinkel des Dinosauriers. Die schuppige Haut war zäh, aber sie spürte, dass die unteren Schneidezähne sich ins warme, weiche Fleisch in der Mundhöhle der Kreatur senkten.
Verletzlicher Zahn bellte und wich zurück. Purga wurde an den eigenen Zähnen aus dem Bau gezerrt und um ein Vielfaches ihrer Körperhöhe in die Luft gehoben, am schuppigen Leib von Verletzlichem Zahn vorbei in die kalte Nacht.
Ihre Wut verrauchte. Sie drehte den Kopf, wobei sie dem Dinosaurier ein Stück Fleisch herausriss, und fiel durch die diesige Luft. Im Fall holte eine Klauenhand nach ihr aus und versuchte sie zu packen. Weil Purga aber ein Geschöpf des Waldes war, drehte sie sich im freien Fall. Wieder hatte sie Glück, aber die Klaue verfehlte sie diesmal nur so knapp, dass der Luftzug den Haarflaum an ihrem Bauch streifte.
Sie fiel auf festgestampften Erdboden und blieb für einen Moment benommen liegen. Doch die Zähne und Klauen stießen schon wieder herab, vom unheimlichen Kometenlicht silbern gezeichnet. Purga rollte sich herum, kam auf die Beine und rannte zwischen die Wurzeln des nächsten Baums. Mit großen Augen und offenem Mund kauerte sie sich keuchend zusammen und zuckte bei jedem raschelnden Blatt zusammen.
Purga hatte ein Stück Fleisch im Mund. Sie wusste nicht mehr, dass es vom Dinosaurier stammte. Sie kaute es schnell, schluckte es hinunter und linderte für einen Moment den Hunger, der selbst jetzt in ihr rumorte. Dann ließ sie den Blick schweifen und suchte ein sichereres Versteck.
Verletzlicher Zahn stakste umher und schrie die Frustration heraus.
Purga hatte sich fürs Leben entschieden. Aber sie hatte sich auch einen Feind geschaffen.
Der Teufelsschweif war so alt wie die Sonne. Das Sonnensystem war aus einer dichten rotierenden Wolke aus Gestein und Staub entstanden. Die von der Druckwelle einer Supernova verwirbelte Wolke verdichtete sich schnell zu Planetesimalen: lose Zusammenschlüsse von Gestein und Eis, die wie blinde Fische chaotisch durch die Dunkelheit drifteten.
Die Planetesimalen stießen zusammen. Dabei wurden die meisten zerstört und ihre Substanz wieder der Wolke zugeführt. Ein paar verschmolzen jedoch miteinander. Aus diesem Chaos gingen die Planeten hervor.
In der Nähe des Zentrums entstanden die Planeten als Gesteinskugeln – wie die Erde – und wurden vom Feuer der Sonne ausgeglüht. Weiter draußen wurden große neblige Welten geboren, Gaskugeln – aus den leichtesten Gasen überhaupt, Wasserstoff und Helium, die in den ersten Sekunden des Universums entstanden waren.
Und diese sich aufblähenden Gasriesen wurden von Kometen wie von Fliegen umschwärmt, den letzten eisigen Planetesimalen.
Die Kometen lebten gefährlich. Viele wurden in die Gravitationsquellen von Jupiter und den anderen Riesen gezogen und nährten mit ihrer Masse diese anschwellenden Ungeheuer. Andere wurden durch die Gravitationsschleudern der Riesen ins warme überfüllte Zentrum geschleudert und stießen dort mit den inneren Planeten zusammen.
Ein paar glückliche Überlebende wurden jedoch in die Gegenrichtung – weg von der Sonne – in die kalten Weiten der Peripherie des Systems geschleudert. Bald bildete sich dort draußen eine lockere Wolke aus Kometen, die weite, langsame Umlaufbahnen einschlugen, die sich dem nächsten stellaren Nachbarn der Sonne bis auf die halbe Distanz näherten.
Einer dieser Kometen war der Teufelsschweif.
Hier draußen war der Komet sicher. Für die meiste Zeit seiner langen Lebensdauer war der nächste Nachbar so weit entfernt wie Jupiter von der Erde. Und am weitesten Punkt des Orbits erreichte der Teufelsschweif ein Drittel der Entfernung zum nächsten Stern und verharrte schließlich an einem Ort, wo die Sonne mit den Sternenfeldern verschmolz und die Planeten, die sich um sie drängten, nicht mehr zu sehen waren. In der Kälte des Leerraums kühlte der Komet schnell ab und gefror steinhart. Die Oberfläche war durch silikathaltigen Staub geschwärzt, und ein epochaler Frost schuf exotische, fragile Skulpturen auf der Oberfläche mit einer geringen Schwerkraft – ein Wunderland, das kein Auge jemals schauen sollte.
Hier zog der Komet viereinhalb Milliarden Jahre lang seine Bahn, während auf der Erde Kontinente tanzten und Arten aufkamen und untergingen.
Doch selbst hier wirkte noch die Gravitation der Sonne – wenn auch nur schwach. Langsam, langsamer als der Rhythmus der Erdzeitalter, hatte der Komet reagiert.
Und er fiel wieder dem Licht entgegen.
Die Morgenröte erhellte den Himmel im Osten. Die Wolken hatten eine blasenartige Struktur, und der Himmel hatte einen eigentümlichen purpurnen Farbton wie von einem Bluterguss. In dieser tiefen Vergangenheit war sogar die Luft anders – dicht, feucht und sehr sauerstoffhaltig. Selbst der Himmel hätte für menschliche Augen fremdartig gewirkt.
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