Hiermit entlassen, befanden wir uns bald im Lift. Dr. Hawker war sehr aufgeregt.
»Wie der Anfang eines Romanes, was? Wirklich aufregend! Ich würde es nicht glauben, wenn ich es lesen würde.« Poirot sprach nicht. Er war sehr nachdenklich, den ganzen Abend hatte er kaum seinen Mund aufgemacht. »Was sagt denn unser Meisterdetektiv, eh?« fragte Hawker und klopfte ihm auf den Rücken. »Dieses Mal ist es wohl nichts für Ihre kleinen grauen Gehirnzellen?« »Glauben Sie?«
»Haben Sie denn etwas Besonderes bemerkt?« »Nun, da wäre zum Beispiel das Fenster.« »Das Fenster? Soweit ich mich erinnere, war es geschlossen. Niemand konnte da hinaus- oder hereingekommen sein. Doch, ich erinnere mich sogar genau.« »Sind Sie dessen ganz sicher?«
Der Doktor sah verwirrt aus. Poirot beeilte sich, zu erklären. »Haben Sie auf die Vorhänge geachtet? Sie waren nicht zugezogen. Das ist doch ein wenig merkwürdig. Nächster Punkt - der Kaffee. Er war sehr schwarz, der Kaffee.« »Was wollen Sie damit sagen?«
»Sehr schwarz«, wiederholte Poirot. »Und dann lassen Sie uns in Verbindung damit nicht vergessen, daß von dem Reissouffle sehr wenig gegessen worden war. Zu welchem Schluß führt das?«
»Sie wollen mich wohl aufziehen?« »Nichts liegt mir ferner. Hastings weiß, daß ich es völlig ernst meine.«
»Trotzdem ist auch mir unklar, worauf Sie hinauswollen«, bekannte ich. »Sie verdächtigen doch nicht etwa den Diener? Vielleicht ist er ein Verbündeter der Gangster und hat ein Betäubungsmittel in den Kaffee getan. Wird sein Alibi nicht nachgeprüft?«
»Ohne Zweifel, mein Freund; aber mich interessiert das Alibi von Signor Ascanio.« »Glauben Sie, er hat ein Alibi?«
»Das ist es, was mich beschäftigt. Aber ich zweifle nicht daran, daß wir darüber bald Klarheit haben werden.« Am anderen Morgen orientierte uns der Daily Newsmonger über die Ereignisse.
Signor Ascanio war verhaftet und beschuldigt worden, den Grafen Foscatini ermordet zu haben. Bei seiner Verhaftung leugnete er, den Grafen überhaupt zu kennen, und erklärte, daß er weder am Abend des Verbrechens noch am vorherigen Morgen in Regent's Court gewesen sei. Der jüngere Mann war überhaupt nicht vorhanden. Signor Ascanio war zwei Tage vor dem Mord allein im Grosvenor Hotel abgestiegen. Alle Versuche, den zweiten Mann zu finden, scheiterten. Indessen, die Anklage gegen Ascanio mußte fallengelassen werden. Kein Geringerer als der italienische Botschafter selbst erschien und bestätigte der Polizei, daß Ascanio an dem fraglichen Abend von acht bis neun Uhr bei ihm in der Botschaft gewesen war. Er wurde daraufhin entlassen. Natürlich glaubte eine Menge Leute, es handle sich um ein politisches Verbrechen, das mit Absicht vertuscht werde. Poirot hatte die ganze Sache mit großem Interesse verfolgt. Trotzdem war ich etwas überrascht, als er mir eines Morgens erzählte, um elf Uhr käme Signor Ascanio zu uns. »Er wünscht, von Ihnen beraten zu werden?« »Du tout, Hastings, ich wünsche, ihn zu sehen.« »Weshalb?« »Wegen des Mordes in Regent's Court.«
»Wollen Sie ihm beweisen, daß er ihn doch begangen hat?« »Denken Sie nach, Hastings. Versuchen Sie doch. Ihren gesunden Menschenverstand anzuwenden. Ah, es läutet - das ist unser Freund.«
Kurz darauf wurde Signor Ascanio hereingerührt - ein kleiner, dünner Mann mit geheimnisumwitterten Augen. Er blieb stehen und blickte argwöhnisch von einem zum ändern. »Monsieur Poirot?«
Mein kleiner Freund klopfte sich auf die Brust. »Setzen Sie sich, Signor. Sie erhielten meinen Brief. Ich bin fest entschlossen, dieser geheimnisvollen Affäre auf den Grund zu kommen. In einigen kleinen Dingen können Sie mir helfen. Lassen Sie uns anfangen! Sie haben - in Begleitung eines Freundes - den verstorbenen Grafen Foscatini am Morgen des Dienstags, dem neunten ...« Der Italiener machte eine ärgerliche Bewegung. »Ich habe nichts dergleichen getan. Ich habe bei Gericht geschworen ... «
»Precisement - ich habe so das Gefühl, Sie haben falsch geschworen.« »Sie drohen mir? Bah, ich habe von Ihnen nichts zu befürchten. Ich bin freigesprochen worden!« »Ja. Und da ich ein Dummkopf bin, drohe ich Ihnen nicht mit dem Galgen, aber mit der Öffentlichkeit. Öffentlichkeit! Ich sehe schon. Sie mögen dieses Wort nicht. Ich dachte es mir. Wissen Sie, meine kleinen Einfälle sind mir sehr wichtig. Signor, Ihre einzige Chance ist, offen mit mir zu reden. Ich frage Sie ja nicht, welcher Auftrag Sie nach England gerührt hat. Ich weiß nur soviel, daß Sie ausschließlich um den Grafen Foscatini zu sehen nach England gekommen sind.« »Er war kein Graf!« knurrte der Italiener. »Ich habe bereits festgestellt, daß sein Name nicht im Gotha steht. Macht nichts, der Grafentitel ist für einen Erpresser oft sehr nützlich.«
»Sie scheinen ja eine ganze Menge zu wissen! Nun, in diesem Fall kann ich ja offen mit Ihnen sprechen.« »Ich habe mir eben die Dinge durch den Kopf gehen lassen. Sagen Sie, Signor Ascanio. Sie haben am Dienstag den Ermordeten aufgesucht - nicht wahr?«
»Ja, aber am folgenden Abend bin ich nicht dort gewesen. Es war nicht mehr nötig. Ich will Ihnen die Sache erklären. Gewisse Dokumente, einen einflußreichen Mann in Italien betreffend, waren in den Besitz des Erpressers gelangt. Er forderte für die Herausgabe der Papiere eine große Summe. Einer der jungen Sekretäre der Botschaft begleitete mich. Der Graf war vernünftiger, als ich gehofft hatte; trotzdem war die Summe, die ich bezahlte, sehr groß.« »Verzeihung, in welcher Währung zahlten Sie?« »In kleinen italienischen Scheinen. Ich gab ihm das Geld und er mir die belastenden Papiere. Später habe ich ihn nicht mehr gesehen.« »Warum haben Sie das alles nicht gesagt, als Sie verhaftet wurden?«
»In meiner schwierigen Lage mußte ich jede Verbindung mit dem Mann ableugnen.«
»Und wie erklären Sie sich die Vorgänge des nächsten Abends?«
»Ich nehme an, irgend jemand hat sich für mich ausgegeben. Wie ich gehört habe, hat man in seiner Wohnung kein Geld gefunden.«
Poirot sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Sonderbar«, murmelte er. »Wir haben doch alle etwas Verstand, aber so wenige von uns benützen ihn richtig. Auf Wiedersehen, Signor Ascanio. Ihre Schilderung scheint mir glaubwürdig. So ähnlich habe ich mir alles vorgestellt. Ich wollte mir nur Gewißheit verschaffen.« Nachdem er seinen Gast hinausbegleitet hatte, kehrte Poirot zu seinem Lehnstuhl zurück und lächelte mich an. »Nun, was denkt Captain Hastings über diesen Fall?« »Ich vermute, Ascanio hat recht - irgend jemand gab sich für ihn aus!« »Oh, wozu hat Ihnen der liebe Gott ein Hirn gegeben, mon ami! Rufen Sie sich doch einige Worte in Ihr Gedächtnis zurück, die ich beim Verlassen der Wohnung äußerte. Sie bezogen sich auf die Vorhänge, die nicht zugezogen waren. Wir haben Juni; um acht Uhr ist es noch hell. Erst um halb neun Uhr wird es langsam dunkel. Ca vous dit quelque chose? Ich vermute, daß Sie es eines Tages merken werden! Lassen Sie mich fortfahren. Der Kaffee war, wie ich sagte, sehr schwarz. Schwarzer Kaffee hinterläßt vornehmlich an den Zähnen Spuren. Daraus ziehe ich den Schluß, daß der Graf keinen Kaffee getrunken hatte. Trotzdem waren in allen drei Tassen Kaffeereste. Warum sollte es so aussehen, als ob Graf Foscatini Kaffee getrunken habe?« Ich schüttelte sichtlich verstört den Kopf. »Ich will Ihnen helfen. Hastings. Welche Beweise haben wir dafür, daß Ascanio und sein Freund oder zwei andere Männer, die sich für sie ausgaben, jemals in der Nacht in die Wohnung gekommen sind? Niemand sah sie kommen - niemand sah sie gehen. Wir haben nur die Aussagen eines einzigen Mannes und ein paar Requisiten.« »Was meinen Sie damit?«
»Messer, Gabel, Teller und leere Platten. Ah, eine gute Idee! Graves ist ein Dieb und Lump, aber ein Mann mit Methode l Er belauscht einen Teil der Unterhaltung am Vormittag und macht sich klar, daß der Verdacht auf Ascanio fallen wird. Am nächsten Abend um acht Uhr sagt er zu dem Grafen, er würde am Telefon verlangt. Foscatini setzt sich an den Schreibtisch und greift nach dem Telefon. Graves schlägt ihn von hinten mit der Marmorfigur nieder und eilt dann schnell an das Telefon in der Küche. - Dinner für drei Personen. Es kommt, erdeckt den Tisch, macht die Teller schmutzig, die Messer und Gabeln etc. Aber er muß auch das Essen loswerden. Er ist nicht nur ein Mann mit einem klugen Köpfchen; er hat auch einen guten und aufnahmefähigen Magen. Nachdem er drei Beefsteaks aufgegessen hat, ist das Reissouffle zu viel für ihn! Er raucht sogar eine Zigarre und eine Zigarette! Glänzend gemacht! Dann, nachdem er die Zeiger der Uhr auf acht Uhr siebenundvierzig gestellt hat, bringt er sie zum Stehen und wirft sie hinunter. Das einzige, was er vergißt, sind die Vorhänge. Hätte es sich um ein richtiges Dinner gehandelt, hätten die Vorhänge zugezogen werden müssen, als es dunkel wurde. Dann geht er eilig fort und erwähnt noch dem Fahrstuhlführer gegenüber die zwei Gäste seines Herrn. Von einer öffentlichen Telefonzelle aus ruft er den Arzt an und ahmt die Stimme seines sterbenden Herrn nach. Diese Idee war so erfolgreich, daß sich niemand danach erkundigte, ob vom Appartement elf auch wirklich ein Telefongespräch geführt wurde!« »Ausgenommen Hercule Poirot«, sagte ich sarkastisch. »Nicht einmal Hercule Poirot«, sagte mein Freund mit einem Lächeln.
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