"Besser. Was ist mit Joel Lambert?"
Bill schüttelte den Kopf.
"Der kleine Verbrecher ist eine Nummer für sich", sagte er. "Er redet aber. Er sagt, er kennt einige Kerle, die viel Geld mit jungen Mädchen gemacht haben und er dachte, er versucht es selber mal. Kein Anzeichen von Reue, ein Soziopath bis auf die Knochen. Wie auch immer, er wird zweifellos verurteilt und bekommt ein paar Jahre im Gefängnis. Auch wenn er vermutlich einen Deal mit der Staatsanwaltschaft macht."
Riley runzelte die Stirn. Sie hasste diese Deals. Und dieser war besonders verstörend.
"Ich weiß, wie du darüber denkst", sagte Bill. "Aber ich nehme an, dass er uns alles sagen wird, was er weiß und wir werden eine Menge Bastarde ausschalten können. Das ist eine gute Sache."
Riley nickte. Es half zu wissen, dass diese schreckliche Situation auch etwas Gutes haben würde. Aber es gab noch etwas, über das sie mit Bill reden musste. Auch wenn sie sich nicht sicher war, wie sie es sagen sollte.
"Bill, wegen meiner Rückkehr zur Arbeit …"
Bill klopfte ihr auf die Schulter.
"Du musst mir nichts sagen", winkte er ab. "Du kannst eine Weile keine Fälle übernehmen. Du brauchst Zeit. Keine Sorge, das verstehe ich. Und das wird auch jeder in Quantico. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst."
Er sah auf seine Uhr.
"Es tut mir leid so schnell wieder zu gehen, aber–"
"Geh", sagte Riley. "Und danke für alles."
Sie umarmte Bill und er ging. Riley stand im Flur und dachte über die Zukunft nach.
"Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst", hatte Bill gesagt.
Das könnte nicht so einfach sein. Was April zugestoßen war, diente als eindringliche Erinnerung daran, wie viel Übel in der Welt war. Es war ihre Aufgabe so viel davon zu stoppen, wie sie konnte. Und wenn sie eines gelernt hatte, dann, dass das Böse niemals ausruhte.
Sieben Wochen später.
Als Riley das Büro der Therapeutin erreichte, fand sie Ryan alleine im Warteraum sitzen.
"Wo ist April?" fragte sie.
Ryan nickte zur geschlossenen Tür.
"Sie ist bei Dr. Sloat", sagte er und klang unsicher. "Sie hatten etwas, über das sie alleine reden müssen. Danach sollen wir dazukommen."
Riley seufzte und setzte sich in einen der Stühle. Sie, Ryan und April hatten in den letzten Wochen viele emotional ermüdende Stunden hier verbracht. Das würde ihre letzte Sitzung mit der Therapeutin sein, bevor sie alle eine Pause für die Weihnachtsferien machten.
Dr. Sloat hatte darauf bestanden, dass die ganze Familie sich an Aprils Genesung beteiligte. Es war für alle harte Arbeit gewesen. Aber zu Rileys Erleichterung hatte sich Ryan ohne Vorbehalte in den Prozess eingebracht. Er war zu allen Sitzungen gekommen, die er mit seinem Kalender vereinbaren konnte und er hatte sogar seine Arbeit zurückgestellt, um mehr Zeit zu haben. Heute hatte er April von der Schule aus hergebracht.
Riley betrachtete nachdenklich das Gesicht ihres Exmannes, der auf die Tür starrte. In vielerlei Hinsicht schien er ein veränderter Mann zu sein. Vor gar nicht allzu langer Zeit, war er in seiner Rolle als Vater so nachlässig gewesen, dass es an Pflichtvergessenheit grenzte. Er hatte immer darauf bestanden, dass Aprils Probleme Rileys Schuld waren.
Aber Aprils Drogenmissbrauch und ihre um Haaresbreite vereitelte Erfahrung der Zwangsprostitution, hatten etwas in Ryan verändert. Nach ihrem Aufenthalt in der Entziehungsklinik, war April nun schon seit sechs Wochen mit Riley zu Hause. Ryan war oft zu Besuch gewesen und hatte sogar mit ihnen Thanksgiving gefeiert. Manchmal wirkte es fast so, als wären sie eine normale Familie.
Aber Riley erinnerte sich immer wieder selbst daran, dass sie noch nie eine normale Familie gewesen waren.
Kann sich das jetzt ändern? fragte sie sich. Will ich, dass sich das ändert?
Riley war zwiegespalten und fühlte sich ein wenig schuldig. Sie hatte seit Langem versucht zu akzeptieren, dass Ryan kein Teil ihrer Zukunft sein würde. Vielleicht würde es sogar einen anderen Mann in ihrem Leben geben.
Zwischen ihr und Bill hatte es immer eine Anziehungskraft gegeben. Aber sie hatten auch gestritten und waren unterschiedlicher Meinung gewesen. Außerdem war ihre professionelle Beziehung anstrengend genug, ohne noch weitere Komplikationen in den Mix zu werfen.
Ihr freundlicher und attraktiver Nachbar Blaine schien eine weitaus bessere Wahl zu sein, vor allem da seine Tochter, Crystal, Aprils beste Freundin war.
Und dennoch, bei Gelegenheiten wie dieser, schien Ryan wieder der Mann zu sein, in den sie sich vor all den Jahren verliebt hatte. Wie würden die Dinge weitergehen? Sie wusste es nicht.
Die Tür öffnete sich und Dr. Lesley Sloat trat heraus.
"Sie können jetzt hereinkommen", sagte sie mit einem Lächeln.
Riley war die kleine, stämmige, fröhliche Therapeutin von Anfang an sympathisch gewesen und April mochte sie ebenfalls.
Riley und Ryan gingen in das Büro und setzten sich auf ein paar bequeme Polstersessel. Sie saßen April gegenüber, die mit Dr. Sloat auf einer Couch saß. April lächelte schwach. Dr. Sloat nickte ihr aufmunternd zu.
"Diese Woche ist etwas passiert", sagte April. "Es ist etwas, das ich gehört habe …"
Riley fiel es schwer zu atmen und ihr Herz schlug schneller.
"Es hat mit Gabriela zu tun", sagte April. "Vielleicht sollte sie auch heute hier sein, um darüber zu reden, aber das ist sie nicht, also …"
April brach ab.
Riley sah sie überrascht an. Gabriela war seit Jahren ihre Haushälterin und hatte einen beruhigenden Einfluss auf ihre Familie. Sie war bei Riley und April eingezogen und war eher eine Art Familienmitglied.
April holte tief Luft und sprach weiter, "Vor ein paar Tagen hat sie mir etwas gesagt, dass ich euch nicht erzählen soll. Aber ich denke, dass ihr es wissen solltet. Gabriela hat gesagt, dass sie gehen muss."
"Warum?" keuchte Riley erschrocken.
Ryan sah ebenfalls verwirrt aus. "Bezahlst du ihr nicht genug?" fragte er an Riley gewandt.
"Es ist meinetwegen", sagte April. "Sie hat gesagt, sie kann nicht so weitermachen. Sie hat gesagt, dass es eine zu große Verantwortung ist, mich davon abzuhalten mich zu verletzen oder getötet zu werden."
April hielt inne. Tränen sammelten sich in ihren Augen.
"Sie hat gesagt, dass es zu einfach für mich ist wegzulaufen, ohne dass sie es merkt. Sie kann nachts nicht schlafen und fragt sich, ob ich mich gerade selber in Gefahr bringe. Sie hat gesagt, dass sie jetzt, wo ich wieder gesund bin, sofort ausziehen wird."
Riley konnte nicht fassen, was sie da hörte. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung gehabt, dass Gabriela so dachte.
"Ich habe sie angebettelt, nicht zu gehen", sagte April. "Ich habe geweint und sie auch. Aber ich konnte ihre Meinung nicht ändern und es hat mir solche Angst gemacht."
April versuchte ihre Schluchzer zu unterdrücken und wischte sich die Augen mit einem Taschentuch.
"Mom", sagte April, "Ich bin sogar auf die Knie gegangen. Ich habe versprochen ihr niemals wieder so ein Gefühl zu geben. Dann … dann hat sie mich endlich umarmt und gesagt, dass sie nicht geht, solange ich mein Versprechen halte. Und das werde ich. Das werde ich wirklich. Mom, Dad, ich werde dafür sorgen, dass Gabriela oder irgendjemandem sonst sich nie wieder Sorgen um mich machen muss."
Dr. Sloat tätschelte Aprils Hand und lächelte Riley und Ryan zu.
Sie sagte, "Was April sagen will ist, dass sie über den Berg ist."
Riley sah, wie Ryan ein Taschentuch nahm und sich die Augen tupfte. Sie hatte ihn selten weinen sehen. Aber sie verstand, wie er sich fühlte. Sie selbst hatte einen dicken Kloß im Hals. Es war Gabriela – nicht Riley oder Ryan – die April geholfen hatte, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen.
Trotzdem war Riley unsagbar dankbar, dass ihre Familie gemeinsam Weihnachten verbringen würde. Sie ignorierte das schreckliche Gefühl tief in sich, dass ihr sagte, dass die Monster in ihrem Leben ihr die Feiertage nehmen würden.
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