„Sorry, aber wir haben unsere Anweisungen“, sagte Alex wie erwartet.
„Das ist mir egal!“, schrie ich an der Grenze zur Hysterie. „Wir müssen ihn retten!“
„Nein!“, sagte Marco bestimmt. „Erstens haben wir die Anweisung, dich um jeden Preis in Sicherheit zu bringen, und zweitens ist Vlad wahrscheinlich bereits tot.“
„NEEEIIIIINNNN!“, brüllte ich außer mir, ehe ich mich auf Marco stürzte und ihn mit meinen Fäusten bearbeitete. Ich wollte nichts davon hören. Er konnte – er durfte – nicht tot sein!
Marco verzog keine Miene als ich mich an ihm austobte. Für eine Weile ließ er zu, dass ich auf ihn ein schlug, dann fasste er mich fest bei den Armen und schüttelte mich.
„Genug!“, sagte er scharf. „Schreien bringt Vlad nicht zurück. Wir können ihm nicht mehr helfen, doch wir werden seinen letzten Willen ehren und dich beschützen. – Und wenn es sein muss, auch vor dir selbst!“
Vlad ist tot! Vlad ist tot! Vlad ist tot!
Wieder und wieder ging der Satz durch meinen Kopf wie ein böses Mantra. Der Mann, der mich entführt hatte, der mich quälte und mir solche Lust verschafft hatte, wie ich es nie zuvor hätte erträumen können, lag wahrscheinlich gerade in einer riesigen Lache seines eigenen Blutes. Alles wegen mir! Er hatte mich mit seinem eigenen Körper vor den Kugeln geschützt und dann hatte er mich mit seinen Bodyguards weg geschickt und sich geopfert, damit Alex und Marco mich in Sicherheit bringen konnten. Meine Seele schrie auf bei dem Gedanken.
Nein! Nein! Nein! Er kann nicht tot sein! Er kann nicht tot sein! Vlad ist zu stark! Unzerstörbar! Er lebt! Er muss leben!
„Er kann nicht tot sein! Wenn wir nur zurück fahren ...“, begann ich verzeifelt.
„Nein!“, unterbrach Alex mich mit harter Stimme. „Schlag es dir aus dem Kopf. Wir werden nicht umdrehen. Wir werden Vlads Anweisungen nicht missachten. Wir bringen dich in Sicherheit!“
„Bitte! Ich nehm alle Schuld auf mich, wenn Vlad euch böse ist weil ihr seine Anwei...“
„Ich sagte NEIN!“, fuhr Alex mich an. „Vergiss es oder ich muss dich für den Rest der Fahrt betäuben.“
Der Gedanke, wir könnten zurück fahren und Vlad vielleicht doch noch retten war die einzige Hoffnung gewesen, die mich aufrecht gehalten hatte. Als Alex diese Hoffnung zunichte machte, brach ich endgültig zusammen. Ich schrie, tobte und schluchzte, als ich mich auf Alex warf. Schmerz, Wut und Verzweiflung aßen mich von innen auf, wie ein Parasit. Hätte ich in diesem Augenblick eine Waffe gehabt, es wäre Mayhem gewesen. Ich befand mich jenseits von Vernunft. Ich erlebte aus erster Hand, wie es sein konnte, dass völlig normale Menschen plötzlich zu Amokläufern werden konnten. Wenn der Schmerz, der Verlust zu groß war, dann flogen jegliches klares Denken oder Skrupel aus dem Fenster. Zurück blieb der überwältigende Drang nach Vergeltung, das Verlangen, die Welt in dasselbe Chaos zu versenken, welches man in seinem Inneren fühlte.
Ein stechender Schmerz in meinem Nacken ließ mich schrill aufschreien, dann begann sich alles um mich herum zu drehen. Mein eigener Herzschlag fühlte sich an als gehöre er nicht zu mir, als er langsamer und langsamer wurde. Was hatte Marco mir gespritzt? Gift? War ich am sterben? Ich war mir plötzlich sicher, der Hurensohn hatte mir etwas Tödliches gespritzt. Für einen Moment verspürte ich Panik, doch dann kam eine Ruhe über mich, als ich den Gedanken an den Tod akzeptierte. Es war gut. Ohne Vlad wollte ich ohnehin nicht sein.
Ich komme, Vlad. Ich sehe dich auf der anderen ...
Marco
Ich nahm Amandavorsichtig aus Alex Armen und legte sie auf den Sitz. Ihr Atem kam ruhig und regelmäßig. Ich fühlte ihren Puls und fand ihn ebenfalls ruhig und kräftig. Zu sehen wie sie brach, hatte mich vollkommen fertig gemacht. Der Gedanke an Vlads Tod war schlimm genug, wenngleich es etwas war, was wir in unserem Lebensstil stets erwarteten. Wenn man sich in unseren Kreisen bewegte, war der Tod stets um die Ecke. Zu sehen wie Vlads Mädchen litt, und zu wissen, dass nichts ihren Schmerz für die nächste Zukunft lindern könnte, war wie ein Faustschlag in den Magen.
„Fuck!“, sagte Alex und schlug mit seiner Faust ein paar Mal auf den Sitz ein. „Verdammte Scheiße! Wie konnte das passieren?“
„Keine Ahnung, Mann. Denkst du wirklich, dass er tot ist?“
Ich kannte die Antwort. Ich war nicht blöd. Doch es zu akzeptieren fiel mir schwer und ich konnte es Alex ansehen, dass es ihm nicht besser erging.
„Ein Schuss in die Brust, der wahrscheinlich knapp das Herz verfehlt hat und dann einen Bauchschuss?“, erwiderte Alex, den Kopf schüttelnd. „Selbst wenn Vlad der sturste Esel ist den ich kenne und stark wie ein verdammter Bulle – ich sehe keine Hoffnung, dass er das überlebt haben könnte. Selbst wenn ein Hubschrauber ihn umgehend in die Klinik geflogen hätte, würde er es nicht machen. – Nein, verdammt! Er ist tot!“
Natürlich wusste ich, dass Alex recht hatte.
„Fuck!“, sagte er erneut. Dann schaute er zu der jetzt ruhig da liegenden Amanda. „Was ist mit ihr? Was machen wir jetzt mit ihr?“
„Erst einmal bringen wir sie wie angewiesen zur Hazienda“, erwiderte ich. „Dann müssen wir uns mit Goldman in Verbindung setzen. Vlad hat gesagt, wenn ihm jemals etwas geschehen sollte, dann sollen wir Goldman kontaktieren wo er Anweisungen hinterlassen hat, was zu tun ist.“
Als wir eineStunde später am Hangar für Vlads Privatjet ankamen, war Amanda noch immer ausgeknockt. Sie würde aber bald zu sich kommen. Ich hoffte dass wir bei dann bereits in der Luft waren, denn ich wollte ihre Gesundheit nicht unnötig riskieren, indem ich ihr noch eine Dosis verabreichte. Wenn wir bereits in der Luft waren, würde sie hoffentlich verstehen, dass es kein Umkehren, keine Rettung mehr für Vlad gab.
Lucy, unsere Stewardess stand am Fuße der Rolltreppe und wartete bereits auf uns. Marco hatte Clarke, den Piloten, von unterwegs informiert, dass wir auf dem Weg waren und ich hoffte, dass er startklar war. Die Limousine hielt und Marco stieg als Erster aus, mir die Tür aufhaltend als ich die bewusstlose Amanda aus dem Wagen hob. Lucy verzog beim Anblick der bewusstlosen Frau in meinen Armen keine Miene. Sie wusste besser, als Fragen zu stellen und hatte ohnehin bereits weitaus Schlimmeres gesehen.
„Sind wir startklar?“, fragte Marco.
„Ja, wir können sofort abheben, wenn alle an Board und angeschnallt sind“, erwiderte Lucy. „Warten wir noch auf Mister Wolkow?“
„Nein, Lucy. Er wird nicht kommen. Er ist mit großer Wahrscheinlichkeit tot“, erklärte Marco.
Lucys Augen weiteten sich vor Schock.
„Oh mein Gott! Was ist geschehen?“
„Nicht jetzt, Lucy!“, warf ich scharf ein „Wir müssen hier weg!“
Wer immer hinter der Attacke bei der Verlobungsfeier gestanden hatte, hatte es auf uns und nicht den russischen Botschafter abgesehen. Auf unserer Flucht hierher, hatten wir zwei verfolgende SUVs ausgeschaltet, doch ich war mir sicher, dass noch mehr folgen würden. Ich wollte verdammt sein wenn ich wusste, was hier vor sich ging, doch das war im Moment unwichtig. Erst einmal mussten wir hier weg kommen. Wenn wir erst einmal auf der Hazienda in Argentinien waren, würden wir Zeit haben, uns mit dem WER und WARUM zu beschäftigen.
Amanda
Als ich erneutzu mir kam, hatte ich Kopfschmerzen und mein Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Watte gefüllt. Erneut hörte ich ein leises monotones Summen, doch es klang anders als das Fahrgeräusch der Limousine. Blinzelnd öffnete ich die Augen und mein Herz begann zu rasen. Ich starrte direkt auf dieselbe weiße Watte, die sich in meinem Kopf befand. WTF!? – Nein, keine Watte. – Wolken! Wir befanden uns nicht in einem Wagen. Wir befanden uns in einem gottverdammten Flugzeug!
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