»Shane?« Cam legte ihre Finger sanft auf meinen Arm. Dort, wo eben noch eisige Kälte durch meine Venen geflossen war, machte sich Wärme breit.
»Ich hab ein Händchen dafür, Scheiße anzuziehen. Vielleicht erzähle ich dir irgendwann mal meine Geschichte.« Sicherlich würde sie aus allen Wolken fallen, wenn sie wüsste, dass ich eben nicht nur auf Männer stand.
Gleich mit Cameron auszusteigen und sie den Fotografen als meine Partnerin zu präsentieren, fühlte sich gut an. Das mulmige Gefühl, das ich sonst hatte, wenn ich mit einer von Mitchells auserwählten Frauen zu einer Veranstaltung gehen musste, blieb heute glücklicherweise aus.
Während Cameron mir gegenübersaß und nervös an ihrem Kleid fummelte, konnte ich sie einen Augenblick unbemerkt anschauen. Das braune Haar war an der Seite hochgesteckt und fiel in gleichmäßigen Locken über ihre Schulter. In Kombination mit dem tiefen Ausschnitt ließ sie auf vieles blicken und doch stachelte es die Phantasie an. Es war auffallend und dennoch dezent genug für eine Charity-Gala. Sie trug schicke Ohrringe und ihr Gesamterscheinungsbild war stimmig. Ich zog den Hut vor Samanthas Modegeschmack.
Alles in allem konnte ich dankbar sein, dass ihr Wagen Mitchells Karre geschrottet hatte, denn Cam war nicht nur äußerlich jemand, mit dem ich mich gerne in der Öffentlichkeit zeigte. Sie schien Köpfchen zu haben und das gefiel mir. Ich musste zugeben, dass Cameron überaus attraktiv war. Kein Wunder, dass Mitchell ihr nur die halbe Wahrheit erzählt hatte. Vermutlich war ihm zu Beginn nicht bewusst gewesen, dass sie nicht zu der Sorte Frauen gehörte, die er sonst für die öffentlichen Auftritte aussuchte.
»Eines muss ich Samantha lassen. Sie hat einen ausgezeichneten Geschmack«, stellte ich fest und hoffte, sie von ihrer sichtlichen Nervosität abzulenken.
Sie sah an sich herab und ich vernahm das abfällige Schnauben. »Laufe ich sonst in Lumpen rum?«, murmelte sie vor sich hin und schürzte die Lippen, was mich schmunzeln ließ. Ich war froh, dass wir eine freundschaftliche Umgangsform gefunden hatten, mit der wir uns beide wohl fühlten … wobei ich gerade den Eindruck hatte, dass mir die Situation angenehmer war als ihr.
»Bist du nervös?« Mit hochgezogenen Augenbrauen sah ich zu Cameron, die aufgeregt die Finger im Schoß knetete und sich auf die Unterlippe biss.
»Nein … ich mache so was jeden Tag.« Sie lächelte gezwungen.
»Willst du nicht doch einen Schluck Champagner haben?«, fragte ich und hoffte, dass der Schampus ihre Nerven etwas beruhigen würde, doch sie lehnte das Angebot ab.
Ich hingegen nutzte die Großzügigkeit von Mitchell schamlos aus. Er fühlte sich noch immer miserabel wegen seines Verhaltens und ich würde ihn noch eine Weile zappeln lassen, bevor ich mit ihm über sein unangemessenes Benehmen sprach. Ich bot Cameron mein Glas an, aber sie schüttelte den Kopf.
»Ich will mich nicht betrinken.« Seufzend ließ sie sich in den Sitz sinken und atmete tief durch. Wäre ich nicht geübt in diesen Auftritten, würde ich mir jetzt auch in die Hose pinkeln. Ihr Anblick ließ mich lachen.
»Was?«, fauchte Cam etwas gereizt in meine Richtung und funkelte mich wütend an.
»Ach nix.« Ich leerte das Glas in einem Zug. Schon seit Minuten bewegte sich der Wagen nur meterweise vorwärts. Wir standen in der Schlange zum roten Teppich und der Fahrer würde jeden Augenblick anhalten, die Limousine umrunden und die Tür öffnen.
Just in diesem Moment erblickte ich das Blitzlichtgewitter und die unzähligen Kameras, die bereits auf den Ausstiegsbereich gerichtet waren.
»Let the show begin«, flüsterte ich und setzte ein Lächeln auf, während ich auf meiner Seite ausstieg. Ich umrundete den Wagen und gab dem Fahrer ein Zeichen, dass ich ihr selbst die Tür aufmachen würde.
Ich blieb direkt vor Cam stehen und versuchte, ihr noch einige Sekunden Pause zu verschaffen, bevor sie ihre Gesichtsmuskulatur gleich dermaßen anstrengen würde, dass sie morgen sicherlich Muskelkater haben würde.
Cameron saß auf der Kante der Rückbank, die Füße bereits auf dem Asphalt. Ich sah zu ihr herab. »Bist du soweit?«
Mit ihren blauen Augen blickte sie mich an und schluckte sichtlich schwer, nickte aber.
»Halt dich einfach an mir fest.«
Sie lächelte dankend und ergriff meine Hand.
Ich zog sie sanft zu mir herauf und ließ sie nicht aus den Augen. »Du schaffst das«, redete ich Cameron Mut zu, legte meinen andern Arm um ihre Taille und drehte sie in Richtung der Blitzlichter. Sofort brachen die Reporter in ein Stimmengewirr aus und jeder wollte der Erste sein, der den Namen meiner bezaubernden Begleitung auf seiner Internetklatschpressenseite preisgeben konnte.
»Shane! Shane! Sag uns doch, wer die hübsche Frau an deiner Seite ist!«
»Miss, wer sind Sie? Eine neue Eroberung? Eine weitere seiner Spielgefährtinnen?«
Warum auch immer, aber mich überkam das Bedürfnis, den Reportern eine Show zu liefern, die morgen jede einzelne Schlagzeile zierte. Mit dem Arm um Camerons Taille zog ich sie dichter zu mir und drehte uns leicht in Richtung der Journalisten, bevor ich mich über sie beugte und Cam ohne Vorwarnung küsste. Mit der freien Hand fasste ich ihr ins Haar und zog sie an mich.
Ich legte so viel Leidenschaft in den Kuss, wie ich konnte und spürte, dass Cameron sich in meinen Armen versteifte. Lange würde sie mich nicht ohne eine Ohrfeige davonkommen lassen. Ich mochte, dass sie Feuer hatte, und wagte mich, einen Schritt weiter zu gehen. Vorsichtig ließ ich meine Zunge über ihre Unterlippe gleiten. Anstatt mich von sich zu weisen … ich rechnete damit, dass Cameron mir jeden Augenblick auf die Zunge biss, ließ sie mich gewähren und der Widerstand ihrerseits fiel in der Sekunde, in der unsere Zungen aufeinandertrafen.
Seufzend hing sie an meinen Lippen. Vergessen war das Blitzlicht. Vergessen die vielen Zuschauer, die gerade bei unserem ersten Kuss live dabei waren. Vergessen war auch die Tatsache, dass ich mit diesem Kuss dafür sorgte, dass auch Cameron morgen in die Schlagzeilen geraten würde.
Ich spürte ein Prickeln, das durch meinen Körper jagte, als Cameron ihre Finger an meinem Arm empor tänzeln ließ und ihre Hände schließlich um meinen Hals schlang.
»Hey Starquarterback, andere wollen auch!« Es war eine mir bekannte Stimme, die mich zurück in die Realität katapultierte. Plötzlich wurde mir eines bewusst: Ich hatte keines meiner bisherigen „Betthäschen“ je vor den Kameras geküsst.
Ich sah zu dem bekannten Drehbuchautor Tony Kushner, der mich angrinste und mir dann den erhobenen Daumen entgegenstreckte. Scheinbar hatten wir nicht nur den Medien eine Show vom allerfeinsten geliefert.
Es dauerte einen Moment, bis wir beide wieder ansprechbar waren. Wir lächelten um die Wette, posierten in der Mitte des Red Carpets, bis ich der Meinung war, dass die Journalisten genügend gute Fotos im Kasten hatten und führte Cameron schließlich ins Innere des Gebäudes. Ich bemerkte, dass sie unkontrolliert zitterte und drückte sie enger an mich.
Mit zusammengepressten Lippen zog Cam mich in eine ruhige Ecke und schlug mir dann auf die Brust.
»Bist du von allen guten Geistern verlassen?«, schimpfte sie.
Ich konnte nicht anders, als zu lachen. »Süße … da draußen hat sich das aber ganz anders angefühlt.« In Gedanken fasste ich mir an die Lippen und spürte noch immer den Nachhall des intensiven Verlangens.
»Das war Show, du Arsch! Ich hätte dich ja wohl schlecht vor versammelter Mannschaft abweisen können, oder?«
Ich grinste. Natürlich hätte sie, aber dann wäre ihr Deal mit Mitchell Schnee von gestern gewesen. Mit erhobenem Zeigefinger kam Cameron auf mich zu und blieb dicht vor mir stehen.
Читать дальше