Travis teilte diese Überzeugung. Seine atavistische Furcht -und das Vertrauen auf den Instinkt, den diese Furcht weckte -ließ ihn hinter dem Hund hereilen, über den Felsgrat hinweg und hinein in einen anderen dicht bewaldeten Canyon.
Vincent Nasco wartete seit Stunden in der finsteren Garage. Und er sah nicht wie der Typ aus, der sich gut aufs Warten verstand. Er war riesig - gut neunzig Kilo schwer, fast einen Meter neunzig groß, muskulös - und schien stets so voller Energie, daß man meinen konnte, er müsse jeden Augenblick aus den Nähten platzen. Sein breites Gesicht war sanft und gelassen und gewöhnlich ausdruckslos wie das Gesicht einer Kuh. Aber in seinen grünen Augen blitzte das Feuer der Vitalität, einer reizbaren, nervösen Wachsamkeit und zugleich eines eigenartigen Hungers, wie man ihn eher in den Augen eines wilden Tieres erwartet, einer Dschungelkatze, nie aber in den Augen eines Menschen. Und wie eine Katze geduldig war er auch trotz seiner ungeheuren Energie. Er konnte stundenlang reglos und stumm in geduckter Stellung verharren und auf Beute warten.
Um neun Uhr vierzig am Dienstagmorgen, viel später, als Nasco das erwartet hatte, wurde der Riegel an der Tür zwischen Garage und Haus mit einem einzigen harten Klack aufgemacht. Die Tür ging auf, und Dr. Davis Weatherby knipste die Garagenbeleuchtung an und streckte dann die Hand nach dem Knopf aus, der das große mehrteilige Tor heben würde.
»Halt! Stehenbleiben!« sagte Nasco, stand auf und trat hinter der Motorhaube des perlgrauen Cadillacs hervor.
Weatherby kniff die Augen zusammen und sah ihn überrascht an. »Wer, zum Teufel -«
Nasco hob eine mit einem Schalldämpfer versehene Walther P-38 und schoß dem Arzt ins Gesicht.
Sssnappp.
Mitten im Satz unterbrochen, fiel Weatherby rückwärts in die in fröhlichem Gelb und Weiß gehaltene Waschküche. Im Hinfallen schlug er mit dem Kopf gegen den Wäschetrockner und stieß einen Wäschekarren gegen die Wand.
Der Lärm bereitete Vince Nasco keine Sorge, weil Weather-by unverheiratet war und allein lebte. Er beugte sich über die Leiche, die wie ein Keil in der Türöffnung lag, und drückte dem Doktor beinahe sanft die Hand auf das Gesicht.
Die Kugel hatte Weatherbys Stirn getroffen, keine zwei Zentimeter über der Nasenwurzel. Blut war kaum geflossen, weil der Tod sofort eingetreten war und das Geschoß nicht über genügend Wucht verfügt hatte, aus dem Hinterkopf des Mannes auszutreten. Weatherbys braune Augen standen weit offen, blickten wie erstaunt.
Mit den Fingern strich Vince über Weatherbys warme Wange, über die Linie des Halses. Er drückte das blicklose linke Auge zu, dann das rechte, obwohl er wußte, daß die nach dem Tode einsetzenden Muskelkontraktionen in ein paar Minuten die Lider wieder öffnen würden. Mit zitternder Stimme, die seine tiefe Dankbarkeit verriet, sagte Vince: »Danke. Danke, Doktor.« Er küßte beide geschlossenen Augen des Toten. »Danke.«
Von wohligem Schauder erfaßt, griff Vince nach den Wagenschlüsseln auf dem Boden, wo der tote Mann sie fallengelassen hatte, ging in die Garage und öffnete den Kofferraum des Cadillac, sorgfältig darauf bedacht, keine Außenfläche zu berühren, auf der er einen deutlichen Fingerabdruck hinterlassen könnte. Der Kofferraum war leer. Gut. Er trug Weatherbys Leiche aus der Waschküche, legte sie in den Kofferraum, warf den Deckel zu und versperrte ihn.
Man hatte Vince gesagt, daß die Leiche des Doktors nicht vor morgen entdeckt werden dürfe. Er wußte nicht, warum das wichtig war, setzte aber seinen Stolz in makellose Arbeit. Deshalb kehrte er in die Waschküche zurück, stellte den Karren dort hin, wo er hingehörte, und sah sich nach Spuren von Gewalttätigkeit um. Dann schloß er befriedigt die Tür des gelb-weißen Raumes und sperrte sie mit Weatherbys Schlüsseln ab.
Er schaltete die Garagenbeleuchtung aus, durchquerte die dunkle Garage und ging durch die Seitentür hinaus, durch die er sich während der Nacht Zutritt verschafft hatte, indem er das klägliche Schloß mit Hilfe einer Kreditkarte lautlos geöffnet hatte. Jetzt versperrte er die Tür mit den Schlüsseln des Doktors wieder und entfernte sich.
Davis Weatherby wohnte in Corona Del Mär, in Sichtweite des Pazifischen Ozeans. Vince hatte seinen zwei Jahre alten Ford-Lieferwagen drei Straßen vom Haus des Arztes entfernt abgestellt. Der Fußmarsch zurück zum Lieferwagen war äußerst angenehm und belebend. Dies hier war eine feine Wohngegend mit einer Vielfalt architektonischer Stile. Teure Casas im spanischen Stil standen neben bis ins Detail gestalteten Cape-Cod-Häusern, in einer Harmonie, die man gesehen haben mußte, um sie für wahr zu halten. Gärten und Parks waren üppig bepflanzt und wohlgepflegt. Palmen, Feigen- und Olivenbäume lieferten den Gehsteigen Schatten. Rote, koral-lenfarbene, gelbe und orangefarbene Bougainvillen standen in Flammen. Die Flaschenbürstenbäume blühten. Die Zweige der Jacarandas troffen von purpurnen Blütentrauben. Der Duft von Jasmin hing in der Luft.
Vincent Nasco fühlte sich großartig. Stark, mächtig, und so lebendig.
Manchmal führte der Hund an,dann wiederum übernahm Travis die Führung. Sie legten ein langes Stück Weges zurück, ehe Travis klarwurde, daß er total aus der Verzweiflung und der ausweglosen Einsamkeit gerissen worden war, die ihn vor allem anderen in die Ausläufer der Santa-Ana-Berge getrieben hatten.
Der große, arg zerzauste Hund blieb auf dem ganzen Weg bis zu seinem Pick-up, den er neben der Schotterstraße unter den überhängenden Zweigen eines riesigen Nadelbaums geparkt hatte, bei ihm. Als sie beim Wagen stehenblieben, blickte der Retriever den Weg zurück, den sie gekommen waren. Hinter ihnen stießen schwarze Vögel am wolkenlosen Himmel in die Tiefe, als wären sie im Dienste irgendeines Bergzauberers auf Aufklärungsflug. Eine dunkle Wand aus Bäumen ragte empor gleich dem Mauerwerk eines unheimlichen Schlosses.
Obwohl es im Wald dunkel war, lag die Schotterstraße, auf die Travis hinausgetreten war, im vollen Sonnenlicht da, ausgedörrt zu einem fahlen Braun und eingehüllt in feinen, weichen Staub, der bei jedem Schritt rund um seine Stiefel hochwirbelte. Es überraschte ihn, daß ein strahlend heller Tag unvermittelt erfüllt sein sollte vom alles überwältigenden, greifbaren Bösen.
Der Hund musterte suchend den Wald, aus dem sie geflohen waren, und bellte zum ersten Mal seit einer halben Stunde. »Kommt immer noch, wie?« sagte Travis.
Der Hund sah ihn an und gab einen unglücklich wirkenden Klagelaut von sich.
»Ja«, sagte er. »Ich spüre es auch. Verrückt... und doch spür' auch ich es. Aber was, zum Teufel, ist das dort hinten, Junge? Hm? Was, zum Teufel, ist es?«
Der Hund zitterte heftig.
Seine Angst verstärkte sich jedesmal, wenn er sah, wie sich der Schrecken am Hund zeigte.
Er klappte die Ladebrücke nach unten und sagte: »Komm!
Ich nehm' dich mit.«
Der Hund sprang in den Laderaum.
Travis knallte die Klappe zu und ging um den Laster herum. Als er die Fahrertür aufzog, war ihm, als würde er im nahen Gebüsch Bewegung entdecken. Nicht hinter ihnen, in Richtung Wald, sondern auf der anderen Seite der Schotterstraße. Dort drüben war ein schmales Feld, auf dem hüfthohes braunes Gras stand, trocken wie Heu, ein paar stachelige Mesqui-tebüsche und ein paar weit auswuchernde Oleander, mit Wurzeln, die tief genug in den Boden reichten, um sie grün zu halten. Als er direkt zu dem Feld hinüberstarrte, sah er nichts mehr von der Bewegung, die er aus dem Augenwinkel wahrgenommen zu haben glaubte. Aber er vermutete dennoch, daß es keine Einbildung gewesen war.
Mit dem aufs neue erwachten Gefühl, nicht viel Zeit zu haben, kletterte er auf den Fahrersitz und legte den Revolver neben sich. Er fuhr so schnell davon, wie der waschbrettartige Weg und die Rücksichtnahme auf den vierbeinigen Passagier hinten im Laderaum das erlaubten.
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