Die Vorgänge, die sich am nächsten Tag, dem 10. September 1898, in dem Genfer Hotel bis zum Betreten des Schiffs zur Rückreise nach Territet abspielen, lassen wir am besten von der einzigen Begleiterin Elisabeths, der Gräfin Irma Sztáray, erzählen:
«Mit dem Schlage 9 Uhr», schreibt diese in ihrem Tagebuch, «meldete ich mich bei der Kaiserin. Sie liess sich eben frisieren. Aus ihrer guten Laune und dem frischen Aussehen schloss ich, dass sie eine bessere Nacht gehabt hatte als ich. Nachdem sie mir noch einige kleine Aufträge für die Stadt gegeben hatte, fragte ich, ob es dabei bliebe, dass wir mit dem Schiff nach Territet zurückkehren würden.
«Jawohl, um 1 Uhr 40 Minuten fahren wir. Das Personal kann mit dem 12-Uhr-Zug reisen, denn ich liebe die grossen Aufzüge nicht ...»
Es war genau 1 Uhr 35 Minuten, als wir zum Tor (des Hotels) hinaustraten ... Wir schritten das Seeufer entlang. Wir gingen eben an dem Braunschweiger-Denkmal vorbei, als die Kaiserin, heiter wie ein sorgloses Kind, auf zwei Bäume hinwies: «Sehen Sie, Irma, die Kastanien blühen. Auch in Schönbrunn gibt es solche zweimal blühende, und der Kaiser schreibt, dass auch sie in voller Blüte sind.»
«Majestät, das Schiffssignal», sagte ich und zählte unwillkürlich die auf das Läuten folgenden dumpfen Schläge ... eins ... zwei.
In diesem Moment erblicke ich in ziemlicher Entfernung einen Menschen, der, wie von jemand gejagt, hinter einem Baume am Wegrande hervorspringt und zum nächststehenden anderen läuft, von da zu dem eisernen Geländer am See hinübersetzt, sodann abermals zu einem Baum und so, kreuz und quer über das Trottoir huschend, sich uns naht. «Dass der uns noch aufhalten muss», denke ich, ihm mit den Blicken folgend, als er aufs neue das Geländer erreicht, und, von da wegspringend, schräg auf uns losstürmt.
Unwillkürlich tat ich einen Schritt vorwärts, wodurch ich die Kaiserin vor ihm deckte, allein der Mann stellt sich nun wie einer, der arg strauchelt, dringt vor und fährt im selben Augenblick mit der Faust gegen die Kaiserin.
Als ob der Blitz sie getroffen hätte, sank die Kaiserin lautlos zurück, und ich, meiner Sinne nicht mächtig, beugte mich mit einem einzigen verzweiflungsvollen Aufschrei über sie ... Und dann war mir, als tue sich der Himmel vor mir auf. Die Kaiserin sah um sich. Ihre Blicke verrieten, dass sie bei vollem Bewusstsein war, dann erhob sie sich, von mir gestützt, langsam vom Boden. Ein Kutscher half mir ... Wie ein Wunder erschien es mir, als sie jetzt, gerade aufgerichtet, vor mir stand. Ihre Augen glänzten, ihr Gesicht war gerötet, ihre herrlichen Haarflechten hingen, vom Falle gelockert, wie ein langer Kranz um ihr Haupt ... Mit erstickter Stimme, da die Freude den Schrecken überwand, fragte ich sie: «Wie fühlen Sie sich, Majestät? Ist Ihnen nichts geschehen?»
«Nein», antwortete sie lächelnd, «es ist mir nichts geschehen!»
Dass in jener gottverfluchten Hand sich ein Dolch befunden, ahnten in diesem Augenblick weder sie noch ich.
Inzwischen waren von allen Seiten Leute herbeigeströmt, die sich über den brutalen Angriff entsetzten und mit Teilnahme die Kaiserin fragten, ob sie keinen Schaden genommen. Und sie, mit der herzlichsten Freundlichkeit, dankte jedem für die Teilnahme, bestätigte, dass ihr nichts fehle, und gestattete, dass der Kutscher ihr bestaubtes Seidenkleid abbürstete.
Währenddessen war auch der Portier des Beau Rivage zur Stelle gelangt, er hatte vom Tore aus die schreckliche Szene mit angesehen und bat dringendst, ins Hotel zurückzukehren.
«Warum?» fragte die Kaiserin, während sie ihr Haar in Ordnung zu bringen versuchte, «es ist mir ja nichts geschehen, eilen wir lieber aufs Schiff.»
Sie setzte unterdessen den Hut auf, nahm Fächer und Schirm, grüsste freundlich das Publikum, und wir gingen.
«Sagen Sie, was wollte denn eigentlich dieser Mensch?» fragte sie unterwegs.
«Welcher Mensch, Majestät? Der Portier?»
«Nein, jener andere, jener furchtbare Mensch?»
«Ich weiss es nicht, Majestät. Aber er ist gewiss ein verworfener Bösewicht.»
«Vielleicht wollte er mir meine Uhr wegnehmen», sagte sie nach einer Weile.
Wir gelangten an den Hafen. Auf der Schiffsbrücke ging sie noch leichten Schrittes vor mir her, doch kaum hatte sie das Schiff betreten, als ihr plötzlich schwindelte. «Jetzt Ihren Arm», stammelte sie plötzlich mit erstickender Stimme. Ich umfing sie, konnte sie aber nicht halten und, ihren Kopf an meine Brust pressend, sank ich ins Knie. «Einen Arzt, einen Arzt!» schrie ich dem zu Hilfe eilenden Lakai entgegen.
Die Kaiserin lag totenbleich mit geschlossenen Augen in meinen Armen ... Als ich ihr Antlitz und Schläfe besprengte, öffneten sich ihre Augenlider, und mit Entsetzen erblickte ich hinter ihnen den Tod. Ich habe ihn öfters gesehen, und jetzt erkannte ich ihn in den verglasten Augen. Ich dachte an Herzschlag. Ein Herr machte mich darauf aufmerksam, dass wir uns in der Nähe der Maschine befänden und es besser wäre, die Dame aufs Verdeck zu bringen, wo sie rascher zu sich kommen würde. Mit Hilfe zweier Herren trugen wir sie also aufs Verdeck und legten sie auf eine Bank ... Ein Herr trat herzu und bot mir die Hilfe seiner Gattin an, die halb und halb Aerztin sei und sich auf Krankenpflege verstehe.
Madame Dardelle liess Wasser und Eau de Cologne bringen und machte sich sogleich an die Wiederbelebung der Kaiserin. Sie ordnete an. Ich schnitt ihre Miederschnüre auf, während eine barmherzige Schwester ihre Stirn mit Eau de Cologne rieb.
Inzwischen war das Schiff abgefahren, aber trotz seiner Bewegung nahm ich wahr, wie die Kaiserin bemüht war, sich zu erheben, damit ich das Mieder unter ihr hervorziehen könnte. Dann schob ich ein in Aether getauchtes Stückchen Zucker zwischen ihre Zähne, und ein Hoffnungsstrahl durchzuckte mich, als ich hörte, dass sie ein- oder zweimal darauf biss.
Auf dem in Bewegung befindlichen Schiffe wehte kühle Seeluft. Die Kaiserin öffnete langsam ihre Augen und lag einige Minuten mit umherirrenden Blicken da, als wollte sie sich orientieren, wo sie sei und was mit ihr geschehen war. Dann erhob sie sich langsam und setzte sich auf. Wir halfen ihr dabei, und sie hauchte, gegen die fremde Dame gewendet: «Merci.»
Obgleich die Kaiserin sich aus eigener Kraft sitzend erhielt, sah sie doch sehr gebrochen aus. Ihre Augen waren verschleiert und unsicher, schwankend strich ihr unsicherer Blick umher. Die Passagiere des Schiffes, die uns bisher umstanden hatten, zogen sich zurück, und nur wir blieben um die Kaiserin: Madame Dardelle, die Klosterfrau und der Lakai, dem ich meine Aufträge ungarisch erteilen konnte.
«Was ist denn jetzt mit mir geschehen?» Das waren ihre letzten Worte, dann sank sie bewusstlos zurück.
Ich wusste, dass sie dem Tode nahe war. Madame Dardelle labte sie mit Aether. Die Kaiserin trug ein kleines schwarzes Seidenfigaro, das ich, um ihr auch diese Erleichterung zu verschaffen, über der Brust öffnen wollte. Als ich die Bänder auseinanderriss, bemerkte ich auf dem darunter befindlichen Batisthemd, in der Nähe des Herzens, einen dunklen Fleck in der Grösse eines Silberguldens. Was war das? Im nächsten Augenblick stand die lähmende Wahrheit vor mir. Das Hemd beiseite schiebend, entdeckte ich in der Herzgegend eine kleine dreieckige Wunde, an der ein Tropfen gestockten Blutes klebte. – Luccheni hatte die Kaiserin erdolcht!»
Gräfin Sztáray eilte sofort, angesichts dieser furchtbaren Wirklichkeit, zu dem Kapitän des Schiffes und bat ihn, sofort umzukehren, denn die Dame, die da liege, sei die tödlich verwundete Kaiserin Elisabeth. Stumm gehorchte er und liess das Schiff beikehren, das nun wieder in dem Hafen von Genf landete. Es wird in Eile eine improvisierte Tragbahre gemacht und die sterbende Kaiserin daraufgelegt. Ihr grosser schwarzer Mantel deckt die schmale Gestalt mit dem totenbleichen Gesicht. Ein fremder Herr hält den weissen Schirm Elisabeths sorgsam über sie offen. So kommt dieser traurige Zug mit der Kaiserin ins Hotel zurück, das sie vor kaum einer Stunde ganz froh verlassen hat.
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