Eine neue Katastrophe bereitet sich vor. Kronprinz Rudolf, der in seiner Ehe kein wahres Glück gefunden hat, gibt sowohl dem Kaiser als auch Elisabeth, die ihn immer besser verstanden hat, Anlass zur Besorgnis. Er ist inzwischen dreissig Jahre alt geworden, aber zerfallen mit sich und der Welt. An seinem Geburtstag schreibt er an einen Freund: «Dreissig Jahre ist ein grosser Abschnitt, kein eben zu erfreulicher; viel Zeit ist vorüber, mehr oder weniger nützlich zugebracht, doch leer an wahren Taten und Erfolgen. Wir leben in einer schleppenden versumpften Zeit ... Sollen die Hoffnungen in Erfüllung gehen und die Erwartungen, die Sie auf mich setzen, dann muss bald eine grosse, für uns glückliche, kriegerische Zeit kommen.» Rudolf beklagt sich ferner, dass ihn der Kaiser in den Dingen des Staates genau so wenig ernst nimmt wie einst seine Frau. Bis jetzt hat er auch tatsächlich noch nicht den geringsten Einblick in den Staat nehmen dürfen, den er einst regieren soll.
Allen am Wiener Hof ist es trotz grösster Geheimhaltung von seiten Rudolfs nicht entgangen, dass er für die bildschöne, erst sechzehnjährige Baronesse Mary Vetsera ein grosses Interesse gefasst hat. Das junge Mädchen, das von ihrer Mutter bei Hofe eingeführt wurde, ist ungemein reif, sehr klug und ausserordentlich temperamentvoll, sehr lebenslustig und heiter. Ihre Schönheit und Jugend zieht aller Blicke auf sich. Rudolf und Mary brauchen nicht lange, um sich zu verstehen. Sie liebt ihn vom ersten Augenblick an mit der ganzen Leidenschaft ihres jungen Herzens. Man flüstert am Hofe über dieses neue Verhältnis, das nicht platonisch sein soll, trotz der Jugend der Baronesse.
Es ist der 30. Januar 1889. Die Kaiserin hat die Absicht, am 31. mit Franz Joseph nach Budapest zu reisen. Ihr Sohn ist ein wenig unpässlich, d. h. er hat sich am Abend vorher entschuldigen lassen, nicht zu dem stattfindenden grossen Diner erscheinen zu können, da er sich nicht wohlfühle. Alle Vorbereitungen zur Abreise des Kaiserpaares sind bereits getroffen. Da trifft aus Mayerling unerwartet und in grösster Eile Graf Hoyos in der Hofburg ein. Er verlangt sofort den Generaladjutanten des Kaisers zu sprechen und teilt ihm in höchster Erregung mit, der Kronprinz sei tot und mit ihm die Baronesse Vetsera. Graf Paar kann zuerst kaum fassen, was geschehen ist. Wie soll er diese furchtbare Nachricht dem Kaiser überbringen? Es kommt ihm plötzlich der Gedanke: nur die Kaiserin vermag das. Wenige Minuten später weiss Elisabeth alles. Es ist wie ein Schlag, den man ihr versetzt. Sie empfindet ihn auch physisch, wie sie später sagt. Unter diesem Härtesten, was ihr das Schicksal antut, bricht sie zusammen. Aber sie muss sich fassen, der Kaiser ist bereits auf dem Wege zu ihr. Als er erfährt, was geschehen ist, bricht auch er in Tränen aus. Valerie und Stephanie werden geholt. Mit Elisabeths Fassung ist es zu Ende. Die Tochter und sie hängen schluchzend am Halse des Vaters, während Stephanie, die Gattin des Toten, in Tränen aufgelöst daneben steht. Sie hat ihn bis zuletzt geliebt, und nun ist er – wie sie glaubt – von der Hand eines jungen Mädchens, das ihn auch liebte, an Gift gestorben. In der Hofburg weiss man ja noch nicht alles, auch nichts über die Motive der Tat. Alle stehen vor einem unlösbaren Rätsel. In den Briefen, die Rudolf zum Abschied an die Kaiserin, an seine Schwester und an seine Frau schrieb – für den Kaiser ist keiner dabei – spricht er sich über den Grund seines Freitodes nicht aus. Nur eines ist sicher: er kann nicht mehr weiterleben. Seine Ehre gebietet ihm, zu sterben; er ist nicht wert, der Sohn Franz Josephs zu sein. Als der Kaiser nach dem Befund der Aerztekommission in Mayerling durch Dr. Widerhofer schliesslich erfährt, dass Rudolf sich und das Mädchen erschossen hat, da will er es nicht glauben. «Das ist unmöglich. Er hat sich nicht erschossen!» schreit er fast, und tränenüberströmt verbirgt er sein nun schon graues Haupt in den über dem Schreibtisch verschränkten Armen. Es ist herzzerbrechend, wie den Sechzigjährigen diese Nachricht erschüttert.
Ueber das Ereignis von Mayerling wird ein dichter Schleier gezogen. Er darf nicht gelüftet, nie darf der Name Rudolf genannt werden. Zwar gibt der Hof schliesslich vor der Oeffentlichkeit zu, dass der Kronprinz sich erschossen hat. Man sagt: in einem Anfall überreizter Nerven, einer Art Geistesverwirrung. Alle anderen Kommentare unterbleiben. Und erst der neueren Forschung ist es gelungen, einiges Licht in das Dunkel zu bringen. Für Elisabeth ist es indes keine Beruhigung gewesen, dass ihr Sohn aus pathologischen Gründen aus dem Leben geschieden sein soll. Sie erkennt nur den Fluch der Vererbung in einer solchen Annahme. Sie sieht das Unglück ihres Hauses fortschreiten und immer schlimmer werden. Um so mehr, als auch König Otto von Bayern in Wahnsinn verfallen ist. Ihr eigener leidender Zustand verschlimmert sich. In Ischl, Wiesbaden und Meran sieht man die bleiche, tiefschwarz gekleidete Frau Heilung suchen. Anfangs wird der Bevölkerung durch ein Dekret des Kaisers bedeutet, die Kaiserin in den Kurorten auf ihren Spaziergängen unbehelligt zu lassen. Das bestärkt das Publikum in dem Glauben, dass Elisabeth dem Wahnsinn verfallen sei. Doch dem ist nicht so. Wohl ist ihr Gemüt krank, doch ihr Geist ist so klar wie immer. Sie beschäftigt sich wieder mit ihren griechischen Studien, sie dichtet und schreibt viel, um zu vergessen. Aber es gelingt ihr nicht. Von Unruhe getrieben, strebt sie hinaus. Zunächst flüchtet sie nach Griechenland, dann nach Tunis, dann wieder ins Gebirge. Sie ist wie aufgepeitscht von dem Drang, nur nicht allein mit sich und ihren Gedanken zu sein.
Als die Kaiserin Ende des Jahres 1889 wieder nach Wien kommt, ist es ein trauriges Wiedersehen mit allem. Im nächsten Jahre verliert Elisabeth wieder zwei Menschen durch den Tod, die ihr lieb sind. Ihre Schwester Helene stirbt in Regensburg, und ihr Freund Andrassy, der zu Elisabeths grossem Bedauern schon im Jahre 1879 seine Amtsgeschäfte niedergelegt hatte, erliegt im gleichen Jahre qualvollen Leiden. Doch es ist, als walteten böse Mächte über der Gequälten. Das Mass des Traurigen, das sie erlitten, ist noch nicht erfüllt.
Am 5. Mai 1897 ereignet sich in Paris das damals die ganze Welt mit Entsetzen erfüllende grosse Brandunglück des Pariser Basars. Elisabeths Schwester Sophie, Prinzessin Ferdinand von Orléans, Herzogin von Alençon, ist eine der eifrigsten Komiteedamen, die sich in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt haben. Es ist ein glänzendes, gesellschaftliches Ereignis, zu dem der höchste Adel, die Fürstlichkeiten und der Reichtum der Welt zusammenströmen. Mit einem Male steht das Zelt, in dem die Herzogin von Alençon sich mit über tausend Personen aufhält, in Flammen. Die Panik ist so gross unter den von Todesangst fast wahnsinnigen Menschen, dass sich nur wenige retten können. Unter den Haufen verkohlter Leichen sucht man vergebens nach Elisabeths Schwester. Der Herzog von Alençon sucht wie ein Irrsinniger fast die ganze Nacht in den Spitälern seine Frau. Dann unternimmt er es, mit dem Zahnarzt der Herzogin, unter den Leichen zu suchen. Mit Hilfe der Mundkarte entdeckt man endlich den furchtbar verstümmelten und verkohlten Leichnam. Als diese schauerlichen Einzelheiten nach Wien gelangen, fürchtet man, dass die Aufregung Elisabeths geschwächten Körper und die Nerven ganz zermalmen werden. Und es ist so. Sie geht sehr krank nach Kissingen.
Dann zieht es sie in die Schweiz, nach Caux, von wo aus sie sich vornimmt, die wunderbarsten Gebirgstouren und Ausflüge nach Bex, den Rochers de Naye, nach Evian, Thonon, nach Genf und zu den Rothschilds, die die herrlichsten Gewächshäuser der Welt besitzen, zu machen. Elisabeth fühlt sich wie neugeboren, als sie in Caux Ende 1898 anlangt. Gegen einen Aufenthalt in Genf bestehen zwar gewisse Bedenken. Es ist in diesen Jahren der Treffpunkt vieler Anarchisten und daher sehr gefährlich. Elisabeth aber wehrt ab. «Was kann mir denn in Genf passieren?» Als man in sie dringt, wenigstens eine männliche Begleitung mitzunehmen, willigte sie ein und sagte: «Nun gut, dann will ich Sekretär Kromar mitnehmen, obschon ich nicht weiss, was er mir nützen könnte, wenn er, während ich spazieren gehe, im Hotel ruht.» Sie nimmt darauf die Einladung der Baronin Rothschild nach Pregny an und lässt im Hotel Beau Rivage in Genf Zimmer für sich und drei Frauen und einen Lakaien bestellen. Die Jacht, die ihr Baronin Rothschild anbietet, schlägt Elisabeth aus, weil sie erfahren hat, dass die Schiffsmannschaft, wie alle Diener der Rothschilds, kein Trinkgeld annehmen darf. Es ist ihr unangenehm, Dienste der Leute in Anspruch zu nehmen und sich in keiner Weise erkenntlich zeigen zu können. Sie fährt also mit dem fahrplanmässigen Dampfer um 9 Uhr früh von Territet ab und trifft mittags in Genf ein. Es ist ein wundervoller Septembertag.
Читать дальше