Neues Unglück steht bevor. Oesterreich führt Krieg in Oberitalien. Die grosse Niederlage bei Solferino, durch die die Monarchie die Lombardei verliert, beendet den unglücklichen Feldzug. Elisabeth macht sich grosse Sorgen wegen der Zukunft. Die seelischen Aufregungen und alles, was sie bereits durchgemacht hat, zerren an ihren Nerven. Sie fühlt sich krank. Die Diagnose der Aerzte stellt eine beginnende Lungenaffektion fest. Man rät ihr, ein sonnigeres Klima aufzusuchen. Sie will fort aus Wien, so weit wie möglich weg, um eine andere Umgebung, andere Menschen zu sehen. Eine Zeitlang hält sie sich auf Madeira, dann auf Korfu auf. Vor allem von Korfu ist sie begeistert. Bei ihrer Rückkehr sieht sie wieder blendend aus, aber ihr Frohsinn ist endgültig dahin. Während ihrer Abwesenheit hat sie über vieles in ihrem Leben nachgedacht. Manches hätte auch von ihr aus vermieden werden können, denn sie ist oft starrköpfig und unversöhnlich gewesen. Aber das Wiener Klima bekommt ihr wieder nicht. Die Aerzte schicken sie erneut in wärmere Gegenden, und sie entscheidet sich für Korfu, das sie so liebt.
Der Kaiser leidet unter der fluchtartigen Abreise seiner Gattin. Er weiss sehr wohl, dass es tiefere Gründe sind, die sie von Wien fernhalten. Erst 1862 kehrt sie nach Wien zurück. Ihre lange Abwesenheit hat dem Volke viel zu denken gegeben. Niemand spricht mehr von ihrer Hysterie, ihrem exzentrischen Wesen. Vielmehr reden die Leute von dem Martyrium, das die junge Mutter zu erdulden hat. Der Jubel steigert sich beim Empfang der Kaiserin in Wien zu frenetischer Begeisterung. Viele Frauen weinen, und Elisabeth ist ergriffen von dieser warmen Begrüssung.
1866! Bei Ausbruch des Krieges mit Preussen weilt Elisabeth mit ihren Kindern in Ischl. Sie eilt sofort an des Kaisers Seite nach Wien und lässt die Kinder in Tirol. Die Katastrophe, die unvermeidlich war, drückt Elisabeth nieder. Am meisten befürchtet sie einen schmachvollen Frieden. Lieber in Ehren zugrunde gehen, als einen solchen abschliessen, ist ihre Ansicht nach der Schlacht bei Königgrätz. Das Unglück klärt den Kaiser schliesslich doch über die verderbliche Politik seiner Mutter auf. Nach zwölfjähriger Ehe beginnt Franz Joseph, Vertrauen zu seiner Frau als Ratgeberin auch in manchen Fragen der Politik zu gewinnen. Er ist überzeugt, Elisabeth werde sein bester Minister in Ungarn sein. Er täuscht sich nicht. Was weder ihm noch den Staatsmännern des Wiener Kabinetts bisher gelungen ist, die unversöhnlichen Ungarn von den aufrichtigen Absichten der Regierung zu überzeugen, das bringt Elisabeth mit dem Liebreiz ihrer Erscheinung und ihrem menschlich empfindenden Herzen fertig. Die Ungarn haben vom ersten Augenblick an das Gefühl: diese Frau hat Verständnis für uns, sie liebt uns. Sie kommen ihr deshalb mit der Leidenschaft ihrer eigenen Empfindungen entgegen, zumal sie wissen, dass Elisabeth mit dem grössten Eifer ihre Sprache lernt. Und diese zarte, in der Politik sonst unerfahrene, in der Oeffentlichkeit schüchterne und zaghafte Frau ist in Ungarn eine ganz andere als in Wien, weil sie sich hier freier bewegen kann. Männer, wie der schon an Jahren reife Deák und der noch verhältnismässig junge Andrassy müssen ihrer Meinung nach wieder in der ungarischen Frage zu Einfluss kommen. Es ist indes ein hartes Stück Arbeit für Elisabeth, ehe sie den Kaiser dazu bewegen kann, den Mann der Revolution von 1848, den er einst zum Tode verurteilte, zu empfangen. Im Februar 1867 aber wird das selbständige Ministerium in Ungarn gebildet, mit Andrassy als Ministerpräsidenten. Es ist Elisabeths Verdienst. Sie und jeder weiss das. Diesen Sieg beschliesst einige Monate später die Krönung Elisabeths. Sie wird gleichzeitig mit der des Königs vorgenommen, was bis jetzt noch nie geschah. Als ihr die wirklich aus ehrlichem Herzen kommenden Rufe «Eljen Erzsébeth» ans Ohr dringen, da ist sie überglücklich über die Freude «ihrer Ungarn». Das ritterliche Volk aber gedenkt seiner jungen schönen Herrscherin noch eine ganz besondere Freude zu machen. Man weiss, wie sehr Elisabeth bei einem früheren Aufenthalt das einsam und idyllisch gelegene Schloss Gödöllö gefallen hat. Jetzt schenken es die Ungarn ihr und dem König als Sommerresidenz. Es wird bald zum Lieblingsaufenthalt Elisabeths, besonders wegen der schönen Jagdgelände. In diesem Schlosse bringt sie 1868, zehn Jahre nach der Geburt des Kronprinzen, wieder ein Mädchen zur Welt, das sie Marie-Valerie nennt. Erst jetzt kommt ihre Mütterlichkeit zur vollen Entfaltung und Reife. Hätte sie diese Erfüllung gleich anfangs gekannt, vielleicht wäre sie nie die rastlose Weltwanderin geworden.
Der heranwachsende Rudolf macht Elisabeth mit seiner physischen und geistigen Frühreife nicht geringe Sorge. Er ist schon als Zehnjähriger äusserst nervös, reizbar, und seine Lehrer beklagen sich ein paar Jahre später über die bei einem Vierzehnjährigen ganz abnormen Ansichten über Religion, die Zweifelsucht und die erstaunliche Freigeistigkeit des über seine Jahre weit entwickelten Knaben. Man schiebt alles auf den Einfluss Elisabeths, die in den letzten Jahren ihre älteren Kinder etwas mehr für sich gewonnen hat. Doch sie hat keinen Anteil an der Entwicklung solchen Denkens ihres Sohnes. Der Jüngling geht in allem seine eigenen Wege.
Seit Valeries Geburt wird die Umgebung der Kaiserin von Jahr zu Jahr ungarischer. Die kleine Prinzessin erhält nur ungarische Ammen und Pflegerinnen, und die Kaiserin selbst verabschiedet eine österreichische Dame nach der anderen aus ihrem Hofdienst, um sie durch Ungarinnen zu ersetzen. Auch der alte Obersthofmeister Königsegg-Bellegarde muss gehen, um dem Baron Franz Nopsca Platz zu machen, der fortan Elisabeths Hofhaltung leiten wird.
Nach Rudolfs Heirat ist Elisabeth nicht oft in Wien. Sie kümmert sich so wenig wie möglich um den jungen Hausstand, denn sie weiss aus Erfahrung, wie unwillkommen Schwiegermütter im allgemeinen sind. Jedes Jahr geht Elisabeth ein paar Monate nach England. Die übrige Zeit verbringt sie in Ischl, in München, in Meran, Gödöllö und manchmal, aber noch selten, an der französischen Riviera. In England wird ihre Reit- und Jagdleidenschaft immer grösser, obwohl sie ein paarmal sehr gefährliche Stürze erlebt und einmal sogar eine kleine Gehirnerschütterung davonträgt. Dann erwacht die alte Weltsehnsucht wieder in ihr, die Sehnsucht nach dem Süden, dem stillen Meer. Plötzlich denkt sie an Korfu. In dieser Zeit entsteht das berühmte Schloss, das sie auf der griechischen Insel errichten liess: das Achilleion. Es wird 1891 fertig.
Im Achilleion hofft sie, ihre Tage in seelenberuhigender Stille, unbehelligt von der Tortur lästiger Gemeinsamkeit zu verbringen. Doch ihr Geist strebt nach Vollendung. Wenn sie in Griechenland lebt, will sie auch die griechische Sprache beherrschen. Sie will die griechischen Klassiker lesen und verstehen und sich mit den Bewohnern des Landes unterhalten können. Wie sie Ungarisch gelernt hat, so lernt sie jetzt Griechisch. Schon ehe sie in Korfu baut, beschäftigen sie griechische Sprachstudien. Sie sucht sich Lehrer dazu aus. Der bemerkenswerteste unter ihnen ist ein armer verwachsener griechischer Student, ein Verwandter Baron Nopscas. Er heisst Constantin Christomanos. Auf ihren Spaziergängen muss er ihr die griechischen Dramen vorlesen. Sie hält lange Gespräche mit ihm über die Kunst und Literatur der Hellenen. Immer wird die Unterhaltung griechisch geführt.
Die Jahre vergehen. Elisabeths Menschenscheu und Einsamkeitsbedürfnis werden immer grösser. In Wien sieht man die Kaiserin nur noch selten. Das Jahr 1886 bringt ihr besonders grosse Aufregungen. Ihr Vetter, König Ludwig von Bayern, gibt seinen Aerzten ernstliche Veranlassung, ihn für unheilbar geisteskrank zu erklären. Am 13. Juni findet man den König mit seinem Arzt, Dr. Gudden, tot im Starnbergersee. Elisabeth ist von dieser Nachricht tief erschüttert. Von nun an wird sie den Gedanken nicht mehr los, auch sie könne einmal dem Wahnsinn verfallen, denn in vielen Veranlagungen fühlt sie sich dem Vetter verwandt und die Blutsverwandtschaft macht ihr Sorgen. «Der Gedanke an den Tod», meint sie, «reinigt die Seele wie der Gärtner das Beet, der das Unkraut jätet. Man muss mit ihm allein sein.»
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