Die ersten Reisen, die Elisabeth mit Franz Joseph unternimmt, haben wohl hauptsächlich den Zweck, die Kaiserin den Völkern ihres Reiches zu zeigen. Ihr einfaches, natürliches Wesen, ihre liebenswürdige Art der Anteilnahme an allem, ihre entzückende, noch ganz mädchenhafte Erscheinung erwecken überall, wo sie hinkommt, Sympathie und warme Begeisterung. Dazu ist sie wundervoll angezogen, trotz aller Einfachheit. Sie hat viel Geschmack in der Kleidung und ist sehr elegant.
Als Elisabeth aus Mähren zurückkehrt, fühlt sie sich Mutter. Erzherzogin Sophie hat es aus den untrüglichen Anzeichen festgestellt und sofort ihrem Sohne geschrieben, der seine Reise in Böhmen ohne die Kaiserin noch weiter ausgedehnt hat. Wahrscheinlich hätte Elisabeth es ihrem Manne lieber selbst gesagt, wenn er zurückkehrte. Sophie wollte aber, dass es das Publikum erfährt. Elisabeth soll sich auch während der Schwangerschaft täglich im Laxenburger Park zeigen. So wollen es der Hofbrauch und die Tradition, aber gerade das ist für die feinempfindende Frau schrecklich. Sie findet es furchtbar, dass jedermann von ihrem Zustand weiss und genau die Zeit berechnen kann, wann das Kind, mit dessen Werden sie die süssesten und geheimsten Gedanken verknüpft, zur Welt kommen wird. Und zum grossen Verdruss der Erzherzogin geht sie überhaupt nicht mehr in den Garten. Sie kann sich mit all diesen widersinnigen Dingen, die von einer Herrscherin gefordert werden, nicht einverstanden erklären. Ihr ausgeprägtes Takt- und Persönlichkeitsgefühl sträubt sich dagegen. Und dieser Widerspruch der beiden so verschiedenen Welten ist die Veranlassung zu unaufhörlichem Tadel von seiten Sophies und zu vielen bitteren Stunden für Elisabeth.
Sie hat sich ihre Macht und hohe Stellung ganz anders vorgestellt. Da sie nie etwas recht machen, sich nie einer gleichgestimmten Seele eröffnen kann – auch dem Kaiser mag sie nicht immer ihr Leid klagen – wird Elisabeth an sich selbst irre. Sie ist keine Kampfnatur, sie zieht sich zurück. Sie wird scheu und schüchtern. Sie weint viel um ihre verlorene Freiheit und schreibt traurige Verse. Mit einem gefangenen Vogel vergleicht sich Elisabeth, der vor Heimwehschmerz in seinem Käfig fast vergeht. Oder sie klagt in bitterer Reue über die Eitelkeit, die sie verführte, die «breite Strasse der Freiheit zu verlassen und dafür einen goldenen Kerker einzutauschen».
In Ischl findet sie nach der Geburt ihres ersten Kindes, das im März 1855 zur Welt gekommen ist, ihre frohe Stimmung wieder. Es ist zwar eine Enttäuschung, dass es nicht ein Thronfolger, sondern ein kleines Töchterchen ist. Dennoch ist Elisabeth sehr glücklich. Das Kind erhält den Namen der Mutter des Kaisers. Das ist unter diesen Umständen selbstverständlich. Elisabeth hat man darüber gar nicht befragt. Ebensowenig fragt man die junge Mutter, als das Kleine fortgetragen und in die «Kindskammer» gebracht wird, die neben den Gemächern der Erzherzogin Sophie gelegen ist. Die Pflege des Säuglings geschieht nur nach Sophies Anordnungen, nicht nach denen der Mutter. Wenn Elisabeth ihr Töchterchen sehen will, muss sie einen Stock höher steigen, und nur nach vorheriger Anmeldung bei ihrer Schwiegermutter lässt man die Kaiserin das Kinderzimmer betreten. Ist es ein Wunder, dass Elisabeth die Lust verliert, sich weiter um die Erziehung der kleinen Prinzessin zu kümmern? Da man ihr das Kind entzieht, geht sie zu ihren geliebten Pferden. Sie darf wieder reiten und sitzt nun stundenlang im Sattel. Sie turnt und trainiert ihren schlanken Körper, sie lässt sich massieren, damit ihr Leib nicht schlaff wird. Das alles ist für Erzherzogin Sophie Grund genug, der ihrer Meinung nach extravaganten und überspannten jungen Frau die Erziehung ihrer Kinder auch fernerhin zu entziehen.
Die Hoffnung auf einen Thronfolger wird auch im nächsten Jahr zunichte. Elisabeth gibt im Juli 1856 ihrer zweiten Tochter Gisela das Leben. Die Enttäuschung ist allgemein. Erzherzogin Sophie besonders verbirgt ihren Unwillen nicht. Sie schreibt der unregelmässigen und «unsinnigen» Lebensweise der Kaiserin die Schuld zu, dass sie nur Mädchen zur Welt bringt. Jetzt aber hält die Kaiserin nicht mehr mit ihrer Empörung zurück. Sie fordert energisch von Franz Joseph, dass er ihre Rechte bei seiner Mutter verteidige. Sie will ihre beiden Kleinen in ihrer Nähe haben und zu ihnen gehen können, wenn sie will. Der Kaiser lässt sich endlich dazu bestimmen. Es ist der erste Sieg, den Elisabeth über die Erzherzogin erfochten hat. Natürlich verscherzt sie sich dadurch den letzten Rest von Sympathie von Seiten Sophies, und die offene Feindschaft beginnt.
Im gleichen Jahr reist das Kaiserpaar nach Italien, das damals noch teilweise österreichisch war. In Mailand werden Elisabeth und Franz Joseph mit fast beleidigender Kälte empfangen, und auch hier ist es wieder die Erscheinung der Kaiserin, die Wunder wirkt. Sie benutzt jeden Augenblick des Alleinseins mit dem Kaiser, ihn zu milderen Massnahmen für das Land zu gewinnen, und schliesslich ist es besonders ihr zu danken, dass Franz Joseph eine allgemeine Amnestie erlässt. Man spricht nur noch von der edlen Herrscherin, die trotz ihrer Jugend bereits so viel menschliches Empfinden besitzt und so einsichtsvoll zu handeln versteht.
Das Frühjahr 1857 ist für eine Reise nach Ungarn vorgesehen. Diesmal will Elisabeth die beiden Kinder mitnehmen. Erzherzogin Sophie ist dagegen. Die älteste Prinzessin ist nicht besonders kräftig, sie kann sich auf der Reise erkälten. Aber Elisabeth setzt ihren Willen durch, und die Kinder gehen mit nach Ungarn. Bereits als junges Mädchen hat sich Elisabeth einige Kenntnisse der ungarischen Sprache angeeignet. Graf Majláth, ein in Wien aufgewachsener Ungar, war ihr Lehrer. Er liebt sein Land leidenschaftlich und schildert Elisabeth den Charakter der Ungarn in den blendendsten Farben. Nun ist sie gespannt, ob alles stimmt, und sie erlebt keine Enttäuschung.
Anders als in Italien ist der Erfolg der schönen Kaiserin in Budapest ein ungeteilter. Sie selbst fühlt sich bei dem ritterlichen und lebensfrohen Volk, das ihr seine Sympathien so spontan zuwendet, sehr wohl. Kaum kann sie den Hass begreifen, den die Erzherzogin Sophie gegen alles, was ungarisch ist, zur Schau trägt. Nie hat man Sophie bewegen können, ungarischen Boden zu betreten. Nun feiert Elisabeths Schönheit Triumphe in Budapest, wie sie nur Maria Theresia erlebte. Franz Joseph ist überglücklich über diesen Erfolg. Alles ist für die Reise nach den kleinen ungarischen Städten bereits vorbereitet, da erkrankt die kleine Gisela und später auch Sophie. Während Gisela rasch gesundet, stirbt Sophie in den Armen der Kaiserin. Es ist ein furchtbarer Schlag für Elisabeth.
Die ungarische Reise wird sofort unterbrochen. Die Melancholie Elisabeths seit dem Tode des Kindes ist beängstigend. Sie sucht jetzt die Einsamkeit noch mehr auf als früher. Sie lacht kaum mehr. Ihre strahlenden Augen, in denen einst soviel Schalk steckte, bekommen jenen traurigen Ausdruck der Unglücklichen, die schweres inneres Leid niederdrückt. Das schmale blasse Gesicht mit dem schmerzlichen Zug um den Mund hat indes eher gewonnen. Es ist eine aus der Tiefe der Seele kommende Schönheit, die die Züge edler und reiner macht.
Mit Bangen sieht die Kaiserin dem Tag entgegen, an dem sie erneut einem Kinde das Leben schenken wird. Sie weiss ja, man verlangt jetzt unbedingt von ihr einen Sohn. Auch der Kaiser ist besorgt, es könne auch diesmal wieder ein Mädchen sein. Als es aber dann doch ein Sohn ist, da rinnen dem sonst gegen Gefühlsausbrüche verschlossenen Mann unaufhörlich Tränen des Glücks über die Wangen. Der Thronfolger erhält den Namen Rudolf. Nie war Elisabeth so glücklich, nie so von Dank gegen das Schicksal erfüllt. Ihr Lächeln kehrt wieder, aber die Augen behalten den tiefen Blick der Seele, die Trauriges erlebte.
Читать дальше