Der König mietete ihr eine sehr elegante Wohnung in der Theresienstrasse, bis er ihr das schöne Palais in der Barerstrasse einrichtete. Da die Bewohner Münchens gegen die über alle Massen freche und exzentrische Mätresse des Königs ungeheuer aufgebracht waren und es bereits wiederholt von seiten der Bevölkerung zu Ausschreitungen gegen sie gekommen war, fürchtete man erhöhte Exzesse, wenn Lola dieses Geschenk des Königs erhielt. Er liess daher das Haus mit eisernen Fensterläden versehen, um die Geliebte vor Steinwürfen und Schüssen zu sichern. Vor dem Hause stand stets ein Posten mit geladenem Gewehr, und ab und zu durchstreiften Patrouillen auf Geheiss des Königs die Barerstrasse und die umliegenden Strassen. Auch auf ihren Spazierfahrten und Ritten begleitete Lola stets in einer gewissen Entfernung ein Gendarm.
Der König war in kurzer Zeit vollkommen von seiner Geliebten abhängig. Sie behandelte ihn wie einen alten Herrn, der sich den Launen einer schönen Frau zu fügen hat. Bei einem Besuch in ihrem Palais erklärte die Tänzerin dem König, dass ihr der Plafond nicht gefalle, und sie drang in ihn, ihn übermalen zu lassen, worauf der König nicht eingehen wollte. Hierauf fragte sie den mit seinen Gehilfen anwesenden Maler, was der Plafond koste. Dieser erwiderte: «Fünfhundert Gulden.» Die Montez bemerkte hierauf, sie wolle sich ihn von ihrem eigenen Gelde malen lassen, und zum König gewendet, sagte sie in gebrochenem Deutsch: «Du bist ein alter Geizhals.» Ludwig war über diese deutsche Phrase der Lola, die er immer zum Deutschlernen anhielt, so erfreut, dass er sogleich die Umarbeitung des Plafonds anordnete.
Sie wusste ganz genau, dass das Fremdländische in ihrer Sprache einen weiteren pikanten Reiz auf ihren Geliebten ausübte und nützte diese Situation aus. Noch in seinen alten Tagen hatte er Spanisch gelernt und unterhielt sich mit seiner Geliebten meist in dieser Sprache. Er liebte es auch, wenn sie ihm Calderon oder Cervantes vorlas. Lolas eigene Ausdrucksweise war indes keineswegs dem klassischen Sprachschatz dieser grossen spanischen Dichter entnommen. Im Gegenteil, sie bediente sich mit Vorliebe einer recht vulgären Sprache. Man erzählte sich unzählige Anekdoten darüber, wie sie sich in den Läden Münchens benahm, wenn sie die teuren Kleider, Toiletten- und Kunstgegenstände einkaufte, deren sie fast täglich bedurfte. Wenn man ihr die Rechnung vorlegte, sagte sie meist: «Sie kennen mich schon. Der König oder «mein» Louis wird es bezahlen!» Sie sprach in den meisten Geschäften französisch, wodurch das Wortspiel mit dem Louis verständlicher wird. Derartige Bonmots hatte sie eine ganze Menge auf Lager. Ihre Briefe an Lieferanten und Behörden unterzeichnete sie im Anfang ihres Favoritentums ganz offiziell mit «Maitresse du roi», bis ihr der König dies verbot.
Im Theater erschien sie ungeniert, selbst wenn die Königin mit dem König und dem ganzen Hof anwesend war. Sie hatte ihre eigene Loge neben der grossen mittleren Hofloge. Immer erregte sie das grösste Aufsehen, sei es durch ihre wirklich eigenartige Schönheit oder durch ihre auffallenden fabelhaften Toiletten, durch ihr tiefes Decolleté, oder – vielleicht am meisten – durch ihr äusserst exzentrisches Wesen. Der Schmuck, den der König ihr geschenkt hatte und den sie bei jeder Gelegenheit anlegte, besonders im Theater, wurde auf 60 000 Gulden geschätzt. Der ehemals gegen seine früheren Mätressen so geizige Ludwig wurde in Lolas Händen zum Verschwender. In München erzählt man, so sagt ein zeitgenössischer Bericht, der König habe der Lola zum letzten Geburtstag 40 000 Gulden und ein Silberservice um 6000 Gulden geschenkt. Ihr Haus in der Barerstrasse war mit dem grössten Luxus ausgestattet. Man speiste bei ihr nur auf silbernem Tafelgeschirr und die Dienerschaft trug eine reichere Livree als die Hoflakaien.
Ihre Unterhaltung war, wenn auch nicht immer klug und geistreich, zum mindesten immer amüsant, und der König langweilte sich keineswegs mit ihr. Sie konnte berückend liebenswürdig sein und eine wahrhaft bestrickende Anmut entfalten. Denn wäre sie das nicht imstande gewesen, schwerlich hätten sich wohl ein Franz Liszt oder andere bedeutende Künstler um ihre Frauengunst bemüht. Ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit besassen sogar die Macht, Frauen wie die reizende, geistreiche Marquise d'Agoult, die langjährige Freundin Liszts und Mutter seiner Tochter, Cosima Wagner, aus dem Felde zu schlagen. Lola Montez begleitete den berühmten Virtuosen auf vielen seiner Konzertreisen, bis sie auch seiner überdrüssig wurde, weil sie keinen Nutzen weiter aus ihm ziehen konnte. Seine Berühmtheit allein genügte ihr nicht. Und so trennte sie sich ohne Bedauern von ihm. Es fehlte ihr ja nicht an Bewunderern. Sie wurde mit Liebesanträgen, besonders in Deutschland, wahrhaft überschüttet.
Aber sie wollte die Männer nicht nur durch ihre Schönheit in der Gewalt haben, sondern sie in jeder Beziehung beherrschen. Sie verspottete alle Frauen, die im Banne eines geliebten Mannes standen und sich ihm in natürlicher Hingabe unterordneten. «Man versichert», bemerkte sie, «dass es Frauen gäbe, die so dumm seien, Männer zu lieben und sich von ihnen beherrschen zu lassen. Das nenne ich verkehrte Wirtschaft. Ich für meinen Teil habe nie an so etwas geglaubt.»
Und doch musste auch sie bisweilen erfahren, dass es Männer gab, die sich nicht von ihren bezaubernden Augen, ihren Körperformen faszinieren liessen. Als sie auch während ihres zweiten Aufenthaltes in Paris mit ihren Tänzen keinen Erfolg hatte, versuchte sie, auf den damals sehr einflussreichen Schriftsteller Emile de Girardin mit ihren Reizen zu wirken, um ihn für sich zu gewinnen. Er aber blieb bei ihrem Anblick und trotz aller Avancen von ihrer Seite kalt und gleichgültig. Dagegen schrieben bedeutende oder wenigstens bekannte Männer wie Dujarrier, Theophile Gautier, Alexandre Dumas, Janin und andere günstig über sie. Dujarrier musste seine Begeisterung für die schöne Tänzerin mit dem Leben büssen. Es kam zu einem Duell mit einem Kritiker, der die Tänze der Lola lächerlich gemacht hatte. Dujarrier wurde von seinem Gegner getötet. Lolas Aufenthalt in Paris war nun unmöglich, und sie musste die Stadt fluchtartig verlassen.
Aber nicht nur den alten König packte die Liebe für die schöne Tänzerin. Ihre Erfolge bei den Männern trösteten sie daher über die Niederlagen, die sie auf der Bühne als Künstlerin erlitt. In München tanzte sie übrigens nur zweimal. Allen, Jungen und Alten, war sie das Idol. Sie trugen ihr Bild an Krawattennadeln, in Zigarettenetuis, auf Tabakdosen. Die Junggesellen schmückten ihre Wohnungen oder Zimmer mit Lolas Bildern. Studenten brachten ihr Ovationen und sangen Ständchen vor ihrem Haus. Dabei war es ihnen vergönnt, in die hellerleuchteten Räume zu schauen, denn Lolas ganzes Leben war wie ein öffentliches Schaustück. Es fiel ihr nicht ein, die Jalousien oder Vorhänge zu schliessen. Jeder durfte zusehen, wen sie empfing, mit wem sie flirtete, wie sie sich ankleidete. Die Schneider mussten ihr die Kleider und Wäschestücke auf dem blossen Körper anprobieren. Ihr Boudoir und Ankleidezimmer barg für niemand Geheimnisse. Lola provozierte alles und jeden und rief dadurch die stärkste Kritik hervor. Sie war die «fleischgewordene Provokation». Entsprechend kleidete sie sich auch. Meist bewegte sie sich im Reitkostüm, und alles war der Amazonentracht angemessen, Schritt, Gang, Haltung – alles bewusst frech.
So wie die Montez als verkörperte Wollust die bürgerliche Wohlanständigkeit Münchens, deren Begriff von Sitte und Anstand brüskierte, so brüskierte sie den geistigen Horizont derselben Gesellschaft durch die Keckheit ihrer Sprache und Urteile. Nicht weniger verletzte sie durch ihre Kühnheiten und zynischen Extravaganzen die jedem Bürger ehrwürdigen Vorstellungen von Recht und Gesetz. Lola Montez vollstreckte selbst und eigenhändig jedes Urteil, das sie geruhte zu fällen. Sie dokumentiert ihren Aerger durch eigenhändig verabreichte Ohrfeigen und Reitpeitschenstreiche – ihr Handgelenk ist so locker wie ihre Zunge – und sie bahnt sich durch die sich ihr entgegenstellenden Mächte mit ihrer Reitpeitsche und ihrer auf den Mann dressierten Dogge selbst den Weg. Nicht ein einziges Mal nur, nein, dies gehört zu ihren ständigen Gepflogenheiten während ihrer Münchner Regierungszeit.
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