Erst am 19. konnte auch der König, dem man einen Kurier gesandt hatte, endlich kommen. Aber auf Luises bleichem Antlitz stand bereits der Tod geschrieben. Friedrich Wilhelm hatte am 18. die Schreckensnachricht erhalten, dass seine Frau in Gefahr sei. Als er mit seinen beiden ältesten Söhnen morgens 4.45 Uhr in Hohenzieritz ankam, war ihm bereits Heim entgegengeeilt, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass es der Königin sehr schlecht gehe und sie ihn sogleich zu sprechen wünsche. Aber wie erschrak Friedrich Wilhelm, als er zu Luise ins Zimmer trat und sie so verändert fand. Die furchtbaren Schmerzen und der quälende Husten hatten ihre Züge entstellt. Und doch, mit welcher Freude empfing sie den König. Sie umarmte ihn immer wieder. Er musste ihre Hand halten, die sie öfters mit der zärtlichsten Innigkeit an ihre Lippen drückte. Sie, die Todkranke, erkundigte sich nach seiner Krankheit und war entsetzt, dass er im offenen Wagen gefahren war.
Die Krämpfe hatten nur wenig nachgelassen, auch die Herzbeklemmung blieb. Luise hatte aber doch noch Hoffnung, dass sie wieder gesund würde. Aber schon stand der Angstschweiss auf ihrer Stirn, und die Totenblässe machte sich bemerkbar. Es war neun Uhr. Ihr Kopf neigte sich ein wenig zur Seite. Zuletzt, als die Krämpfe ihr beinahe den Atem benahmen, öffnete sie weit ihre grossen Augen und rief: «Ich sterbe, o Jesu, mach' es kurz!» Wenige Augenblicke darauf verschied sie.
Der König hatte alles mit ihr verloren. Sein Schmerz über ihren Verlust grenzte an Verzweiflung. Immer wieder kehrte er in das Zimmer zurück, wo Luise kalt und leblos dalag. Er konnte sich nicht von ihr trennen. Ganz im stillen kehrte er mit seinen vier Kindern in das Sterbezimmer zurück und legte mit ihnen weisse Rosen aus dem Garten von Hohenzieritz auf die Brust Luises, in die Nähe des Herzens. Vor der Abreise gingen sie alle noch einmal zu der toten Mutter. Schluchzend küssten sie und der König die eiskalte Stirn und die Hände und nahmen für immer Abschied von ihr. Dann reisten sie heim.
Auch Luise wurde einige Tage später nach Berlin überführt. Wie anders war die Heimkehr! In einem schönen Reisewagen, mit den grössten Hoffnungen für eine bessere Zukunft war sie fröhlich nach Strelitz gefahren; nun brachte sie ein Sarkophag zurück. Leid und Kummer hatten ihre an sich schwache Gesundheit aufgerieben, und noch jung musste sie aus dem Leben scheiden, das sie so sehr geliebt hatte im Glück ihrer Familie. Im Charlottenburger Park fand sie im Schatten der hohen Fichten ihre letzte Ruhestätte.
Inhaltsverzeichnis
König Ludwig I. von Bayern war sechzig Jahre alt, als er die schöne spanische Tänzerin Lola Montez im Jahre 1847 kennenlernte. «Es war gewiss nicht das erstemal, dass ein Fürst sich von den Reizen einer pikanten Tochter Terpsichores dermassen bestricken liess, dass er selbt die tollsten Sprünge machte. Sprünge, wie sie einzig fürstliche Stellung und Machtmittel zulassen», sagte E. Fuchs in seinem Werk: «Ein vormärzliches Tanzidyll.» Darin also, dass Ludwig I. von Bayern seine alternden Sinne nochmals, und zwar diesmal an den üppigen Schönheiten einer raffinierten Tänzerin, entflammte, darin hätte kein Mensch auf der Welt etwas Aufregendes gefunden ... Um diesen zartgeknüpften Liebesreigen auf die Höhe historischer Bedeutung emporzuheben, musste etwas anderes hinzukommen. Dieses andere war, dass die «feurige Andalusierin» in die Lage kam, durch ihre runden Hüften die Position derjenigen Partei aus dem Gleichgewicht zu bringen, die bis dahin durch den König regierte, das heisst, dass durch den Einfluss der Tänzerin Lola Montez auf Ludwig I. die äussere Herrschaftsform des allgewaltigen Jesuitismus in Bayern zerbrochen wurde. Dieses andere schliesst aber noch ein zweites Gleichgewichtiges in sich, und dieses ist, dass durch das öffentliche Leben der schönen Nebenfrau Ludwigs I. die vormärzlichen Zustände in Bayern, dem grössten Mittelstaat Deutschlands, zu einer Zeit als unhaltbar zusammenbrachen, da man an anderen Orten noch nicht daran dachte, so nahe vor einem bedeutungsvollen Wendepunkt in der Geschichte zu stehen. Das sind die besonderen Umstände, durch welche dieses von zärtlichster Liebe dirigierte Tanzidyll zu dem «europäischen Skandal» wurde, der in den Brennpunkt der allgemeinen öffentlichen Kritik rückte.
Die Stimmung des Vormärz, und mit ihr auch die der Frau, ist frisch, männlich und strebend. Nicht alle Frauen unterliegen der Vermännlichung, aber einige verlieren ihr Gleichgewicht und geraten ausser Rand und Band. Sie mischen sich in Politik, pochen dabei auf ihre unwiderstehlichen weiblichen Vorzüge, um ihrer Herrschaft um so sicherer zu sein. Eine solche Frau ist Lola Montez. Ihre südliche, sinnliche Schönheit provoziert und zieht gleichzeitig die Männer an, wie das Licht in der Finsternis den Faltern zum Verderben wird. Das Fremde, Unbekannte in ihr übt jenen faszinierenden Zauber aus, dessen sich die Männer schwer erwehren können, wenn es sich um eine Frau, noch dazu um eine äusserst temperamentvolle Bühnenkünstlerin handelt.
Gleich ihre erste Begegnung mit dem König ist bezeichnend für ihren Charakter. Lola Montez war von der Münchner Theaterintendanz ein Engagement als Tänzerin verweigert worden, nachdem sie in Paris, London, Madrid und anderen Hauptstädten als Tänzerin auf der Bühne nur geringen Erfolg gehabt hatte. Für sie gab es jedoch keine Hindernisse. Sie setzte das grösste Vertrauen in ihre unwiderstehliche Schönheit. Deshalb begab sie sich in München ohne Umstände gleich selbst zum König, dessen zahlreiche Liebschaften ihr natürlich bekannt waren. Sie ging also ohne vorherige Anmeldung, ohne um eine Audienz gebeten zu haben, ins Schloss. Natürlich hatte sie gleich im Vorzimmer heftigen Streit mit dem Kammerdiener des Königs. Dieser wollte die Tänzerin durchaus nicht vorlassen. Da sie sich aber nicht abweisen liess, kam der Adjutant dazu und meldete schliesslich ihr dreistes Auftreten dem König. Aber auch der Adjutant war ein Mann. Auch er schien von Lolas Schönheit fasziniert zu sein, denn er fügte seiner Meldung hinzu: es wäre schon der Mühe wert, diese Dame zu sehen, denn sie sei sehr schön. Diese Worte zündeten. Nachdem Ludwig I. gesagt hatte: «Was soll ich jede hergereiste Tänzerin empfangen?» wurde er plötzlich sehr interessiert und erwiderte, «man möge sie nur vorlassen, er werde ihr selbst den Kopf waschen und sie zur Raison bringen.» Lola Montez kam. Als sie vor ihm stand in ihrem enganliegenden, wie ein Reitkostüm geschnittenen Kleid, das ihre wundervolle Gestalt so recht zur Geltung brachte, war der alte Herr sogleich gefangen, und mit der «Raison» war es vorbei. Er betrachtete die elegante hübsche Tänzerin mit Wohlgefallen, besonders die schöne Wölbung ihrer Büste. Als Ludwig dann etwas zweifelte, ob die Schönheit ihres Busens auch wirklich echt sei, fühlte sich die temperamentvolle Spanierin über eine solche Zumutung dermassen in ihrer Eitelkeit gekränkt, dass sie mit kühnem Griff von des Königs Schreibtisch eine Schere erfasste und kurz entschlossen ihr Kleid über der Brust aufriss. Der Effekt wäre nicht halb so gross gewesen, hätte sie vielleicht ihre Taille aufgeknöpft oder aufgehakt; eine Lola Montez brauchte die leidenschaftliche Geste, die impulsive Handlung. Sie musste doch beweisen, dass sie die vielbewunderte «leidenschaftliche Andalusierin» war, von der die europäischen Zeitungen soviel Pikantes und Abenteuerliches geschrieben hatten.
Die «schöne Andalusierin» war indes nur Halbblut. Sie wurde 1818 in Montrose in Schottland – nach anderen in Limerick in Irland – als aussereheliches Kind eines schottischen oder irischen, jedenfalls eines Offiziers der englischen Armee und einer Spanierin oder Kreolin geboren. Das feurige Temperament der spanischen Rasse und ihren absolut spanischen Typus hatte sie also von der Mutter. Sie hiess weder Montez Gonzales noch Umbro Sos, sondern ganz einfach Gilbert. Ihre Vornamen erinnerten allerdings an die Abstammung der Mutter, die ihr Kind Maria Dolores Eliza Rosanna taufte. Als internationale Abenteuerin sprach Lola Montez mehrere Sprachen. Englisch, Französisch und Spanisch beherrschte sie vollkommen, wenn auch nicht in der Schrift. Als sie nach München kam, war sie dreissig Jahre alt. Wäre sie eine reinrassige Spanierin gewesen, so hätte sie vielleicht nicht mehr jene ideale Schönheit besessen. Die Mischung mit englischem Blut gereichte ihr zum Vorteil und erhielt sie jünger und frischer, als es Spanierinnen im allgemeinen in diesem Alter sind. Anfangs wohnte sie in München mit einem Engländer im Hotel zum Hirschen. Gleich bei ihrem ersten Auftreten in diesem Hotel benahm sie sich dem Dienstpersonal gegenüber höchst anmassend und skandalös. Sie befahl allen in herrschendem Ton. Eine Bitte kannte sie nicht, ebensowenig ein Wort des Dankes gegen Untergebene. Wenn sie ihr nicht sofort gehorchten und alle ihre Launen erfüllten, liess sie die Reitpeitsche, mit der sie stets auf ihren Ausgängen, auch wenn sie nicht ausritt, bewaffnet war, über die Rücken sausen. Einen Hausknecht des «Hirschen» prügelte sie einst auf diese Weise, und mit den übrigen Dienstboten lag sie in ständiger Fehde. Auch der Wirt bekam ihre kleine, aber energische Hand zu spüren. Ehrbare Münchner Bürger hielten eines Abends in einem der Säle des Hotels eine geschlossene Gesellschaft ab. Lola fand es amüsant, obgleich sie gar kein Recht hatte, in diese Gesellschaft einzudringen, sich mit ihrem englischen Beschützer und ihrer grossen Dogge an die Tür des Tanzsaales zu stellen und sich über die Gewohnheiten, die Kleidung und das Tanzen der Bürger lustig zu machen. Sie lorgnettierte die harmlose Gesellschaft auf die keckste Weise und machte ganz laut freche Bemerkungen. Das liessen sich die Münchner Bürger natürlich nicht gefallen. Der Wirt wurde aufgefordert, die kecke Person zurechtzuweisen, und er erhielt dafür von ihr eine schallende Ohrfeige. Es gab einen grossen Tumult, wobei die herausfordernde Tänzerin ihre Dogge auf die Anwesenden hetzte, aber schliesslich samt ihrem Galan die Treppe hinuntergeworfen wurde. Am nächsten Tag musste sie aus dem Hotel ausziehen.
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