Luise hat Napoleon nie wiedergesehen. Wenn die Rede auf die Königin kam, sprach er stets nur in Ausdrücken des höchsten Lobes von ihr. Nie wieder gestattete er sich, ihre Person zu verhöhnen oder zu schmähen. Nun, da er sie kannte, wusste er, dass eine solche Frau nur Achtung, Ehrfurcht und Bewunderung verdiene. Zum Kaiser Alexander hatte er nach den Ereignissen von Tilsit gesagt, er glaube wohl, dass die Königin die öffentlichen Angelegenheiten besser führen würde als der König. Es war nicht klug von ihm, vielleicht sogar ein entscheidender Fehler seiner Politik, dass er sich so unbeugsam zeigte. Hätte er in Tilsit den Bitten der Königin nachgegeben und Preussen auch nur einigermassen geschont, er würde es sich anstatt zum Feind zum Freund gemacht oder sich wenigstens in ihm einen neutralen Staat geschaffen haben.
Der fürchterliche Krieg war zu Ende. Es war wieder Frieden. Aber was für ein Frieden! Das Land durch den Krieg, durch Steuern und Kontributionen gänzlich verarmt, eine Verarmung, die so weit ging, dass für die königliche Familie oft nicht einmal Geld zur Bestreitung der notwendigsten Ausgaben da war. Die Haushaltung war dermassen einfach, ja kärglich, dass Augenzeugen berichten, man habe sogar in dieser Zeit der Not in den geringsten Volkskreisen besser und reichlicher gegessen als am Hofe in Memel und Königsberg. So arm war der König, dass er und Luise sich von manchem wertvollen Familienstück, von manchem Schmuckgegenstand trennen mussten. Das goldene Tafelservice Friedrichs des Grossen fiel in jenen Tagen der Entbehrung der Münze zum Opfer. Friedrich Wilhelm war gezwungen, sich Geld zu borgen, und Luise konnte sich nicht das Nötigste für ihre Kleidung kaufen. Ihre Wohnung in Memel war so primitiv, dass die Fenster nicht richtig schlossen. Auch die Not und das Elend der Einwohner waren erschreckend. Memel und Königsberg waren angefüllt mit Bettlern, Arbeitslosen, Erwerbsunfähigen. Die Kriegssteuern waren so hoch, dass der König den Staatsbankrott hätte ansagen können. Aber ein solches Ansinnen wies Friedrich Wilhelm weit von sich. Er und Luise litten unsäglich unter den herrschenden Umständen. Luise war traurig und bitter enttäuscht. Ihr Herz verblutete fast.
Die Königin sah aber ein, dass etwas geschehen musste. Sie begriff, dass alle bestehenden Einrichtungen einer gründlichen Reform bedurften, sowohl die Armee als auch das Staatswesen, die Diplomatie, die Finanzen. Am schwersten wurde ihr Herz durch die Enttäuschung betroffen, die ihr der Zar bereitete. Eine Proklamation Alexanders in der Petersburger Zeitung besagte, dass der Frieden von Tilsit ihm den Gewinn eines Teiles von Preussen eingebracht habe. Luise fand es über alle Massen schändlich, dass er sich dessen noch rühmte.
Ihre Gesundheit liess inzwischen immer mehr zu wünschen übrig. Sie litt unter der kalten feuchten Luft in Memel, «in diesem Sumpf, und in diesem Norden, wo die Blätter erst im Juni spriessen und die Früchte nie reifen.» Im November 1807 traf in Memel endlich ein zwar höfliches, aber trockenes Schreiben Napoleons ein. Er versprach, Ost- und Westpreussen zu räumen. Dann könne die Königin nach Königsberg gehen und dort ihre Niederkunft abwarten. Berlin sei dazu nicht nötig. Am 15. Januar 1808 siedelte die Familie nach Königsberg über, und schon vierzehn Tage später gab die Königin ihrem neunten Kinde, der Prinzessin Luise, das Leben. Allmählich ging es auch gesundheitlich mit ihr wieder aufwärts. Bitter enttäuschte sie auch wieder Alexander I. Auf der Reise nach Erfurt hatte er am 18. September Königsberg berührt. In einer Besprechung hatte er entschieden ein Bündnis mit Preussen und Oesterreich gegen Napoleon abgelehnt. Dann reiste er am 19. nach Thüringen zu seinem neuen Freund Napoleon. In Erfurt schloss er mit dem französischen Kaiser ein Bündnis gegen Oesterreich. Damit stand ein neuer Krieg vor der Türe.
Napoleons Sieg bei Wagram brachte Preussen neue Sorgen. Am 10. Juni 1809 schon stand der Kaiser als Sieger vor den Toren Wiens. Am 18. Juli wurde der Waffenstillstand von Znaim geschlossen. Oesterreich war vernichtet. Jetzt fand sich auch der König von Preussen bereit, einen Annäherungsversuch zu machen, in der Hoffnung, sein Los zu verbessern. Er sandte daher Krusemarck im November nach Paris mit Glückwünschen und gleichzeitig mit der Bitte um Erleichterung der Kontributionszahlungen. Der Kaiser empfing den preussischen Gesandten zwar nicht unfreundlich, forderte aber fast drohend die Rückkehr des Königs nach Berlin.
Unter dem Jubel der Menge zog das preussische Königspaar in Berlin ein. Die geliebte Königin war wieder da. Ueberall sah sie strahlende Gesichter. Ein jeder wollte ihr beweisen, wie man sie verehrte. Aber auch ein Gefühl unendlichen Mitleids mischte sich in diese Wiedersehensfreude. Man sah es der Königin an, dass sie viel gelitten, dass sie in der Verbannung harte Zeiten hatte durchmachen müssen, und man suchte sie ihr auf alle mögliche Weise vergessen zu machen. «Wie süss ist es, so geliebt zu werden», schrieb Luise einige Tage später an eine Freundin.
Die Gesundheit der Königin war jedoch erschüttert. Sie brauchte Erholung. Wie gern wäre sie wieder nach Pyrmont gegangen, das ihr schon einmal Gesundung gebracht hatte. Dazu fehlte es jedoch am nötigsten, am Geld. Sie dachte daher daran, wenigstens den längst geplanten Besuch bei ihrem Vater in Strelitz zu machen. Am 25. Juni 1810 reiste sie ab. Einige Tage später traf auch der König in Strelitz ein. Nun erst war Luise ganz glücklich. Sie freute sich, ihren Mann zum erstenmal als Tochter ihres Vaters empfangen zu können, und in spontaner Freude darüber schrieb sie an des Herzogs Schreibtisch auf einen Zettel: «Lieber Vater! Ich bin heute sehr glücklich als Ihre Tochter und als die Frau des besten Mannes.» Es waren ihre letzten geschriebenen Worte.
Von Strelitz aus begab sich das Königspaar nach dem Schloss Hohenzieritz. Als Luise dort ankam, fühlte sie sich matt und leidend. Aber sie wollte ihrem Mann und ihren Verwandten die Freude nicht verderben und blieb doch zum Abendessen. Sie verbrachte eine schlechte Nacht, stand aber am nächsten Tag auf, um bei der Mittagstafel zu erscheinen. Sie hoffte auch am 30. Juni noch, mit dem König nach Rheinsberg fahren zu können und schonte sich daher sehr. Ihr Befinden wurde indes nicht besser. Den Tag verbrachte sie abwechselnd im Bett und auf dem Sofa. Aber sie war noch heiter und guter Dinge. Der Doktor Hieronymi, des Herzogs Leibarzt, erklärte die Krankheit für ein hitziges Fieber, das bald vorübergehen werde. Immerhin schien keine Besserung einzutreten. Luise musste sich entschliessen, noch einige Zeit in Hohenzieritz zu bleiben. Den König riefen dringende Geschäfte nach Berlin. Er reiste am 3. Juli ziemlich beruhigt ab, da ihm der Arzt gesagt hatte, es läge keinerlei Grund zur Besorgnis vor. Friedrich Wilhelm selbst hatte Fieber und musste sich gleich nach seiner Ankunft ins Bett legen. Die Nachrichten des Arztes aus Hohenzieritz waren jedoch durchaus nicht beunruhigend. Da der König selbst krank war und seinen Leibarzt benötigte, unterblieb dessen Sendung nach Strelitz.
Erst auf einen Wink des Prinzen zu Solms-Lych, der dem König mitteilte, es scheine ihm, dass es der Königin schlechter ginge, sandte er den Geheimrat Heim zu seiner kranken Frau. Auch dieser fand den Zustand Luises zwar ernst, aber nicht bedenklich. Sie habe eine heftige Lungenentzündung, es seien indes keinerlei Komplikationen zu befürchten. In einigen Wochen hoffte man, dass die Königin wieder vollkommen hergestellt sei. Heim reiste deshalb nach Berlin zurück. Der König war noch immer krank und konnte nicht, wie er gern gewünscht hätte, seine Frau besuchen.
Von Tag zu Tag verschlechterte sich jedoch der Zustand der Königin. Der Atem wurde ganz kurz und der Husten andauernder. Dazu kamen schreckliche Herzbeklemmungen, die ihr die furchtbarsten Schmerzen bereiteten. Am 16. und 17. waren die Brustkrämpfe so heftig, dass die Kranke fast zu ersticken drohte. Heim wurde mit den Chirurgen Gehrke und Schmidt eiligst wieder aus Berlin herbeigerufen. Die Aerzte fanden, dass die Lungen angegriffen seien und eine Rettung kaum mehr möglich sei.
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