Der so leicht wiedergewonnene Thron des Sohnes aber stand auf schwankenden Füssen. Das französische Volk hatte Napoleon den Treueid nur mit den Lippen geleistet, nicht mit dem Herzen. Die erste Niederlage, die er erlitt, stürzte ihn von neuem in den Abgrund, und diesmal war er rettungslos verloren. Vergebens hatte er bei Waterloo auf dem Schlachtfelde mit dem Degen in der Hand den Tod gesucht, wie es seine Mutter wünschte. Ihm, dem grossen Helden, dem Schlachtenmeister sollte eine qualvolle Verbannung, auf einer rauhen Insel des Weltmeeres ein ruhmloses Hinsterben in Abgeschiedenheit und Vergessenheit beschieden sein.
Noch aber wusste Frau Letizia nicht das ganze, schmachvolle Unglück. Noch wusste sie nicht, dass ihr Sohn zum zweitenmal seinen Thron aufgegeben hatte! Erst in Malmaison, wohin sich der Kaiser die letzten Tage zurückgezogen hatte, musste sich die Mutter überzeugen, dass alles Wahrheit war, was man ihr nach und nach über das Geschick ihres Sohnes hinterbracht hatte. Napoleon war seelisch und physisch gebrochen. Er hatte die Absicht, nach Amerika zu gehen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Seine Mutter, Joseph und Lucien, der im Unglück zu ihm geeilt war, wollten seine Verbannung teilen. Letizia hatte nur einen Wunsch: ihre letzten Lebensjahre mit ihrem unglücklichen Sohne zu verbringen, ihm, so gut sie konnte, Trost zu spenden und einst an seiner Seite zu sterben.
Der Tag kam heran, an dem sie von ihrem Napoleon Abschied nehmen musste. Aber noch hatte sie ja die Hoffnung, ihm bald zu folgen! Auch jetzt zeigte Letizia sich als Heldin. Weder ihr Gesicht noch ihre Stimme verrieten die Bewegung ihrer Seele, als sie dem Kaiser zum letztenmal die Hand zum Lebewohl reichte. Erst als sie ihn küsste, liefen ihr zwei grosse Tränen aus den traurigen Augen über die blassen Wangen; im bittern Schmerz pressten sich die schmalen Lippen aufeinander. Die Gemütsbewegungen der letzten Tage waren aber selbst für diese Frau zuviel. Sie war ausserstande, Paris vor dem Einzuge der verbündeten Herrscher zu verlassen. Erst am 19. Juli reiste sie unter der grössten Anstrengung in Begleitung Feschs von der Hauptstadt ab. Ueber die Schweiz suchte sie von neuem eine Zuflucht in Italien, wo sie der gütige Pius wieder in Rom aufnahm.
Dankerfüllt schrieb sie durch Vermittlung des Kardinals Consalvi dem Papste: «Ich bin wirklich die Mutter aller Schmerzen. Der einzige Trost, der mir geblieben, ist, dass der Heilige Vater das Vergangene vergisst und sich nur der Güte erinnert, die er allen Mitgliedern meiner Familie erweist ... Wir finden nur bei der päpstlichen Regierung Schutz und unsere Dankbarkeit für eine solche Wohltat ist gross.»
So lebte die Mutter des verbannten Kaisers der Franzosen endlich in Ruhe und Frieden. Ihr einziger Wunsch war und blieb, in St. Helena bei ihrem Sohne zu sein und sein freudloses Dasein ein wenig zu verschönen. Noch als 70jährige erneuerte sie die Bitte bei den verbündeten Mächten. Umsonst! Und wie gern hätte sie Napoleon geholfen! Unter ihren Kleidern verborgen wollte sie ihm alles bringen, was sie noch an Vermögen und Schätzen besass, ihm, dem grössten und unglücklichsten ihrer Kinder! Ihm, dem Begründer dieses Vermögens! Es war ihr versagt. Aber sie hoffte immer. Als die verbündeten Souveräne sich auf dem Aachener Kongresse versammelten, schrieb Letizia am 29. August 1818 an einen jeden von ihnen folgenden beredten, von der Mutterliebe eingegebenen Brief: «Eine über alle Massen betrübte Mutter hat seit langem gehofft, dass die Versammlung Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestäten ihr das Glück wiedergäbe. Es ist unmöglich, dass die lange Gefangenschaft des Kaisers Napoleon Ihnen nicht Gelegenheit gibt, sich über ihn zu unterhalten, und dass Ihre Seelengrösse, Ihre Macht, die Erinnerung an die vergangenen Ereignisse Eure Kaiserlichen und Königlichen Majestäten nicht veranlassen, sich für die Befreiung eines Fürsten zu interessieren, der soviel Anteil an Ihren Interessen, ja sogar an Ihrer Freundschaft gehabt hat.
Wollen Sie in einer qualvollen Verbannung einen Souverän zugrundegehen lassen, der im Vertrauen auf seinen Feind sich in dessen Arme warf? Mein Sohn hätte den Kaiser, seinen Schwiegervater, um eine Zuflucht bitten können; er hätte sich dem grossen Charakter des Kaisers Alexander anvertrauen und sich zu seiner Majestät dem König von Preussen flüchten können, der sich gewiss bei einer solchen Bitte nur seiner früheren Allianz erinnert haben würde. Kann England ihn für das Vertrauen bestrafen, das er ihm bewiesen hat?
Der Kaiser Napoleon ist nicht mehr zu fürchten. Er ist krank. Und wäre er auch bei voller Gesundheit, hätte er auch alle Mittel, die die Vorsehung ihm einst in die Hände gab, so verabscheut er doch aus tiefstem Grunde seines Herzens den Bürgerkrieg.
Sire, ich bin Mutter! Das Leben meines Sohnes ist mir teurer als mein eigenes. Verzeihen Sie um meines Schmerzes willen die Freiheit, die ich mir nehme, an Eure Kaiserlichen und Königlichen Majestäten diesen Brief zu richten.
Lassen Sie eine Mutter, die sich über die lange Grausamkeit gegen ihren Sohn beschwert, diesen Schritt nicht vergebens tun!
Im Namen des Allergütigsten, dessen Ebenbild Eure Kaiserlichen und Königlichen Majestäten sind, veranlassen Sie, dass die Qualen meines Sohnes aufhören! Verwenden Sie sich für seine Freiheit! Dies fordere ich von Gott und von Ihnen, die Sie seine Stellvertreter auf Erden sind!
Die Staatsgründe haben hier Grenzen, und die Nachwelt, die alles unsterblich macht, bewundert vor allem die Grossmut der Sieger.»
Der Brief, der Schmerzensschrei einer Mutter, blieb unbeantwortet. Nur die Erinnerung an Napoleon, an sein grosses Genie, seine Tatkraft und seine unsterblichen Handlungen konnte man der Mutter nicht entreissen. Täglich dachte sie seiner, schloss ihn in ihre Gebete ein und wand im stillen einen Glorienschein um sein Haupt. Ihre Tränen allein waren ein Trost für sie. Sie sollte noch viele Jahre den Schmerz mit sich herumtragen, der eine schwächere Natur vielleicht getötet hätte.
Trotz allem versuchte Letizia des öfteren, ihrem Sohne Unterstützungen zukommen zu lassen. Aber die Sendungen gelangten fast nie in seinen Besitz. Die Briefe wurden aufgefangen oder dem Kaiser geöffnet übergeben. Nur einmal erhielt er von seiner Mutter 100 000 Franken, um die er sie gebeten hatte, damit er sich das Leben ein wenig erträglicher machen konnte. Wie gerne hätte sie ihm alles gegeben, was sie besass, besonders als er krank war! Für ihn sparte sie ja, für ihn allein suchte sie ihr Geld zusammenzuhalten. Sie meinte immer, ihm Rechenschaft ablegen zu müssen, weil sie all den Reichtum erst durch ihn erlangt hatte. Fast war sie die einzige von der ganzen Familie, die nicht mittellos dastand. Alles hatte sie um sich her versinken sehen. Ihre Söhne und Töchter waren von ihren Thronen verstossen, andere Herrscher hatten diese eingenommen. Manche von Letizias Kindern befanden sich direkt in Not. Sie allein hatte im Glück nicht vergessen, dass es unbeständig ist. Jetzt konnte sie helfen. Und sie half, soweit sie es vermochte.
Jérôme war das ärmste ihrer Kinder. Er konnte am wenigsten rechnen und war am verschwenderischsten. «Wenn man nicht mehr König ist, so ist es lächerlich, als solcher leben zu wollen», sagte ihm die Mutter wohl bisweilen, aber sie gab ihm doch mit vollen Händen. Und nicht nur ihm, sondern auch den andern. Elisa, Lucien, sogar Karoline suchten von der Mutter Geld zu erhalten. Drängten sie allzusehr, dann sagte sie ihnen allerdings auch, dass sie ihr Vermögen zusammenhalten müsse, denn es gehöre nicht ihr, sondern dem Kaiser. Uebrigens verlor sie bereits im Jahre 1816 die Pension von 300 000 Franken, die ihr durch den Vertrag vom 11. April 1814 von der französischen Regierung ausgesetzt worden war. Durch ein Gesetz vom 12. Januar 1816 war alles Eigentum der Familie Bonaparte für beschlagnahmt erklärt worden.
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