In der Nacht vom 14. Mai traf sie mit Fesch in Rom ein. Der erst vor kurzem aus der Gefangenschaft freigelassene Papst Pius VII. empfing die Mutter Napoleons wie immer mit Auszeichnung. Bereits in Cesena, wo er einige Zeit vor der Ankunft Letizias eingetroffen war, hatte er sie mit den schlichten, schönen Worten begrüsst: «Seien Sie hier ebenso willkommen wie in Rom, das immer die Heimat der grossen Verbannten gewesen ist.»
In Rom bewohnte Madame Mère mit ihrem Bruder den Palazzo Falconieri. Kaum aber war sie dort angelangt, so wünschte sie sehnlichst die Verbannung ihres Sohnes Napoleon zu teilen. Früher hatte sie stets Lucien als das unglücklichste und hilfsbedürftigste ihrer Kinder angesehen. Jetzt, da er der einzige war, der nicht von einem Throne gestossen wurde, erschien er ihr als das glücklichste von allen. Napoleon hatte das Unglück am schwersten getroffen. Ihm galt nun die ganze Fürsorge und Liebe. Nur eine Mutter konnte so handeln wie Letizia. Sie stellte ihm alle Schätze zur Verfügung, die sie in den Jahren des Glücks und Glanzes angehäuft hatte. Mit Recht durfte der Sohn von ihr sagen, dass sie gern trockenes Brot gegessen haben würde, wenn sie dadurch sein Missgeschick hätte mildern können.
Im Juli endlich durfte sie zu dem verbannten Kaiser. Vorher hatte sie noch das Glück gehabt, ihren geliebten Lucien ans Herz zu drücken, den sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Dann machte sich die Fünfundsechzigjährige zur Reise nach Elba auf. Sie musste jedoch drei Tage in Livorno verweilen und kam erst am 2. August, von Sir Neil Campbell geleitet, mit der Brigg «The Grasshopper» in Porto Ferraio an.
Die freiwillige Verbannung lastete nicht schwer auf Letizia. Auf Elba führte sie ein ihrem einfachen Wesen weit mehr zusagendes Leben als in den Tuilerien. Auch war sie dem Sohne näher als in Paris, wo ihn Staatsgeschäfte, Empfänge und Feste von ihr entfernten. Auf Elba sah sie ihn täglich. Es verging nie ein Tag, an dem Napoleon sich nicht persönlich nach dem Befinden seiner Mutter erkundigt hätte. Oft besuchte auch sie ihn oder fuhr mit ihm spazieren. Anfangs, als ihre Wohnung noch nicht vollkommen eingerichtet war, speiste sie sogar mit dem Kaiser. Kurz, Napoleon sorgte bis ins kleinste dafür, dass seiner Mutter der Aufenthalt so angenehm wie möglich gemacht wurde.
So verbrachte Letizia ihre Tage in ruhiger Abgeschiedenheit auf Elba. Die Sorge um die Armen, Handarbeiten und Lektüre füllten sie aus. Besonders liess sie sich gern über die grossen Taten ihres ruhmreichen Sohnes vorlesen. Vor ihr auf dem Tisch, an dem sie gewöhnlich sass, stand ein Bild Napoleons, umgeben von den Bildnissen ihrer anderen Söhne, Töchter, Enkel und Enkelinnen. So befand sich die Mutter, obgleich fern von den meisten ihrer Familie, doch im Kreise der Ihrigen.
Erst als Prinzessin Pauline in Porto Ferraio eingetroffen war, öffnete auch Madame Mère ihre Salons den Elbanern, die sie sehr verehrten. Merkwürdigerweise zeigte sie, die in Paris alle Oeffentlichkeit gescheut hatte, sich jetzt öfter in Gesellschaft. Konnte sie doch hier in ihrer geliebten Muttersprache reden, ohne befürchten zu müssen, belächelt zu werden.
Napoleon vergalt ihr die Fürsorge, die sie ihm angedeihen liess, in reichem Masse; er erkannte, welche Opfer ihm seine Mutter gebracht hatte und noch bringen würde, wenn es sein müsste. Sie war die einzige von der ganzen Familie, die fühlte, was sie Napoleon verdankte. Als sie später von dem Uebergang Murats zu den Verbündeten erfuhr, schrieb sie in höchster Entrüstung an ihre Tochter Karoline: «Wenn Du Deinem Gatten nicht befehlen konntest, so musstest Du ihn bekämpfen! Welche Kämpfe aber hast Du geliefert! Ueber Deinen Leib hinweg nur durfte Dein Gatte Deinen Bruder, Deinen Wohltäter, Deinen Gebieter töten!» Das war die Korsin.
Aber auch in Elba blieben der Mutter die Sorgen um den Sohn nicht erspart. Es kamen ihr Gerüchte zu Ohren, dass man auf dem Wiener Kongress, besonders aber im englischen Kabinett, die Absicht hege, Napoleon auf eine entfernte einsame Insel zu verbannen, wo er für immer für Europa unschädlich sein würde. Ferner zahlte man ihm die festgesetzte Rente nicht aus, und weder Letizia noch Pauline erhielten etwas von den Unterhaltungsgeldern, die ihnen die französische Regierung zugesprochen hatte. Bis auf ein Wertpapier von 500 000 Piastern hatte Madame Mère alle ihre Wertsachen dem Sohne zur Bestreitung seiner Ausgaben gegeben. In ihrem Innern zitterte sie vor der Zukunft. Nicht vor der pekuniären Not bangte ihr, sondern vor der Schmach, dass ihr grosser Napoleon in der Verbannung einen unehrenhaften, ruhmlosen Tod erleiden sollte. Das beunruhigte Letizias Seele, ohne dass sie jedoch ihren starken Mut und ihre Zuversicht verlor.
Währenddessen reiften in des Kaisers Kopf kühne Pläne. Seine Lage auf Elba ward immer bedenklicher. Nur rasches Handeln, ein Gewaltstreich, wie er noch nie erlebt worden war, konnte ihn retten! Er beschloss, nach Frankreich zurückzukehren.
Es wird behauptet, Letizia und auch Pauline hätten von diesem Unternehmen lange vorher gewusst. Die Schwester soll sogar mehrere Reisen zu seiner Vorbereitung nach Italien unternommen haben. Für Letizias Anteilnahme an dem Plane sind jedoch nicht die geringsten Beweise vorhanden. Sie selbst erzählt in ihren leider unvollendeten Erinnerungen: «Eines Abends erschien mir der Kaiser heiterer als gewöhnlich. Er forderte mich und Pauline zu einer Partie Karten auf, aber schon einen Augenblick später verliess er uns und ging in sein Arbeitszimmer. Da er nicht wieder zurückkam, lief ich zu ihm, um ihn zu rufen. Der Kammerherr sagte mir, er sei in den Garten gegangen. Ich erinnere mich, es war ein wunderschöner lauer Frühlingsabend. Der Mond schien durch die Bäume. Mit eiligen Schritten ging der Kaiser ganz allein auf den Wegen auf und ab. Plötzlich hielt er in seiner Wanderung inne, lehnte den Kopf an einen Feigenbaum und seufzte: «Ich muss es aber doch meiner Mutter sagen!» – Als er dies sprach, näherte ich mich ihm und rief erregt aus: «Was haben Sie heute abend? Ich sehe, Sie sind nachdenklicher als sonst.»
Die Hand gegen die Stirne gepresst antwortete der Kaiser mir nach einigem Zögern: «Ja, ich muss es Ihnen sagen. Aber ich verbiete Ihnen, das Geheimnis, das ich Ihnen anvertraue, irgendwem zu erzählen. Sie dürfen es nicht einmal Pauline verraten.» Darauf lächelte er, küsste mich und fuhr fort: «Heute nacht reise ich ab!» – «Wohin?» – «Nach Paris. Vorher aber bitte ich um Ihren Rat.» – «Ach! Lassen Sie mich einen Augenblick vergessen, dass ich Ihre Mutter bin!» – Ich dachte eine Weile nach und fügte hinzu: «Der Himmel wird es nicht zugeben, dass Sie durch Gift oder in einer Ihrer unwürdigen Abgeschiedenheit sterben, sondern nur mit dem Degen in der Hand! Und so reisen Sie, mein Sohn, und folgen Sie Ihrer Bestimmung.»»
Am 26. Februar 1815 verliess Napoleon die Insel, Mutter und Schwester der Obhut der Elbaner überlassend. Letizia wollte so lange in Porto Ferraio bleiben, bis sie Nachricht hatte, dass ihr Sohn in Lyon angelangt sei. Nur Pauline, die es eilig hatte, wieder ins Leben zu kommen, liess sie nach Rom abreisen. Ende März verliess auch Madame Mère nicht ohne Bedauern die stille Insel. Hatte sie doch dort in einer gewissen Zufriedenheit gelebt. Jetzt sollte sie von neuem ein Leben voll Aeusserlichkeiten beginnen.
Zuerst begab sich Letizia nach Neapel zu ihrer Tochter Karoline. Von dort aus trat sie am 20. April mit dem getreuen Fesch ihre letzte Reise nach Frankreich an. Ueber Lyon begab sich die Kaisermutter nach Paris, wo ihr Sohn sich zum zweitenmal den Thron erobert hatte. Dort kam sie am Abend des 1. Juni an. An diesem Tage hatte das Fest auf dem Maifelde stattgefunden, bei welcher Gelegenheit der Eid auf die Verfassung geleistet wurde. Der Kaiser hatte ihn auf einem Throne sitzend feierlich seinen Untertanen abgenommen. Die ganze Familie war um ihn versammelt, nur die Mutter fehlte, trotz der gegenteiligen Behauptung mancher ihrer Biographen.
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