K. D. Beyer - Henkersmahlzeit

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Worum geht es?
Ein eiskalter Serienkiller sorgt für Angst und Schrecken im Ruhrgebiet, vor allem bei Sophie.
Mike, ihr neuer Nachbar erscheint ihr verdächtig. Gemeinsam mit dem Wissenschaftler Johannes macht sich Sophie auf Verbrecherjagd und wird selbst zur Gejagten.
Wasserleichen zwischen Essen und Duisburg werden zu Schlüsselfiguren und ein kluger Kopf kämpft bis zum bitteren Ende.
Wer soll dieses Buch lesen?
Nichts für zarte Gemüter!
Die Sogwirkung des Krimis führt den Leser in die dunkelste Vergangenheit der Protagonisten, lässt das Unwahrscheinliche Wirklichkeit werden und das Blut in den Adern gefrieren.
Was macht es spannend und einfach unwiderstehlich?
Ein Thriller wie guter Champagner zu einem edlen Mahl: geistreich und prickelnd, so süffig, dass man ihn bis zum letzten Tropfen genießen möchte.

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Wo um alles in der Welt war er?

Er war von einem ohrenbetäubenden Schrei aufgeschreckt. Diese Stimme der Angst hatte sein Trommelfell beinahe zum Reißen gebracht.

Konnte es sein, dass er von seinem eigenen Schrei aus dem Traum gerissen wurde?

Verdammt, wo war er nur?

Langsam erinnerte Mike sich an den letzten Abend.

Er war in das leere Haus seiner Eltern gekommen.

Sein Vater war bereits seit Jahren tot.

Seine Mutter lebte im Pflegeheim.

Die Heimleitung hatte ihn darüber informiert, dass er sich auf das Schlimmste vorbereiten sollte und so war er zurück nach Deutschland gekommen, um sich von ihr zu verabschieden.

Er war bereits vor 5 Tagen angekommen und hatte sich zunächst, wie in den letzten Jahren, in dem gemütlichen kleinen Hotel direkt an der Ruhr einquartiert.

Doch nun war er vom Hotel ins Haus umgezogen. Wichtige Ereignisse hatten ihn dazu gebracht, ein letztes Mal dieses Haus zu betreten und dort ein paar Tage für anstehende Aufräumaktionen zu verbringen. Das meiste würde er für caritative Zwecke spenden. Daher wollte er vorher noch einmal überprüfen, ob sich nicht irgendwo irgendwelche Dinge verbargen, die ihm persönlich wichtig waren. Wahrscheinlich war das nicht der Fall. Er hätte das Haus komplett möbliert und mit allem Drum und dran verscherbelt. Doch eine innere Neugier hielt ihn davon ab.

Danach würde er einen Makler beauftrage, die Hütte, wie er sie immer nannte, zu verkaufen. Es dürfte kein Problem sein, diese edle Villa in dieser begehrten Wohnlage schnell zu einem guten Preis los zu werden. Es gab bestimmt bereits jetzt jede Menge Interessenten, die wie die Geier auf diesen günstigen Moment warteten.

Mike fühlte sich um Jahre gealtert.

Vielleicht war der Whisky die Ursache seiner Kopfschmerzen. Zuerst hatte er die Schmerzen nur ganz leicht wahrgenommen. Dann nahmen sie immer mehr Raum ein, wurden lauter und drohten, seinen Schädel zu sprengen.

Langsam tastete er sich an vage Erinnerungsfetzen heran und er wünschte, sein Zustand wäre ein Traum, aus dem er bald erwachen würde, damit er ihn im Nu dann auch wieder vergessen könnte.

Er lag auf dem Bett seiner Eltern.

Mike nahm wahr, dass er auf der Seite seiner Mutter lag und ihn beschlich ein beklemmendes Gefühl. Nur eine Armlänge entfernt von ihm hatte sein Vater immer geschnarcht.

Er hatte dieses Geräusch als Kind aufmerksam studiert. So konnte er immer vorhersehen, wann sein Vater erwachen würde. Fasziniert lauschte er damals diesen lauten schnarrenden Tönen. Solange sie zu hören waren, hatte der kleine Mike nichts zu befürchten. Verstummten sie jedoch, war es für ihn Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, damit sein cholerischer Vater seine Wut nicht an ihm, sondern an der Mutter, dem verängstigten Hund oder an den Nachbarn auslassen konnte.

Obwohl kein Schnarchen zu hören war, seufzte Mike erleichtert auf, als er an seinen Vater dachte, der bereits seit mehreren Jahren auf dem Friedhof ruhte.

„Reiß‘ dich zusammen!“ sagte er laut, um die Stille zu durchbrechen.

Er war nach Deutschland geflogen, weil seine Mutter im Sterben lag. Mittlerweile wünschte er, er wäre in Amerika geblieben und nie wieder hierher zurück gekommen.

Das Hospiz hatte ihm so eindringlich und freundlich geschrieben, dass seine Mutter ihn unbedingt noch mal sehen wolle, dass er seinen Widerstand aufgab und sich auf den Weg gemacht hatte. Er wusste genau, dass seine Mutter niemals diese Bitte geäußert hätte. Sie war nach dem Tod seines Vaters über Nacht zum Pflegefall geworden und erkannte weder ihren eigenen Sohn noch alte Freunde oder Nachbarn wieder. Innerlich hatte er sich bereits längst von ihr verabschiedet - endgültig.

Mike hätte sämtliche Formalitäten von seinem Büro aus regeln können. Sein Erscheinen wäre nicht erforderlich gewesen und niemand hätte ihn auf der Beerdigung vermisst.

Die Pflegerin hatte ihm mit der Nachricht ein Foto seiner Mutter geschickt. Ihre Gesichtszüge wirkten entspannt. Sie schien keine Schmerzen zu haben. Die Medikamente, die sich Mike interessiert ganz nah heran zoomte, schienen zur wirken. Er konnte den Geruch dieses Zimmers förmlich riechen: antiseptisch, steril und gleichzeitig süßlich schwer.

Ironie des Schicksals: Ihr langes, leidvolles Leben hatte die tapfere Frau gänzlich ohne Drogen ertragen. Ihr sterbender Körper verlangte nun mit geballter Gier nach diesem Gift.

Ihre knöchernen Hände lagen auf der Decke. Und diese Hände waren es, die er unbedingt noch mal streicheln wollte, solange sie warm waren.

In Amerika war er Mr. Mike Wolf, der erfolgreiche Investmentbanker.

Hier, in diesem Bett, war er wieder Mike, der böse, kleine Junge.

Er tastete nach der Nachttischlampe.

Grelles Licht flammte auf und zeigte einen großen Raum mit mächtigen Eichenmöbeln. Ihm gegenüber war der große, schwere Kleiderschrank mit viel Platz für gestärkte Hemden und die Aussteuer der Mutter.

Jedes einzelne Leinenstück war sorgfältig mit ihrem Monogramm aus hoffnungsfrohen Mädchentagen bestickt.

Er hatte nie verstanden, weshalb sie seinen Vater geheiratet hatte.

Mike quälte sich aus dem Bett.

„Oh shit!“ stöhnte Mike, als das Weinglas unter seinem rechten Fuß knirschend zerbrach.

Zum Glück war er nicht fest aufgetreten. Der Schnitt konnte also nicht so tief sein.

Dunkles Blut tropfte auf den beigen Bettvorleger.

Mike spürte keinen Schmerz.

Er legte sein rechtes Bein auf seinen linken Oberschenkel und untersuchte die Wunde. Das Blut lief langsam an seiner Fußsohle entlang.

Mit seiner linken Hand fing Mike es behutsam auf.

Er führte die Hand zum Mund und leckte mit der Zunge daran. Es war warm und schmeckte metallisch.

Auf dem Nachttisch stand noch die halbvolle Whiskyflasche.

Er nahm ein paar kräftige Züge aus der Flasche. Dann kippte er sich fast den ganzen Rest über die Wunde. Er verzog keine Miene.

Auf dem Teppich mischte sich Blut mit Whisky und zersplittertem Glas.

Mike stellte die Flasche ab.

Dann packte er sich mit beiden Händen an den kahlen Kopf, so als ob er noch sein langes, wildes Haar von damals hätte.

Er sah an sich herunter und stellte verwundert fest, dass er angezogen war. Er hatte sich mit seinen Klamotten schlafen gelegt. Schwerfällig zog er das T-Shirt über den Kopf.

Es war schweißnass.

Dann stülpte er sich die Jeans mit der Unterhose mit einem Ruck bis zu den Knien.

Er setzte sich wieder auf das Bett und schälte sich vorsichtig aus dem rechten Hosenbein. Dabei gab er sich größte Mühe, die Hose nicht mit Blut zu verschmieren.

Als der Kleiderhaufen vor ihm lag, stellte er fest, dass ihm das nicht gelungen war. Überall war Blut. Wie ungeschickt von ihm – nicht nur die Jeans würde er wegwerfen müssen.

Fluchend wickelte er sich aus Unterhose und T-Shirt einen dicken Verband um den Fuß.

Er wälzte sich über das breite Bett, um es auf der anderen Seite, gefahrlos verlassen zu können.

Dann humpelte er in das angrenzende Badezimmer, wühlte sich durch den Arzneischrank, fand schnell 2 Aspirin und ein großes Pflaster.

Er torkelte zurück ins Schlafzimmer, ließ sich auf das Bett fallen, nahm Aspirin und Pflaster in den Mund, um sich wieder auf die Seite zu wälzen, an der der Whisky stand.

Achtlos warf er das blutige T-Shirt auf den Teppich, klebte sich das Pflaster auf den Fuß und stopfte sich die Tabletten in den Mund, um sie dann mit einem letzten kräftigen Schluck aus der Flasche runter zu spülen.

Er starrte auf den ruinierten Teppich. Mike erhob sich mit letzter Kraft, um auf seine Klamotten und den Teppich zu pinkeln.

Dann rollte er den teuren Orientteppich mit dem gesamten Kleidermüll zusammen und schob ihn ächzend an die Wand. Er wollte ihn später entsorgen.

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