Volker Buchloh - Duell der Mörder

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In Schermbeck (Niederrhein) wird die Leiche einer dunkelhäutigen Frau aufgefunden. Der Körper ist oberflächlich entsorgt worden, Die Enträtselung des Mordfalls erscheint einfach, weil sich die Asylbewerberin prostituierte, und einige Freier durchaus ein Motiv haben. Dem ermittelnden Kommissar Mikael Knoop wird eine Kollegin vor die Nase gesetzt. Diese glaubt an eine schnelle Beförderung.
Je tiefer sich die Ermittlungen indes gestalten, um so langwieriger erweist sich der Ermittlungsweg. Immer deutlicher tritt nämlich ein anderes Mordmotiv in den Vordergrund. Der internationale Waffenhandel scheint auch von Schermbeck aus gesteuert zu werden. Als der Auftraggeber des Mordes bekannt ist, wird dieser ermordet. Schnell stellt Mikael Knoop fest, es muss einen weiteren Mörder geben. Während die Polizei nun gleichzeitig gegen zwei Verdächtige ermitteln muss, haben auch die beiden Mörder ein gemeinsames Problem miteinander. Sie können es nur lösen, wie sie gelernt haben Probleme zu lösen: Durch Mord.

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Über Bozam Kharadel waren keine Straftaten gespeichert. Das besagte noch nichts, weil das BAMF nur das in ihre Computer eingeben konnte, was man in dem persönlichen Gespräch erfahren hatte. Und wer gab schon Straftaten zu, wenn er in einem fremden Land Aufnahme finden wollte. Kharadel, Iraker, gehörte der Religionsgemeinschaft der Jessiden an. Er berief sich auf die Verfolgung durch örtliche Kurden, die ihn zum Militärdienst gegen die IS zwingen wollten. Die Jessiden lehnten wohl den Gebrauch von Waffen aus religiösen Gründen ab. Knoop fragte sich, wie man in dem Hexenkessel des Nahen Ostens ohne den Gebrauch von Waffen überhaupt zurecht kam? Diese Informationen schätzte Knoop als schwach ein. Aus ihnen konnte man keine zwingenden Rückschlüsse auf die Gefährlichkeit eines Menschen ziehen.

Apan Okolele berief sich bei seinem Asylantrag auch auf den Terror, allerdings durch den der Al-Schabaab. So weit er das richtig verstand war die Al-Schabaab genau so eine hirnrissige Organisation wie Al Khaida. Okolele hatte der Allianz für die Befreiung Somalias angehört, und mit denen gegen die angeblichen Freiheitskämpfer der Al-Schabaab gekämpft. Nach der Niederlage seiner Leute führte die Miliz der Al-Schabaab die Scharia in ihrem Herrschaftsbereich ein. Sie verbot Büstenhalter und schrieb Handschuhe und Socken vor, um Hände und Füße vor Allah und den Menschen zu bedecken. Okolele, als Angehöriger des Luhya-Volkes, hatte man mit Steinigung gedroht. Auch er hatte keine Vorstrafen und wartete schon neun Monate auf einen Bescheid des BAMF. Mikael lehnte sich in seinem Sessel zurück. Der Mann war an Waffen ausgebildet worden. Der Tod war für ihn also nichts Fremdes. Zwar war das Opfer, für das er hier ermittelte, nicht erschossen worden, aber die Informationen konnten eine Tatbeteiligung nicht ausschließen. Mikael machte eine handschriftliche Bemerkung auf dem Dateiauszug, nachdem der Drucker den Bildschirminhalt fixiert hatte.

Der Syrer Abdulbaki Kiryiaki war gegen den Beamten, der seine Befragung durchführte, handgreiflich geworden. Der Mann vom Flüchtlingsamt hatte nicht glauben wollen, dass Kiryiaki wohl kein Polier war, weil dieser keinerlei Papiere über abgelegte Ausbildung, Tätigkeiten und Prüfungen besaß. Kurzerhand hatte der Syrer den Verwaltungstisch mit zwei Handbewegungen leergeräumt und den Verwaltungsbeamten gewürgt. Erst der Sicherheitsdienst, der mit drei Männern anrückte, konnte die beiden Verschlungenen voneinander trennen. Der Syrer hatte Frau und Kinder zurückgelassen, weil die Hisbollah im Libanon ihn verdächtigte, an Anschlägen gegen sie beteiligt gewesen zu sein. Er bestritt dies vehement. Um sein Leben zu retten, hatte er sich spontan zur Flucht entschlossen. Zwischen den Zeilen las Mikael, Kiryiaki musste an Waffen ausgebildet worden sein. 'Informationen über Waffenausbildung erforderlich', schrieb er auf den unteren Rand des Ausdrucks.

Youssef Kabazim war wohl auch mit der Hisbollah aneinander geraten. Er war Libanese und Eigentümer eines Taxiunternehmens gewesen. Man hatte ihn gezwungen, Zubringerdienste für Kämpfer der Hisbollah zur israelischen Grenze zu leisten. Er berichtete von Personen und Waffentransporten. Nachdem er dabei mehrfach von der Syrischen Armee beschossen worden war, und die Hisbollah ungeachtet dessen auf die Erfüllung dieser Aufgabe bestand, sah er nur noch Rettung in der Flucht in die Türkei. Auf dem Weg dorthin waren seine Frau und die dreijährige Tochter von Rebellen erschossen worden. Dem Eingangsdatum seiner Akte zu schließen lag seine Antragstellung auf Asyl sieben Monate zurück.

Der in Afghanistan geborene Aiman Chalpanour hatte als Übersetzer bei den Briten seinen Unterhalt verdient. Als die Alliierten öffentlich bekannt gegeben hatten, sich aus dem Land zurückzuziehen, verstärkten die Taliban den Bürgerkrieg. Als Feind galten ihnen diejenigen, die mit dem Feind kooperiert hatten. Der Afghane wurde plötzlich persönlich bedroht und wohl auch angegriffen. Sein Wunsch, bei seinem Arbeitgeber nun Schutz zu finden, erwies sich als Trugschluss. Die Briten wollten für seine Sicherheit nicht sorgen. Frühere Beteuerungen waren auf einmal nichts mehr wert. Ein Freund verschaffte ihm Zutritt zur deutschen Botschaft. So hatte er bei den Deutschen Asyl beantragt. Dieses Verfahren musste in Deutschland geführt wird. Deshalb hatte man ihn ausgeflogen, aber bis dato nichts in seiner Sache entschieden.

Wenn Knoop all diese Informationen gewichtete, dann kamen Kharadel, Kabazim und Chalpanour erst einmal nicht als Täter Erster Ordnung infrage. Okolele und Kiryiaki hatten Kriegserfahrung, aber ein Motiv war noch bei keinem erkennbar. Sie rutschten damit erst einmal in die dritte Reihe der Verdächtigen.

Duisburg Röttgersbach, 11. Mai

Das Knoopsche Anwesen bestand aus einem anderthalbgeschossigen Einfamilienhaus und einer angebauten Garage. Ein schmaler Streifen Garten trennte das Haus von der Waldecker Straße. Eine brennende Bogenlampe war die einzige Begrüßung für den Heimkehrer. Mikael stellte seine Sporttasche samt Schlafsack an der Treppe ab. Er würde beides später mit nach oben nehmen, wo das Schlafzimmer lag. Die ganze untere Etage schien in Dunkelheit zu liegen. Als Knoop sein Wohnzimmer betrat, lagen Frau und Tochter einvernehmlich auf dem Sofa unter einer Decke und schauten fern. Während AnnaLena sofort aufsprang, um ihren Vater zu begrüßen, blieb Christel liegen. Mikael schaltete die Deckenbeleuchtung ein.

„Du kommst aber ziemlich spät von deinem Sportvergnügen. Wolltest du nicht mittags hier sein? Hat es denn wenigsten Spaß gemacht?“ Christels Stimme klang ziemlich ungehalten.

Knoop setzte sich neben sie auf das Sofa und schaukelte AnnaLena auf den Knien. Sie hatte ihren Vater umarmt und begann an seiner Schulter zu schmusen.

„Das ist aber kein freundlicher Empfang, den ihr mir bereitet?“ Er küsste seine Frau auf die Stirne. „Ich bin in einer neuen MK.“

Christels Stöhnen war unverkennbar. „Auwei! Dann werden wir dich ja die nächsten Tage wieder nicht sehen.“

AnnaLenas Griff verstärkte sich, so als könnte sie damit das Gehörte ungeschehen machen.

Mikael hielt er für das Beste, darauf nicht weiter einzugehen. Statt dessen erzählte er ihr von dem nächtlichen Anruf und den Vorstellungen seines Chefs, nach dem Anruf sofort nach Schermbeck zu kommen. Christel erhob sich und quittierte einige seiner Schilderungen mit ihrem hellen Lachen.

„Na ja, dann ermittle mal schön.“ Mit diesen Worten nahm sie die gesamte Couch in Anspruch.

Zum Frühstück hatte Mikael zum letzten Mal gegessen. Mit den Worten: „Ich schmiere mir ein Brot!“, ging Mikael in die Küche. Er hatte gerade die Zutaten dafür auf das Arbeitsbrett gelegt, als AnnaLena angeschlichen kam. So verhielt sie sich immer, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte. Knoop brauchte nur zu warten. Sie würde gleich mit ihrem Bedrängnis herausrücken.

„Du, Papi, wir haben eine Neue in unserer Modern-Dance-Mannschaft.“

„Schön, und wie gut tanzt sie?“ Knoop gab seiner Stimme einen beiläufigen Klang.

AnnaLena runzelte die Stirn. „Nicht schlecht, aber das ist es nicht.“

Knoop wartete.

„Papi, die ist so hässlich. Gerlinde hat gesagt, dass...“

„Ich bin auch nicht der Hübscheste und was deine Mitschüler über andere tratschen, das interessiert mich nicht. Außerdem, du sollst von anderen Menschen nicht mit 'die' sprechen. Sie hat bestimmt einen Namen. Oder?“

AnnaLena schluckte mehrmals. Der Verlauf des Gesprächs verlief in eine Richtung, die ihr nicht gefiel. „Rosalinde!“ Der Name des Mädchens wurde so ausgesprochen, als hießen alle Hässlichen dieser Welt so.

„Schöner Name. Ich hatte mal eine Freundin dieses Namens“, log Knoop. „Warum sagt du, mir nicht, warum du die Rosa so hässlich findest.“ Er strich seiner Tochter sanft über die Haare.

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